Pop, Nicht-Pop oder Poppen? - PHØENIX16 überrascht mit dem Happening Poppen kannste woanders! im Columbia Theater

Pop – Stimme – Show

 

Pop, Nicht-Pop oder Poppen? 

PHØENIX16 überrascht mit dem Happening Poppen kannste woanders! im Columbia Theater 

 

Für den 30. Dezember hatte PHØENIX, sozusagen zum Anglühen für die Silvesterparty, ins Columbia-Theater eingeladen. Die Berliner Band S.A.F.T. und das Vokalensemble PHØENIX16 hatten sich mit der stilechten 50er Jahre-Location dafür einen besonders heißen Ort ausgesucht. Das Columbia Theater wurde um 1950 als Kino erbaut. So genau weiß es nicht einmal die Denkmaldatenbank. Als Air Force Kino ging das Columbia am Columbiadamm gegenüber des Flughafens Tempelhof und der größeren Columbiahalle nicht mehr so gut. Als kleinere Konzerthalle mit Bar und Press-Glas-Etagere vor Spiegelwand gehört das Columbia Theater jetzt zu den angesagten Locations der Konzertveranstalter der Stadt.    

 

PHØENIX16 und S.A.F.T. machen Pop an der Schnittstelle von Popkultur, Krawatte mit Einstecktuch, E-Gitarre, Electronic Body Music, Electronic Motion Sensors und Neuer Musik. Die „Kompoist*inn*en“ Juliana Hodkinson, Mathias Monrad Møller und Paul Frick setzen ihre und die Körper der Ensemblemitglieder auf unterschiedliche Weise ein. Poppen ist nicht, aber Pop. Die fünf Stücke von Mathias Monrad Møller, John Zorn, Juliana Hodkinson, Paul Frick und Alexander Schubert kombinieren und montieren unterschiedliche Musikgenre auf äußerst kreative Weise miteinander. Die Genres werden durchlässig. Ist das noch oder schon Pop? Pop-Gesten. Pop-Texte. Und dann doch wieder Elemente der Neuen Musik, die unablässig die Grenzen zwischen Pop und experimenteller Musik zwischen Stimme und Elektronik anschneiden.

Im Columbia Theater und der Columbiahalle werden Konzerte von Loft Concerts GmbH veranstaltet. Es ist ebenso der Firmensitz, was nur deshalb interessant ist, weil es ein wenig mehr über die aktuelle Popkultur verrät. Columbia ist Pop und cool. Denn Loft Concerts ist wenigstens einer der Big Player im Pop der Stadt. Die Toten Hosen, KAKKMADDAFAKKA etc. und Ed Sheeran am 19. Juli im Olympiastadion (Ausverkauft) werden von Loft Concerts veranstaltet. Loft knüpft an die „Veranstalterlegende“ Monika Döring an. Und das Veranstalterunternehmen mit dem Faible für die Fifties hat ein klares Konzept, wie Pop heute in Berlin funktionieren soll. Loft hat eine eigene „Hall of Fame“ aus 30 Jahren Berliner Konzertgeschichte und eine „Philosophie“. 

Wir sind musikbegeistert. Außerdem: jung (…), informiert, selbstbewußt und ein vielfältiger Haufen – derzeit bestehend aus 10 höchstengagierten Wahnsinnigen. Kultur- und Talentförderung ist wichtiger Bestandteil der Arbeit von Loft Concerts, Innovation und Offenheit für Neues mindestens ebensosehr. Loft Concerts sieht sich als freundlich, familiär und fair im Umgang untereinander und mit Partnern und Kunden – und arbeitet dabei zuverlässig, strukturiert und transparent. Daneben liegen Nachhaltigkeit und Umweltschutz an unseren Herzen (jedem einzelnen!). Bands/Künstler, die Probleme mit den freiheitlichen bzw. ethisch-moralischen Werten unserer Gesellschaft haben, finden bei Loft Concerts keinen Platz, Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art werden nicht toleriert.[1]

 

Ist das eine Pop-Philosophie? Es ist zumindest Unternehmensphilosophie im Pop-Business. Die Selbstdarstellung von Loft Concerts verrät ein Wenig über populäre Musik, bevor sie zum Mainstream wird. Ed Sheeran ist dabei das vielleicht prominenteste Beispiel, das eben das Olympiastadion bespielen kann. Vor zwei Jahren oder so noch Pub auf dem Lande und fliegende Bierflaschen, heute Olympiastadion und Weihnachtsgrüße, „Werbetrenner“ und Commercials bei VOX.[2] Man weiß ja nicht so recht, ob Ed Sheeran jemals „Werbetrenner“ werden wollte, aber so funktioniert Pop 2017/2018 und füllt schließlich das Olympiastadion mehr als acht Monate im Voraus. Hauptsache man hat Spaß beim Machen: „We had so much fun collaborating with Ed Sheeran on these great Christmas commercials for VOX”.[3] Mit den Konzerten Shoppen kannste morgen!, Poppen kannste woanders! und Arbeiten kannste nich‘! knüpfen PHØENIX16 und sein künstlerischer Leiter Timo Kreuser an Formulierungen der Popkultur an.

 

Shoppen, poppen, nicht arbeiten sind Popkulturen. Vor ziemlich genau 20 Jahren fand am 17. Januar 1998 die deutsche Uraufführung von Mark Ravenhills Shoppen & Ficken durch Thomas Ostermeier am Deutschen Theater statt.[4] Popkulturen reduzieren den Fokus auf das Wesentliche. In der Silvesternacht und nicht nur dann, kann allerdings leicht der Eindruck entstehen, dass vor allem viel Alkohol in kleinen Fläschchen mit fragwürdigen Geschmacksnoten heute zur Popkultur gehören. PHØENIX16 erforscht in seiner Konzertreihe mit neuer Vokalmusik in Kooperation mit unterschiedlichen Instrumentalensembles Popkulturen. Und vielleicht liegt genau darin die Aufgabe neuer Musik, wie sie vom Ultraschall Festival etc. in Berlin gepflegt wird. Texte und Kulturen, „Musik- und Kulturindustrie, die moderne digitale Gesellschaft und ihre politischen Pänomene“ werden mit neuen Kompositionen kommentiert.

 

Tiffany von Mathias Monrad Møller erinnert schon im Titel an eine Popkultur und ihre Praktiken der Übertragung, die mit dem Film Breakfast at Tiffany’s nach dem Roman von Truman Capote gleich in mehrfacher Hinsicht Verbreitung fand. Der Film produzierte mit Audrey Hepburn in der Rolle des Partygirls Holly Golightly und dem Soundtrack mit Moon River eine Stil- und Popikone des 20. Jahrhunderts. Erst die mediale Kombination von neuem Frauentyp, schwarzem Etuikleid von Givenchy, Soundtrack und einer neuartigen Weise des Sprechens der Protagonistin Holly Golightly machen Breakfast at Tiffany’s um 1960 zur Popikone. Insofern ist es sehr wohl die Sprache, die auch in der Vokalkomposition Tiffany eine Rolle spielt.

 

Aus dem Sound schält sich in Mathias Monrad Møllers Tiffany immer mehr Sprache heraus. Diese kommt allerdings aus dem Off vom Band oder der Datei. In zunehmender Weise wird die Sprache aus dem Off dominant und übernimmt bis hin zum Befehl „Jump!“ die Regie über die Performance. Die Performer springen, was wiederum einen Klang erzeugt. Doch gerade die Befehlsförmigkeit der Stimme aus dem Off erinnert an popkulturelle Praktiken in sozialen Medien. Twitter ist keine Poesie, sondern binäre Befehlssprache. Die Vokalisten 3 Frauen und 2 Männer sind im Raum verteilt. Auf rätselhafte Weise kommunizieren sie akustisch, bis die Stimme aus dem dominant wird.

 

COBRA von John Zorn könnte man einen heimlichen Klassiker der Neuen Musik von 1984 nennen. Für das Stück ohne Noten begaben sich Vokalisten und Instrumentalisten auf die Bühne des Columbia Theaters. John Zorn gehört seit über dreißig Jahren zu den kreativsten Musikaktivisten New Yorks. Er erforscht in diesem Stück die populären Konventionen des Musikmachens u. a. durch eine Mitspielerin, die wie ein Dirigent vor dem Ensemble auf der Bühne mit dem Rücken zum Publikum sitzt, Gesten macht, die mit der Musik korrespondieren, aber nicht aus der Position des Dirigenten die Aufführung leitet. COBRA ist als Komposition nicht veröffentlicht und hat kein Notensystem, sondern basiert mehr auf Spielanordnungen für Improvisationen.

 

John Zorn gehört seit den 70er Jahren zu den aktivsten Komponisten für experimentelle Musik zwischen klassischen Blasinstrumenten und elektronischen wie Theremin. Mit der Band Naked City testete er die Grenzen von Popbands aus. Für COBRA stehen das Spiel und die Improvisation im Vordergrund. Damit werden Schemata des Komponierens in der Musik in eine neuartige Spielweise transformiert. Die Performance wird in gewisser Weise zum Komponieren. Klangräume entstehen und verlagern sich. Durch die Gesten der Mitspielerin wird vielleicht sogar der Eindruck des Geheimnisvollen verstärkt. Die Bühnenbeleuchtung tut das Ihre hinzu. Was aufgeführt wird, adaptiert die Praktiken des Popkonzerts und der Popbands, um dann doch anders zu funktionieren. In gewisser Weise sind die Arbeiten von John Zorn der Anknüpfungspunkt für das Konzert im Columbia Theater.

 

Juliana Hodkinson setzt für ihre Uraufführung von (something in capitals) auf eine noch stärkere Verrätselung des Konzertereignisses. Sie arbeitet mit 6 voices of any range/type, amplified, 4 mini analogue synths (e.g. Korg Monotron, Critter & Guattari Pocket Piano), amplified, 2 multi-band radios, amplified, small or very small bells (cat-collar type), distributed amongst the vocalists, and 4 instrumentalists. Die historischen, elektronischen Instrumente haben einen eigenen Reiz. Sie sehen aus, wie die Apparaturen der frühen SciFi-Filme. Die 4 Instrumentalisten befinden sich auf der Bühne, während die 6 Vokalisten an Mikrophonen im Saal stehen, mit den altertümlichen, kleinen Analogsynthesizern und kleinen Glöckchen sich auch im Publikum bewegen. Elektroakustische Musik und Stimmen vom Radio mischen sich mit Stimmen und Instrumenten. Textschnipsel erklingen und brechen ab. Technisch ist die Kombination äußerst vielschichtig und anspruchsvoll. Geht es hier um Hör- und Verstehensprozesse?

 

Vielleicht gibt das „WHAT?“ in der Comic-Sprechblase auf der Website von (something in capitals) einen Wink.  Juliana Hodkinson arbeitet auf vielfältige Weise, multimedial mit Sprache und dem Verstehen von Sprache. Sie ist zugleich Poetin. Und sie hat im September 2017 ein Interview mit der Kulturtheoretikerin Georgina Born in Seismograf zu Gender and Social Relations in New Music: Tackling the Octopus veröffentlicht.[5] In der Neuen Musik werden die aktuellen gesellschaftlichen Themen verhandelt. 

… my suggestion is that we – and especially all of you as composers, practitioners, performers, curators – should become more conscious of them. This would enable you to be more reflexive about these social dimensions of music, and thereby to take greater reflexive control over them and to work imaginatively with, and indeed to compose, these social dimensions of music – in performance or rehearsal, in the way that members of a music ensemble act in relation to themselves or an audience, or in the relationship with commissioning bodies and other such institutions. Just one of the things this makes possible is to bring gender, race, class and other aspects into the foreground of our consciousness about how music proceeds, and in this way it also makes it possible to experiment with and potentially to transform the ways in which music is social – including the ways in which differences of class, ethnicity, race and gender are played out in music. The challenge posed is to take responsibility for these undercurrent realities, that are so rarely acknowledged: what would music-making – concert life, performance, the influential canons – look and sound like if they were organised differently in these regards?[6]

 

Was lässt sich also in (something in capitals) hören? Musik machen und komponieren hat nicht zuletzt etwas mit dem Geschlecht in seiner Bedeutungsbreite zu tun, müsste man mit Georgina Born sagen. Born geht es um das Soziale in der Musik. Sprechen da aus den alten Taschenradios nicht nur Männerstimmen in einem bestimmten Duktus, der Wissen generiert? Nun verschwindet zwar das Medium Radio geradezu. Doch im Verschwinden wird möglicherweise noch einmal etwas hörbar, was im Popmedium oder als Pop überhört wurde. Hat sich eigentlich schon einmal jemand gefragt, wie es kommt, dass beispielsweise Tommy Mottola nach Diana Ross, Mariah Carey und Gloria Estefan mit Shakira, Anastacia, Jennifer Lopez und Thalía immer wieder einen sehr ähnlichen Typ Sängerinnen produziert hat? Die Beziehungen zwischen den Musikern und ihrem Publikum sind nicht einfach „natürlich“ oder „spontan“. Vielmehr werden sie durch institutionalisierte Strukturen generiert.

 

Mit WILDTIERBEAUFTRAGTER von Paul Frick wechselte der Fokus wieder auf die Bühne und auf die Kombination von Instrumtal, Vocal und Elctronics. PHØENIX16 ist ja nicht zuletzt ein Vokalensemble, das eben die Möglichkeiten der Stimme in hochprofessioneller und reflektierter Weise erkundet. Was ist ein Wildtierbeauftragter? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Ein Beauftragter für Wildtiere soll vielleicht ihr Überleben regeln. Doch sind das dann noch Wildtiere, wenn ihr Leben durch Vorschriften, geschützt und geordnet wird? Die Vokalisten stehen jedenfalls auf der Bühne an ihren Mikrofonen ganz wie Backgroundsängerinnen, backing vocalists im Popkonzert. Müsste man nicht einmal eine Geschichte der backing vocalists schreiben? 2014 erhielt Morgan Neville einen Oscar für seinen Dokumentarfilm 20 Feet from Stardom. Doch vielleicht ließe sich die Funktion der backing vocalists noch einmal ganz anders als in den Schicksalen der Hintergrundsänger*innen zum Star erzählen. 

Sirje Aleksandra Viise performte mit ihrem Sopran, motion sensors, electric guitar and live-electronics Your Fox’s a Dirty Gold (2011) von Alexander Schubert. Das Stück mit seinem starken Text von Theodore Kitsune adaptiert auf subversive Weise ein Geschlechterbild der Popmusik. Die Frau als Star an der E-Gitarre bzw. Gitarre. Durch die Bewegungssensoren und die live elctronics wird das Bild der Frau noch einmal im popmusikalischen Gestenrepertoire zugespitzt und in Sound transformiert.  Mit der MAX/MSP werden die live electronics kontrolliert und die DMX lights gesteuert. Die Bewegungen des Oberkörpers der Sängerin und die Gesten mit der Gitarre steuern die anderen Elemente der Performance. Timo Kreuser sitzt am Apple Laptop auf der Bühne im Hintergrund und bedient das Programm.

 

Die Erfassung des Körpers und des Lebens durch Digitalisierung wird im Gedicht formuliert und in der körperlich, elektronischen Verschaltung aufgeführt. Das macht das Stück wirklich zu einem sehr bemerkenswerten. Die Funktionssprache der Digitalisierung wir mit dem Liebesgedicht bis an die Grenze der Verständlichkeit montiert. „Unser Du und Ich ist ein Kofferwort“ setzt die Sprache mit Gesten des Popkonzert dramatisch in Szene. Die Totalverkabelung generiert Musik und Poesie. 

Our you and I is a mot-valise - 

in packages - a statistic Zero crossing 

where your kiss on my eyes were a null function 

we now malfunction, deprived of subordinate conjunction 

dysfunction, circular reduction, 

you unbutton your presumption - 

close to a washing compulsion.[7]    

 

Die Konzertreihe wird mit Arbeiten kannste Nich’! fortgesetzt. PHØENIX16 entwickelt damit ein neues spannendes Konzertformat, das neugierig macht. Neue Musik zwischen Pop und Comic, Guerilla-Konzert und Happening. Das Niveau stimmt. Das Konzept ist nicht blöd, sondern innovativ. Man kann das Konzert mit dem extremen, technischen Aufwand und der musikalischen Qualität ebenfalls einfach nur gut finden und genießen. Das wäre sicher auch ein Pop-Erfolgskonzept. Es muss ja nicht gleich der „Werbetrenner“ sein. 

 

Frohes Neues Jahr  

 

Torsten Flüh

 

PHØENIX16
feat. KOPFELGSCHROA
 

Arbeiten kannste nich‘! 

Donnerstag, 5. April 2018, Weimar – Mon Ami 

Dienstag, 1. Mai 2018, Berlin - Heimathafen 

____________________________ 



[1] Loft Concerts: Über uns. http://www.loft.de/ueber 

[2] VOX startet Frühlingskampagne mit Superstar Ed Sheeran Mo I 24.07. I 18:58.

[3] K2 Productions Film & Video ED SHEERAN VOX Christmas Commercial Campaign. 13. Dezember 2017 12:13 EST.

[4] Siehe auch: Torsten Flüh: Terror des Guten. Mark Ravenhill-Marathon inkl. Freedom and Democracy I Hate You am Berliner Ensemble. In: NIGHT OUT @ BERLIN 6. Dezember 2010 17:49.

[5] Juliana Hodkinson: GENDER AND SOCIAL RELATIONS IN NEW MUSIC: TACKLING THE OCTOPUS Interview with cultural theorist Georgina Born. In: Seismograph 27.09.17.

[6] Ebenda.

[7] Alexander Schubert: Your Fox’s a Dirty Gold. Lyrics.