Big Data aus dem Zweistromland - Drei Vorträge über das Zukunftswissen im Rahmen der Mosse-Lectures

Daten – Zukunft – Wissen 

 

Big Data aus dem Zweistromland 

Drei Vorträge über das Zukunftswissen im Rahmen der Mosse-Lectures 

 

Die Utopie als Genre lahmt. Statt utopische Aufbrüche für die Zukunft zu entwerfen, sorgt sich die Generation der Unterdreißigjährigen darum, dass die Alten zu teuer werden und die eigene Altersversorgung wackelt. Denn selbst die Utopie vom rundumversicherten Lebensabend schwankt zwischen Baden-Baden und Erkner am Müggelsee. Weniger Zukunft war in der Moderne nie. Alte Muster kehren wieder. Familien-, Nationen- und Anlagemodelle wie der Kauf von Gold feiern als breite Bürgerbewegung eine gespenstische Rückkehr. Liegt es daran, dass die Angst vor dem Wissen von der Zukunft selten größer war, seit Big Data und Google die Zukunft in Echtzeit nicht nur vorhersagen, sondern berechnen können. Das Navi im Auto gibt in Echtzeit Staumeldungen und berechnet alternative Fahrrouten. Die Utopie wird auf schnöde Weise von Big Data aufgefressen.

 

Die Mosse-Lectures haben sich im Sommersemester das Thema Zukunftswissen Vom Orakel zur Prognostik auf die Agenda gesetzt. Was wissen wir von der Zukunft? Und wie wurde das Wissen von Morgen nicht erst heute, sondern schon vor ca. 4.000 Jahren in der Assyrischen Kultur gewonnen und politisch eingesetzt? Gibt es Ähnlichkeiten zwischen den ganz alten Modellen des Zukunftswissens und den ganz neuen der Web Crawlers, Spiders, Searchbots oder Robots? Auf welche Modelle greift die Politik zurück? Und wie funktioniert die Politikberatung der Experten für Big Data heute? Mit dem Juristen Viktor Mayer-Schönberger hielt am letzten Donnerstag ein Star der aktuellen Politikberatung seine Mosse-Lecture im Senatssaal der Humboldt-Universität.

Eröffnet wurde die Vortragsreihe von Stefan Maul unter dem zurückhaltenden Titel Wahrsagekunst im Alten Orient. Die Wahrsagekunst als Politikberatung stand im Alten Mesopotamien hoch im Kurs, wie der Heidelberger Assyriologe und Leibniz-Preis-Träger Stefan Maul in seiner Mosse-Lecture mehrfach betonte. Sie wurde im gesamten Mittelmeerraum vor mehr als 4.000 Jahren entwickelt, unablässig praktiziert und ständig systematisiert. Was wir heute als unsinniges Wissen abtun, hatte im Altertum auf der arabischen Halbinsel und bis ins Mittelmeer eine große, systemstabilisierende Macht, worauf Maul in seinem Vortrag wiederholt hinwies. 

Die von der Staatsmacht immer wieder in Anspruch genommenen Wahrsagekünste hatten wenig zu tun mit jenen billigen Kaffeesatzlesereien, mit denen man den Gutgläubigen auf Jahrmärkten und an den Straßenecken das Geld aus der Tasche zieht. Die Disziplinen, die sich ernsthaft um Einsicht in die Zukunft bemühten, waren vielmehr geprägt von unbestechlichem Erkenntniswillen und aufrichtigem Forscherdrang, von sorgfältigem Beobachten und exakten Dokumentieren, von scharfsinnigem Denken und kühnen Theorien und deshalb, nicht anders als unsere Wissenschaften, hochgeachtet und von großer Autorität.[1] 

 

Der Altertumsforscher und Assyriologe Maul stellte einleitend in seinem Vortrag zwei aktuelle Bezüge her. Erstens ist es ihm wichtig, seine Forschung zur Assyrischen Kultur und Schrift sowie in Babylonien im heutigen Irak und Iran als eine ernstzunehmende Wissenschaft anerkannt zu wissen. Zweitens geht es ihm darum, mit dem frühen Orakelwissen, bei denen sehr große Mengen an Daten anfielen und verarbeitet wurden, die Modi moderner Wissenschaft zu befragen. Denn – und darauf wird zurück zu kommen sein – das Orakelwissen wurde, wie auf Schrifttafeln aus Ton in Keilschrift überliefert ist, streng in +- und –-Werten eingeteilt und in Entweder-Oder-Entscheidungen vernetzt. Entgegen der Annahme einer Beliebigkeit des assyrisch-babylonischen Orakelwissens lässt sich mit den Tontäfelchen seit jüngster Zeit eine ausgeklügelte Systematik erkennen. 

Heute lassen Tausende von Keilschrifttexten das von wissenschaftlicher Systematik geprägte komplexe Lehrgebäude der Zukunftsschauer erkennen. Diese Quellen sind darüber hinaus von größtem Interesse, da sie auch erlauben, eine Antwort auf die drängende Frage zu finden, wie es nur möglich war, dass eine auf der Beobachtung von Vorzeichen fußende Politikberatung über viele Jahrhunderte hinweg dauerhaft stabile politische Verhältnisse befördern konnte.

 

2013 veröffentlichte Stefan Maul sein in der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung als „herausragende geisteswissenschaftliche Forschungsleistung()“ erschienenes Buch Die Wahrsagekunst im Alten Orient. Zeichen des Himmels und der Erde. Er geht nicht nur der Frage einer versunkenen Schrift- und Textkultur der Assyrer nach, wie sie seit geraumer Zeit systematisch erforscht wird. Kürzlich im Spiegel unter der Rubrik „Wissenschaft + Technik“ wurde sie etwas reißerisch ins öffentliche Interesse gerückt als Singapur der Bronzezeit „Firmenpleiten, Erbstreitereien, Finanzkrisen: Vor 4000 Jahren hinterließen assyrische Kaufleute 23 500 Tontafeln. Sie erlauben faszinierende Einblicke in einen erstaunlich modernen Alltag – und in die Geburt von Kapitalismus und Demokratie“.[2] Dementgegen arbeitet Maul ganz konkret zur „Zeichenhaftigkeit der Welt“ im Alten Orient. 

In dem vorliegenden Buch stehen … altorientalische Quellen im Mittelpunkt. Sie erlauben, der Jahrtausende währenden ernsthaften Suche nach dem Zeichenhaften in unserer Welt in allen Einzelheiten nachzugehen. Denn die Keilschriftdokumente geben uns tiefe Einblicke in Ausbildung und Gelehrsamkeit der Zeichendeuter, in ihr berufliches Alltagsleben, ihre Methoden und Gedankengebäude. Sie gestatten uns, ein langes Ringen um Erkenntnis zu verfolgen und die Suche der altorientalischen Gelehrten nach jenen Gesetzmäßigkeiten darzustellen, die Rückschlüsse auf das Kommende zulassen.[3]

 

Die Keilschriftdokumente, die an mehreren Instituten wie in Heidelberg weltweit erforscht werden, und von denen sich einige besonders aufschlussreiche im British Museum in London befinden, werden in der Assyriologie mit unterschiedlichen Ansätzen gelesen. Maul liest sie als Texte der Wissenschaft. Ethel Matala de Mazza kam im Gespräch mit Stefan Maul darauf zu sprechen, wie unglaublich hoch die Menge an Opfertieren, insbesondere Lämmer für die Eingeweideschau in einem regional begrenzten Raum gewesen sei. Die Opfertiere werden nach den Dokumenten nicht nur durch genaue Regeln ausgewählt, sie werden auch in großer Zahl für die Vorhersagen gebraucht, ja, wegen der einmaligen Anwendung verbraucht. Dem Berichterstatter kommen dabei die Begriffe Wissens-, Nachrichten- oder Informationshunger in den Sinn. 

Eine Abrechnung aus der altbabylonischen Zeit, die in den Archiven des Königspalastes von Mari gefunden wurde, zeigt nämlich, daß für allerlei Orakelfragen, die man im Auftrag des Königs in einem Zeitraum von nur acht Monaten stellte, insgesamt 4076 Tiere bereitgestellt und geschlachtet worden waren. Der in dem Dokument festgehaltene, auf ersten Blick enorm erscheinende monatliche Verbrauch von Lämmern lag zwischen 370 und 707 Tieren. Das Verwaltungszentrum des vergleichsweise kleinen Königreichs entfaltete somit allein für die Eingeweideschau einen mittleren Monatsbedarf von 510 Lämmern…[4]   

 

Berthold Seewald hatte als Leitender Redakteur Kulturgeschichte 2014 mit seiner Rezension in der WELT erklärt, Wie die Babylonier in die Zukunft sehen konnten. Doch Stefan Mauls Buch ist nicht nur ein Erkenntnisgewinn darüber, wie die Zukunft vorhergesagt wurde, sondern seine Stärke liegt darin, wie im Vortrag deutlich wurde, dass Maul sehr genau erklärt, mit welcher Systematisierung sich aus der Schafsleber Aussagen über die Zukunft treffen lassen. Schon aus dem 19. Jahrhundert vor Christus sind „(b)eschriftete und unbeschriftete Modelle von Orakellebern aus dem Königspalast von Mari“[5] erhalten. Maul machte an der „topographische(n) Anatomie der facies visceralis, der Schafsleber“, die „moderne(n) Bezeichnungen“ deutlich und führte vor, wie die Leberoberfläche und ihre kontrastreiche Erscheinung in „Felder“ unterteilt wurde. 

Die Omeneinträge lassen auch keinen Zweifel daran, daß man die Region der Gallenblase in insgesamt neun Felder unterteilte. Drei untereinanderliegende Felder zerlegen die Gallenblase selbst in drei Segmente, während jeweils drei zur rechten und zur linken der Gallenblase liegende Parzellen das Umfeld des Lebermerkmals, das die Babylonier sein «Land» nannten in kleinere Bereiche aufteilen. Nur in den drei links der Gallenblase liegenden Feldern entfaltet die Negativmarkierung «Kreuz» eine positive Bedeutung …[6] 


Clay tablet, fragment, liver model, neo-Babylonian (British Museum)

Das kleine, man könnte wohl auch sagen, handliche und leicht verfügbare Tonmodell von 7,3 x 8,6 cm – eine Art Spickzettel – einer Orakelleber aus dem 7. bis 6. Jahrhundert v. Chr., also in einer fortgeschritten, systematisierten Phase des babylonischen Zukunftswissens, aus dem British Museum zeigte Stefan Maul in seinem Vortrag und im Buch. Über die Leber hat sich nun ein regelrechtes Netz des Wissens gelegt, das sich allein aus der „Parzellierung“ und „Ladung“ generiert hat. „Die Felder sind namentlich benannt, und es ist angegeben, welches Feld eine positive «rechte» und welches Feld eine negative «linke» Ladung besitzt.“[7] Doch dieses Netz des Wissens gewährt nach Maul eine hohe Elastizität. Die Lebersegmente funktionieren nicht einfach nur als Klassifizierung, sie werden auch in variable Prozesse eingespeist. 

Es ist auf den ersten Blick zu sehen, daß man die links von einem Lebermerkmal liegenden Felder keineswegs grundsätzlich als «links» wertete. Denn auf der als links bezeichneten Seite des «Standortes» befindet sich auch ein «rechtes» Feld (Feld 9), so wie auf dessen rechter auch ein Feld liegt, das man unter die «linken» zählte (Feld 3) … (S. 91)

 

In der Forschungsdiskussion zur „Lehre von der Parzellierung der Leber“ gibt es zur Praktikabilität des umfangreichen Orakelleberwissens eine breitere Diskussion, wie Stefan Maul nicht unerwähnt lässt. Doch das ist nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist auch nicht, ob die Vorhersage eintritt oder nicht. Vielmehr geht es um jene Frage von sprachlicher Konkretheit durch Ausdifferenzierung und Elastizität, die für die Praxis der Wahrsagekunst entscheidend werden konnte. Auf Nachfrage des Berichterstatters bestätigte der Assyriologe, dass es sich mit der Einteilung in +- und –-Werte um ein binäres System handelt. Die Orakellebern erzeugen, anders gesagt, Algorithmen, die hoch ausdifferenziert sind. Um die Funktion der Orakellebern in kleiner Größe ein wenig zugespitzt zu formulieren, lässt sich von einem Taschenrechner oder Taschencomputer sprechen. Die Rechenvorgänge durch Benennung, Bewertung und Bestimmung unterscheiden sich in der Funktionsweise kaum. Mit dem Vortrag von Viktor Mayer-Schönberger wird darauf zurück zu kommen sein.

 

Der Andrang zur Mosse-Lecture von Bruno Latour unter dem Titel On a possible difference between Earth and the Globe am 12. Mai war wohl nicht zuletzt deshalb so groß, weil er gerade die Ausstellung GLOBALE: Reset Modernity! im Lichthof des ZKM, Center for Art and Media Karlsruhe, kuratiert und eröffnet hat. Bruno Latour geht davon aus, dass der Begriff der Moderne derart viele und widersprüchliche Bedeutungen angenommen hat, dass es unmöglich geworden ist, damit die Zukunft zu definieren. In seinem Vortrag ging es ihm darum, den Unterschied zwischen Erde und Globus bzw. dem Globalen als Begriffe der Moderne genauer durchzuarbeiten. Denn in der Ausstellung in Karlsruhe beschäftigen sich die Künstlerinnen nicht zuletzt mit Bildern der Erde und des Globus bzw. des Globalen. Die „Ausstellung bietet … die Möglichkeit, …: einen »Reset« jener Instrumente durchzuführen, um zumindest ein paar der verwirrenden Signale aufzeichnen zu können, die von unserer Epoche ausgesendet werden. Allerdings ist das, was wir neu kalibrieren wollen nicht so simpel wie ein Kompass. Es ist das undurchsichtigste Projektionsprinzip, das je verwendet wurde, um die Welt zu kartografieren: die Moderne.“[8] 

 

Eröffnend deckte Latour die Widersprüche und Probleme in der Rede vom Globus des Globalen auf und bezog sich insbesondere auf die Abschlussrede der Weltklimakonferenz des Weltklimavertrages des französischen Präsidenten Francoise Hollande vom 12. Dezember 2015 in Paris,  nachdem alle Länder den Vertrag unterzeichnet hatten. Dieses globale Abkommen verändert nach Latour auch das Denken der modernen Begriffe von Land, Erde und Globus. In einer immer auch poetischen Redeweise macht Bruno Latour darauf aufmerksam, dass die Kategorien eines „Great Britain“ in der Moderne dieses zu einem „shrunk Britain“, einem geschrumpften Großbritannien gemacht haben. In der globalen Welt gäbe es keinen festen Standpunkt („no stable point“). Nicht zuletzt im Reader zu Reset Mondernity als Ausstellungsführer lässt sich Latours Arbeits- und Schreibweise beobachten.

 

Der Vortrag orientierte sich entschieden an den Fragen zum Globalen, die er mit dem Buch oder Reader entlang der Ausstellung entwickelt. Es geht dabei weniger mit einem „Reset“, eine Rücksetzung, Rücknahme oder Grundeinstellung für die Moderne zu schaffen, eher schon geht es um eine Nullsetzung, um die Moderne anders zu denken. Wie mit dem Vortrag und dem Buch deutlich wird, geht Bruno Latour mit den Exponaten einen Parcours ab und schafft Knotenpunkte. Er nennt das mehrdeutig „Procedure“ als Verfahren, Vorgang, Methode oder Vorgehen. 

DAS GLOBALE NEU VERORTEN 

Fortschritt, Voranschreiten, Emanzipation, Freiheit, 

Autonomie: Ist das die Richtung, die so viele Menschen im 

Westen und so viele andere, die von der Verwestlichung 

beeinflusst sind, anstrebten? 

Manche durch eine Bewegung nach vorn, manche 

durch Widerstand und den Versuch, diese Bewegung 

umzukehren. Auf diese Weise konnten wir früher 

den Unterschied zwischen „fortschrittlichen“ und 

„reaktionären“ Menschen erkennen. 

Wie soll man eine derartige Trennlinie nennen? Sagen wir 

doch, dass sie vom Land aus zum Globus verlief.[9]

 

Insofern gibt es nicht eine Antwort darauf, was oder wie die Zukunft und die Moderne sein könnten. Vielmehr wird in einem mehrstufigen Prozedere von einer ersten Fragestellung zur nächsten übergegangen. Der Text zur Ausstellung mehr noch als im Vortrag entsteht praxeologisch durch die „Bewegung“. Gleichzeitig wird die Frage nach einer „Verwestlichung“ (westernization) gestellt. Bruno Latour kommentiert die zahlreichen Arbeiten der Künstlerinnen und entfaltet daran ein Wissen von der Moderne in seiner großen und widersprüchlichen Vernetzung. Auf die Sequenz der Fragen einer Neuverortung folgt „Procedure B“ mit „Außerhalb oder innerhalb der Welt“. Die Analyse der Moderne wird in eher offener, aphoristischer Weise formuliert.   

Die moderne Tradition beharrt darauf, dass ein realer Unterschied zwischen BetrachterIn und Szenerie besteht – dies bedingt die Vorstellung, die materielle Welt sei eine äußere Welt. Dieses Szenario ist jedoch alles andere als „natürlich“. Es handelt sich lediglich um eine Methode der Inszenierung der Beziehung zwischen jemandem, der die betrachtende Rolle einnehmen soll, und etwas, dem man die Rolle des Betrachteten zuweist. 

Diese Perspektive führt dazu, dass wir nur schwer erkennen können, auf welche Weise wir unsere Verbindung mit der Natur erleben. In der westlichen Welt haben wir gelernt, teilweise von der Malerei, die Rolle eines betrachtenden Subjekts zu spielen. Wenn wir unsere Beziehung zur Welt zurücksetzen, „resetten“ wollen, müssen wir genau darauf achten, wie diese Inszenierung erzeugt wird. Versuchen wir einmal, ob wir es schaffen, uns innerhalb der Welt aufzuhalten, anstatt sie nur von außerhalb zu betrachten. (S. 20)

 

Das „Procedure“, das Bruno Latour in seinem Vortrag entfaltete, funktionierte sehr ähnlich wie im Buch, obwohl das Field Book vielleicht gar kein Buch, sondern eine Kartographie praktiziert. Denn Latour spielt mehrere „Perspektiven“ durch, um die Leserinnen zu weiteren Überlegungen anzuregen. Es geht mit dem Reset also nicht einfach darum, den problematischen und widersprüchlichen Begriff der Moderne wiedereinzusetzen, indem u.a. ein perspektivisches Denken von Außerhalb und Innerhalb funktionieren sollte, wie es – sehr ähnlich wie bei William Kentridge – entschieden mit Albrecht Dürers „Perspektografen“ exemplifiziert wird.[10] Latour erklärt allerdings die Moderne nicht gleich durch eine Postmoderne für erledigt, was in der Diskussion von Hörerinnen teilweise geradezu scharf aufgegriffen wurde. Er fordert vielmehr eine „Innovation statt Hype“, in der neuartige Verhältnisse gestiftet werden sollen. 

Wenn wir unseren Kompass resetten und auf diesen neuen magnetischen Pol – die Erde – ausrichten, können wir womöglich eine Triangulation durchführen, um zu kartieren, wo wir stehen, und um zu entscheiden, was sich zu verteidigen lohnt. Neue Territorien unterscheiden sich ebenso sehr von alten Ländern wie vom nunmehr veralteten Globus. 

Neue Allianzen werden möglich: um schützende Um-Welten gemeinsam mit jenen zu errichten, die nach defensiven Identitäten suchen, und um eine Welt zu erforschen, die wesentlich vielschichtiger und komplexer ist als der einstige Globus. (S. 69)

 

Es ist wohl nicht zuletzt ein appellierender Sprachgestus, der bei den Leserinnen und Hörerinnen Bruno Latours auf Zustimmung stößt. Die Analyse wird in einen Appell gewendet, „um schützende Um-Welten gemeinsam … zu errichten“. Anders gesagt, es geht auch um ein neues Klima der Moderne. Ließe sich mit der veralteten Logik der Moderne gerade die Umweltzerstörung aus einer schwierigen Perspektive von Innerhalb und Außerhalb denken, so geht es nun um „schützende Um-Welten“ in ihrer Vieldeutigkeit von Natur, Kultur und Globalität. Die neuartige Globalität einer anderen Moderne, rückt die Bekleidungsindustrie in Bangladesch oder die Smartphonefabriken in Shenzhen nicht in die Ferne oder nach Außen, sondern schließt in Zukunft Allianzen mit den Arbeiterinnen, könnte man vielleicht sagen.

 

Viktor Mayer-Schönberger warnt vor der Zukunft einer unregulierten Verarbeitung der Big Data, die unablässig im Internet generiert, gesammelt und ausgewertet werden. Eröffnet Big Data. Wie wir in Zukunft leben werden (2013) einerseits ganz neuartige Versprechen für die Wirtschaft, die Gesundheit, die Sicherheit und zugleich wohl auch Zufriedenheit der Weltpopulation, kritisiert Viktor Mayer-Schönberger auf der anderen Seite die zügellose Macht der Algorithmen in den Datenauswertungsfirmen. Er fordert, dass sich Staaten nicht der Algorithmen-Sucht unbeaufsichtigter Programmierer ausliefern dürfen. Bereits 2010 landete der Jurist mit Delete. Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten einen vielbeachteten Bestseller, der ihn zum Politikberater beispielsweise über Das freie Netz. Ein schöner Traum von gestern? bei der Friedrich-Ebert-Stiftung machte.  

 

Wird die Zukunft des Internets eine durchregulierte sein? Statt eines freien wäre dann die Zukunft ein sauberes Netz. Sauberkeits- und Reinheitsphantasien sind indessen nicht unproblematisch. Viktor Mayer-Schönberger schreibt und agiert an einer wichtigen Schnittstelle von Politik, Wissen und Rechtsfragen. Ist die Frage nach einem Recht aufs Löschen von persönlichen Daten zwischenzeitlich weitestgehend gesetzlich und gerichtlich geklärt. So treibt aktuell die Politikerinnen wie den Justizminister Heiko Maas und die SPD-Generalsekretärin Katarina Barley, wie auf dem Netzpolitischen Abend #Sozialdigital anlässlich der 10. re:bulica am 2. Mai die Frage nach der „hatespeach“ oder „Hassrede“ um. Mit welchen Maßnahmen und Gesetzen lässt sich die unangemessene Hassrede als sprachlich, semantisches Problem zwischen Meinungsfreiheit und Volksverhetzung regulieren? 

 

2012 hatte Urs Gasser vom Berkman Center for Internet & Society, Havard University, bereits auf der netzpolitischen Tagung der SPD-Bundestagsfraktion im Bundestag die Versprechen und Probleme der Big Data ausgeführt. Einerseits versprechen sie ganz neue Erkenntnismöglichkeiten für die „sozialwissenschaftliche Forschung“, andererseits werfen sie datenschutzrechtliche Fragen auf. 

Denn bekanntlich hinterlässt fast jeder Klick einen digitalen Fingerabdruck, was die detaillierte Analyse etwa von Kommunikationsbeziehungen und Informationsflüssen möglich macht. Diese massiven Datensets sind indes nicht ohne weiteres fruchtbar zu machen. Die Entwicklung eines neuen „Mikroskops“ für die sozialwissenschaftliche Forschung, das den Fluss von Themen und Traktanden im Internet und über seine Grenzen hinaus empirisch messen lässt, hat uns beispielsweise fast eine Dekade gekostet.[11]

 

Ziel der Abschöpfung von mehr oder weniger frei zirkulierenden Daten – immer dann, wenn beispielsweise auf „Cookies“ hingewiesen wird, geht es um Datengenerierung – ist es Prognosen zu formulieren. Viktor Mayer-Schönberger führte schlagwortartig in seinem Vortrag zahlreiche und beeindruckende Effekte der neuartigen Datensammlungen vom Zusammenhang zwischen Junkfood und Tornados bis Rettung und Versorgung von Frühchen vor. Denn Datensammlung und Algorithmus kehren nach ihm die Gewinnung von Wissen durch das Aufstellen einer Hypothese mittels Formulierung einer Frage, das gezielte Sammeln und Überprüfen von Daten und schließlich den Gewinn einer Erkenntnis um. Für diese wissenschaftliche Methode herrschte bislang immer Datenmangel. Seit der Jahrtausendwende habe sich aber das Datenvolumen verzwölffacht. Die Algorithmen liefern nun sozusagen die Ergebnisse, ohne dass Hypothesen formuliert werden müssen. Was ist passiert?

 

Auf durchaus überraschende Weise - oder auch nicht - hat sich mit den Web Crawlern und Algorithmen genau jene Methode der Wissensgewinnung automatisieren lassen, die die Assyrer mit den Orakellebern eingeführt und systematisiert hatten. Stefan Maul hatte darauf hingewiesen, dass die immer wieder neuen Leberschauen und Vorhersagen eine eminent stabilisierende Funktion für die Politik und Herrschaft in Mesopotamien hatte. Noch bevor der Arabische Gelehrte Abu Dscha'far Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi im 9. Jahrhundert nach Christus die Praxis des Algorithmus formulierte, war sie mit Orakellebern praktiziert worden. Der Wunsch nach staatlicher Regulierung und Überprüfung der Algorithmen im Internet, wie ihn Viktor Mayer-Schönberger formuliert, um die Big Data quasi zu beherrschen, könnte allerdings schwierig werden. 

 

Torsten Flüh 

 

Nächste Mosse-Lecture 

Kathrin Röggla 

Zukunft als literarische Ressource 

Donnerstag, 16.06.2016, 19 Uhr c.t., Unter den Linden 6, Senatssaal 

Einführung: Ulrike Vedder      

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[1] Stefan M. Maul: Die Wahrsagekunst im Alten Orient. Zeichen des Himmels und der Erde. München: C. H. Beck, 2013, S. 11.

[2] Johann Grolle: Singapur der Bronzezeit. In: Der Spiegel, 19/2016.

[3] Stefan Maul: Die Wahrsagekunst … [wie Anm. 1], S. 17.

[4] Ebenda S. 31.

[5] Ebenda Abb. 9, S. 67.

[6] Ebenda S. 82.

[7] Ebenda S. 91.

[9] Bruno Latour(Texte): reset Mondernity! Karlsruhe: ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, 2016, S. 19.

[10] Ebenda S. 22.

[11] Urs Gasser: Gedanken zum Umgang mit Herausforderungen und Chancen der digitalen Gesellschaft. (Keynote vom 15. Juni 2012, SPD Bundestagsfraktion)