Wie Menschen versklavt werden - Zu Rodd Rathjens Buoyancy als Weltpremiere in der Sektion Panorama und die Berlinale Kamera für Wieland Speck

Panorama – Sklaverei – Australien

 

Wie Menschen versklavt werden 

Zu Rodd Rathjens Buoyancy als Weltpremiere in der Sektion Panorama und die Berlinale Kamera für Wieland Speck 

 

Es sind harte Bilder. Irrwitzig heiß müsste es sein. Und es müsste nach Fisch stinken. Doch das olfaktorische Kino wird es vielleicht nie geben, ebenso wenig ein klimagenerierendes. Kino besteht darin, dass Klima und Geruch hinter den Bildern bleiben. In Buoyancy spielen Hitze und Fischgestank eine existentielle Rolle. Das Kino schützt uns vor allzu existentiellen Erfahrungen. Der vierzehnjährige Chakra (Sarm Heng) ist versklavt worden. Er wollte nur endlich von seinem Vater, einem Reisbauern, weg und eigenes Geld in der Fabrik verdienen. Jetzt gehört er dem chinesischen Kapitän Kea. Der junge australische Regisseur Rodd Rathjen hat einen Film über moderne Sklaverei auf Fischkuttern in Südostasien gedreht.

 

Der Spielfilm Buoyancy über Sklaverei im Pazifik läuft in der von Manfred Salzgeber gegründeten Sektion Panorama der Berlinale. Das Panorama feiert sein 40jähriges Jubiläum – „Kino mit Langzeitgedächtnis“. Das Panorama hat nicht nur die Berlinale verändert. Es hat in gewisser Weise die Welt des Films und des Filmemachens beeinflusst. Ganz zu schweigen davon, dass es der internationale Schauplatz für den queeren Film geworden ist. Nach dem Tod von Manfred Salzgeber 1994 an den Folgen von AIDS übernahm Wieland Speck nicht nur das Panorama, vielmehr beriet er Dieter Kosslick, der in Hamburg ein Europäisches Low Budget Forum gründen wollte. Das verriet Kosslick tief bewegt erstmals bei der Verleihung der Berlinale Kamera an Wieland Speck am Sonntag im Meistersaal.  

 

Übrigens spielt ein Gestank in Fatih Akins Der Goldene Handschuh ebenfalls eine entscheidende Rolle. Aber das Kinopublikum muss ihn nicht riechen. Doch zu Akins Film- und Großproduktion – Warner Brothers – später. Panorama war also immer eher Low Budget. Nicht auszuschließen, dass es ein Low Budget Film in den Wettbewerb schafft oder schaffte in den letzten 40 Jahren Berlinale, doch das Panorama mit seinem Kurator Wieland Speck setzte andere Schwerpunkte wie etwa mit dem Film Yè (The Night) des chinesischen Jungregisseurs Zhou Hao bei der Berlinale 2014, der von der breiten Öffentlichkeit kaum, wohl aber von NIGHT OUT @ BERLIN als Die No-Budget-Überraschung wahrgenommen wurde. Paz Lázaro und Michael Stütz, die neuen, jungen Kurator*innen, haben diesen Film mit 12 weiteren unter Hunderten der 40 Jahre für eine kleine Retrospektive ausgewählt. wird noch einmal am Mittwoch, den 13. Februar um 19:15 Uhr im Kino Arsenal 2 gezeigt.[1]

 
Screenshot Buoyancy-Trailer (Torsten Flüh)

Buoyancy ist kein No-Budget-Film. Vielmehr wurde er von der australischen Filmförderung so professionell betreut, dass Rodd Rathjen durch seine Casting-Agentin Sarm Heng in Kambodscha für die Rolle des Chakra fand, der zunächst im Drehbuch auf sechszehn vom Alter her angesetzt war.[2] Es kommt dem jungen Regisseur auf eine gewisse Überschneidung von Realität und Spielfilm an. NGOs wie der Global Slavery Index machen seit Jahren auf die Sklaverei in der thailändischen Fischereiindustrie aufmerksam. Nach dem Global Slavery Index ist die Versklavung von Wanderarbeitern aus Kambodscha und Myanmar bzw. Burma in der thailändischen Fischereiindustrie gut dokumentiert.  

Zum Beispiel wurden Berichte über moderne Sklaverei in der thailändischen Fischereiindustrie durch investigativen Journalismus und zunehmend qualitative und quantitative Forschung gesammelt. Diese Forschung hat wichtige Einblicke in die verschanzte Natur und das Ausmaß des Problems in Thailands Fischwirtschaft und in seiner Region geliefert. So ergab eine Studie des Issara Institute und der International Justice Mission aus dem Jahr 2017, in der die Erfahrungen kambodschanischer und burmesischer Fischer zwischen 2011 und 2016 in Thailand untersucht wurden, dass 76 Prozent der Wanderarbeiter in der thailändischen Fischerei in Schuldsklaverei arbeiteten und fast 38 Prozent wurden in diesem Zeitraum gehandelt.[3]   

 
Screenshot Buoyancy-Trailer (Torsten Flüh)

Das Risiko in Deutschland von der Sklaverei in der thailändischen Fischreiindustrie, wo mit Wanderarbeitern Handel getrieben wird, ist nach dem Global Slavery Index hoch. Anders gesagt: Wissen Sie, woher das Sheeba Fischmenu für Ihre Katze kommt? Katzen- und Hundefutter ist, wenn man dem Global Slavery Index für 2018 folgt, ein globales Geschäft. Sehr wahrscheinlich kommt das Fischmenu aus der Dose nicht aus Ost- oder Nordsee, sondern aus dem Pazifik, wo kein Qualitätsfisch, sondern Beifang von Sklaven in der prallen Hitze auf im wahrsten Sinne des Wortes thailändischen Seelenverkäufern im Akkord für Hund und Katz in blaue Plastiktonnen aussortiert wird. Dokumentarische Filmaufnahmen von dieser Arbeit gibt es kaum. Die thailändischen Fischerboote fangen weit außerhalb der nationalen Fangzonen. Wie man und tatsächlich fast ausschließlich männliche Jugendliche und junge Männer Sklave wird, versucht Rodd Rathjen mit Buoyancy zu erzählen und zu zeigen.


Screenshot Buoyancy-Trailer (Torsten Flüh) 

Im Kino, im CineStar 3, ist die Leinwand groß genug, um bestürzende und beeindruckende Bilder beispielsweise von der Weite der See in glitzernder Hitze mit einem winzigen Fischerboot zu generieren. Das ist kein Film für das Wohnzimmer. Diese Bilder brauchen mehr Fläche und lassen sich auch nicht einfach auf dem Laptop oder der Google-Brille ansehen. Es ist Kino. Wohnzimmer und Datenbrille schrumpfen, was sich im Kino kaum aushalten lässt. Das gilt zunächst einmal für das Meer – Kamera: Michael Latham. Heute dreht man solche Einstellungen vermutlich einfach mit einer Drohne. Das schrottreife Fischerboot als eine abgeschlossene Welt. Die Generation-Stream und Flat-Screen schrumpft sich das Schwer-auszuhaltende zurecht, was vielleicht angenehmer ist, aber nicht nur das Kino zerstört. Buoyancy sollte man also wirklich wegen dieser Kinobilder sehen. Keine Rettung nirgends. Kein Messenger. Kein Smartphone. Nicht einmal wechat. Nichts nur Meer, Wasser, Wellen und sengende Hitze.


Screenshot Buoyancy-Trailer (Torsten Flüh) 

Das Casting hat mit Sarm Heng einen faszinierenden jungen Khmer-Schauspieler gefunden. Der Film wird in Khmer, Thai und Burmesisch mit englischen Untertitel gezeigt. Khmer sprechen kein Thai oder nur wenig. Burmesen sprechen kein Khmer und kaum Thai. Das existentielle Problem, sich kaum verständigen zu können, gehört zum Setting der Sklaverei. Denn sie ist eine Armutserscheinung, zu der die Sprachlosigkeit gehört. Rodd Rathjen hat diese Ebenen der Voraussetzung für Sklaverei, durch die drei Sprachen sehr genau nachgezeichnet. Sklaverei lebt von der Sprachlosigkeit der Sklaven. Chakra will weg. Er hat nicht einmal Schuhe, wenn er gegen andere Jungs mit richtigen Schuhen Fußball spielt. Das wird fast unspektakulär in Szene gesetzt, so dass man es übersehen könnte. Wahrscheinlich haben es viele Kinobesucher selbst bei der Berlinale übersehen. Denn Sarm Heng als Chakra ist sehr hübsch. Beim Fußballspielen hört er davon, dass er in einer Fabrik arbeiten könnte. Jetzt oder nie...

 

Der Weg in die Sklaverei sozusagen an der Fabrik vorbei wird von Rathjen, der auch das Buch geschrieben hat, gut recherchiert genau skizziert. Wer kein Geld hat, um die Arbeiterschmuggler zu bezahlen, wird an einen weiteren Menschenhändler verkauft. Dadurch sind Chakra und die anderen Männer zuletzt beim Schiffskapitän verschuldet. Sie haben ihm Geld gekostet. Sie sind ausweglos in seiner Schuld. Verschuldung durch Arbeitsplatz könnte man das nennen. Chakra und ein weiterer, etwas älterer Khmer haben das sehr schnell verstanden. An Bord müssen sie von morgens bis abends schuften bei kargen Reisrationen. Die Logik der Sklaverei setzt nicht auf den Erhalt der Arbeitskräfte oder ihre Freilassung, sondern auf ihre maximale Ausbeutung. Wer entkräftet ist oder krank wird, geht mit einem kleinen Stoß des Kapitäns über Bord. Nichts wird geschehen. Die Logik der Sklaverei in der thailändischen Fischereiindustrie gehorcht den Gesetzen eines globalen Kapitalismus.

 

Chakra ist ein aufgeweckter Junge, so dass der Film unglücklicherweise in einen Coming of Age-Film kippt. Die Bedingungen auf dem Seelenverkäufer sind zwar von größter Brutalität und bald ist Chakra wirklich ganz auf sich allein gestellt, um auch noch von den burmesischen Sklaven unter Druck gesetzt zu werden. Aber dann findet man sich plötzlich irgendwie in William Goldings Lord of The Flies. Chakra wird - weiterhin sehr hübsch und fotogen ins Bild gesetzt - zum Killer und zum … Mann. Das ist dann wohl doch der Twist gewesen, der den Film aus dem Wettbewerb gekickt hat. Man kann verstehen, dass der Regisseur und sein Kameramann wohl selbst irgendwann von ihrem Star völlig fasziniert waren. Sarm Heng zeigt beachtliche darstellerische Qualitäten. Aber es dreht, die Sklaverei-Frage leider viel zu effektvoll um. Insight Global Slavery lässt sich schlecht in einen hübschen Coming of Age-Film drehen. Das ist dann leider doch ein Erzählmodell, das wie bei William Golding anno 1954 noch funktionieren konnte, heute aber anders behandelt werden sollte.

 

Sklaverei in Zeiten der Globalisierung, wenn die Katze in Australien oder Berlin-Wedding das Fischmenu braucht, ist eine Frage der Kapitalismuskritik. Sie kann nur als Coming of Age-Film scheitern. Soviel Ehrlichkeit muss dann doch im Kino sein. Es ist letztlich ein wenig schade, dass Rodd Rathjen und der australische Filmfonds offenbar das Gefühl hatten, dass sich Kapitalismuskritik mit einem Film über das Erwachsenwerden kombinieren ließe, um für ein wichtiges Thema Aufmerksamkeit zu bekommen. Kino ist immer eine Frage der Genres. Doch Buoyancy, zu Deutsch mehrdeutig Auftrieb bis hin zu Beschwingtheit, Lebhaftigkeit, Frohnatur, verfehlt das zunächst so gut recherchierte Kapitalismusproblem. Erzählt wird nach einem Schema, das genau die Implikationen verdeckt, die The Global Slavery Index aufzudecken versucht. Sklaverei beginnt beim billigen Katzenfutter in Dosen aus dem Supermarkt um die Ecke! - Weltpremiere auf der Berlinale in der Sektion Panorama gilt allerdings als Auszeichnung, was auch der exklusive Empfang im Meistersaal deutlich machte.  

Das Panorama der Berlinale hat in den letzten 40 Jahren Vielfalt generiert. Und das fing durchaus mit der tonlosen Schmalfilmkamera in 16mm von Rosa von Praunheim oder Lothar Lambert etc. an.[4] Der Schmalfilm hatte schon deshalb eine geringe Reichweite, weil das Kopieren zeitaufwendig und teuer war. Nix Copy and Paste oder Stream and Share. Später sichtete Wieland Speck im New Yorker Hotelzimmer Video-Kassetten, die schon eine Tonspur hatten. Dieter Kosslick hörte in seinem Hotelzimmer nebenan entsetzt intime Geräusche. Es klang echt, wo es wenige Jahre zuvor keinen Ton gegeben hatte. So oder so ähnlich erzählte es Dieter Kosslick auf dem Empfang für die Gäste und Filmcrews der Sektion Panorama in der Köthener Straße. Kuratiert wird das Panorama zwar mittlerweile von Paz Lázaro und Michael Stütz, aber beide sparten nicht mit ihrem Dank an und ihrer Bewunderung von Wieland Speck.

Wieland Speck erhielt nun also die Berlinale Kamera sozusagen für das Panorama. Seit 1986 als Gina Lollobrigida, Giulietta Masina, Sydney Pollack und Fred Zinnemann die ersten Berlinale Kameras erhielten, wurde sie alljährlich an Personen und Institutionen vergeben, die sich um die Berlinale verdient gemacht haben. Das wird man nun wohl allemal von Wieland Speck sagen dürfen. Neben Ulrike Ottinger, Juliane Lorenz, Monika Treut, Mahide und 49 Filmcrews war denn auch Ingrid Caven zur Kameraverleihung gekommen. Die sehr persönliche Laudatio hielt Rajendra Roy, Chefkurator für Film des MoMa, New York. Ohne Wieland Speck wäre Rajendra Roy anscheinend nicht geworden, was er ist. Wird es die Berlinale Kamera und das Panorama 2020 geben? Der Wechsel des Festivaldirektors findet mit dem Ende der diesjährigen Berlinale statt, weshalb die Berlinale sicher ein anderes Gesicht, womöglich eine andere Struktur erhalten wird. 

 

 

Die Berlinale mit ihren sich ständig erweiternden Foren - Forum Extended - ist das größte Publikumsfilmfestival der Welt nicht zuletzt durch Wieland Speck und Dieter Kosslick geworden. Fasziniert von der Filmindustrie haben sie Plattformen geschaffen für andere Produktions- und Sichtweisen. Die Filmindustrie und die Kinos stecken als Kulturformate in der Krise. Doch Wieland Speck, der vor allem als Regisseur durch seine versteckte Schmalfilmkamera mit Westler (1985) berühmt wurde, hat seine Kamera immer dorthin gehalten, wo andere nicht hinschauten. Für einen schwulen, halbdokumentarischen Spielfilm, der in West- und Ost-Berlin spielt, hätte er in der DDR niemals eine Drehgenehmigung erhalten. Deshalb steckte er seine Kamera in eine Tasche und drehte illegal in Ost-Berlin. Manchmal kristallisiert sich an ganz kleinen Details die große Filmgeschichte heraus.

 

 

Der Panorama-Publikumspreis gehört mittlerweile zu den renommierten Preisen der Berlinale. Denn es sind genau diese institutionellen Verschiebungen, die das Panorama ausmachen. Sie lassen sich als kleine Schritte einer institutionellen Selbstermächtigung formulieren. Die häufig für das breite Publikum schwer nachvollziehbaren Entscheidungen im Wettbewerb durch die illustre (Fach-)Jury können mit einer Abstimmung selbst erprobt werden. Denn Abstimmung fallen auch in Jurys selten einstimmig aus. Es handelt sich um Prozesse von Demokratie und Konsensbildung, die immer wieder neu erprobt werden müssen. Wenn das Panorama in dieser Ausgabe mit dem AIDS-Film Buddies von 1985 als „Langzeitgedächtnis“ zeigt, wie das Kino immer wieder tabuisierte Thema frühzeitig, vielleicht gar vorausschauend aufgegriffen hat, dann wird damit nicht nur Wieland Specks Schaffen gewürdigt. Damit werden vielmehr die Notwendigkeit des Panoramas und seine demokratische Existenzberechtigung dokumentiert. 

 

Torsten Flüh 

 

Buoyancydd Rathjen 

Mittwoch 13. Februar 19:15 Uhr Kino Arsenal 2 

 

Panorama

Programm 2019

_______________________     



[1] Siehe Pressemitteilung PANORAMA 40: Ein Rückblick in die Seele des Programms. (10.12.2019)

[2] Siehe Datenblatt: Berlinale 2019: Buoyancy. (Datenblatt)

[3] Übersetzung Torsten Flüh aus: The Global Slavery Index 2018 Findings Importing Risk Fishing.

[4] Siehe dazu z.B.: Torsten Flüh: Das Sprechen im Kino. Zu Lothar Lamberts Sein Kampf und Rosa von Praunheims Filmen. In: NIGHT OUT @ BERLIN 16. Januar 2013 21:14.  


Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
Categories: Aktuell | Film | Kultur

0 Kommentare
Actions: E-mail | Permalink | Comment RSSRSS comment feed