Vom Museum und Wissenschaft der Moderne - Hans Beltings Vortrag Weltwissen ohne Kolonien

Museum – Wissen – Sichtbarkeit

 

Vom Museum und Wissenschaft der Moderne

Hans Beltings Vortrag »„Weltwissen“ ohne Kolonien« im Rahmen der Ausstellung WeltWissen.

 

Das Museum ist verhüllt. Wenn etwas verhüllt wird, dann schaut man genauer hin. Die Fassade des Martin-Gropius-Baus befindet sich zur Zeit hinter einem grünen Kunststoffnetz. Nur der repräsentative Nordeingang, griechische Tempel erinnernd, des 1881 eröffneten, ehemaligen Kunstgewerbemuseums an der Niederkirchnerstraße gegenüber dem ehemaligen Preußischen Landtag und heutigen Berliner Abgeordnetenhaus liegt frei.

Am 1. Dezember pfeift ein eiskalter Winterwind die Straße hinunter. „WeltWissen“ verspricht das Transparent über dem Eingang. Daneben flattern die Transparente mit dem Fotografen Mohly-Nagy, „Kunst des Lichts“, und das mit dem Informell-Maler Pierre Soulages.

Wissen – Welt – Licht und die schwarzen, informellen Kaligraphien und monochromen Flächen Pierre Soulages’. Soulages (geb. 1919) löst in der abstrakten Malerei Geometrie und Form mit seiner Schwarzmalerei auf. Seit 1979 malt er in Schwarz, das den Blick thematisiert und das Licht reflektieren soll, wie er 1996 in einem Interview mit Pierre Encrevé gesagt hat. Es ist auch ein Exorzismus von Wissen aus dem Bild.

Die Konstellation passt. WeltWissen lässt 300 Jahre Wissenschaft in Berlin in der ins Unendliche sich ausdehnenden Regalwand im Lichthof des Martin-Gropius-Baus Bild werden. Die Regalwand ist eine Installation des us-amerikanischen Künstlers Mark Dion und der „Gestalter von space 4/team stratenwerth“.

 

Mein Freund C. glaubt erst, eine Projektion zu sehen, Schattenrisse, als wir den Ausstellungsbereich betreten. Wir wollen uns die Ausstellung ansehen, bevor wir in den Vortrag des Kunstwissenschaftlers Hans Belting gehen. Kunst und Wissenschaften beziehen sich in der Ausstellung zu Berlins Wissenschaftsgeschichte auf merkwürdige Weise auf einander. Kunst verändert Wissen.  

Dann stehen wir im Lichthof und werden von der Größe des sich leicht krümmenden Regals erschlagen. Es türmt sich 15 Meter in die Höhe und zieht sich 35 Meter in die Breite. 86 Regalfächer von 2,10 m Höhe und Breite. Und es sind weit mehr als doppelt so viele Exponate zu sehen. Man sieht, was man nicht sehen kann. Man kann nicht zugleich sehen, was im Einzelnen sehenswert ist.

Im Quadrat P5 befinden sich allein 23 Exponate aus der Sammlung Mathematischer Modelle des Instituts für Mathematik der Humboldt-Universität zu Berlin vom „Zylinder“ bis zur „Regelfläche“ inklusive „Schraubenlinie“ und „Dodekaeder“. Das Panorama der Wissens-Sammlungen mit seinen teilweise einzigartigen Exponaten wie dem Pferdeskelett Condé, dem Reitpferd Friedrich II., aus der Veterinärmedizinischen Sammlung der Freien Universität erweist sich gerade nicht als Allansicht. Das Versprechen des Panoramas, alles sehen zu können, kehrt sich in dessen tendenzielle Unsichtbarkeit.

Mein Freund C. ist schnell frustriert. Die Ordnung des Regals lässt sich nicht leicht durchschauen. Das Regal bringt mit seinen Fächern ein räumlich ordnendes Verfahren hervor. Es gibt eine Ordnung. Doch wie lässt sich ihr beikommen? Auf Tischen im Lichthof liegen Informationsblätter mit einer Grafik der Regalwand und dem Titel „Objekte der Wissenschaft. Eine Auswahl.“

Auf der Rückseite sind die Objekte einzeln nach ihrer Herkunft verzeichnet. Jedes Objekt lässt sich nach einem Buchstaben-Zahlen-Schlüssel der einzelnen Quadrate finden. Und dann befinden sich im Fach K1 allein 8 Objekte vom "böotischen schwarzfigurigen Kantharos" bis zur "Kabirenschale mit abgesetztem Rand" aus der Sammlung des Winckelmann-Instituts.


Foto: Roman Maerz

Mark Dion hat für das Regal ein „aristotelisches Prinzip“ verwendet, wie er im Interview mit Gunnar Luetzow sagt. Von links unten nach rechts oben geht es um eine „ununterbrochen aufsteigende Linie der Komplexität“. Es gibt also eine Linerarität des Regals. Mit anderen Worten: Von C1 "Landschaftsmodell" – Karten- und Fotosammlung des Geographischen Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin - bis N7 "Peilantenne" – Deutsches Technikmuseum Berlin – werden die Objekte komplexer. Teilweise sind sie nach langer Zeit in Archiven und Abstellkammern wieder zu sehen. Dion hat sie auf Streifzügen aus den Rumpelkammern abgelegten Wissens ins Licht gesetzt.


Foto: Roman Maerz

Die Ordnung, die Mark Dion als Künstler am Regal entwickelt hat, darf man zumindest eine eigenwillige nennen. Sie passt in kein Wissenschaftsregister und bezieht sich dennoch mit Aristoteles auf einen klassischen Referenten der Wissenschaft. Die Wissenschaftstheorie bezieht sich auf Aristoteles. In den Kategorien bringt Aristoteles allererst eine Einteilung von Wissen als Verfahren hervor. Kategorien bringen Linien hervor. Der Künstler erzeugt allerdings Linearität anders als ein Wissenschaftshistoriker.   

 

Berlin feiert(e) 2010 das Wissenschaftsjahr. 1710 Gründung der Charité, die erst später so benannt wurde. 1810 Gründung der Berliner Universität als Mutter der modernen Universitäten mit den Bildungsprogrammen Alexander und Wilhelm von Humboldts. Sie spaltet sich nach 1945 in die Humboldt-Universität zu Berlin und die Freie Universität auf. 1810 Indes erscheint zeitlich mit der Gründung der Universität Kleists Allerneuester Erziehungsplan in seinen Berliner Abendblättern in mehreren Fortsetzungen vom 29. Oktober bis 10. November 2010. Doch darüber ein anderes Mal.


Foto: Roman Maerz

Das Wissen der Moderne versteht sich als ein geschlossenes, worauf nicht zuletzt Hans Belting in seinem Vortrag aufmerksam machte. Das Bild des Regals mit den Objekten der Wissenschaft indessen ist trotz der eigenwilligen Linearität als Prinzip kein geschlossenes. Das Regal „franst“ an den seitlichen Enden aus. Einige Objekte wie Friedrich II. Pferd sprengen das Fach und stehen oberhalb des Regals. Wird es jemals in ein Fach passen? Auch das Motorrad »Zündapp, KS 600« aus dem Deutschen Technikmuseum geht über ein Fach hinaus.

 

Das Bestreben nach Geschlossenheit von Wissen in der Moderne durch Theorienbildung verfolgt die Herstellung von Welt als eine überschaubare und durch den Menschen beherrschbare. Das Wissen des Menschen von sich selbst soll ihm Herrschaft ermöglichen. In einem merkwürdigen Kontrast zur Größe des Regals sind 6 Tische mit Dokumentationen von Forschungsarbeiten über den Marmorkrebs, den Corpus Coranicum oder Kognitive Robotik im Lichthof aufgestellt. Geradewegs mikrologisch, winzig erweist sich die wissenschaftliche Tätigkeit einzelner Forscher vor dem erschlagenden Modell eines Weltwissens.


Foto: Roman Maerz

Zur Inszenierung des Lichthofs als Raum von Wissenschaft, als Visualisierung von Wissenschaft gehören auch mehrere, programmierte Fernrohre. Wenn man durch diese blickt und über die Regalwand fährt, dann werden einzelne Fächer plötzlich durch einen Scheinwerfer erleuchte. Im Display ist dann z.B. zulesen:

Oberschenkelknochen eines Brachiosaurus, Museum für Naturkunde, Berlin

Die Fernrohre sollen die Perspektivität von Wissenschaft vermitteln. Das Zielfernrohr verkörpert sozusagen das Konzept der Perspektive. Die Perspektive ist ein "westliches" Wissenskonzept der Moderne. Unvermittelt erinnern die Fernrohre an Schussanlagen. Bereits Michel Foucault hat darauf hingewiesen, dass sich das Wissen der Moderne vom Leben über den Tod herstellt.

 

Die Geschichte der Wissenschaft ist nicht zuletzt eine der Katastrophen. Dies lässt sich auch und insbesondere an der Berliner Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts deutlich machen. In den „Etappen Berliner Wissenschaften“ gibt es allerdings keinen eigenen Raum der Katastrophen. Vielmehr wird die Zeit von 1848 bis 1914 unter dem Titel Spezialisierung und Weltgeltung sowie von 1914 bis 1945 unter dem Titel Entgrenzung und Abbruch in einzelnen Räumen um den Lichthof herum angeordnet.


Foto: Roman Maerz (Ausschnitt)

Die Zeit der Spezialisierung und Weltgeltung trifft bereits mit großen Katastrophen zusammen. Die "Weltgeltung" der deutschen und insbesondere Berliner Wissenschaft ist zutiefst mit mit den Katastrophen des Wissens verknüpft. Das wird so allergings nicht  dargestellt.

 

Der Nobelpreisträger für Medizin und Physiologie Robert Koch wird als Beispiel für die "Weltgeltung" angeführt. Einmal mehr wird die Katastrophe scheinbar als Marginalie Robert Koch persönlich mit einer Fotolegende zugeschrieben: „Robert Koch in Afrika(o.J., Quelle: Robert Koch-Institut, Berlin): Die schnelle Ausbreitung der Schlafkrankheit in Afrika veranlasste die deutsche Regierung 1906, eine Forschungsexpedition in die deutsche Kolonie Ostafrika (heute Tansania) auszurüsten. Die Leitung übernahm Nobelpreisträger Robert Koch (1843–1910). In den politischen Rahmenbedingungen des Kolonialismus wurden auch unzulässige pharmakologische Experimente durchgeführt und die infizierten Afrikaner in eigens errichteten Lagern interniert.“

 

Robert Koch wird als Person für die Katastrophe der pharmakologischen Experimente verantwortlich gemacht. Lediglich die „politischen Rahmenbedingungen des Kolonialismus“ hätten zu diesem Irrweg der Wissenschaft geführt. Es wird dann auch ein Link auf den Robert Koch-Eintrag bei Wikipedia gelegt. Da kann und sollte man doch ein wenig mehr differenzieren. Es war vor allem eine Katastrophe der Wissenschaft, in die Robert Koch als Akteur zutiefst eingebunden und verstrickt war. Die Katastrophe der Hygienewissenschaft, die von einem aristotelischen Prinzip der Reinheit ausging, ist dem Wissenschaftsmodell selbst eingeschrieben.


Foto: Robert Koch-Institut, Berlin

Die Katastrophe der Menschenversuche auf der Expedition zur Schlafkrankheit ist bisher unzureichend erforscht worden. Stattdessen wird sie im Fokus des Kolonialismus gesehen. Eine vermeintliche Randerscheinung deutscher Geschichte. Kolonialismus ist indessen nicht allein eine „politische Rahmenbedingung“. Er ist eine Wissensformation, deren politische Realisierung in Deutschland erst relativ spät auf nationaler Ebene einsetzt, die allerdings auf breiter Ebene Wissenschaft strukturiert.

 

Der Kolonialismus in Deutschland müsste von den kolonialisierenden Aktivitäten im deutschen Raum seit Mitte des 18. Jahrhunderts untersucht werden und nicht erst mit der historischen Verspätung am Ende des 19. Jahrhunderts. Es sind scheinbar einzelne Akteure wie Heinrich Carl von Schimmelmann (1724-1782) in Hamburg und Wandsbek, der um 1750 für das Königreich Dänemark kolonial tätig wird. Preußens koloniale Versuche im 18. Jahrhundert scheitern und sind nur schwach. Doch als Wissensformation nicht zuletzt internationaler Wissenschaften in England geistert der Kolonialismus früher und nachhaltiger durch Deutschland, als es „politische Rahmenbedingungen“ umschreiben könnten.  

Auf eine andere Weise knüpfte Hans Belting mit seinem Vortrag »Weltwissen« ohne Kolonien. Zur Zeitgenossenschaft anderer Kulturen an die Frage kolonialen Wissens an. Er sprach auf Einladung des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL), das sich als universitätsunabhängiges Berliner Exzellenz-Cluster versteht. „Wissen über die (andere) Welt, solange sie aus Kolonien bestand, war ein Privileg der westlichen Wissenschaft“, heißt in der Ankündigung von Dirk Naguschewski nicht nur, dass Deutschland seit 1945 keine Kolonien mehr besitzt. Vielmehr geht es darum, dass nicht zuletzt in Deutschland Wissensformationen eine Welt mit und aus Kolonien hervorgebracht haben.

 

Kolonien sind nicht allein wirtschaftlich-politische Besitzungen. Vielmehr sind sie wissenschaftlich-kulturelle Besetzungen mit hegemonialen Interessen. Es geht um die Vorherrschaft oder Herrschaft von Wissen über „Objekte der Wissenschaft“. Letztlich geht es, wie Hans Belting in seinem Vortrag deutlich machte auch darum, was wir als Kunst oder als Kunsthandwerk einer anderen Kultur ansehen. Wird ein Objekt zum Gegenstand der Kunstwissenschaft wie z.B. der Kubismus Picassos oder zum Gegenstand der Völkerkunde wie afrikanische Masken gemacht? Wird ein Objekt zum Beginn der Moderne in der Kunstwissenschaft oder zum Traditionalismus vormoderner Völker in Afrika gemacht?

Belting macht in dem Jahr 1989 eine kunsthistorische Schnittstelle aus, an der sich Kunst aus ehemals kolonialisierten Ländern Afrikas oder aus Australien, wo die Ureinwohner durch Kolonialisierung marginalisiert wurden, in Kunstausstellungen präsentierte. Es fand eine emanzipatorische Bewegung aus dem kolonialisierenden Wissen der Völkerkunde statt.

 

Noch im August 1984 hatte die Ausstellung „Primitivism“ in the 20th Century Art: Affinity of the Tribal and the Modern im New Yorker Museum of Modern Art zu einer heftigen Kontroverse geführt. Hans Belting sieht in ihr „den letzten Akt eines großen Dramas“. In der Ausstellung wurden den Exponaten von Künstlern der Moderne anonyme Artefakte aus Afrika gegenübergestellt. Für Picasso wurde auf eine „Affinität“ zur „Stammeskunst“ afrikanischer Völker hingewiesen.

 

Die Presseerklärung des Museums kann man problemlos einsehen. Sie ist als pdf abrufbar. Einerseits muss die ästhetische Relevanz der „objects“ durch die moderne Kunst allererst hergestellt werden, andererseits werden sie als „curiosity“ gesehen. Dem Jahrhundert-Genie Picasso wird die primitive Stammeskunst gegenüber gestellt. Mit anderen Worten: das vorherrschende Wissen der Kunst, die wesentlich vom Künstler-Genie ausgeht, macht die „objects“ allererst ästhetisch relevant.

Es geht um eine koloniale Wissensbewegung, die prägnanter nicht formuliert werden könnte, wenn man sie liest. Erst durch die Nutzbarmachung und legitimierte Ausnutzung der kuriosen Maske durch Picasso erhält sie überhaupt eine Berechtigung, im Kontext des hoch institutionalisierten Kunstwissens des Museum of Modern Art gezeigt zu werden.

 

Der Ausstellungskatalog wird als „a beautifully illustrated, intellectually provocative volume examining the crucial influence of the tribal arts of Africa, Oceania and North America on modern painters and sculptors” angepriesen. Der Einfluss der „Stammeskunst“ auf die modernen Maler und Bildhauer ist ebenso wichtig wie kritisch, crucial. Es ist nicht zuletzt ein bahnbrechendes Buch. Denn „it is also the first book ever to illustrate and discuss tribal works collected by seminal modernists such as Picasso, Matisse, Braque, Nolde, and Ernst.”Die Wissensbewegung verläuft ganz in den traditionellen Bahnen der Kunstwissenschaft.   

 

Insofern lässt sich an der Schnittstelle von Ethnologie/Völkerkunde und Kunstwissenschaft um 1989 eine entscheidende Verschiebung beobachten. Die Kunst der australischen Ureinwohner wird nun als Kunst in Kunstmuseen gezeigt. 1988 wurde das Denkmal für die Aborigines in der National Gallery of Australia in Canberra enthüllt. Es besteht aus 200 Baumstamm-Grabmalen von 43 Künstlern aus Ramingning, einer Künstlerkolonie der Ureinwohner. Mit der Erinnerung an die Kolonisierung Australiens durch die Engländer im Jahr 1788 halten die zeitgenössischen Ureinwohner-Künstler zum ersten Mal Einzug in eine „westliche“ Nationalgalerie.

Belting wies auf verschiedene Bewegungen und Diskussionen hin, die in Senegal bereits seit den 60er Jahren unter Léopold Sédar Senghor stattfanden. Senghor war von 1960 bis 1980 erster Präsident des in die Unabhängigkeit von Frankreich entlassenen Senegal. Nachdem Senghors Modell für ein kulturelles und künstlerisches Selbstbewusstsein Afrikas für einige Jahre wegen seiner frankophilen Einstellung kritisch betrachtet wurde, erhält er jetzt mehr Beachtung. Senghor wollte die „schwarze“ Kultur und Kunst durch einen besonders hohen Kulturetat stärken, wogegen die Weltbank Einspruch erhob.

 

Entscheidend ist für Belting heute die Zeitgenossenschaft in der Kunstwissenschaft. Australische Ureinwohnerkünstler und afrikanische Künstler ebenso ozeanische rücken in den Fokus einer globalisierten Welt. Für die Zeitgenossenschaft ist der Begriff der Diaspora heute von enormer Wichtigkeit in der Kunstwissenschaft. Denn die Kunstwissenschaft hat in den letzten Jahren verstärkt danach gefragt, was Diaspora Art ist.


Foto: WeltWissen

Die Bedingungen der Diaspora, der zerstreuten Gemeinde, sind bereits durch Salman Rushdies Midnight’s Children 1981 und die Post-colonial Studies in den Fokus der Wissenschaft gerückt. Denn die Diaspora ist ein heimlicher und un-heimlicher Ort zugleich. In der Diaspora brechen die Fragen nach Identität und künstlerischer Produktion auf.

 

Neuerlich kommt die Rede auf Archipelagos als Cluster von Wissensinseln. Zerstreuung und Cluster unterschiedlicher Wissensinseln sprechen nicht mehr von Weltwissen als kolonialem Programm. Diaspora und Archipelagos haben die Linearität als Modell von Wissen aufgelöst. Wissen verändert sich zumindest im Bereich der Kulturwissenschaften zur Diaspora und zum Cluster. Wenn man die Katastrophen des Wissens stärker in den Vordergrund rückt, sollte das fast zu einer Selbst-Verständlichkeit werden.


Foto: Roman Maerz (Ausschnitt)

Wir befinden uns immer noch in den Fußstapfen von Robert Koch in Afrika, obwohl dieser bereits vor 100 Jahren verstorben ist. Wir haben an Schrauben gedreht, um Katastrophen zu vermeiden. Doch die Wissens-Modelle vom Körper, von Reinheit und Hygiene, die unsere gesamte Existenz durchziehen und organisieren, sind keine unschuldigen. Sie funktionieren und ruinieren zugleich.

 

Bevor Robert Koch 1883 in Ägypten zweifelsfrei den Erreger der Cholera nachweisen konnte, galten Cholera-Epidemien in Europa, ja in Berlin als mythisch. Sie kamen schon damals von anderswo her. Der prominenteste Philosoph der Berliner Universität, Friedrich Hegel, soll ihr 1831 in Berlin zum Opfer gefallen sein. Heute grassiert in Haiti eine Cholera-Epidemie, der die globalisierte Welt mit Gruseln am Bildschirm beiwohnt. Das Wissenschafts-Phantasma Robert Kochs von einer Welt ohne Schlafkrankheit und Cholera ließ sich bis heute nicht einlösen.

 

Torsten Flüh

 

WeltWissen

300 Jahre

Wissenschaft

in Berlin

Martin-Gropius-Bau

noch bis 9. Januar 2010


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Categories: Medien Wissenschaft

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