Wechselstimmung im Grünen Salon - Boris Steinbergs letzter Chanson Salon 2016

Chanson – Kleinkunst – Salon

 

Wechselstimmung im Grünen Salon 

Boris Steinbergs letzter Chanson Salon 2016 in der Volksbühne 

 

Kann man in die Stimmung zwischen den Jahren hineinhören? Zwischen Kirchenjahr und Kalenderjahr ist Berlin nicht nur so gut wie leer bis auf einige Bataillione feierfreudiger Auswärtiger, es ist auch merkwürdig ruhig, bis die ersten Böller gezündet werden. Am vorletzten Abend, bevor die große Sause beginnt, lud Boris Steinberg zu seinem Chanson Salon im Grünen Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Steinberg, der sich selbst als Chansonnier und wie man heute bisweilen eher sagt Singersongwriter einen Namen gemacht hat, hatte sich Dieter Rita Scholl und Arnold Krohne mit ihren Begleitern am Flügel bzw. Akkordeon eingeladen. – Welche Stimmung kam denn nun auf?

 

Ob und wie repräsentativ die Stimmung im Chanson Salon ist, lässt sich schwer entscheiden. Doch die Chansons von Boris Steinberg selbst, Dieter Rita Scholl und Arnold Krohne zwischen Hans Magnus Enzensberger, Otto Reutter und Bruno Balz sowie eigenen Texten entfaltete sich zwischen einer fortgeschrittenen Melancholie über kämpferisch-trotzigen Widerstand bis zur fatalistischen Feierlaune. Es war nicht zuletzt der homosexuelle Textdichter Bruno Balz, der unter erpresserischem Zwang des nationalsozialistischen Regimes dem Chanson den Fatalismus einschrieb. Schon 1940 texte er für Zarah Leander Er heißt Waldemar, wo statt dem „Ideal auf dieser Welt“ die „Wirklichkeit“ den Geliebten und die Liebe beschert.

  

Fatalismus gehört nicht nur im deutschen Lied oder Chanson zu einem meist groß orchestrierten Gefühlsausbruch. Édith Piaf erhob ihn 1960 mit Non, je ne regrette rien zum Gipfel des Chansons. Non! Rien de rien ... Non! Je ne regrette rien ...  Ni le bien qu'on m'a fait. Ni le mal tout ça m'est bien égal! Unglücklich Liebende ergeben sich nur allzu gern ihrem Schicksal. Non, je ne regrette rien hätte von Bruno Balz geschrieben werden können. Die Stimmung war bereits in Er heißt Waldemar angelegt, die sich ebenso gut von jedem unglücklich männerliebenden Mann teilen ließ. Allerdings hatte Balz mit der Eröffnungssequenz dem Fatalismus eine widerständische Note gegeben. Denn das blonde Ideal der Rasseideologie war eben nicht die „Wirklichkeit“. 

Mein Ideal auf dieser Welt 

Das ist für mich der kühne Held, 

Der große blonde Mann. 

Er kommt aus einem Märchenland 

Und reicht mir seine starke Hand, 

Die mich zerbrechen kann. 

So sieht der Mann meiner Träume aus 

Sein Name ist Ralf oder Per. 

Die Wirklichkeit sieht aber anders aus,   

 

Arnold Krohne trifft beim Waldemar-Chanson exakt den Ton. Die fatalistische Liebe versteckt mit der rhythmisch-rauschhaften Musik von Michael Jary perfekt den politisch-weltanschaulichen Unterton. Es ist anzunehmen, dass sogar Goebbels und die SS-Jungs in Berlin den Chanson auf den Stühlen mitsangen oder zumindest Zarah Leander bejubelten. Die Kunst eines guten Chansons besteht vielleicht weniger in der Kongruenz von Erzählung und Musik als vielmehr darin, dass das Publikum nicht so ganz genau merkt, was ihm eingeschenkt, es aber großartig findet, wie es ihm dargeboten wird. In diesem Bereich der Kunst des Chansons ist Arnold Krohne zweifellos grandios. Fatalismus kann außerordentlich unterhaltend sein. Deshalb sind gerade Bruno Balz‘ Texte mehr als flüchtige Schlagertexte.[1]

 

Der Fatalismus in den Chansons von Bruno Balz verdankt sich dem Paradox als literarische Operation. So ist es gerade der NS-Propagandafilm Die große Liebe (1942), in dem sich Spiel- und Dokumentarfilm überschneiden. Der Krieg macht den Film und das Wunder der „große(n) Liebe“. Nur dadurch, dass die Liebe durch immer wieder neue Wendungen und Missverständnisse als unmögliche vorgeführt wird, lässt sie sich in ihrer Größe steigern und als begehrenswert inszenieren. Die Wendungen des Krieges machen Die große Liebe allererst möglich. Darin liegt nicht zuletzt die filmische Strategie des Regisseurs und Drehbuchautors Rolf Hansen. Der Film spielt keine Wirklichkeit vor, sondern er ist augenscheinlich durch die Kombination der Dokumentaraufnahmen mit der Liebesgeschichte wirklich geworden. Die Liedtexte von Bruno Balz Davon geht die Welt nicht unter und Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n lassen sich dabei ebenso als Durchhalteparolen gebrauchen wie in einen fatalistischen Humor verwandeln.[2] Sie sind beides „Durchhalteschlager und Widerstandslied“. Vor allem aber eine vorbestimmte Verschmelzungsphantasie, die sich kriegstechnisch nutzen lässt.  

Wir haben beide denselben Stern 

und dein Schicksal ist auch meins. 

Du bist mir fern und doch nicht fern, 

denn unsere Seelen sind eins.

  

Boris Steinberg, der bei der kürzlich verstorbenen Chansoniere und Diseuse Gisela May die hohe Schule des Chansonvortrags studierte, neigte in seinen Chansons im Grünen Salon eher zur Melancholie. Die Melancholie ist bei Steinberg ebenso politisch wie sie mit einer queeren Geste dargeboten wird. Gäbe es die queere Geste bei Steinberg nicht, diesen Schuss Diva, dann wäre die politische Melancholie über die ungerechte Verteilungslage in der bundesdeutschen Gesellschaft, möglicherweise nur traurig. Statt Punk und Rebellion einzufordern, reicht Steinberg lieber etwas zum Knabbern. Natürlich kann man auch politisch Knabbern anstatt in spießiger Idylle. In Knacker und Kräcker dichtet und singt Steinberg: 

Hysterie / im 24-Stunden-Takt, alles überschlägt sich 

alles macht sich nackt und Alles ist entzündet 

alles wird begründet, alles ist Angst, 

alles ist Geld, alles wird zerredet, 

alles verdreht, bis keiner mehr versteht,

worum es wirklich geht.

Und wir sitzen da / essen ein paar Knacker.

trinken Sektchen / und halten uns ganz wacker.

 

 

Steinberg wehrt und positioniert sich als Chansonnier gegen das Angstmachen. Doch die Melancholie lässt sich wenigstens in Knacker und Kräcker nicht überhören. Die Nachrichtengewitter und den Social Media scheinen alle und alles hilflos ausgeliefert zu sein. Die Melancholie als Stimmung könnte fast schon in einen Fatalismus kippen. Doch das ist Steinbergs Haltung nicht. Die Kritik am spießigen Knabbern soll schon gut formuliert sein. Neuerdings werden gar Grünkohl und Rote Beete als Chips in veganen und tiefenbewußten Kreisen geknabbert. Grünkohl! Fast wäre der gerade im Supermarkt abgeschafft worden, da taucht er im Bio-Deli von Proviant auf: „Grüner Smoothie mit Apfel, Kiwi, Spinat & Grünkohl“.

 

Kurz: dem Knabber-Chanson fehlte ein wenig die letzte Aktualität. Berlin – „Willkommen bei Proviant in Berlin. In unserer feinen Berliner Fruchtmanufaktur machen wir leckere Smoothies, ganz von Hand, noch wie bei Mutti.“ – und Deutschland leiden weniger unter einem Verlust an Sicherheit als man denkt, wenn Smoothies und Craft Beer ebenso wie Trockenchips „noch wie bei Mutti“ gemacht werden. Keine Melancholie bitte. Es gibt Smoothies von Proviant für den smoothie-üblichen Preis von 2,48 € für 240 ml. Man kann das auch „ganz schön teures Gemüse“ nennen. Oder kann sich das etwa jemand nicht leisten? Das wäre dann wieder die Verteilungsfrage und Boris Steinberg hätte dann doch recht mit seinen melancholischen Chansons.

 

Dieter Rita Scholl gehört zu den schillerndsten Chansoniers der neueren Berliner Chansonszene, die im Grünen Salon noch dreimal bis zum Spielzeitende und dem Ende der Ära Frank Castorf an der Volksbühne eine Heimat gefunden hatte. Dieter Rita ist schon eher eine Diseuse. Eine Diseuse ist redegewandt, wenn man die französische Herkunft des Begriffs berücksichtigt. Dieter Rita, liebt die Zeit zwischen den Jahren und den Geschlechtern. Dieter Rita hat in großen Filmen und Fernsehserien gespielt. Regelmäßig wirkt Dieter Rita in den Filmen von Lothar Lambert mit. Erscheint auf dem Roten Teppich beim Teddy Award im schwarzen Abendkleid mit langem Schlitz. Und In Showtime Goes By (2007) von Lothar Lambert über die Existenz von Kleinkünstlerin hat er auch mitgemacht. Es gibt da einen Ausschnitt, in dem Dieter Rita als ein mysteriöser Meister in einem Cazzo Film auftritt. Cazzo dreht u.a. schwule Berlin-Pornos.

 

Das aktuelle Programm von Dieter Rita Scholl und René Mense heißt LILA NÄCHTE  – Kein Talent fürs Establishment. Es gibt sich kämpferisch und links. Der Chanson war immer auch ein Kampflied. An diese Tradition knüpft das Programm an, das wohlgemerkt mit dem Lila Lied von 1920 und nicht etwa rosa begann. Rosa erfanden die Nazis als Stigmatisierung im KZ. Das Lila Lied entstand im Umfeld und quasi mit der Semantik des Dokudramas Anders als die Andern (1919) von Richard Oswald, das die tragischen Folgen des Homosexuellenparagraphen, § 175 Strafgesetzbuch, als erster Film zur Homosexualität überhaupt thematisierte. Da Anders als die Andern ein Stummfilm mit Zwischentiteln war und schnell verboten wurde, ist das Lila Lied von Kurt Schwabach quasi der Ton zum Film. 

Wir sind nun einmal anders als die Andern, 

die nur im Gleichschritt der Moral geliebt, 

neugierig erst durch tausend Wunder wandern, 

und für die's doch nur das Banale gibt. 

Wir aber wissen nicht, wie das Gefühl ist, 

denn wir sind alle and'rer Welten Kind, 

wir lieben nur die lila Nacht, die schwül ist, 

weil wir ja anders als die Andern sind.  

  

Das Kämpferische am Chanson wurde von Friedrich Hollaender für die frühe Hitler-Kritik 1931 in der Revue Spuk in der Villa Stern mit An allem sind die Juden schuld zur bissigen Satire transformiert. Dieter Rita Scholl präsentierte das Chanson mit einem Hinweis auf die aktuelle politische Debatte und der Suche nach den Schuldigen, die an 1931 erinnere. Er schleuderte dabei eindrucksvoll die boshaften Überspitzungen fast schon mehr als Sprechgesang ins Publikum.[3] Die sprachliche Komposition aus Redewendungen, die so montiert werden, dass sie sich als haltlose Behauptungen selbst entlarven, entstellt den Sinn, der behauptet wird. Das Sprechen wird selbst verräterisch. Hollaender gelingt dies mit großer Kunst. 

An allem sind die Juden schuld! 

Die Juden sind an allem schuld! 

Wieso, warum sind sie dran schuld? 

Kind, das verstehst du nicht, sie sind dran schuld. 

Und Sie mich auch! Sie sind dran schuld! 

Die Juden sind, sie sind und sind dran schuld! 

Und glaubst du’s nicht, sind sie dran schuld, 

an allem, allem sind die Juden schuld! 

Ach so!   

 

Das Chanson als Schauplatz der Sprache und des Sprechens wird von Friedrich Hollaender präzise inszeniert durch die Wiederholung in einer syntaktischen Umstellung. Die Formulierungen laufen stets auf die Schuld hinaus. Durch die Modi von Frage und Antwort wird vorgeführt, dass es gar nicht auf die Antwort ankommt, sondern dass diese bereits mit der Frage feststeht. Gleichzeitig wird ein Wissensprozess vorgeführt. Wie das Wissen über die Juden gemacht wird, zeigt sich mit dem abschließenden „Ach so!“ als geglückte, hingenommene Übertrag von Wissen. Die „Juden“ werden auf diese Weise geradewegs zu universalen Sinnstiftern. Mit ihnen lässt sich alles begründen, was nicht erklärt werden kann. Gleichzeitig tauchen damit Modus und Funktion der Verschwörungstheorie(n) im öffentlichen Diskurs auf. Die Juden lassen sich nur allzu gut durch „Muslime“ und/oder „Flüchtlinge“ ersetzen.

Durch die queere Vortragsweise von Dieter Rita Scholl kam so das Politische des Chansons als spezifische Kleinkunst im Unterschied zum Schlager oder Lied besonders deutlich zur Geltung. Der Schlager produziert unablässig Erzählungen, während der Chanson das Sprechen und Erzählen selbst zum Thema machen kann. Es sind geringe syntaktische Operationen bei gleicher Lexik, die den anderen Sinn oder die Sinnproduktion im Kleinen überhaupt vorführen. Kleinkunst entsteht nicht einfach als Unterscheidung zur größeren Kunst auf großen Bühnen, vielmehr fordert sie immer dazu auf, genau und einzeln hinzuschauen oder hinzuhören, was sonst in großer Orchestrierung untergeht. – Im neuen Jahr – 2017 – werden wir also sehr viel dringender darauf angewiesen sein, Chansons zu hören, um die Stricke und Tricks der großen Versprechen und Lösungen besser wahrnehmen zu können. 

 

Torsten Flüh 

 

Boris Steinberg 

28. Januar 2017 – SALON CHANSON mit Manuela Sieber und Amalia Chikh 

4. März SOLO KONZERT – Grüner Salon 

21. April – SALON CHANSON mit Scarlett O. und Loosefit 

20. Mai – der LETZTE!!!!  FINALE mit VIELEN GÄSTEN!! 

Grüner Salon – Volksbühne Berlin 

Rosa-Luxemburg-Platz 

 

Dieter Rita Scholl 

LILA NÄCHTE 

Kein Talent fürs Establishment

 

Arnold Krohne

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[1] Siehe auch: Torsten Flüh: Der Wind, das Foto und Bubi. Verzaubert in Nord-Ost – Queer History Ausstellung in Berlin-Pankow. In: NIGHT OUT @ BERLIN 13. Juni 2010 23:08.

[2] Siehe dazu auch: Georg Nagel: Durchhalteschlager und Widerstandslied: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh‘n“ von Zarah Leander (Text: Bruno Balz). In: Deutsche Lieder. Bamberger Anthologie 8. Juni 2015.

[3] Vgl. zur Sprechstimme auch Arnold Schönbergs Pierrot Lunaire und zum Sprechgesang Die glückliche Hand.