Große Mythen anders und witzig durchtanzt - Zu Nick Power und Euripides Laskaridis/Osmosis bei Tanz im August

Kampf – Titan – Mythos 

 

Große Mythen anders und witzig durchtanzt 

Zu Nick Powers Between Tiny Ciities und Euripides Laskaridis'/Osmosis' Titans bei Tanz im August

 

Sie haben gerade wieder ein Wochenende von Tanz im August verpasst. – Das ist natürlich keine gute Eröffnung für eine Besprechung, die auf internationale, außerordentliche Tanz-Ereignisse in Berlin aufmerksam machen möchte. Doch das Ereignis kann man nicht vorhersehen, weshalb das Erzählen immer der Nachträglichkeit unterliegt. Die 30. Ausgabe von Tanz im August erfordert die Bereitschaft und Offenheit für das Ereignis. Man kann die Ankündigungen im Programm lesen, vielleicht sogar einen Trailer anschauen, doch das verstellt vielleicht schon die Offenheit, damit das Ereignis eintreten kann. Der Berichterstatter überlässt sein persönliches Programm gern dem Zufall. Was zeitlich passt, schaut er sich an – und ist dann nach einem Wochenende mit 4 Aufführungen K.O.

 

Nach dem K.O. kommt das Erzählen. Choreograph*innen erzählen in sehr unterschiedlichen Modi, weshalb der Berichterstatter immer einen Moment braucht, um etwas nach der Aufführung darüber sagen zu können. Wenn er dann eine Besprechung z. B. zu Between Tiny Cities von Nick Power im großen Saal der Sophiensäle schreibt, geht es ihm nicht um ein blödes Ranking, das eine vermeintliche Vergleichbarkeit allererst herstellt. Vielmehr möchte er formulieren, was an der Choreographie einzigartig war. Between Tiny Cities und Titans von Euripides Laskaridis handeln von mythologischen Kämpfen. Kämpfe können brutal und verstörend oder klug und witzig sein. Power und Laskaridis gehen in Between Tiny Cities und Titans mit Mythenmaterial ganz unterschiedlich um.

 

In Between Tiny Cities wird gekämpft. Die Zuschauer*innen bilden einen Kreis, in dem der Kampf stattfinden wird. Und in gewisser Weise geht es in dieser Choreographie ein wenig zu wie 2013 beim Kampf von Dalibor Music um die Internationale Deutsche Meisterschaft K1 in Dessau. Nur das Publikum ist ein anderes. Es verhält sich bis auf zwei Kleinkinder ruhiger. Es versucht nicht, in den Kampf einzugreifen. Die Kämpfer werden nicht durch Zurufe angefeuert. Doch ein kleiner Junge reagiert quasi mit Brabbeln, als einer der Tänzer rhythmisch Unverständliches spricht. Ein guter Moment, der überhaupt nicht stört. Vielmehr könnte er zeigen, worum es mit dem Sprechen immer auch geht: eine eigentümliche Kombination aus Kampf, Überbietung und Kommunikation.

  

Kommunikation ist immer auch Kampf durch Überbietung. Es geht darum, dass sich die Gegner herausfordern, reizen, den Körper ausspielen und einsetzen. Schnelligkeit und Geschmeidigkeit zählen mehr als die Schlagkraft der Faust oder Füße. Im Ballett wird nicht zugeschlagen. Doch Nick Powers Choreographie situiert sich an der Schnittstelle von Kickboxen, Elementen des Khmer-Tanzes und Hip-Hop, schon deshalb weil Erak Mith aus Pnom Penh und Aaron Lim aus Darwin sich in der australischen B-Boy-Szene begegnet sind. Die Kommunikation unter B-Boys findet mehr als Kampf bzw. battle, wie es im Jargon heißt, statt.

 

B-Boys tragen ihre Battles auf der Straße aus. Sie tragen Straßenkleidung und entwickeln individuelle Bewegungsabläufe, mit denen sie ihren Gegner durch Artistik, Gestik und Körperpräsenz beeindrucken wollen. Nick Power ist/war ebenfalls B-Boy. Er hat sich in Australien und über ein australisches Tanzstipendium für Paris quasi in die internationale Tanzszene hochgearbeitet. Denn Breakdance als Tanzgenre mit street credibility spielt aktuell für Choreographen eine immer größere Rolle wie auch die umjubelte Deutschlandpremiere von Pixel der Compagnie Käfig von Mourad Merzouki am Centre Choréographique National de Créteil im Großraum Paris deutlich machte.

 

In den Eigen-Choreographien der B-Boys geht es um Wettbewerb, Männlichkeit und Freundschaft. Das Eigene wird durch Stile, Bewegungskombinationen und Posen entwickelt. Es gibt Gesten und Posen bei den B-Boys. Mit Gesten wird gekämpft. Die Pose zeigt, wie man als B-Boy gesehen werden möchte. Die Pose ist der Wunsch oder das Begehren, gesehen zu werden. Die Geste wird im Kampf eingesetzt, wie es Jacques Lacan einmal in seinem Seminar in Bezug auf eine Peking-Oper Aufführung in Paris formuliert hat. Sie ist bereits eine Verletzung oder Unterbrechung und kann als Aggression verstanden werden. Darin besteht die Herausforderung der Geste, die zugleich das Eigene anschlägt.  

 

Wenn Between Tiny Cities als eine Erzählung der Freundschaft zwischen den B-Boys Erak Mith und Aaron Lim gelesen wird, wie es Nick Power im Interview mit Thomas Hahn vorschlägt, dann geht es auch um sprachliche Prozesse durch Tanz.[1] Nick Power erzählt davon, wie er als Jugendlicher in einer kleinen, um nicht zu sagen, tiny (winzigen) Stadt namens Toowoomba in Queensland, 107 Kilometer von Brisbane aufwuchs, durch Hip-Hop Breakdance zum ersten Mal im Video sah und sich selbst als einzigem in der Stadt Breakdance beibrachte. Es gibt immerhin eine regionale Universität für Southern Queensland, wie man heute mühelos aus dem Internet erfahren kann. Doch tendenziell hört sich Toowoomba eher nach Koala und Känguru statt B-Boy an. Die Coolness, um die es auch geht, hat seltsame Ursprünge.

 

Autobiographisches überschneidet sich für den B-Boy mit dem Tanz als eine Art Selbstfindung oder Erfindung des eigenen Stils, was denkbar unbewusst stattfindet, wenn Nick Power etwa James Reddick von der Phnom Penh Post erzählt, dass Aaron Lim einen technischen, geradlinigen Stil entwickelt habe, während Erak Mith nicht einmal wisse, was er tue.[2] Der Körper des B-Boys weiß insofern möglicherweise mehr als er von sich selbst. Man könnte vielleicht sogar sagen, dass das Selbst des B-Boys aus der Differenz entsteht, das sich nicht wissen lässt und das schwierig ist, genau zu wiederholen. 

Aaron has this linear progression that he follows, whereas Erak’s style is just – he doesn’t know what he’s going to do. He does this amazing thing and I’m like ‘oh man, can you do that again?’ And he’s like ‘I don’t even know what I did.’[3]

 

Wenn man am Rande des Kreises während der Deutschlandpremiere von Between Tiny Cities steht, dann ist es auch, als werde ein Mythos von Boyishness, Männlichkeit und Freundschaft zur Wertschätzung aufgeführt. Die Choreographie dauert zwar nur 40 Minuten, doch sie erweist sich als außerordentlich vielschichtig bis zu Erak Miths rhythmischen Versen auf Khmer, in die der kleine Junge wie von selbst einstimmt. Aaron Lim spricht nicht bzw. ausschließlich durch seinen Körper. So unbewusst Erak Mith seine Choreographie auch entwickeln mag, in der immer wieder Gesten aus dem Tai-Chi Chuan aufblitzen, so sehr sind sie doch kulturell durchdrungen.

 

Breakdance und Tai-Chi Chuan oder das aggressivere Kickboxen durchdringen einander. Im Tai-Chi Chuan wird mit einem Repertoire an Gesten gekämpft, um eine Persönlichkeit zu finden. Sie ist weniger eine Ausdruckspraxis als eine Praxis der sich verändernden Bildung. Und Breakdance ist in gewisser Weise ein Protest gegen die Regeln des Tanzes als Ballett, wie es bei Oh Louis … von Robyn Orlin mit Louis XIV. als erstem Tänzer des Staates und damit auch als Verkörperung des Staates vorgeführt wurde. Die Rebellion gegen den Staat und die Ordnung wird durch die Straßenkunst Breakdance in artistischen, gleichwohl kaum oder gar nicht geregelten Gesten aufgeführt. Battle statt Ballett, könnte man sagen. Dem wird auch der aggressive bis zärtliche Sound von Jack Prest gerecht.

 

Der Titel Titans von Euripides Laskaridis‘ Choreographie appelliert unversehens an den Kampf der Halbgötter in der griechischen Mythologie gegen die Götter des Olymps. Es ist nicht nur ein europäischer Mythos, sondern seit Johann Joachim Winckelmann und seinem Bild der Männlichkeit in der Moderne der männliche Mythos von Europa.[4] Zwar wird Europa durch eine gleichnamige Frau als Geliebte, Entführte und wohl durchaus Missbrauchte verkörpert, aber das Bild des Mannes und Menschen in der europäischen Moderne ist der titanische, durch Sport und Diäten gleichwohl sexualisierte Körper des Mannes, wie ihn Johann Joachim Winckelmann in seinen Briefen der Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werk in der Malerey und Bildhauerkunst (1756) formuliert hat.[5] Zwar wird Euripides Laskaridis für das „Kathartische() Gelächter“[6], das seine Kreatur auszulösen vermag, gelobt, doch seine Dekonstruktion des Mythos Europa ist folgenreicher und schmerzhafter.


© Elina Giounanli

„Bedecke Deinen Himmel Zeus“ beginnt der Titan Prometheus bei Johann Wolfgang Goethe 1771 seine Selbsterzählung als Hymnus. Denn Prometheus will bei Goethe ein neues, modernes „Geschlecht“ schaffen: „(n)ach meinem Bilde,/Ein Geschlecht das mir gleich sei,/Zu leiden, zu weinen,/Zu genießen und zu freuen sich/Und dein nicht zu achten,/Wie ich!“[7] Das göttliche Geschlecht der Titanen gerät mit dem Gesetz und der Macht des Zeus‘ ständig in Konflikt. Die Söhne des Titanen Iapetus, vor allem Atlas und Prometheus, werden in der Moderne zu Vorbildern für ein emanzipiertes, europäisches Menschengeschlecht. Prometheus, in etwa der Vorausdenkende, wird zum Inbegriff eines neuen Menschen- und Männerbildes.[8] Die antiken Quellen der Titanen Mythen mögen sich unterscheiden. Doch der Mythos Europa wird in der Moderne mit den männlichen Titanen, die übermenschliches leisten, verknüpft.

 


© Elina Giounanli

 

Das kurze Gedicht Prometheus von Goethe wird in der Literaturgeschichte als eine Art Frühwerk eher marginalisiert. Doch es markiert einen Bruch, an dem sich ein Ich sein eigenes, narzisstisches Spiegelbild als Geschlecht schafft – „Wie ich!“. Die Überschneidung von griechischer Mythologie und Imagination generiert ein rebellisches wie überhebliches Menschenbild als Spiegelung des titanischen Mannes. Der Titan als Geschlecht hat keine Ängste mehr vor der Autorität. Er ist nicht lächerlicher, sondern ein kämpferischer Schöpfer oder Kreator. Euripides Laskaridis' Kreatur gibt sich dagegen ebenso kreativ wie ängstlich. Sie lernt gar die Anbetung einer höheren Macht, einer Göttin oder eines Gottes. Sie entspricht nicht dem Menschenbild der antiken Plastik, wie Winckelmann sie in Perioden hierarchisiert hat.

Euripides Laskaridis Titan/in, er spricht von „creature“ beim Toast an‘ Talk in der Bücherei im August, der Tanz-Bibliothek im Festivalzentrum am HAU2, ist keinesfalls nur lächerlich. Sie ist ein veritabler Skandal des Europa-Mythos'. Geschlechtlich lässt sich sein Titan ebenso wenig wie die eher assistierende Kreatur von Dimitris Matsoukas einordnen. Unter dem hautfarbenen Anzug mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen lugen die Brusthaare des Performers hervor. Sie hat einen Bauch wie eine Schwangere. Die Kreatur hat eine stark ausgebildete Stirn, mit der sich entweder sehr gut oder sehr schlecht denken lässt. Das lässt sich nicht genau sagen, weil die Aktionen, die sie auf der Bühne ausführt entweder als sehr geheimnisvoll, mythisch oder als kompletter Unsinn wahrgenommen werden können. Auf jeden Fall greift die Kreatur das titanische Bild von Europa.


© Julia Mommert

Zu den Titanen gehören auch die Urverkörperungen von Kronos als Zeit, Ozeanos oder Hyperion als Sohn der Höhe. Laskaridis‘ Titanen lassen sich allerdings nicht namentlich bestimmen. So können die Aktionen auf der Bühne beispielsweise beim Knabbern von Styroporplatten ebenso gut Kronos wie Mnemosyne in Erinnerung rufen. Mit dem Geschlecht der Titanen beginnt quasi eine Benennung und Einteilung der Welt. Die Theogonie des Hesiod schafft eine Genealogie und Ordnung der Welt, in der in jedem Wink ein Gott vermutet wird. Doch diese Anreicherung von Welt mit eigensinnigen Göttern scheitert letztlich auch immer in seiner Komplexität. Gleichwohl gibt es ein Versprechen von Sinn und Kategorien, das indessen nicht identifiziert werden kann. Im Gespräch lehnt Euripides Laskaridis Kategorien als Festlegung für seine Performance beherzt ab.

 

Ist das Lachen noch erlaubt? Oder bleibt es schon im Halse stecken? Gelacht wurde herzhaft und etwas eingeübt. War das alles schon Komödie oder noch Tragödie? Ist es überhaupt eine Tragödie Europas, weil sich für Euripides Laskaridis nach und mit der Finanzkrise als Grieche der Mythos Europa kaum noch erzählen lässt? Finanzen und Europa erodierten. Griechenland verschluckt in Schulden und heimgesucht vom Braindrain. Natürlich gibt es auch eine gute Portion von Camp und Queerness in Titans. Die Bühne (Euripides Laskaridis) ist zwischen Chaos und Drama gut durchkomponiert. Die Originalmusik und der Sound von Giorgos Paulios wechseln zwischen Schöpfungs- und Zertrümmerungsmythos. Alles ist nichts und ganz viel mehr zugleich. Vielleicht gibt es deshalb einen Begeisterungssturm im Publikum am Schluss.

 

Torsten Flüh 

 

Tanz im August 

noch bis 2. September 2018

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[1] Thomas Hahn: Breakin’ the borders. Bei Tanz im August bringen sich B-Boys aus vier Kontinenten in Stellung. In: Tanz im August. Magazin 2018. 31. Juli 2018, S. 63.

[2] James Reddick: Contemporary dance project tells a tale of two B-boys. In: The Phnom Penh Post 31 March 2017 | 07:16 ICT.

[3] Ebenda

[4] Vgl. dazu: Torsten Flüh: Die Geburt der Muckibude aus dem Altertum. 300 Jahre Johann Joachim Winckelmann mit Winckelmann – Das göttliche Geschlecht im Schwulen Museum*. In: NIGHT OUT @ BERLIN 2. Juli 2017 22:24.

[5] Vgl. dazu: Torsten Flüh: Zur Verfertigung der Wissenschaft mit Briefen. Die Weimarer Ausstellung und der Katalog Winckelmann. Moderne Antike und die aktuelle Winckelmann-Forschung. In: NIGHT OUT @ BERLIN 31. Juli 2017 19:29.

[6] Florian Gaité: Katharthisches Gelächter. Der umtriebige Performer, Schauspieler und Regisseur Euripides Laskaridis gilt als Neuentdeckung der griechischen Kunstszene. In: Tanz … [wie Anm. 1] S. 28-31.

[7] Johann Wolfgang Goethe: Prometheus. (um 1771) Kaliope

[8] Vgl. auch: Torsten Flüh: Lieber gefesselt und gestochen, als von Angst regiert. Jossi Wielers Prometheus, gefesselt in der Schaubühne. In: NIGHT OUT @ BERLIN 29. November 2009 20:13.