Ziemliches heftiges Verräter-Ding - Zur Uraufführung von Falk Richters Projekt Verräter Die letzten Tage

Verrat – Sprache – Workshop

 

Ziemlich heftiges Verräter-Ding 

Zur umjubelten Uraufführung von Falk Richters Projekt Verräter — Die letzten Tage 

 

In dieser Endzeitlandschaft auf Rindenmulch zwischen Punkrockband-Ecke und Sofa mit Plüschhund unter Videowänden (Katrin Hoffmann, Bühne) geht es knallhart zur Sache. Was in den letzten Tagen, Wochen oder Monaten über die Screens (Aliocha van der Avoort, Video) geflimmert ist, wird hart an der Kante zum Absturz in Songs (Nils Ostendorf, Musik), Dialogen und Monologen geschreddert. Trump, Erdogan, Putin als News und dann die drei als Partymasken über nackten Brüsten. Falk Richters Projekt am Gorki Theater zerkloppt den Medienmüll der neuen Autokraten, der doch ziemlich krass in die Wahrnehmung hineinfunkt. Der Blick ist verrutscht. Der Homocon Milo Yiannopoulos unterstützt Trump, Schwule wählen AfD und eine Lesbe wird deren Spitzenkandidatin. Geht’s noch?

 

Auf dem Plakat zu Verräter gibt es eine Irritation. Der Mann mit nacktem Oberkörper blickt zur Seite und hält eine größere Spiegelscherbe vor die Augenpartie. Die Augen aus der Glasscherbe schauen nicht zur Seite, sondern geradeaus auf den Betrachter, kann man sagen. Esra Rotthoff erzählt mit ihrem Foto für das Plakat ihre Verrätergeschichte. Mit der Glasscherbe hat sich der Mann T R A I T O R tief in die Haut der Brust geritzt. Klar Maskenbildnerei und/oder Photoshop. Aber doch: eine Selbstverletzung. Ein Selbst, das sich verletzt und dessen Blick schmerzlich verrutscht ist. Der Mann sieht sich selbst als traitor, als Verräter. Diese Figur der Selbstverletzung, dass man sich selbst oder andere plötzlich als Verräter sieht oder auch weil frau sich durch die Sprache verraten fühlt, entfaltet sich mit Falk Richters neuem Projekt.

 

Was sich seit ungefähr Spätsommer 2015 in der politischen Meinungsbildung verschoben hat, kommt einer Erosion politischer Haltung und Demokratieverständnis gleich. Sich selbst als Verräter zu fühlen, wird geradewegs zur Auszeichnung von Wahrnehmung. Ließ sich mit FEAR (Oktober 2015) von Falk Richter noch über die konservative, ja, reaktionäre Programmatik der AfD und ein Nachleben der Diskursfriedhöfe nachdenken, so haben sich Schwule und Lesben in der „Bundesinteressengruppe Homosexuelle in der AfD“ oder auf Twitter als „AHO – Alternative Homosexuelle“ organisiert. Oha, oha! AHO ist letztlich ein spiegelndes Anagramm aus oha. Kurz: Statt einem reaktionären Chefideologen wie Marc Jongen mit biologistisch-taditionellem Familienbild wird Alice Weidel mit Patchwork-Familie in der Schweiz zur Spitzenkandidatin gekürt. Solche Verwandlungen im Verein mit Beatrix von Storch und Alexander Gauland kommen sonst nur im Vollrausch oder Alptraum vor.

Das Gefühl, wie es Mareike Beykirch in ihrem Monolog mehr oder weniger autobiographisch formuliert, 1986 in Quedlinburg geboren zu sein, Anhaltinisch zu sprechen, in Ballenstedt – „Die Wiege Anhalts“ – mit dem Schlosstheater in den 1990er Jahren in einer Plattenbausiedlung aufgewachsen zu sein, während alle Verwandten ihre Arbeit verloren, wegzugehen und dann jedes Jahr zu Weihnachten hinter einer Sonnenbrille geschützt zurückzukommen, weil sie sich als „Verräter“ empfindet, ist eigentlich eine Auszeichnung. Es bleibt in Falk Richters Projekt offen, wie und ob Mareike Beykirch ihre Geschichte erzählt. Es könnte ihre Geschichte des Niedergangs von Ballenstedt sein. Indessen präsentiert sich der Stadtrat von Ballenstedt mit seinem führenden Bürgerbündnis und Bürgerbündnis Rieder neben SPD, CDU und Linke als „Haus voller Rat und Tat“.[1]

 

Die Schauspieler*innen des Projekts spielen keine Rollen. Es werden zumindest keine Rollennamen im Programm genannt. Wie genau Falk Richter das Projekt, das kein Stück ist, erarbeitet hat, verrät der Programmzettel nicht. Es ist „durch Gespräche und Diskussionen mit den Schauspieler*innen des Ensembles entstanden“.[2] Das Projekt ist ganz nah an den Schauspieler*innen dran, doch für Text und Regie zeichnet Falk Richter dann doch verantwortlich. Mehmet Ateşçi, Knut Berger, Mareike Beyrkirch, Daniel Lommatzsch, Orit Nahimias, Ciğdem Teke und der Live-Musiker David Riano Molina sind auf der Bühne in das Projekt verwickelt. Die Monologe könnten ihre Texte und Monologe sein. War Mehmet Ateşçi während des Putschversuchs am 15. und 16. Juli 2016 wirklich mit seinem Freund in Istanbul? Die Video-Ästhetik zu seinem Monolog legt zumindest nahe, dass Mehmet ausgerechnet in der Nacht als schwuler, in Berlin geborener Türke mit seinem deutschen Freund in Istanbul war. Und auch Mehmet fühlt sich in der Stadt, die er liebt, als Verräter.

 

Ist Verräter von Falk Richter Dokumentartheater oder ein Projekt wie ein Workshop für Autoren und Schauspieler? Und dann fällt die Formulierung: „Immer muss ich als Ich sprechen.“ Anders als im Dokumentartheater macht Falk Richter wiederum in einem längeren Monolog auf das Sprechen der Sprache aufmerksam. Diese Ebene der Reflexion findet im Dokumentartheater nicht statt. Verräter thematisiert auf durchaus mutige - soll man sagen, intellektuelle – Weise, das Sprechen von sich selbst. Gerade in der Weise, wie Falk Richter das Format des Monologs für alle 6 Schauspieler*innen einsetzt, wird das Sprechen von sich selbst und ob sich überhaupt sagen lässt, wovon man sprechen will, herausgearbeitet. Im Wechsel mit Songs und Dialogszenen stechen die Monologe hervor.

 
© Ute Langkafel, maifoto 

Der Monolog als theatralisch literarisches Format überrascht. In den Asyl-Monologen von Michael Ruf geht es immer darum, dass ein Ich seine Geschichte der Asyl-Suche und des Asyl-Verfahrens, lange bevor es zur „Flüchtlingskrise“ 2015 kam, „authentisch“ erzählt. Und der Monolog als Format des Sprechens auf dem Theater legt immer, eine meist verheimlichte Wahrheit offen. Der Monolog transportiert Wahrheit vom Ich in der Theatergeschichte. Zwar spricht Shakespeares Hamlet nicht ein einziges Mal das Ich aus, doch entwirft er gerade mit seinem Monolog – „To be, or not to be“ – eine Erzählung von sich selbst. Im Julius Caesar von Shakespeare wird der an die Römer gerichtete Monolog des Mark Antonius mit der häufigen Nennung des Ich geradezu verräterisch.[3] Das Sprechen im Ich wird zum Machtanspruch: 

Friends, Romans, countrymen, lend me your ears;   

I come to bury Caesar, not to praise him… 

I speak not to disprove what Brutus spoke, 

But here I am to speak what I do know…


© Ute Langkafel, maifoto 

Die Rede vom Ich funktioniert meistens in einer Logik der Identität, wie sie die politischen Parteien für Heimat, Zuhause, Tradition, Nation etc. nutzen. In Verräter wird der Identitätsdiskurs beispielsweise von und mit der Erzählung von Mareike Beykirch ins Paradox verkehrt. „Zuhause ist für mich da, wo ich mich als Verräter fühle“, sagt Beykirch. Das widerspricht als Formulierung der Rede von der Identität, die sie als Übereinstimmung mit dem Zuhause oder der Herkunft sehen will. Identität zielt auf eine Homogenisierung von Ich, Herkunft, Gesellschaft, Kultur und Nation, ja, „Kulturnation“, wie sie aktuell nicht zuletzt mit dem Gastbeitrag für BILD am Sonntag vom 30. April 2017, „Leitkultur für Deutschland – Was ist das eigentlich?“, von Thomas de Maizière für konservative Wählerschichten formuliert worden ist. Das Leitkultur-Papier des Innenministers setzt auf Identitätsstiftung in einem abgezirkelten Raum. Eine paradoxe Formulierung kommt in ihm nicht vor.


© Ute Langkafel, maifoto

Dadurch, dass Falk Richter das „Stück“ mit den Schauspieler*innen erarbeitet hat, entfaltet sich eine Pluralität. Jeder Monolog funktioniert nicht zuletzt deshalb anders, weil z. B. Orit Nahmias in Jerusalem geboren worden ist, ihre Schauspieler*innen-Ausbildung in Tel Aviv gemacht hat, selbst Stücke schreibt und häufig vom Deutschen ins Englische wechselt. Ein Dialog mit ihr über den Holocaust muss für Daniel Lommatzsch an der Darstellbarkeit der Shoa scheitern. Die Dialogansätze und Gespräche scheitern in Verräter in dem Maße, wie die Begriffe sogleich in ihrer Mehrdeutigkeit durchgearbeitet werden. Die Pluralität und ihr Entstehungsprozess im Projekt bewirken ein ebenso abwechslungsreiches wie vielschichtiges, aber gleichfalls heilloses Stück. Eine Art paradoxe, bisweilen lächerliche Heillosigkeit, die vielleicht gar nicht so sehr mit dem Untertitel „Die letzten Tage“ auf ein katastrophales Ende angelegt ist. Vielmehr könnte es auch auf eine Bestandsaufnahme der letzten Tage und Wochen gehen.

Als eine Art Scharnier für Verräter funktioniert der Text Über die Sprache von Falk Richter, der als Monolog von Knut Berger gesprochen wird. Es gehört zur Stückeschreiber- und Regiekunst von Falk Richter, dass Verräter insgesamt als aggressiv unterhaltsam wahrgenommen werden kann. Das Timing funktioniert ziemlich gut. Es wird nie langweilig. Kein die Aufmerksamkeit fordernder Monolog wird richtig zu lang. Dann gibt es wieder einen punkrockigen Song. Wut kann raus. Aber eben auch so ein literarischer Kloppertext wie Über die Sprache, der doch auch an Beckett erinnern könnte. 

die sprache ist ja so brutal, entweder sie beschreibt dich und schreibt dir ständig irgend etwas zu, das du dir gar nicht ausgesucht hast, das du nie als teil von dir erzählt haben wolltest, oder sie erwähnt dich gar nicht, und dann musst du ständig die geschichten anderer erzählen, dich verstellen und so tun als seist du gar nicht du oder als tue diese abweichung, diese DIFFERENZ gar nichts zur sache, und dann fühlst du dich wie ein VERRÄTER AN DIR SELBST dabei haben ja die anderen dich verraten …[4]

ÜBER DIE SPRACHE in einem kaum enden wollenden Satz mit drei Absätzen ist schon ein Supertext. Ein Übertext in gewisser Weise. Jede syntagmatische Operation stellt einen neuen Dreh her. Anders gesagt: Falk Richters Text funktioniert als größtmöglicher Gegensatz zur Ausdruckslogik von Thomas de Maizières „Leitkultur“. „Wir legen Wert auf einige soziale Gewohnheiten, nicht weil sie Inhalt, sondern weil sie Ausdruck einer bestimmten Haltung sind: Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand.“[5] Die Syntaktik von Falk Richters über die sprache führt insbesondere das Funktionieren der Sprache vor, das Ausdrucks- und Identitätslogik vergessen lassen wollen. Im Stück, das nicht wirklich ein Stück ist, wird unter anderem über das Funktionieren von Stücktiteln gesprochen. Weit über den aktuellen Bezug und das fraglose Funktionieren der Sprache in den Medien wird Verräter zu einer Performance des der Sprache eigenen Verrats: 

wollte ich DAS jetzt schreiben? nein, ich glaube nicht, wollte ich? nein, ich wollte nur sagen, sie sind alle schriftsteller, einige tun nur so, einige haben sich hier eingeschlichen in diesen workshop und machen trotzdem mit, auskunft von sich geben wollen sie alle, sie sind sich nur noch nicht sicher, was sie alles von sich VERRATEN sollen und ob sie über all das sprechen sollten, was in ihrer familie niemals gesagt werden durfte, manchmal muss die sprache schweigen und die falschen schützen und alle, die die wahrheit sehen und die wahrheit ans licht bringen, werden dann attackiert und abgeschossen und um sie zur strecke zu bringen, musst du sie vorab als VERRÄTER bezeichnen.

Das Timing und die Kombinatorik aus Selbstlebenserzählung, Medienkritik, einem Schuss Agitprop, Projekten und Punk-Songs lässt Verräter fast als Party wirken. Projekte, Punk, Party. Für die Songs machen die Schauspieler*innen und David Riano Molina zusammen Musik, als ginge es vor allem darum, etwas zusammen zu machen. Musik hilft. Unterhaltsam und aggressiv ist sie außerdem. Plakate der Punkbands Sex Pistols, The Ramones und Bad Religion in der Band- und der Zimmerecke geben einen Wink auf den Sound. Punk funktioniert zwar auch nicht mehr im Original, denn die hübschesten Punks mit vielen Tatoos und so laufen heute auf den Catwalks der Design-Modemacher direkt in die Konzernreife. Aber der Theaterbühnen-Punk gegen den politischen Frust kommt gut. Verräter ist rebellisch und satirisch, wenn beispielsweise der Hype um Didier Eribons Rétour à Reims (2009) und mehr noch über dessen verspätete Übersetzung ins Deutsche 2016 gealbert wird. Schwules Paar liest Rückkehr nach Reims und wird nicht schlau draus.   

Verräter persifliert nicht zuletzt den Homodiskurs. Ja, vielleicht ist Verräter überhaupt eine ziemlich subtile Persiflage als Projekt. Natürlich spricht sich der Text aus für die Ehe für alle samt Adoptionsrecht, um dann sogleich darüber zu spotten, wie der fünfzigodersojährige Schwule im Prenzlauer Berg mit seinem zwanzig oder dreißig Jahre jüngeren Mann den Kinderwagen zur KITA schiebt. Das ist ein wenig bissig. Soll allerdings vielleicht davor schützen, dass man nun die Lösung und Harmonie gar im Ehe- und Adoptionsrecht findet. Politisch fordern, ja, aber genauso machen muss man es nicht. Die Erfolgsfrau Alice Weidel hat es schließlich schon mit ihrer Frau in der Schweiz geschafft. Also wahrscheinlich ist die lang unterschätzte Persiflage überhaupt das Format der Stunde und letzten Tage. 

 

Torsten Flüh 

 

Verräter 

Die letzten Tage 

von Falk Richter 

Maxim Gorki Theater 

with English subtitles 

Nächste Vorstellungen 

11. und 13. Mai 19:30 Uhr 

17. Juni 19:30 Uhr    

_________________________________    



[2] Maxim Gorki Theater: Verräter – Die letzten Tage. Berlin 2017.

[3] Siehe auch: Torsten Flüh: Grandiose Schauspielerexperimente. Aujourd’hui und Cesare Deve Morire auf der Berlinale 2012. In: NIGHT OUT @ BERLIN 12. Februar 2012 21:44.

[4] Maxim Gorki Theater: Verräter … [wie Anm. 2]

[5] Thomas de Maizière: Leitkultur für Deutschland – Was ist das eigentlich? (Gastbeitrag für BamS 30.04.2017) (PDF S. 2)