Strategieratgeber für die (nächste) Berlinale - Nachmittags zu Inflatable Sex Doll of the Wastelands und Obscuro Barocco

Körper – Festival – Strategie 

 

Strategieratgeber für die (nächste) Berlinale 

Nachmittags zu Inflatable Sex Doll of the Wastelands in den Delphi Filmpalast und zu Obscuro Barocco im Zoo Palast 

 

Ausverkauft“ ist ein Berlinale-Mythos. Die meisten Aufführungen der Berlinale sind sehr gut besucht bis ausverkauft. Ausverkauft ist in jeder Hinsicht gut für das Image und die Statistik. Doch, wenn im Internet das rote Kreuzchen auf den Karten erscheint, sind noch längst nicht alle verkauft. Entweder Sie gehören zu den Leuten, die nur zu ausverkauften Veranstaltungen gehen. Das ist in Zeiten der Online-Buchung ein neuer Berlinale-Wettbewerb. Oder Sie sind Cineast. Nein, der Cineast muss nicht den ganzen Tag im Kino sitzen. Aber er tut es mehr oder weniger zu fast jeder Tageszeit. Freitag, den 23. Februar 2018, 14:00 Uhr: was läuft? Warum nicht Inflatable Sex Doll of the Wastelands?

 

Der Film in Schwarzweiß, ein japanischer Krimi, läuft im Delphi Filmpalast am Zoo. Früher Nachmittag mit einer „Aufblasbaren Sexpuppe aus den Abfallländern“ klingt fast nach Sexkino. – Cineast sollte nicht jemand sein, der alles über die Filme weiß, die er sehen will. Vielmehr ist er ein Liebhaber von Filmen, die ihn erstens überraschen und zweitens bei der Berlinale solche, in die man um 13:45 Uhr hineinkommt, weil an der Kasse im Delphi keine Schlange steht. Ihm fällt auf, dass die Syntax von Inflatable Sex Doll of the Wastelands irgendwie verschoben ist. Ein Cineast, so wie ich ihn verstehe, ist jemand, der fast nichts über den Film weiß, den er sich gleich anschauen wird. Das kann man natürlich nicht immer machen, aber Berlinale ist auch nicht immer, sondern Ausnahmezustand.

 

Inflatable Sex Doll of the Wastelands wurde zweimal auf der 68. Berlinale gezeigt. Sexkino? Geht es da wirklich um Sex mit aufblasbaren Sexpuppen 1967? Und wie wird das dann in einem Krimi verarbeitet und dargestellt. Andererseits ist der Titel syntagmatisch schon ein wenig verdreht. Was haben Abfallländer mit Sexpuppen zu tun? Anders als im Sexkino von früher ist das Publikum gemischt. Frauen und Männer, Alte und Junge. Brillen, Schals, teure Daunenjacken. Tatsächlich waren besonders viele, jüngere japanische Cineasten zur zweiten Aufführung auf der Berlinale des obskuren Krimis von 1967. Nach 86 Minuten war Schluss. Dann gab es für Obscuro Barocco, ein französisch-griechischer Film in Portugiesisch über den brasilianischen Barock, Rio de Janeiro, den Karneval und „Travesti“ Luana Muniz noch eine Karte.

 

Die Sektion Forum in der Berlinale gehört zu jenen Programmteilen, die anders als der Wettbewerb vom größeren Publikum kaum wahrgenommen werden. Im Forum wird der Kinobesuch zum Abenteuer. Kaum bekannte Regisseurinnen, wenige Informationen zum Film. Für Koya no datchi waifu von Atsushi Yamatoya gibt es eine Inhaltsangabe auf dem Datenblatt wie für die meisten Filme, die in der Regel wenig zu sagen hat. Es geht irgendwie um einen Profikiller, eine Einöde, eine Frau und Männer. Der Film lässt sich offenbar schwer einordnen. Muss man jetzt Japankenner sein, um das „Pinku-eiga-Genre“ und den Film zu verstehen?   

Zeitgleich an dem Drehbuch zu Inflatable Sex Doll of the Wastelands schrieb Yamatoya an seinem anonymen Beitrag zum Drehbuch von Seijun Suzukis legendären Film Branded to Kill, der vier Monate früher erschien. Yamatoyas ebenso halluzinatorischer, fragmentarischer und surrealer Schwarzweißfilm wurde auch im Breitwandformat gedreht und ist ein Beweis dafür, wie flexibel das Pinku-eiga-Genre in den ersten zehn Jahren war.[1]

 

Worum geht es eigentlich mit dem Wettbewerb? Wie sich auch in diesem Jahr wieder gezeigt hat, geht es im Wettbewerb nicht um einen Wettkampf der Nationen. Es geht auch nicht darum, dass der nach einem Filmfachwissen beste Film gewinnt, weil er alle Regeln erfüllt. Die Kritiker-Wahl ist nicht die der unabhängigen, internationalen Jury. In der Presse wird von Filmkritikern häufig danach entschieden, welches Land mit welchem Film gewinnt. Hat Deutschland gewonnen? Es zählt, ob der Kritikerin der Film nach Inhaltsangabe und Filmwissen gefallen hat. Das ist der eingefahrene Filmdiskurs der Presse. Das Fachwissen der Filmkritik ist eine Kombination aus Filmgeschichte, Filmmaterial und Filmdramaturgie.[2] Schauspielkunst und Regieleistung kommen zum ebenso komplexen wie schwer formulierbaren Filmwissen der Kritiker hinzu. Doch das kommt in der Filmpresse schon eher nicht mehr vor.

 

Die Filmhandlung soll möglichst schlüssig, berührend und relevant filmisch erzählt werden. Touch Me Not (Goldener Bär) von Adina Pintille unterwirft sich als „Filmessay“ offenbar nicht dem Erzähldiktat. Schon galt der Film im Wettbewerb unter den Fachjournalistinnen als „Außenseiter“. heute-journal: „Goldbär: Berlinale ehrt Außenseiter“.[3] – Alljährlich passiert insbesondere im Wettbewerb der Berlinale ein Wettkampf zwischen der internationalen Jury aus der Jury-Präsidentin und ihren oder seinen Kolleginnen – in diesem Jahr Tom Tykwer (Regisseur, Drehbuchautor, Filmkomponist, Produzent) und Chema Prado (Fotograf), Cécile de France (Schauspielerin), Ryūichi Sakamoto (Komponist), Adele Romanski (Produzentin), Stephanie Zacharek (Filmkritikerin des TIME Magazine) – und dem Wissen der Filmkritik. Das Filmwissen wird durch die Jury i.d.R. nicht bestätigt, obwohl oder gerade weil eine internationale Filmkritikerin wie auch Vertreterinnen der anderen Sparten des Films an der Entscheidung beteiligt ist. Rumänien statt Deutschland?

 

Auf einem Festival werden nicht nur Filme gezeigt und gefeiert, vielmehr zirkuliert sehr viel und unterschiedliches Wissen. Ein Festival ist eine Wissensmaschine, die im Glücksfall neues oder anderes Wissen generiert. Für ein anderes Wissen, für die Verschiebung eines eingeübten Wissens und Erzählens ist die Jury zuständig. Tom Tykwer als Jury-Präsident ist dies durchaus gelungen. Der Unmut und das Unverständnis[4] darüber, dass keiner der drei deutschen Wettbewerbsfilme – 3 Tage in Quiberon von Emily Atef mit Schauspielerinnen-Starbesetzung von Marie Bäumer, Birgit Minichmayr und Charly Hübner etc., In den Gängen von Thomas Stuber mit DEM deutschen Berlinale Jungstar Franz Rogowski, Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot von Philip Gröning – einen der Hauptpreise gewonnen hat, während Deutschland fast Olympia-Gold im Eishockey gegen Russland gewonnen hätte, ist eine hoch emotionale Verwicklung.[5]

 

Das Filmwissen generiert starke Gefühle. – „"Touch me not" - Soll das Kunst sein? Englisch ist es jedenfalls nicht...“[6] – Festivals sind eine Art emotionale Super Loop aus Erwartung, Anspannung, Schreck, Wohlfühlen bis zur Wellness, Glücksmomenten, Enttäuschung und Ärger. Die Entscheidung stimmt nicht mit dem Wissen überein, das sich beim Anschauen bei mir eingestellt hat. Ich habe einen ganz anderen Film gesehen. Ich habe mich als „Geisel“ in dem Film gefühlt. Die Super Loop der Gefühle kommt noch aus Zeiten des Zelluloids auf Filmrollen und hat sich erstaunlicher Weise in die Digitalisierung hinübergerettet. Doch vieles, was heute im Film technisch mit Drohnenflug, Blenden und Mehrkanal-Tonformaten, Montage, Sound Design und Production Design etc. digital gemacht wird, führt nicht automatisch zu neuen Gefühlen. Vielmehr läuft die Super Loop der Gefühle in die Digitalisierung hinein. Dafür ist auch Inflatable Sex Doll of the Wastelands ein Beispiel.

 

Die Super Loop ist nicht nur die Filmschleife auf den Filmrollen, sondern ebenso das Loch – engl. loop – durch das alles hindurchgeht. Inflatable Sex Doll of the Wastelands wurde nicht nur auf kostspieligem Breitwandformat, 35-mm- oder 16-mm-Filmmaterial also für das große Kino gedreht, geschnitten und geklebt, er montiert auch verschiedene Filmgenres. Jetzt ist der Film von Rapid Eye Movies offenbar digitalisiert worden, um für Cineasten zugänglich zu werden. Er ist nicht zuletzt ein Art House-Film.[7] Ein Kunstprodukt der großen Filmindustrie, wie es insbesondere in Japan in einer Mischung aus Krimi und Sexfilm als ピンク映画, Pinku eiga, „pinker Film“ hervorgebracht wurde. Die Montage gleich mehrerer Genre wie Western, Krimi, Porno, Spiegelkunst (映画) generiert eine ebenso witzige wie abstruse Syntax der Bilder.


Screenshot Berlinale-Trailer Obscuro Barocco (Ausschnitt T.F.)

Für Europa oder Amerika 1967 gibt es erstaunlich oft ausführlich den nackten Körper der Hauptdarstellerin Noriko Tatsumi (Sae) zu sehen. Tatsumi Noriko war „the first “Queen” of Japanese softcore sex movies”.[8] Sexuelle Handlungen werden angedeutet, aber nicht explizit ausgeführt. Messer und Gewehrkugeln durchdringen Menschenkörper und werden als schlechte Imitationen vorgeführt. Plastikfilmmesser mit Plastikblutklumpen. Schlägerei in einer Bar. Tote stehen immer wieder auf und schlagen sich weiter. Ein älterer Mann ist einer Sexpuppe verfallen, die aber mehr wie eine Schaufensterpuppe aussieht. Um eine Erregung hervorzurufen, wird alles zugleich als filmisch und künstlich vorgeführt. Die Handlung mit einer Eröffnungssequenz, die an High Noon bzw. Zwölf Uhr mittags erinnern kann, gleichzeitig aber den Western in der Wüste parodiert, weil sie neben einer häufig befahrenen Straße liegt, plündert die Filmgeschichte und montiert sie auf ebenso holprige wie witzige Weise.


Screenshot Berlinale-Trailer Obscuro Barocco (Ausschnitt T.F.)

Die Körper im Film werden in Koya no datchi waifu immer auch als Täuschung entlarvt. Das ist ein subversiver und künstlerischer Zug, weil es im Sexfilm doch gerade darum geht, dass die Körper und ihre Reaktionen „echt“ sein müssen. Als Pinku eiga für die Kinovorführung hergestellt, zeigt der Film nicht nur „wie flexibel“ das Genre „in den ersten zehn Jahren war“, vielmehr entfaltet er eine Lust daran, dessen Produktionsbedingungen parodistisch offenzulegen. Wiederholt wird das Medium Film als Schmalfilm mit Projektionen vorgeführt. Heimkino mit dem Zug zum Selbermachen, was heute alle mit dem Smartphone machen. Der wahre Fetisch ist der Film und seine Verkennung. Am Schluss liegen Schaufensterpuppen in verschiedenen Fetisch-Kostümen in japanischen Einzelkabinen und werden als Attraktion der Stadt vorgeführt.


Screenshot Berlinale-Trailer Obscuro Barocco (Ausschnitt T.F.)

Mit Obscuro Barroco von Evangelia Kraniot als Essayfilm lässt sich eine neue Art des Dokumentarfilms beobachten, die so erfolgreich war, dass die internationale Jury des Teddy Award den Preis an die griechisch-französische Regisseurin verlieh. Essayfilme oder „Filmessays“ wie auch Touch Me Not halten sich nicht an eine filmhistorische Trennung von Fiktion und Dokumentation. Für nachmittags um 16:00 Uhr im Zoo Palast ist Obscuro Barroco ein ganz schön starker Stoff. Die Eröffnungssequenz entwirft ein feucht, schwüles Urwaldszenario. Pflanzen im Regen, dampfende Urwaldabhänge, die in eine Szenerie der brasilianischen Kampfkunst Capoeira und mit einer alten, Pfeife rauchenden, farbigen Frau übergeht. Der Urwald als barock-libertäre Inszenierung. Die Texte stammen überwiegend original von Luana Muniz, einem „Travesti“. Im Deutschen funktionieren die Begriffe Travestiekünstler oder Transvestit nicht in gleicher Weise, wie die populäre Sexarbeiterin und Aktivistin Luana Muniz nicht. Travesti klingt an travers im Französischen an: quer, zwischen, zwischendurch, aber auch der Fehler, die Quere. Luana Muniz ließ sich durch keine Identität normalisieren.

Luana Muniz ist Anfang 2017, kurz nach dem Ende der Dreharbeiten, Kamera: Evangelia Kraniot, verstorben. Auf YouTube finden sich mehrere Videos, Reportagen mit und eine Hommage an „Luana Muniz 1963-2017“. Als öffentliche Person ist Luana Muniz heute über das Internet global. Doch niemand hat einen derart berauschenden Film gedreht und vor allem montiert, Montage: Yorgos Lamprinos, wie Kraniot. Sie hat schlechthin ein Filmgenre zwischen Dokumentation und Fiktion auf ihre Weise erfunden. Luana Muniz auf dem Balkon eines Hochhauses in Rio de Janeiro im Abendwind wird zu einer Stadt-Göttin. Zwischen Karneval in Rio, architektonischen Gegensätzen, einer Demonstration gegen Dilma Rousseff und die Olympischen Spiele, die ebenso künstlerisch wie karnevalistisch ausfällt, entfacht Evangelia Kraniot einen Flow der Bilder.

 

Die Montage ist der entscheidende Faktor für den neuartigen Kunstfilm. Das Rio de Janeiro von Luana Muniz ist pure Fiktion und Realität zugleich. Der Karneval verlängert sich in einen barocken Dauerzustand, der seine Tücken hat. Evangelia Kraniot ist von den Körpern fasziniert, die für Luana Muniz aus permanenter Arbeit und Fiktion bestehen. Sie sind das, was die Tra(n)vestiten daraus machen. Fingernägel wie tierische Krallen, die verführen und zugleich abwehren. Politische Körper, die eine Geschlechtsangleichung verweigern. Dazu gehört offenbar viel Botox und Farbe. Im Film und im Traum oder eben in erotischen Traumessay sind die Körper am wirklichsten. – Berlinale ist nachmittags um vier in den Zoo Palast zu gehen, um mitten im Traumurwald von Luana Muniz 60 Minuten halbwach zu träumen. 

 

Torsten Flüh        

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[2] Vgl. dazu auch den Kritik-Kommentar: „Die Berlinale und Ihre Preisvergabekriterien waren für mich immer schon eigenartig, denn all die Filme, die gesellschaftlich, historisch, künstlerisch die Filmgeschichte begründen sind in den prämierten Filmen nur schwer elementar wiederzufinden.“ http://www.zeit.de/kultur/film/2018-02/berlinale-gewinner-touch-me-not?page=3#comments

[3] heute-journal vom 24.02.2018 (Video verfügbar bis 24.02.2019, 22:45)

[4] Vgl. z. B. Wenke Husmann: Rätselhafte Entscheidungen. In: Die ZEIT 25. Februar 2018, 7:55 Uhr 39 Kommentare.

[5] Siehe insbesondere die Kommentare zur Kritik: „Mich haben die meisten Entscheidungen sehr erstaunt. (und ja, ich habe die meisten Filme gesehen)“, „Bei einem Stop Motion Film werden die Stimmen vorher gespielt und aufgenommen und nicht umgekehrt wie Sie es hier beschreiben, das sollten Sie korrigieren“,

[6] Christian Peitz/Sophie Krause: Goldener Bär für "Touch Me Not" von Adina Pintilie. (Kommentare) In: Der Tagesspiegel 24.02.2018 20:35 Uhr.

[7] Siehe auch: Art House im Lexikon der Filmbegriffe.

[8] Noriko Tatsumi (Wikipedia)