Mehr Zylinder - East End Extravaganza und East End Theaterpreis 2013

Charity – Strip – East End

 

Mehr Zylinder

1. East End Extravaganza und East End Theaterpreis für Dagmar Manzel

 

Montags wird gefeiert. Montags geht es rund im Berliner Theaterviertel East End. Denn montags dürfen die Theaterleute sich der ausgelassenen Stimmung hingeben, während sie sonst dazu verpflichtet sind, diese zu erzeugen. Gestern Nacht fand die 1. East End Extravaganza mit Theaterpreisverleihung an Dagmar Manzel und Strip For Charity statt. Das war dann wirklich Sweet Charity. 


Parkett und „VIP Champagner Lounge“ im Rang waren im sonst für den gröberen Humor bekannten Quatsch Comedy Club von Thomas Hermanns ausverkauft. Für den Theaterpreis in knalligem Orange hielt der neue aus Australien stammende Intendant der Komischen Oper, Barry Kosky, eine launige Laudatio aus dem Stehgreif, während in seinem Haus Maria Farantouri – „Die größte Stimme Griechenlands“ – auf der Bühne stand.


Dagmar Manzel ist die facettenreiche East End-Theaterqueen, die sich auf Heiner Müller und Tschechow ebenso wie Musical versteht und zwischen E- und U-Kunst gleichermaßen erfolgreich wechselt, wie Kosky herausstrich. Funktioniert die Unterscheidung zwischen der ernsten und der unterhaltenden Bühnenkunst überhaupt noch? Barry Kosky hat mit ihr Kiss me Kate an der Komischen Oper inszeniert, was sich als Erfolgsinszenierung (siehe Besprechung) erweist. „Wer Dagmar Manzel auf der Bühne erlebt, spürt einen künstlerisch aktiven Vulkan“, sagte Kosky in seiner Preisrede.


Das Berliner Theaterviertel East End zwischen Friedrichstraße und Hackeschen Höfen ist nicht nur eine Marketingidee, sondern bezieht sich auf das historische Theater- und Unterhaltungsviertel um den Bahnhof Friedrichstraße, das seit 2010 im Eingangsbereich des Friedrichstadtpalastes dokumentiert und mit illustren Namen wie Max Reinhardt, Louis Armstrong, Josephine Baker und Catherina Valente etc. wachgerufen wird. Im Souterrain des Hauses, wo sich die Kleine Revue bis 1997 befand, hat Thomas Hermanns mit dem Quatsch Comedy Club seit 2002 sein Domizil gefunden.


Ganz so launig wie Barry Kosky die E- und U-Kunst als spezifisch deutsches Kulturphänomen benannte, ist die Aufteilung keineswegs. Entscheidet sie doch über Verwertungs- und Subventionsregeln. In Ländern, in denen die öffentliche Förderung von Kunst, Theater und Kultur kaum eine Rolle spielt, erübrigt sich diese Unterscheidung. Das gilt für die meisten angelsächsisch geprägten Länder, also auch Australien. Die Theaterszene ist entsprechend dürftig. In Deutschland allerdings lebt das Stadt-, Landes- und/oder Staatstheater in einer selbst für andere europäische Länder kaum vorstellbaren Qualität und Quantität, selbst, wenn es einige Theater schwer haben oder gar geschlossen werden müssen.


Berlin hat gewiss eine Sonderfunktion und Situation. „Kultur ist nicht nur Lebensmittel“, wie es einmal Christina Weiss als Staatsministerin für Kultur formuliert hat. Kultur ist Wirtschaftsfaktor, entscheidet über Lebensqualität und lockt beispielsweise Menschen nach ihrem Berufs- und Arbeitsleben nach Berlin, um ihren Lebensabend hier zu verbringen und also entsprechend z.B. für den Wiederaufbau der St. Elisabethkirche an der Invalidenstraße nennenswerte Summen zu spenden. Gäbe es das Theater- und Unterhaltungsumfeld nicht, wären diese Menschen nicht nach Berlin gezogen.


Natürlich ist eine Kategorisierung von Kultur nicht nur schwierig, sondern wandelbar. Was heute noch als krude Unterhaltung abgetan wird, kann ebenso gut zum Gegenstand (literatur-)wissenschaftlicher Arbeiten werden. Kulturelle Prozesse unterliegen ständigen Veränderungen. Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Homi K. Bhabha spricht deshalb von der Hybridität. Der Quatsch Comedy Club hat eine Cindy aus Marzahn als Kunstfigur hervorgebracht, was sicher als eine zweifelhafte Leistung angesehen werden kann und dennoch Auskunft über Kulturen und kulturelle Prozesse in Deutschland gibt.

Die Stand-up Comedy von Thomas Hermanns, als Format für das Privatfernsehen entwickelt, erhält eben auch keine öffentliche Förderung. Gleichwohl wirkt sein Fernsehformat tief in die öffentlich-rechtlichen Porgramme hinein. Cindy aus Marzahn, die für eine Bevölkerungsschicht spricht, die sonst kein Forum für ihre Artikulation findet, ist die erfolgreichste Komikerin der Bundesrepublik, füllt mühelos Säle, zieht Megacoups an Land und wird selbst schon vom ultraseriösen Kulturteil von DIE ZEIT ONLINE zum Phänomen erklärt. Der Titel des ZEIT-Artikels knüpft scheinbar mühelos an den Sprachmodus von Cindy an: „Fett im Geschäft“.

Mit anderen Worten: der Quatsch Comedy Club von Thomas Hermanns dürfte kommerziell hoch vernetzt und ultraprofitabe sein. Mario Barth und Cindy aus Marzahn sind aus ihm hervorgegangen. Sie sind Burger-King und –Queen der deutschen Stand-up-Comedy. Die Stehgreifwitze bedienen mit Zotenmaterial die „Muschis“ und „Latten“ einer abgehängten Klientel, die trotzdem gern und teuer dafür bezahlt. Deshalb ist es durchaus symptomatisch, dass Cindy aus Marzahn in domestizierter Version zur Assistentin von Markus Lanz bei Wetten dass ...? im durch eine quasi Zwangsabgabe finanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen wurde. Anders gesagt: seit 6. Oktober 2012 wird das Kunstprodukt Cindy aus Marzahn subventioniert.

 

Die zotengeschwängerte Unterhaltungskunst der Stand-up-Comedy bringt die Sexualität im Grenzbereich von Pornographie, Klinik und Marginalisierung zur Sprache. All das, was bei Strip For Charity höchst ästhetisiert vorgeführt wurde, wird in der Stand-up-Comedy negiert. Die Kunstfigur Cindy aus Marzahn spricht unablässig vom Geschlecht und Geschlechtspraktiken, die eben gerade nicht in das Schema eines extravaganten Striptease im Rahmen einer Charity-Veranstaltung zugunsten der Berliner AIDS-Hilfe e.V. passen. Thomas Hermanns kann als charmanter Conferencier des Abends sehr wohl den feinen Unterschied zwischen Andeutung und Zote wahren. Das Publikum war denn auch ein anderes.

 

East End Extravaganza ist durchaus ein neues, gelungenes Format zwischen Theaterpreisverleihung, Erotik-Revue und Charity-Veranstaltung. Denn was ausgezeichnet und gezeigt wird, führt vom Tanz über Gesang und Akrobatik bis zur Komik das breite Spektrum des Theaterviertels selbst vor. Aufgeführt wird gerade nicht das Manko, die Beschädigung der Existenz, die in der Stand-up-Comedy eine so große Rolle spielt, sondern die Kombination unterschiedlicher, außergewöhnlicher Fähigkeiten in einem aktuellen Zuschnitt.

Die harte Arbeit am und mit dem Körper im Varieté, dient allein der Leichtigkeit. Ständig wird Arbeit vorgefüht, um sie vergessen zu machen. Ganz entscheidenden Anteil an neuen Varieté-Formaten haben dabei Circle of Eleven, die ihre internationalen Shows im Chamäleon Varieté in den Hackeschen Höfen herausbringen. Cindy aus Marzahn führt als Kunst die Negation von Arbeit vor. Natürlich verwendet Ilka Bessin Arbeit darauf, ihre Kunstfigur zur Negation von Arbeit und Leistungsdenken zu machen.  Cindy aus Marzahn verkörpert im buchstäblichen Sinne die Negation der vorherrschenden Normierungen einer Gesellschaft, die auf Eigeninitiative, Bodyshaping und Arbeit um jeden Preis im Billiglohnsegment ausgerichtet ist. Vor allem in diesem Sinne ist sie ein Agenda 2010- und HARTZ IV-Produkt.   

 

Die Sängerin und TänzerInnen von Salon K begeisterten unter ihrem Leiter Patrick King mit einer hoch erotischen Show zu einer Pop-Version der Habanera aus Bizets Carmen. Klassische Tanzeinlagen auf der Spitze wechseln mit akrobatischen Einlagen und Erotikshow-Sequenzen, wobei die Geschlechter spielerisch verschoben werden. Die Habanera aus Carmen wird in der nur als Ausschnitt gezeigten Show durchaus programmatisch als Rebellion gegen geschlechtliche Verortung eingesetzt.

L'amour est un oiseau rebelle
que nul ne peut apprivoiser,
et c'est bien en vain qu'on l'appelle,
s'il lui convient de refuser.
Rien n'y fait, menace ou prière,
l'un parle bien, l'autre se tait:
Et c'est l'autre que je préfère,
Il n'a rien dit mais il me plaît.
L'amour! L'amour! L'amour! L'amour!

An dem innovativen Auftritt von Salon K lässt sich nicht zuletzt beobachten, wie aus dem Theaterviertel mit Chamäleon Varieté, Friedrichstadtpalast, BIMAH, Admiralspalast, DISTEL und Quatsch Comedy Club neue Impulse für das Varieté als Unterhaltungsformat im weiteren Sinne kommen. Politisches Kabarett, DISTEL, und Stand-up-Comedy, Jüdisches Theater, BIMAH, und ganz große Show im Friedrichstadtpalast, Cirque Nouveau im Chamäleon Varieté haben zwischen subventionierter Institution (Friedrichstadtpalast) und Privatsender-Fernsehformat (Quatsch Comedy Club) ein künstlerisch äußerst fruchtbares Klima geschaffen.

Nach dem Spenden in die Zylinder, die Künstler traten ohne Gage auf, legte DJ Gloria Viagra wie schon bei der Teddy Award Gala die Scheiben auf. Katharina Thalbach, Oscar Loya aus Show Me und Katherine Mehrling waren wie die Intendanten und zahlreiche Mitglieder der East End Theater zur Charity-Veranstaltung erschienen. Party war dann bis in die Morgenstunden an einem Montag in Berlin.

 

Torsten Flüh