Im Kleinen lesen - Zur Ausstellung ARTE POSTALE in der Akademie der Künste

Klein – Post – Lesen

 

Im Kleinen lesen
Zur Ausstellung ARTE POSTALE in der Akademie der Künste

 

Das Größte ist für Klaus Staeck, den leidenschaftlichen Sammler, Postkarten-Designer wie -Verleger und Präsidenten der Akademie der Künste, dass es jetzt eine Sonderedition nicht nur einer, sondern gleich ein kleines Mäppchen mit zwei Briefmarken von Postcard Individuell der Deutschen Post gibt: „Porto mit Persönlichkeit“. So nennt die Deutsche Post ihr Briefmarken-Sonderprogramm. Klaus Staeck hat sehr lange, spätestens seit den 60er Jahren von einer eigenen Briefmarke geträumt. War die Briefmarke doch Hoheitszeichen der Deutschen Bundespost und damit des Staates.

Wenn Rosa von der Schulenburg, Kuratorin der Ausstellung Arte Postale in der Akademie der Künste am Pariser Platz, Wolfgang Trautwein, Leiter des Archivs der AdK, und Klaus Staeck über die Kunst der Briefe, Karten, Bilderbriefe, Künstler-Postkarten und -Briefmarken an der Schnittstelle von Schrift und Bild sprechen, dann ereilt alle Drei ein mitreißender Enthusiasmus. Schätze werden gehoben und präsentiert, aber nicht musealisiert. Geht es mit der Mail Art doch um die eher kleine Kunst des Adressierens und Verschickens.

 

Ob und wie die Schriften und Bilder mit der verschickten Kunst bei den Adressaten ankommen, bleibt immer, selbst per Einschreiben, ein Risiko. Bei Rosa von der Schulenburg ist nun durch mancherlei Umwege und mit Verzögerung manches angekommen, was gar nicht an sie adressiert war. Und die Ausstellungsbesucher mögen sich an den oft nie zuvor gezeigten Schätzen aus Archiven,  an einem programmatischen ebenso wie manch hoch privatem Postkunst-Stück erfreuen. Tatsächlich kann man unter den mehr als 700 Exponaten auch einen „Malerbrief“ von Christoph Meyer vom 26. März 2013 an Rosa von der Schulenburg finden. Mail-Art lebt.

 

Das Briefgeheimnis ist durch Artikel 10 des Grundgesetzes geschützt! Es gilt auch für die Postkarte, die in keinem Umschlag steckt. Für E-Mails gilt es sowieso. Und es wird natürlich trotzdem Dank der Entschlüsselungsprogramme der Geheimdienste dieser Welt permanent gebrochen. Das Briefgeheimnis ist ein demokratisches Rechtsgut, das ständig in Frage gestellt wird. Schon ein Studienfreund arbeitete einmal während der Semesterferien als Postbote bzw. Zusteller. Er hatte immer lustige Geschichten zu erzählen, was die Leute seinerzeit als und per Postkarte alles verschickten. Kaum ein Zusteller kam und kommt umhin, eine Postkarte beim Einsortieren nicht zu lesen oder wenigstens einen Blick drauf zu werfen. Postkarten bewegen sich an der Schnittstelle von Briefgeheimnis und Flugblatt, von privat und öffentlich.

 

Postkunst und Kunst per Post sind populär. Jede und jeder kann sie praktizieren. In der Ausstellung sollen auch möglichst alle Besucher an der Kunst des Verschickens, des Postens teilnehmen. Dafür sind extra ein Raum und das Begleitprogramm „Stille Post“ vorgesehen. Die Kunst mit und an der Post ist also schon immer irgendwie Pop gewesen. Ob Tante Emma um 1899 Postkarten sammelte oder Josef Beuys mit und für Klaus Staeck die Holzpostkarte 1975 erfand, sie eröffnete und eröffnet auf kleinstem Raum Horizonte. Der kleine Raum der Karte fordert die Kreativität und die Kreativen ebenso wie den Hoheitsapparat Deutsche Bundespost heraus: 

15. 8. 77 Lieber Klaus, Diese Karte ist keine richtige Versandart, sagt Post. Dein Joseph

 

Für Klaus Staeck war die Postkarte immer ein politisches Medium. 2012 erhielt er nicht mehr von Andy Warhol oder Joseph Beuys Mail Art, sondern von Jonathan Meese. Die Postkarte und die Politik bereiten ein weites und vertracktes Feld. Wann wird Mail Art politisch? Wann wird sie zum Störfall? Ist die Holzpostkarte wegen ihrer Holzstärke von 3,5 cm eine Postkarte oder ein Päckchen? In der Ausstellung jedenfalls werden die Post-Medien – Brief, Postkarte, Briefmarke, der Umschlag etc. – unterteilt in die politische Postkarten-Edition Staeck, in die vielfältigen Schätze aus den Archiven der AdK und dem Archiv Staeck in den unterirdischen Schutzräumen der Stadt Heidelberg, die Staeck für seine überquellende Sammlung angemietet hat, sowie Mail Art als spezifisch politische Konzeptkunst seit den 80er Jahren.

Mit dem Medium Postkarte lassen sich Gedanken billig und massenweise verbreiten, gleichzeitig werden sie persönlich adressiert. Klaus Staeck hat aktuell als Grafikdesigner für die Unterstützung der Jusos im Wahlkampf mit einer Postkarte ordentlich Gegenwind bekommen. Die Kombination von Foto-Bild und anspielungsreicher Textzeile mit eigenwilliger Orthographie ─ „Wir Steuern das schon.“ ─ führte zur Fairnessdebatte im Wahlkampf, obwohl es vor allem galt, einen populären Fußballkönig zu verteidigen. Fußball und Parteipolitik geht gar nicht, erkannten die Wahlkampfstrategen sofort. Schließlich könnte ein Fehlpass den eigenen Wahlkampf durch die populäre Übermacht des Fußballs gefährden. Beim Fußball, dem Bayern München und seinem Präsidenten hört der Spaß auf!

 

Das Politische der Postkarte funktioniert exakt in einem Spannungsfeld von Bild und Text. Den humorlosen Postkartenkritikern der CDU und FDP kann man nur die Postkarte mit der Nummer 42 von Gabor Toth vorlegen: „LOOK AT THIS PHOTO!“ Das Fotopapier im 9x13 Format aus der Kunstsammlung Guillermo Deisler in der Akademie der Künste bleibt unbelichtet. Es wird erst durch den Leser zum Photo.

Mit dem Politischen geht es auf der Postkarte um das Sichtbare und das Lesbare. Es geht um politische Regime des Sichtbaren. In einem Regime, in dem das versteckt geschossene Photo zum unwiderlegbaren Corpus delicti wurde, beispielsweise der DDR oder Ungarn, wird ein (Nicht-)Photo mit der Aufforderung zum Sehen politisch und subversiv. Mit schönen Grüßen: In einem Bilder-Regime, in dem der herrschende Fußball-Präsident wortspielerisch nicht in Frage gestellt werden darf, ist es ja fast noch schlimmer: LOOK AT THIS PHOTO!   

 

Für die Akademie der Künste und das Ausstellungsprojekt Mail oder Correspondence Art ist Klaus Staeck als Präsident ein großes Glück. Denn Staeck ist so etwas wie der Hüter der Postkarte selbst. Er korrespondierte nicht nur mit Joseph Beuys, auf den die Edition Staeck seit 1968 quasi zurückging, und erhielt große Mengen an Post von Künstlern, sondern war auch zutiefst über seinen Bruder Rolf in die Mail Art der 80er Jahre in der DDR und anderen „sozialistischen Länder(n)“ verstrickt. Die Stasi Majore und Oberste diskutierten 1978 ausführlich die Kunst-Standards von Postkarten:

… daß die Zielperson Gegenstände in Form von Postkarten pseudo-künstlerischen Charakters herstellt, diese in Editionen der BRD vervielfältigen läßt und auf dem Postweg zu gleichgesinnten Pseudo-Künstlern im Operationsgebiet und in sozialistischen Länder verbreitet …[i]

 

Rolf Staeck war selbst zum Mail Art Künstler geworden, Überwachung durch die Staatssicherheit inbegriffen. Der „Eröffnungsbericht“ und der „Sachstandsbericht“ werden in der Ausstellung zum ersten Mal öffentlich gezeigt. Bis 1983 wurde er als Operativer Vorgang „Reni“ observiert. Seine Mail Art wurde als „kulturelle Untergrundtätigkeit“ eingestuft und führte zu massiven Verhören durch die Staatssicherheit. 1984 reiste er in die Bundesrepublik aus.[ii] Das Problem der künstlerischen Einordnung der Mail Art und ihrer Akteure, das die Stasi-Mitarbeiter lesend und kategorisierend, eher hilflos, aber folgenreich entscheiden, verweist auf mächtige Bild-Text-Regime. Was bildlich und textlich beispielsweise mit einer eigenwilligen Orthographie nicht die Gesetzmäßigkeit erfüllt, wird als „pseudo-künstlerisch“ eingestuft.

Das Kleine wird unterschätzt. Die Akademie der Künste wusste gar nicht, dass sie Künstler-Karten und Briefe von Else Lasker-Schüler in ihren Archiven hatte. Und dann fanden sich gleich ein Brief und eine Postkarte von ihr im Herbert-Ihering-Archiv, ein Brief im Ludwig-Berger-Archiv und ein Brief an Heinrich Mann als Leiter der Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste. Eine kleine Sensation für die Else-Lasker-Schüler-Forschung. Noch 2011 bei der großen Bilder-Ausstellung von Else Lasker-Schüler waren diese 4 Bild- und Schriftstücke unbekannt. Briefe und Karten werden verschickt. Dabei können sie auch fast verloren gehen.   

Die Anordnung von Text und Bild im Kleinen bei Else Lasker-Schüler erweist sich als Text-Bild-Rätsel und merkwürdige Verbrüderungsszene. Was lasen die Brüder Ludwig und Rudolf Bamberger? Als Ludwig Berger hatte sich der eine Bruder zumindest tendenziell arisiert. Und funktioniert überhaupt Else Lasker-Schülers Verbrüderung als Jussuf mit den „beiden entzückenden Brüdern“, deren Anrede ein Stern mit Schweif oder auch eine Sternschnuppe beigegeben ist? Dazu eine ausgestanzte Papierrose für das Poesiealbum mit der Inschrift „Liebes ? bündnis“? Lasker-Schüler praktiziert eine mikrologische Form, wie sich die Inschrift der Rose an der Grenze zum Entzifferbaren bewegt. Was verdeckt und was zeigt die Rose? Wird der Brief dadurch nicht gerade vielgestaltig?[iii]

 

Die Tischszene, die Jussuf von Theben, der manchmal mit einem s und manchmal mit zweien sowie einem merkwürdigen Profil an der Grenze zur Schrift signiert, aufruft, findet in einem ebenso merkwürdigen wie strategischen Zwischen statt. Jussuf/Else gehen fast in diesem Gemeinschaft und Bündnis stiftenden Zwischen auf. Die Anordnung und die Übergänge von Bild und Text halten sich am Tisch in einem Zwischenraum:

[Rose] Liebes bündnis (?)

Ihr beiden entzückenden Brüder [Stern]  
Ich sitz so oft zwischen Euch am Tisch und wer eigentlich bei Euch ist, das wisst Ihr gar nicht. […] von einer Küste – immer unterwegs, wie oft gestorben und einsam wieder aufgewacht. Und dann kann ich manchmal nicht sofort mich mit Euch wiedersetzen, ich find meine Füße und Hände nicht und nicht      


Der erste Bogen war noch fein     
in den zweiten biß ein Dachs hinein
______________________________       

den Mut. Vielleicht wie ganz müde Menschen die dann Angst haben die stehen niemehr auf. Auch habe ich immer das Gefühl, ich müsse alles umwerfen und dann wäret Ihr beide mir böse. Ich kann nun nicht mehr schreiben nur Euch noch zum Abschied etwas schenken daß ich mir von dem ersten Jahr der Schule aufgehoben habe, […] ich bin verliebt gerade in jedes Bildlein. […] denn wir drei müssen immer ganz klein sein. ─

Bedenkt das ist mein ernstester Brief fast.

Euer Jussuf
[8 Bildlein von Rotkäppchen und der Wolf][iv]

 

Else Lasker-Schülers Brief aus dem Ludwig-Berger-Archiv appelliert an das Kleine als eine Szene des Zwischen. Im Wechsel zwischen dem ersten Papierbogen und dem zweiten, der sich in Größe und Farbe ebenso wie Tinte von dem ersten unterscheidet, passiert etwas, das sich bei Yussuf/Else reimt und doch nicht einholen lässt. Gerade der auffällige Reim setzt den Wechsel zwischen den Bögen, der sonst im Zuge der Schrift hätte als unauffällig verschwinden können, in Szene. Statt eine Einheit des Briefes und des Textes in seiner Gestalt herzustellen, schiebt Jussuf einen Zwischenreim zum Wechsel der Bögen ein. Anders gesagt: der fortlaufende Text heilt nicht den Wechsel der Bögen und das Zwischen.

In der Ausstellung selbst, die ausdrücklich zum Lesen eingerichtet ist, braucht es eine ganze Zeit, um die beiden Bögen überhaupt als aufeinander bezüglich lesen zu können. Beim ersten Blick auf das Arrangement im Schaukasten lässt sich zunächst so gut wie gar kein Bezug zwischen den beiden Bögen herstellen. Man muss zu lesen beginnen, um überhaupt die von Else Lasker-Schüler geradezu kunstvolle Inszenierung der Bildlichkeit der beiden Bögen bedenken zu können. Das Lesen stellt in dieser Inszenierung allererst einen Zusammenhang und einen unheilbaren Unterschied zwischen den Bögen eines Briefes her. Mit anderen Worten: Schrift, Bild und Text treten in eine Konstellation, die Unterschiede gerade nicht abgleicht, doch den offensichtlichen Unterschied auch durch das Lesen in Frage stellt.

Auf der narrativen Ebene des Briefes an die „beiden entzückenden Brüder“ wird einerseits ein brüderliches Liebesbündnis gestiftet, andererseits diese Stiftung am Tisch sogleich dadurch in Frage gestellt, dass das erzählende Ich wie das Ich der Erzählung „immer unterwegs“, ungezählte Male „oft gestorben und einsam wieder aufgewacht“ ist. Eine eigentümliche Schreibweise und Interpunktion des Briefes fallen beim Lesen der Schrift ebenfalls auf. Schreibt Jussuf wiedersetzen zusammen, wenn er es doch den Regeln besser getrennt schriebe? Tatsächlich widersetzen (!) sich seine „Füße und Hände“, dass er sich „manchmal nicht sofort“ wieder setzen kann. Das Wortspiel mit dem Widersetzen gibt einen Wink darauf, dass das Bündnis der Brüder eine Gemeinschaft am Tisch und mit dem Brief stiftet, die zugleich Unterschiede aufreißt.

 

Es lässt sich sagen, dass Else Lasker-Schülers Brief an Ludwig Berger und Bamberger adressiert, bereits mit der Adresse das Briefeschreiben kunstvoll, literarisch in Szene setzt. Denn an wen ist der Brief wirklich adressiert? Im Katalog wird Rudolf in eckige Klammern gesetzt. Rudolf wird mithin in der Adresse nicht erwähnt. Ludwig Bamberger hatte allerdings unter dem Namen Ludwig Berger publiziert. Deshalb könnte Else Lasker-Schüler den Brief tatsächlich nur an Ludwig und nicht auch an Rudolf Bamberger adressiert haben. Sie adressiert ihren Brief an Ludwig als die Brüder Berger und Bamberger. Die Inszenierung des Briefes selbst als, wie man heute sagt, Mail Art, legt dies nah.   

 

Ludwig (Bam-)Berger und Rudolf Bamberger lebten offenbar als Brüder in Berlin. Das wäre sicher noch einmal genauer zu recherchieren. Für diese Besprechung oder Post, wie es im Blog-Interface heißt, siehe Internetadresse, konnte nicht genau das Szenarium der Adressierung des Briefes recherchiert werden. Doch gerade im Szenarium der Briefe und Karten mit ihren Schrift-Bildern von Else Lasker-Schüler darf das Kleine und Kleinste nicht überlesen oder abgeglichen werden. Sind die entzückenden Brüder also Ludwig (Bam-)Berger als zwei oder die Brüder Ludwig Berger und Rudolf Bamberger? Else Lasker-Schüler inszeniert als Jussuf hier einmal, was der Brief an Brüderlichkeit stiftet und gleichzeitig unterläuft.

Was passiert in dem alten Märchen von Rotkäppchen und der Wolf, an das der Brief mit den 8 kleinen Bildern erinnert? Im Kontext des Briefes, der vom Wissen und eigentlich doch nicht wissen, wer wer ist, handelt, lässt sich die Bilder-Geschichte vom Rotkäppchen auch als eine vom Wissen des Geschlechts lesen. Denn das Rotkäppchen weiß beispielsweise nicht, dass die Großmutter schon von dem Wolf gefressen wurde. Sie erkennt das Geschlecht ─ Mensch oder Tier, Frau oder Mann ─ nicht. Der Wolf verkleidet sich als die Großmutter, um das Mädchen fressen zu können. Es ist auch eine Travestie, von der das Märchen erzählt. Die Vorspiegelung eines anderen Geschlechts als Wissenskategorie wird im Märchen als Gefahr heraufbeschworen.

Doch die Reihenfolge der Bilder, wie sie Else Lasker-Schüler unter den Brief geklebt hat, ist offensichtlich durcheinander geraten. Die Vertauschung des Geschlechts als Gefahr wird, von Jussuf in seinem „ernsteste(n) Brief fast“ auf witzige Weise unterlaufen. Liest man die Bildergeschichte von links oben nach rechts unten, dann ist das Bild unter dem ersten falsch angeordnet. Dort nämlich dankt Rotkäppchen dem Jäger bereits, während der tote Wolf auf dem Bett liegt! Es ließe sich sagen, dass die Täuschung so nicht funktioniert hat. Stattdessen ist der Wolf „wieder aufgewacht“ und frisst die Großmutter. Er frisst dann auch Rotkäppchen, obwohl es wusste, dass die Großmutter der Wolf ist, und der Jäger-Polizist befreit Rotkäppchen aus dem Wolfsbauch. Dann spielt der Wolf im Garten der Großmutter und der Polizist schleppt das Rotkäppchen ab, um schließlich einträchtig mit Rotkäppchen und der Großmutter am Tisch zu sitzen. Man muss — und darauf insistiert Else Lasker-Schüler geradezu mit ihrem Brief — mikrologisch lesen.

Der Fund im Ludwig-Berger-Archiv kann für die Else-Lasker-Schüler-Forschung gar nicht hoch genug angesetzt werden. Der Brief in seiner Konstellation von Adressierung, Bild und Text, Bildlichkeit und Sichtbarkeit, Reihenfolge und Lesen, Erzählung und Unterbrechung eröffnet ein Denken des Briefes ─ „mein ernstester Brief fast“ ─, das Else Lasker-Schüler zu einer der allerersten Mail Artisten macht. Gerade die lose, zer- und eingerissene Form des Briefes gibt ständig einen Wink auf das, was narratologisch und als Korrespondenz immer schon beim Brief vorausgesetzt wurde und wird. Dass für Else Lasker-Schüler die Fragen der Identität und des Geschlechts in seiner Vieldeutigkeit ein vielfach und vielgestaltig wiederkehrendes Thema ist, wird auf geradezu märchenhafte Weise mit diesem Brief aufgerissen.

Es wird sich in der Fülle der 676 im Katalog aufgelisteten Exponate ganz gewiss noch die eine oder andere Sensation finden lassen. Und manchmal, vielleicht nicht nur bei Else Lasker-Schüler, wird sich ein Exponat als zwei oder mehr erweisen. Alles wird sich nicht sofort lesen lassen. Das ist wie mit den Füßen und Händen bei Jussuf. Aber, wenn ein/e Lesende/r Glück hat, dann lässt die Fülle den einzelnen kleinen Schatz auftauchen. Viel Vergnügen.

 

Torsten Flüh     

 

ARTE POSTALE      
Bilderbriefe,
KÜNSTLERPOST-
KARTEN, MAIL ART

30.08.-8.12. 2013
Akademie der Künste
Pariser Platz 4
10117 Berlin

Katalog
ARTE POSTALE
€ 20,-

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[i] Eröffnungsbericht zum operativen Vorgang vom 27.03.1978 in: Schulenburg, Rosa von der im Auftrag der Akademie der Künste (Hg.): Arte Postale. Bilderbriefe, Künstlerpostkarten, Mail Art. Berlin 2013

[ii] Siehe auch: Mail Artists Index

[iii] Vgl. dazu: „Der die Mikrologie als Gegenstand und Verfahren auszeichnende Zug ins Vielfältige und Vielgestaltige auf den Ebenen von Motivik, Episteme und Poetologie lässt eine systematische oder entwicklungsgeschichtliche Darstellung ebenso wie eine allgemeine Theorie des Kleinen als problematisch erscheinen. Sie läuft Gefahr, ihren Gegenstand einzuebnen und seiner Wirkkraft zu berauben.“ M.S./G.S. Vorbemerkung S. 7 in: Schuller, Marianne; Schmidt, Gunnar: Mikrologien. Literarische und philosophische Figuren des Kleinen. Bielefeld 2003.

[iv] Anm. Transkription von Torsten Flüh nach der Abbildung unter „Prinz Jussuf von Theben“ und nach der Entwicklung eigener Fotos aus der Ausstellung. Siehe: Schulenburg, Rosa von der … S. 13