Very British High Tea zum Justiz-Roman - Ein Tag mit Ian McEwan und sein Roman Kindeswohl

Literatur – Vorlesen – Rechtsprechung 

 

Very British High Tea zum Justiz-Roman 

Ein Tag mit Ian McEwan und sein Roman Kindeswohl im Haus der Berliner Festspiele 

 

Töchter mit Müttern, ältere Paare, Damen, Ian McEwan-Fans strömen am 25. Januar 2015 nachmittags um Vier ins Haus der Berliner Festspiele. Ein Tag mit Ian McEwan. Heitere Stimmung. Kribbelnde  Erwartung eines internationalen Autors, Brite, mit intensiven und teilweise skurrilen Bezügen zu Deutschland. Ian McEwans Vater war zeitweilig stationiert in Niedersachsen, Celle, auch Gütersloh soll in den 50er oder 60er Jahren dabei gewesen sein. Wahrscheinlich Kasernen und das Wirtschaftswunderland Deutschland. 1987 wird Ian McEwan mit einem Stipendium zur 750-Jahrfeier neben Patricia Highsmith etc. nach Berlin eingeladen. Der Roman The Innocent/Unschuldige – Eine Berliner Liebesgeschichte erschien 1990 bereits bei Diogenes, neu aufgelegt in der Übersetzung von Hans-Christian Öser 2013. Bernhard Robben, der erste Berliner Übersetzer, damals Stadtführer für den Autor, erzählt launige Anekdoten auf der Bühne von der Literaturproduktion.  

High Tea, aber natürlich nicht ganz so britisch, an der Bornemann-Bar des Hauses der Berliner Festspiele. Immerhin ausgewählte Teesorten, Scones with Clotted Cream and Marmelade, Sandwiches, Roastbeef-Baguette und Irish Stew. Okay. Passt zum Scotch, Talisker, den die Familienrichterin Fiona Maye im Roman Kindeswohl (2015)/The Children Act (2014) auf der ersten Seite trinkt. Es wird eine Atmosphäre geschaffen. Eva Matthes, die das Hörbuch eingelesen hat, liest live. Ihre weiche, volle Stimme und die Perfektion ihrer Artikulation verführen zum Zuhören. Große Eva-Matthes-Kunst. Sie liest die Frauenstellen. Kindeswohl wird aus der Perspektive der 59jährigen Fiona Maye, Familienrichterin am High Court, erzählt. Fiona wird verlassen von Jack, der allerdings zurückkehrt. Jedenfalls liest Eva Matthes nicht die harten, blutigen Sequenzen aus dem Justizalltag der Familienrichterin. 

Von Ian McEwan sind 18 Romane und Erzählbände mit Kurzgeschichten bei Diogenes alphabetisch gelistet von A wie Abbitte bis Z wie Zwischen den Laken im Deutschen erschienen. Psychopolis heißt eine der Erzählungen oder Short Stories in In Between The Sheets (1978), was im Englischen sehr viel deutlicher auf die Verschränkungen von Schreiben und Erzählen auf Blättern und Sexualität unter Bettlaken anspielt. Psychoanalyse und Psychologie spielen für die Literatur von Ian McEwan eine hervorstechende erzählerische Rolle. Dies gilt auch für Kindeswohl, obwohl dieser Aspekt bisher in den Rezensionen ausgespart worden ist und der Roman von Männern eher über Religion, Moral und Medizin besprochen wird. Christoph Schröder liest den Roman in der ZEIT als ein „Aufeinanderprallen von Religiosität und Agnostizismus“, als „heikles Thema“, und sieht den Erfolg des Autors im Schreiben über „komplexe Gegenwartsthemen“. Doch der Roman wird mit einem Ehestreit  zwischen Fiona und ihrem Mann Jack eröffnet. Die Ehekrise setzt sich bis zum Schluss unterschwellig fort und wird am Schluss dann doch im Ehebett beigelegt. 

Kindeswohl ist zunächst einmal ein kunstvoll verwobener Roman über das Altern als narzisstische Kränkung. Die Lächerlichkeit des Alters von 59 Jahren spielt für Jack wie für Fiona eine entscheidende Rolle, wenn sie als hochrangige Richterin, ebenso respektvoll wie doppeldeutig mit „My lady“, übersetzt als Mylady, angesprochen, plötzlich von einem Achtzehnjährigen auf den Mund geküsst wird und Jack als Universitätsprofessor, noch einmal eine leidenschaftliche Affäre zu erleben, das Recht sich nimmt. Sie stehen voll im Leben, das sich dem Ruhestand entgegen neigt. Da Fiona und Jack am ziemlich teuren und vornehmen Gray’s Inn Square in Fußwegnähe zum Londoner Justizpalast am Strand wohnen, beide auf Kinder verzichtet haben, sind die juristischen Fälle der Familienrichterin, die neben Scheidungen über das Kindeswohl zu befinden hat, immer auch mit der eigenen, gesellschaftlich verpassten Kinderlosigkeit verknüpft.

Die im Roman entfalteten juristischen Fälle von Kindesentzug, lebenserhaltender Trennung von Siamesischen Zwillingen und einem an Leukämie erkrankten Siebzehnjährigen wären schwerlich zu einem literarischen Text zu verarbeiten, wenn sie nicht gerade dazu dienten, Fionas Verwicklungen zwischen Richterinnenamt und Gefühlsleben zu erzählen. Die Fälle im Familiengericht erzählen nicht nur akribisch von der angelsächsischen Gerichtsbarkeit und ihrer Rechtsprechung, sie sind nicht nur Gesellschaftskolorit und -studie, Erzählungen von Literatur und Musik aus dem aktuellen London um 2012, vielmehr bringt die Verwobenheit von Psychologie, Justizroman, Literatur, Musik und Gesellschaftskritik allererst den Roman hervor. Fiona erzählt von sich selbst in ihren Fällen, in ihrer Praxis Musik zu machen und zu hören, Literatur zu schreiben und zu lesen. Das macht die Kunst Ian McEwans aus. 

Einige Kollegen, die sie besonders schätzte, suchten sie auf und gratulierten oder schrieben Briefe von der Sorte, die man in einem besonderen Ordner aufbewahrt. Insider fanden ihr Urteil elegant und korrekt. (…) Aber sie war nicht zufrieden, konnte den Fall nicht auf sich beruhen lassen, lag nachts stundenlang wach, wälzte die Details hin und her, formulierte einzelne Passagen ihres Urteils um und suchte nach neuen Argumenten. Oder sie grübelte über vertraute Themen nach, nicht zuletzt über ihre Kinderlosigkeit…[1] 

Der literarische Anspruch an Familienrechtsurteile wird von Ian McEwan ebenso scharfsinnig wie detailreich formuliert. Fionas Urteile sind Literatur und hoch literarisch. Sie muss qua ihres Amtes ebenso das Wohl des Kindes in lebenspraktischer wie medizinischer wie emotionaler wie religiöser wie gesellschaftlicher wie rechtshistorischer Hinsicht berücksichtigen, rhetorisch gegeneinander abwägen. Sie muss die unterschiedlichen Wissensbereiche der, wenn man so will Fachliteratur, in ihr Urteil einfließen lassen, um ihr Urteil zu finden und zu begründen. Ihre Meinungen und Emotionen, ihre Subjektivität hat sie aus der Urteilsbegründung heraus zu halten. Doch, was gesetzmäßig zu funktionieren hat, wird nicht nur gesetzeskonform gelesen, sondern führt zu geradezu tödlichen Verwicklungen.   

Die angelsächsische Rechtsprechung der Präzedenzfälle und des Fallrechts eignet sich für ein derartiges Romanprojekt ungleich besser, als die deutsche Rechtsprechung nach Gesetzesauslegung. Die Prozesse der Rechtsprechung im Anglo-Amerikanischen funktionieren anders als beispielsweise die Justizerzählungen von Ferdinand von Schirach, dem Kleistpreis-Träger 2010, oder bei Heinrich von Kleist selbst, z. B. in Der zerbrochene Krug. Die „elegant(e)“ Formulierung des Urteils, der Sprache, ist und bleibt im Extremfall tödlich. 

… Wie sollte sie davon sprechen? Wie ihm glaubhaft machen, dass dieser Fall, nach und unter so vielen anderen im Laufe einer langen juristischen Karriere, dieser eine traurige Fall, seine emotionalen Details und das lärmende Interesse der Öffentlichkeit, ihr derart nahegehen konnten? Eine Zeitlang war etwas in ihr erkaltet, zusammen mit dem armen Matthew. Sie war es, die ein Kind aus der Welt gesandt hatte, die den Jungen mit vierunddreißig elegant formulierten Seiten aus dem Dasein argumentiert hatte… (S. 38) 

Der Anspruch an eine „elegant formulierte()“ Urteilsbegründung, die in der angelsächsischen Rechtsprechung, weniger unter Abwägung aller in Betracht kommenden Rechtsnormen, also Paragraphen, als vielmehr unter den Gesichtspunkten von Rechtspolitik und politischer Korrektheit zu schreiben ist, führt nicht nur für My lady Fiona Maye zu einem juristischen Problem des Schreibens und Lesens. Ian McEwans „Gegenwartsthema“ zur Frage von Religion und Recht in der britischen Gesellschaft spielt sich nicht nur im elitären Bereich der obersten Richter und vereinzelten Richterinnen ab, vielmehr macht er es zu einem Problem des Schreibens und des Lesens unter Einsatz etlicher literarischer und musikalischer Paraphrasen. Auf schon fast kleistische Weise kommt es im gemeinsamen Musizieren, von Geigenspiel und ein poetisches Lied auf der Intensivstation Singen zur ebenso heilenden wie verwirrenden Vermischung der Gefühle. 

… Die erste Strophe klang noch zögerlich, beinahe zaghaft, doch in der zweiten trafen sich ihre Blicke, und Marina, die jetzt mit großen Augen an der Tür stand, war vergessen: Fiona sang lauter, Adams ungelenkes Kratzen wurde kühner, und sie steigerten sich immer inbrünstiger in die Schwermut dieser rückwärtsgewandten Klage hinein. (S. 125) 

Die Vermischung der Gefühle bei der Aufführung und Performanz zwischen einem fast achtzehnjährigen Jungen mit Leukämie auf der Intensivstation und der rechtsprechenden, neunundfünfzigjährigen Familienrichterin von William Butler Yeats Gedicht Down by the Sally Garden in einer Komposition von Benjamin Britten für seinen Lebensgefährten Peter Pears kann als die literarische, fast beiläufige Schnittstelle des Romans formuliert werden. Danach wird nichts mehr sein wie zuvor. Denn das Motiv der Vermischung ─ durch Literatur und im Literarischen beim Musikmachen ─ steht vor allem dem der Reinheit und dem „Blut als der Essenz des Menschen“ (S. 121) entgegen. Dass die Vermischung trotzdem in einer dramatischen und tödlichen Wendung folgenreich sein kann, ist eine literarisch-erzählerische Volte von Ian McEwan. Doch der Roman Kindeswohl wird letztlich zu einem literarischen Plädoyer für die Vermischung, weil Literatur nur darüber funktionieren kann.  

In a field by the river my love and I did stand,  

And on my leaning shoulder she laid her snow-white hand. 

She bid me take life easy, as the grass grows on the weirs; 

But I was young and foolish, and now am full of tears. 

Die juristische Auseinandersetzung über eine Bluttransfusion aus medizinischer Notwendigkeit gegen den Willen und Glauben der Jehovas Zeugen debattiert(!) weniger über „Religiosität und Agnostizismus“ als vielmehr über die Fixierung auf einen reinen Sinn der Existenz, eine „Essenz des Menschen“ gegen die immer schon stattgefundene Vermischung als Ur-Sprung des Lebens. Letztlich stehen sich Fiona und Adam wie Kontrahenten eines „Schuldebattierklubs“ (S. 121), einer Debating Society, gegenüber. Die Kultur der angelsächsischen Debates/Debatten macht tatsächlichen einen wichtigen Unterschied im Schul- wie Rechtssystem aus. Eine Gerichtsverhandlung, wie Fiona ihr vorsitzt, hat viel mit einer Debate zu tun. Erst im Zuge einer Debate schält sich die Entscheidungsfindung heraus. Letztlich ein literarischer Prozess. Natürlich ist Fiona nicht nur eine Meisterin in der Repetition der Debate im Gerichtssaal, aus der heraus das Urteil geschrieben werden wird, sondern auch Adam Henry ist „der Star des Schuldebattierklubs“.    

Ian McEwan treibt die Widersprüchlichkeit der britischen Gesellschaft zwischen Traditionalismus, Fundamentalismus und Sinnfrage auf die Spitze. Doch seine Haltung, besser die Haltung seiner Protagonistin Fiona Maye, deren Vorname den Ossian-Dichtungen des schottischen Dichters James Macpherson des 18. Jahrhunderts entstammt,[2] somit selbst auf die literarische Produktion und Fälschung von Geschichte und Historizität hinüberwinkt, bleibt eine schwankende bisweilen schmerzhafte gegen dogmatische Reinheits- und Wahrheitsphantasien. Zeichnet sich doch die Lehre der Zeugen Jehovas in einem durchaus modernen Anspruch auf Wahrheit aus, die der Leere in Fionas Lebenspraxis entgegensteht. Doch Wahrheit und Sinn sind für Fiona Maye nicht die entscheidenden Kriterien. Vielmehr hält sie die Widersprüchlichkeit ihrer Existenz mit der Leere aus, weil der homogenisierende und totalitäre Wahrheitsanspruch keine Fragen löst. Vielmehr ist es jener Wahrheitsanspruch, der letztlich zu Adams Tod führt.

… Wieder wandte er sich an Fiona, als er bewegt erklärte: »Der Heilige Geist geleitet die gesalbten Vertreter ─ wir nennen sie Sklaven, Euer Ehren ─, er weist ihnen den Weg zu tiefen Wahrheiten, die wir früher noch nicht begriffen haben.« (S. 89) 

… Was sie da hörte, war eine Predigt, voller Überzeugung und Leidenschaft. Er machte sich zum Sprachrohr seiner ganzen Sekte und erklärte, sie wollten bloß in Ruhe gelassen werden und sich an das halten dürfen, was für sie selbstverständliche Wahrheiten seien. (S. 122) 

Das britische Empire wird von Ian McEwan nicht zuletzt mit der Landschaft und Architektur des (fiktiven) Herrenhauses „Leadman Hall“ bei Newcastle inszeniert, wenn Fiona Maye und ihre ausschließlich männlichen Richterkollegen auf ihrer Reise durch den Gerichtsbezirk dort übernachten sollen. Von der „Villa im palladianischen Stil“ mit „Kricketplatz“, an dem die Richter in einem „Bentley aus den Sechzigern“ (S. 156) vorbeifahren, bis zur mangelnden Heizung und den zugemauerten Kaminen kommt es nur noch als Schatten seiner selbst vor, was einst den Reichtum und die Kultur des Königreichs ausmachte. Als Pointe sind der Hausmeister und der Butler dann auch noch unfähig oder unwillig, einen „Heizlüfter“ zu bringen. Fionas Sekretär Pauling besorgt ihn schließlich. Doch Leadman Hall, was sich auch als leitender Mann oder Mensch oder Vorarbeiter lesen lässt, den Anspruch auf Führung also durchaus noch im Namen trägt, ist nur noch eine „Bruchbude“. 

Just in diesem Augenblick musste irgendein festes Teilchen im Inneren des Heizlüfters in die Bahn des Ventilators geraten sein, denn ein regelmäßiges Klackern erfüllte den Raum. Es schwoll an, wieder ab, und surrte dann gleichbleibend weiter. Fiona spürte Ärger über diese ganze Bruchbude in sich aufsteigen. Alles nur Fassade. Nichts funktionierte. Wieso war ihr das noch nie aufgefallen? (S. 167)   

Überhaupt spielen in Kindeswohl von Ian McEwan (fiktive) Architekturen eine wichtige Rolle. Die Existenz im Herzen des viktorianischen London zwischen Gray’s Inn Square und The Strand, zwischen klappernder Heizung in der Privatwohnung und Justizpalast, ist eine ebenso routinierte wie gefährdete. Die Architektur des „sechsundzwanziggeschossige(n) Edith Cavell Wandsworth General Hospital“ ist gigantomanisch und auf Pump gebaut. Als Utopie verspricht es die Entkopplung der Krankheit von ihren Anzeichen. Das „General Hospital“ ist auch nur ein Finanz- oder Business-Center nach dem Vorbild eines „moderne(n) Flughafen(s)“. 

Sie betraten ein verglastes Atrium, hoch wie das gesamte Gebäude. Zwischen den fröhlich bunten Stühlen und Tischen konkurrierende Kaffee- und Sandwichstände strebten große einheimische Bäume, trotz deutlicher Mangelerscheinungen, hoffnungsvoll in die Höhe. Weiter oben, und noch weiter oben, wuchsen Bäume auf Betonplattformen, die da und dort aus der gerundeten Wand ragten. Ganz oben, in hundert Metern Höhe, zeichneten sich vor dem Glasdach ferne Sträucher ab… (S. 104)  

Kindeswohl bzw. The Children Act trägt durchaus satirische Züge, die den deutschsprachigen Leserinnen wahrscheinlich eher verborgen bleiben. Die Satire bezieht sich allerdings weniger auf die Fragestellung von Religion und Recht, Glauben und Wahrheit, Leben und Tod, als vielmehr auf eine Überzeichnung britischer Traditionen wie Leadman Hall oder wie beim Krankenhaus britischer Utopien. Eileen Battersby schreibt in der Irish Times vom 28. September 2014 mit spitzer Feder, dass es eine effekthascherische, satirische Kante in seiner Prosa gebe und vergisst nicht zu erwähnen, dass Jack ein weißes Leinen-Jackett von Gieves & Hawkes, einem 1771 gegründeten Londoner Herrenausstatter, trage bzw. aus seinem Kleiderschrank genommen hatte, als er Fiona verlassen hatte. Nun gehört Gieves & Hawkes mit einer eigenen Military-Bekleidungsabteilung, die auch „Jewellery“, also Ordens- und Abzeichen, führt, zu den möglicherweise hippsten Institutionen eines zeitgenössischen very british gentleman.

Wie viel Satire tatsächlich im Roman Kindeswohl steckt, lässt sich vermutlich schwer sagen. Denn der Begriff des Kindes oder der Kindheit steht allemal zur Disposition, weil er sich mit den angeführten Fällen der untrennbar mit einander verwachsenen Säuglinge Mark und Matthew, dem entführten Mädchen und dem 17 Jahre und 9 Monate alten Adam Henry auf das gesamte Alter unter 18 erstreckt. Kindheit oder „Children“ betrifft dann rein juristisch alle Menschen, die noch nicht volljährig, also keine 18 Jahre alt sind. Die Unmündigkeit des Kindes wird somit einzig und allein über seine Nicht-Volljährigkeit definiert. Wobei gerade der Children Act von 1989 Kinder gerade mit Rechten ausstatten will. Kindheit und Kinderlosigkeit werden von Ian McEwan in einen Schreibprozess hineingezogen, der das Private mit dem Öffentlichen und umgekehrt vermischt. Die Hybridität und Elastizität seiner Literatur machen es u.a. schwierig zu entscheiden, ob es sich schon um Satire handelt. Doch wenn Eva Matthes sich auf die, sagen wir, Frauenstellen beschränkt, dann kann das auch heißen, dass Kindeswohl durchaus verstören kann.  

Das Format Ein Tag mit … im Programm des Hauses der Berliner Festspiele soll in Kooperation mit der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius viermal im Jahr stattfinden. Nach Sibylle Berg, David Bowie und Martin Luther King war nun also Ian McEwan im Fokus eines Veranstaltungstages. Britisches Queuing, Schlangestehen war angesagt. Die Schlange der Ian McEwan-Verehrerinnen bildete sich über die ganze Länge des Foyers bis hinunter zur Garderobe. Nun wäre allerdings ganz bestimmt wieder eine Frau dran. Denn Kindeswohl wird zwar von Fiona Maye „erzählt“, doch damit bleibt sie auch bis zu einem gewissen Grade die Erzählung eines Mannes von einer Frau. 

 

Torsten Flüh

 

PS: Vergessen soll und darf nicht werden, dass man dann doch den britischeren und damit besseren High Tea im Einstein Unter den Linden oder beispielsweise in der Tea Lounge des Ritz-Carlton mit Pianobegleitung einnimmt.

 

Ian McEwan 

Kindeswohl 

Roman, Hardcover Leinen, 224 Seiten 

Erschienen im Jan. 2015 

ISBN 978-3-257-06916-7 

€ (D) 21.90 / (A) 22.60 

sFr 29.90*  

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[1] McEwan, Ian: Kindeswohl. Zürich 2015. S. 36

[2] Vgl. auch die Funktion von James Macphersons Gesang aus Ossians Fingal für Johannes Brahms‘ Begriff der Romantik in Die Musik und der Orchesterapparat.