Die Welt, der Schmerz, der Fan und sein Star - Zum Konzert Yoshiki Classical im Tempodrom

Star – Fan – Klassik 

 

Die Welt, der Schmerz, der Fan und sein Star 

Zum Konzert Yoshiki Classical im Tempodrom 

 

Yoshiki Hayashi ist mit seinem Classical-Programm auf Welttournee. Am Freitag machte er nach Costa Mesa am 25. und San Francisco am 28. April, Mexico City am 3. und Moskau 21. am 23. Mai in Berlin Station, um am  nächsten Morgen mit dem Privatjet weiter nach London zu reisen und am 26. Mai in Paris sein Konzert zu geben. Am 29. Mai wird er dann in London in der Royal Festival Hall auftreten. Das World Tour Programm ist dicht getaktet. Seine Fans verfolgen die Tournee und die Flüge per Facebook, Twitter, g+, YouTube, Soundcloud, tumblr, istagram, ustream, weibo und vk.

Der Megastar, der als japanischer Bono gehandelt wird, promotet sein Yoshiki Classical Album, das in den Top Ten von Classical iTunes auf Platz 2 in den USA und Norwegen steht, in Australien auf Platz 6 kommt und in Frankreich auf Platz 5. In Berlin kamen am Freitag sowohl junge Japanfans in Manga- oder Visual Kei-Kostümen, Japanerinnen, eingefleischte, langjährige Yoshiki- und X-Japan-Fans wie auch einfach Neugierige ins Tempodrom. Auf der Welttournee geht es nicht zuletzt darum, dass Yoshiki nach dem Schlussapplaus über die ausgestreckten Hände seiner Fans an der Bühne streicht, beträchtliche Mengen an Blumen und Geschenken entgegen nimmt und einfach da ist. ─ Und wie funktionieren nun die Konzert-Show und das Klassische an der Yoshiki Classical World Tour?

 

Der Fan (be-)sucht seinen Star. Das Verhältnis von Fan und Star hat sich durch die Social Media des Internets verändert. Der Fan ist seinem Star im Takt der Tweets, News und Posts näher denn je. Im Unterschied zu Lady Gaga oder Rihana verhält sich Yoshiki geradezu zurückhaltend mit dem Posten und Twittern. Ein Backstage-Smartphone-Foto mit Jared Leto am 3. April aus Tokio musste dann aber doch sein. Die Fans kennen schon Innenaufnahmen von seinem Ton-Studio in LA, wo Proben stattfanden, den etwas älteren Privatjet mit Ruhebett und Salon etc. Als Wayne Koesterbaum 1995 »Jackie Under My Skin. Interpreting an icon«, deutsch Jackie O.: der Fan und sein Star (1997)[1] schrieb und veröffentlichte, spielten Medien eine andere Rolle. Jackie im Onassis-Privatjet oder auf der Privatyacht nach einem Auftritt mit bandagiertem Arm und geschlossenen Augen auf einem Bett? Undenkbar.

Es gibt langjährige Yoshiki-Fans, zumindest einer hat es dem Berichterstatter am Freitag verraten, die ihre Söhne nach Yoshiki Hayashi benannt haben. Der Österreicher ist mit einer Japanerin verheiratet und kennt Yoshiki seit der X-Japan-Zeit, also seit den späten 80er und frühen 90er Jahren. Und damit beginnt eine Erzählung vom Fan und seinem Star, die vermutlich immer auto-biographische Züge annimmt. Der Fan begleitet den Star und umgekehrt. Die Timeline wird von Zeit zu Zeit frisiert. Aber bei Google bleibt alles abgespeichert. Jeder Star ist individuell und leer, wie Wayne Koesterbaum es mit dem O des Namens Jackie O. formuliert: 

Sagen wir einfach, daß das »O« in »Jackie O.« sie als null und nichtig und als nichtsnutzig-unartig kennzeichnet und auch das »I«, den Vokal des Ich, in die Gleichung einführt, wenn wir »Jackie O.« umdrehen, um die Anrufung »O Jackie« zu erhalten.[2]

Die Anrufung des Stars. Sie gilt auf Facebook weiterhin: Und dann hagelte es am 4. April 2014 »Ohs« und »Wows« und „Okay no. This is too much. I can’t handle it, two of my favorite artists!!” Stars generieren Backstage Super Novas oder so. Jared Leto und Yoshiki versetzen die Yoshiki-Fans in Verzückung. Die Anrufung des Stars im Tempodrom findet als „Yoshiki-Yoshiki-Rufe“ statt. Und die Fans sind mindestens so stark und innig gerührt wie der Star selbst, wenn Yoshiki im zweiten Teil nach der Pause von den beiden toten X-Japan-Mitglieder Hide (1998) und  Taiji (2011) mit brechender Stimme spricht und Endless Rain am Flügel wie auf dem Synthesizer spielt, während die erste Violine der Yoshiki String Players derart ausgesteuert wird, dass sie eher wie ein Riesenraumschiff auf einen zukommt. Der Star gibt sozusagen die Anrufung zurück.

Der Fan kann nicht ohne seinen Star existieren. Doch der Star wechselt seine Erscheinungsformen. Gegenüber dem vom Kabuki-Theater inspirierten Visual Kei-Rock von X-Japan stimmt Yoshiki Classical weniger aggressive Töne und Spielweisen an. Doch die Lautstärke und Abmischung der Klassiktöne ist auch dem Rock geschuldet. Rock ist bei X-Japan mit Yoshiki als Drummer laut und aggressiv. Mehrfach wird auf der LED-Wand Yoshikis Auftritt im Tokio Dome unterlegt mit Yoshikis Miracle vom Band eingespielt, bei dem er sich schließlich sogar in sein Schlagzeug hineinwarf. Gegenüber Scott Goldman, dem Vice President der Grammy Foundation, formuliert Yoshiki vorab den Unterschied zwischen Klassik und Rock als einen zwischen Aggression und Gefühl. Das ist auch die Botschaft von Miracle. Die Improvisation – Swan Lake (Tschaikowski) spielt Yoshiki als zweites Stück nach der Pause. Die Fans steigen drauf ein. Yoshiki Classical erzählt die Geschichte vom Gefühl, von der Verehrung, von der Trauer und vom Überleben:  

΄till we see the end, we’ll breathe through the music  

Die Star-Strategien der Vervielfältigung und der medialen Verknüpfung waren bereits mit Duplicating Yoshiki angeschnitten worden: die Kawaii-Verknüpfung von Yoshikitty, Yoshiki mit seinem Hologramm in einer Piano-Schlacht, Social Media und Yoshiki. Wenn man dann die Ausstellung David Bowie im Gropius Bau gesehen und gehört hat, dann wird noch einmal deutlich, wie verdammt einflussreich die Bowie-Strategien sind. Bowies Yamamoto-Anzug von der Aladin-Sane-Tour 1973 und dessen Anklänge an das Kabuki lassen sich auch bei X-Japan und dem Visual Kei wiederfinden. Was zunächst im Konzert mit den LED-Einspielungen an eine fast schon exzessive Selbstreferenzialität erinnert, gehört zu den Hauptsträngen des Fans und seines Stars. Der Fan will seinen Star und nicht dessen Konstruktion sehen und hören. Insofern gehören zum Fan nicht etwa Kunstverständnis und Leistungserwartung an seinen Star, vielmehr geht es um die Wiederkehr von Bildern an der Grenze zum Nichtstun und zur Ideologie der Leistung.

 

Yoshiki als Megastar seiner Fans muss keine Leistung erbringen. Gerade die wiederum an David Bowie erinnernde Verkopplung von Musik aus dem Computerprogramm, Streichern, Piano, Tontechnik und Bildregie bringt die ausgestellte Leistung als Multitalent ins Schwanken. Wenn der Sound der Violinen derart ausgesteuert wird, dass man ganz anders als beispielsweise bei einem Konzert von Anne-Sophie Mutter mit dem Pittsburgh Symphonie Orchestra in einem Konzert von Lutoslawski in der Philharmonie nicht hinhören muss, dann reißen da Fragen nach der Leistung und ihren Kriterien auf. Es ist keinesfalls so, dass die Leistung der weltberühmten Geigerin beim Ad libitum in der Komposition von Witold Lutoslawski unumstritten wäre. Vielmehr verstieg sich die Kritik gerade darin, dass Anne-Sophie Mutter das Stück, in dem wegen des Ad libitum keine klaren Leistungskriterien auszumachen sind, bereits seit mehr als 25 Jahren in Konzerten wiederhole.

Die Klassik an Yoshiki Classical sind die Streicher, der Flügel und das Gefühl im Unterschied zur Aggression, lässt sich durchaus nach der Eröffnungssequenz des Konzertes formulieren. Die Schwanensee-Improvisationen oder die Anklänge an die Barock-Komposition Albinonis in Yoshikis Miracle sind Programm. Entgegen den Modi eines hochkarätigen Klassik-Konzertes geht es dabei weniger ums Hinhören als vielmehr um ein Überwältigenlassen. Das ist nicht unbedingt vom Genre der Klassik im Pop abhängig. Vielmehr war beim Festkonzert der Philharmonie 2013 zu beobachten, dass gerade dann, wenn nicht genau hingehört wurde, das Festkonzert-Publikum bei der finalen Grande Symphonie funébre et triomphale op. 15 von Hector Berlioz in heftige Beifallsstürme ausbrach. Doch bei Yoshiki wird durch die ausgesteuerte Tontechnik das Hinhören auch vereitelt.

Der Megastar Yoshiki ist alterslos. Die Alterslosigkeit oder immerwährende Jugend führt zu einem kalkulierten Paradox mit dem Erzählmodus der Biographie. Im Bild-Konzept der World-Tour Yoshiki Classical gibt es nicht zuletzt mit den Bildern vor und aus dem Privatjet sowie deren Bildbearbeitung von Istagram im leicht vergilbten Farbmodus ständig eine visualisierte Zeitschwankung zwischen des 1980er Jahren und 2014. Das Tour-Image von Yoshiki mit den auf dem Flügel abgestützten Ellenbogen macht ihn zu einem 20jährigen. Die Alterslosigkeit korrespondiert dabei mit einer geschlechtlichen Ambiguität. Der Star Yoshiki, wie er für die World Tour Bild wird, ist vor allem von einer Durchmischung von Geschlecht und Alter als Kategorien durchdrungen. Und womöglich ist genau diese Verwischung von Kategorien jene Uneindeutigkeit, die sich der Fan für sich selbst wünscht. Anders, aber vermutlich auf sehr ähnliche Weise funktioniert das bei den Fans der Rolling Stones.        

Die Alterslosigkeit wird von Yoshiki im Kommentar zum Smartphone-Foto aus dem Privatjet auch mit #Vampire auf Facebook verlinkt. Einerseits entsteht damit eine Verknüpfung zur Vampire-Seite von Facebook, wo sozusagen bereits Jared Leto in einem der Posts wartet. Andererseits entstehen mit Vampire all jene Verknüpfungen von Unsterblichkeit, Leiden, ewige Jugend, Liebe, Reichtum, Erlösung, die das Vampir-Genre bereithält. Der Unsterbliche ist immer auch einer der nicht sterben kann. Ein Untoter, der sich Erlösung wünscht, wie unter anderem der Fliegende Holländer von Richard Wagner. Der Vampir hält letztlich für den Fan auch den Wunsch bereit, dass er den Star erlösen könne. Für das Verhältnis von Fan und seinem Star ist die Rolle des unerlösten Vampirs oder Fliegenden Holländers eine geradezu existentielle. Sie ist nahezu klassisch und erfordert Hingabe. Es ist ein wechselseitiges Versprechen von Erlösung, das hier zum Zuge kommt.    

Ein Fan zu sein, hat mit dem Paradox von Wissen über seinen Star, Wissen von sich selbst und dem Wünschen zu tun. Im paradoxen Verhältnis von Wissen und Wünschen wird der Fan allererst zum Fan. Was dem Fan in seiner reglementierten Existenz zwischen der Erziehungsanstalt der Schule und dem Rentenalter verwehrt wird, realisiert er an und mit seinem Star. Das Image Yoshiki vollzieht dieses Paradox auf geradezu unheimliche Weise mit seiner Bilderwelt. Das World Tour Image dürfte eben auch das Produkt einer wunschgesteuerten Bildbearbeitung sein. Im Unterschied zum Glauben an das Photo bei Wayne Koesterbaum lässt sich so ein technologischer Einschnitt der digitalen, aber natürlich nicht nur digitalen Bildverarbeitung ausmachen, die unauflösbar mit dem Fan verkoppelt ist.    

Es ist auf das Hologramm und seine Funktion im Star-Image von Yoshiki zurück zu kommen. Wie erwähnt, hatte Yoshiki sich im Vorfeld des Tour-Starts in Houston eine Schlacht mit seinem Hologramm oder seiner „holographic version“ am Flügel geliefert. Doch es war nicht das erste Mal, dass die Hologramm-Technik in einem Konzert von oder mit Yoshiki eingesetzt wurde. Vielmehr experimentierte X-Japan bereits 2009 auf einem Konzert in Hongkong mit einem Hologramm von hide, der sich 1998 im Alter von 33 Jahren selbst stranguliert hatte. Dabei konnte nicht eindeutig geklärt werden, ob es sich um einen Selbstmord, eine therapeutische Anwendung oder um einen sogenannten autoerotischen Unfall handelte. hide wird jedenfalls nach wie vor als Bandmitglied von X-Japan geführt und verehrt. In dieser Hinsicht rührt der Einsatz des Hologramms an  den Jugend-Mythos vom Star. Er ist nicht nur alterslos, sondern unsterblich.

Die Unsterblichkeit des Stars durch seine Fans und durch Hologramme entspringt nicht zuletzt den Phantasien der digitalen Bildproduktion, wie sie von der Filmindustrie Hollywoods produziert werden. Dass sich Yoshiki eine vielbeachtete Schlacht am Flügel mit seiner holographischen Version geliefert hat, machte ihn durch die große Anzahl der Pressemeldungen ein wenig unsterblich, um den Star-Mythos der Unsterblichkeit weiter auszubauen. Das Leben endet zwar nach wie vor in der Regel tödlich, aber der Wunsch nach Unsterblichkeit materialisiert sich mittlerweile im Hologramm auf der Show-Bühne. Der Star schuldet seinem Fan auch diese Umsetzung des Wunsches, vor allem in einer mittlerweile mehr oder weniger globalen Verleugnung des Todes, unter anderem weil er das Ende des Konsums setzt.

Bereits beim Foto-Call im Grand Hyatt fiel die Armschiene auf, die Yoshiki offenbar ganz bewusst für die Kameras am rechten Unterarm trug. Eine Verletzung? Eine Sehnenscheidenentzündung? Modisches Accessoire? Wird er spielen können? Die Verletzbarkeit des Stars und deren Inszenierung gehört überraschenderweise zu Yoshiki. Wenn einerseits auf Alterslosigkeit und Unsterblichkeit angespielt wird, dann ist die Verletzlichkeit durch Anlegen von Bandagen als Accessoire zum Bild wiederum Paradox. Die physische und psychische Verletzbarkeit gehören allerdings spätestens seit seinen Auftritten am Schlagzeug im Tokio Dome zu einem wiederkehrenden Motiv. Am Schlagzeug trug Yoshiki angeblich auf ärztliches Anraten eine Halskrause. Doch das ist nur eine Erzählvariante. Insofern die Bandage nunmehr am rechten Arm beim Foto-Call, auf dem Bett im Privatjet nach dem Konzert in Moskau oder im Interview für ZDF heute nacht wiederkehrt, wird an die Verletzlichkeit des nahezu übermenschlichen Stars Yoshiki recht deutlich erinnert.

Der Fan wünscht sich seinen Star durchaus verletzlich. Er möchte seinen Star auch als Träger, als Verkörperung „seiner“ Schmerzen sehen. Von Yoshiki Hayashi lässt sich wenig wissen. Tatsächlich wird sein Privatleben ganz anders, wie es noch bei Jackie O. auftaucht und vom Paparazzi Ron Gallela zum Bild gemacht wird, in den Medien weniger diskutiert. Aber die Inszenierung von Verletzungen und Schmerzen gehört, ob biographisch in Texten formuliert oder nicht, zum ganz unvermeidlichen Ensemble der Gefühle und ihrer Inszenierung in der Öffentlichkeit. Mit den Utensilien zwischen Medizin, Mode und Schmuck von den Bandagen über das Halsband bis zur dezenten Peitsche am Gürtel versetzt der Star die Schmerzen in ein Spiel mit der Lust, die mit der Musik vollzogen werden kann.

Wenn man den Soundtrack von Yoshiki Classical genauer und gewagter formulieren will, dann eignet sich Miracle ebenso für eine entkonfessionalisierte Messe wie für eine durch sexuelle Praktiken zwischen Schmerz und Lust aufgeladene Party. Das Klassische an Yoshiki Classical speist sich sehr genau aus den Praktiken von Messe und Party. Letztlich läuft es bei der Inszenierung des Konzerts auf die Kombination von Messe und Party hinaus. Auf der Party werden unablässig die Smartphones und Tablets gezückt, während der Fan neben dem Berichterstatter auf dem Höhepunkt der Messe die photographierende Frau vor ihm darauf aufmerksam machte, jetzt dies einmal nicht zu tun. 

Torsten Flüh 

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[1] Koesterbaum, Wayne: Jackie O.: der Fan und sein Star. Stuttgart 1997.

[2] Ebenda S. 194