Die Erinnerungskunst der Fotografin - Zu Krista Beinsteins Fotoband Sinfonie des Lebens im Schwulen Museum vorgestellt

Fotografie – Leben – Musik 

 

Die Erinnerungskunst der Fotografin

Zu Krista Beinsteins Fotoband Sinfonie des Lebens im Schwulen Museum vorgestellt 

 

Welche Musik wird hörbar, wenn frau sich einen Bildband ansieht? – Krista Beinstein stellte am Donnerstagabend ihr zehntes Fotobuch im Schwulen Museum vor, das druckfrisch im konkursbuch Verlag erschienen ist. Sie hatte eine ca. 40minütige Präsentation der Fotos mit Musik vorbereitet. Denn Sinfonie des Lebens ist nicht nur der Buchtitel, sondern durchaus eine zitatreiche Komposition an der Schnittstelle von Fotografie, Fotopraxis, Erzählung und Musik. Krista Beinstein ist seit den 80er Jahren eine der umstrittensten, feministischen Fotografinnen, Queen of Fetish an‘ Toys und Grenzgängerin mit der Fotokamera.

 

Im Fotobuch wird fehlen, was in der Präsentation höchst artifiziell mit Musik von Bartok, Strauß und Mahler auf erstaunlich treffende Weise die Bilder belebte. Dennoch ist sich die Künstlerin sicher, dass den Leserinnen Musik beim Betrachten der Fotos in den Sinn kommen wird. Die Fotografin Krista Beinstein, die in Hamburg und Wien lebt und arbeitet, hat nicht nur zufällig, vielmehr konzeptuell eine Sequenz ihres sinfonischen Fotobuchs Beinstein Bacon Mapplethorpe genannt. Sie spielt mit den Geschlechtern wie mit dem Geschlecht und den Medien auf radikale Weise, was sie zu einer künstlerischen Avantgardistin des queer und der queer art gemacht hat.

 

Krista Beinstein erzählt und performt leidenschaftlich gern mit der Fotokamera, so dass der Sex gleichsam vor und hinter der Kamera im ständigen Wechsel praktiziert wird. Mit der Medienwissenschaftlerin und -künstlerin Claudia Reiche sprach sie über ihre breit vernetzte Fotopraxis. Denn sie ist eine bereitwillige Erzählerin. Die Sequenzen aus Sinfonie des Lebens erzählen von désir noir, die Tänzerin, amour dangereux, Momente der Ewigkeit und butterfly, doll factory und Konservierung der Weiblichkeit, à la recherche de soi-même, identity und sparus aurata sowie Einverleibung, Trudis Fetischsalon, romantisches Wien im 3/4-Takt, in der Sinfonie und Trilogie Beinstein Bacon Mapplethorpe ebenso wie in der Stille und die Zeit gehört mir. Das Fotobuch tendiert damit auch gut und gern zum Format eines queer-lesbischen Fotoromans. Fast so wie Jacques Derrida 1985 von Droits de regards als Photoroman schrieb.

 

Die Erzählungen in Sinfonie des Lebens, die sich gar nicht alle erzählen lassen, vielmehr immer wieder neue, andere und weitere von Leben und Tod, Spiegeln und Fetisch, Medien und Praxis anstoßen, können in ihrer Körperbildlichkeit auch verstören. Körper- und Geschlechterbilder zwischen Mensch und Tier, Frau und Mann, Glied und Prothesen, Skeletten und Fleisch werden mit der Kamera erforscht, seziert und neu kombiniert. „Sex ist mein Medium“, sagt Krista Beinstein in einem der fünf arrangierten Gespräche, die Claudia Reiche zwischen dem 28. Februar und dem 11. August 2015 mit ihr geführt hat. In der kürzlich beendeten Ausstellung HOMOSEXUALITÄT_EN im Deutschen Historischen Museum war sie mit ihrem Fotoband „Tittendominanz“ von 1989 vertreten.  


romantisches Wien im 3/4-Takt (Foto: Krista Beinstein)

Die Gespräche sind im Buch sozusagen der Fotosinfonie vorgeschaltet. Sie können allerdings auch nachträglich gelesen werden, weil sie die Komposition des Fotobandes nicht erklären. Aber sie handeln sehr wohl von dessen Produktionsweisen. Die narrativen Inszenierungen von Geschlecht und Geschlechtlichkeit, von Kalkül und Rausch rücken vor allem das Machen von Kunst mit der Kamera in die Aufmerksamkeit.   

Im Sex einfach die Kamera reinzuhalten, ohne Beleuchtung und ohne die Situation zu kontrollieren. Im neuen Buch kommt das auch vor. Es ist dann eine Inszenierung der Nicht-Inszenierung. Authentisch sein hieß für mich noch nie, dass es keine Inszenierung wäre. Ich stelle mich dar, ich habe meinen Fetisch an, beachte das Licht. Authentisch ist das Begehren der Frau, ganz im gegenseitigen Reagieren in dieser Foto-Inszenierung.[1]

 

Die Kontrolle der Arrangements im visuellen Medium Fotografie, für die ein zeichenhaftes System der Fetische eingesetzt wird, spielt in Krista Beinsteins Fotopraxis eine ebenso wichtige Rolle wie der Kontrollverlust. Allerdings ist es nun gerade ihr zehntes Buch, in dem sie zum ersten Mal überhaupt Fotos aus einer Situation außer Kontrolle veröffentlicht. Eine Novität und in der Weise, wie diese selfieartige Arbeit und Sequenz aus einer Zeit vor der Selfie-Praxis auf Facebook und Instagram etc. stammt, avangardistisch. Visuell verstärkt wird der inszenierte Kontrollverlust dadurch, dass die Fotografin die Fotos im Buch in einer Ästhetik der Kontaktabzüge aus Zeiten der analogen Fotografie abdrucken lässt, nachdem sie die Fotos digital bearbeitet hat. Auf diese Weise wird gerade hier eine Schichtung von Inszenierungen und Kontrolle vorgeführt.

 

Digitale und analoge Fotografie überschneiden sich insbesondere in der Komposition dieses Fotobuchs von Krista Beinstein, weil sie vielleicht noch nie an die Abbildbarkeit geglaubt hat, wie sie heftig diskutiert wurde und sich in die Wahrnehmungspraktiken der digitalen Fotografie hinübergerettet hat. Im Unterschied dazu spricht Beinstein lieber von Magie und Zauber der Fotografie. Die Magie wird vor allem als ein zeitlicher Modus formuliert.

Auf deinem Spiegel sehe ich den Satz geschrieben: ,Die Magie des Moments‘. Ist das etwas, das bei dir auch die Lücke des Unabbildbaren füllen soll: eine Art Magie, von der du sprichst? Ist es ein magischer Moment, den du immer einlädst beim Fotografieren? Der Wunsch nach einer Korrespondenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit?[2]


in der Stille (Foto: Krista Beinstein)

Der besondere Reiz an den Gesprächen, die Claudia Reiche mit Krista Beinstein über das Fotografieren, die Fotos, das Bild, den Fetisch führt, liegt auch darin, dass daraus die verschiedenen Erzählungen zum Sex und zur Fotografie entspringen. Das Spiel der Fragen und Antworten verfehlt sich immer auch ein wenig im Gespräch, weil es für Beinstein unter anderem nicht nur die Magie gibt, vielleicht als einen Moment außer Kontrolle in der paradoxen Verschränkung eines Überschusses ebenso wie eines Risses, sondern die Magie nur mit dem „Zauber“ der Fotografie ergänzend und verknüpfend erzählt werden kann. Der Zauber nimmt in Beinsteins Erzählung dabei Züge von Roland Barthes‘ literarischer wie medienwissenschaftlicher „Note sur la photographie“ La chambre claire an[3], wenn sie sagt: 

Generell im Leben geht’s mir um den Zauber und die Magie. Die Fotografie ist wie ein Zauber! In der Kamera bricht sich das Licht, erzeugt das Bild, etwas bleibt unsichtbar auf dem Bildträger haften.[4]  


sparus aurata (Foto: Krista Beinstein)

Die Kombinatorik mit der Krista Beinstein ihre Fotografien inszeniert und komponiert, lässt sich sowohl im Bereich der Fetische wie in der konzeptionellen Anknüpfung an Francis Bacon und Robert Mapplethorpe beobachten. Der Maler Francis Bacon würde heute möglicherweise wie Beinstein mit digitalen Bildbearbeitungsprogrammen arbeiten. Er setzte sich in Fotoautomaten, um die Bilder anschließend in zersplitternden Ölgemälden zu verarbeiten. Robert Mapplethorpe vertauschte in seinen Fotos häufig die Sichtbarkeiten des Geschlechts. So wurde Gemüse zu Toys. Für Krista Beinstein vermischen sich auf ähnliche Weise Lebens-, Sex- und Fotopraktiken qua Erzählung im Medium Fotografie. 

,Life is what it is. It is the violence of life.‘ Das sagt Francis Bacon in einem Interview mit Melvyn Bragg. Ich mag Francis Bacon. Ich finde interessant, wie seine Arbeiten entstanden sind. Ein Hedonist, der das Nachtleben, besonders Soho, in seinen exzessiven Trink- und Sex-Orgien mit Männern durchlebte, bis er morgens im ersten Morgenlicht berauscht ins Atelier ging und seine Dämonen im verzerrten Lampenlicht malte. Grandios! Ähnlich ist es bei Robert Mapplethorpe, der sich nachts aus den schwulen S/M-Bars die starken, gefährlichen Kerle holte, sie im erotischen Licht porträtierte, und dann den wilden harten Sex mit ihnen lebte.[5]


Trilogie Beinstein Bacon Mapplethorpe (Foto: Krista Beinstein)

Nicht die Reproduktion von Rollenbildern steht für Krista Beinstein mit ihrer Anknüpfung an Bacon und Mapplethorpe an, vielmehr sind es gerade diese beiden Fotografen an der Schwelle zur digitalen Fotografie, die die Bilder mit der Kamera befragten, verzerrten und vertauschten.[6] Queer ist an ihrer Fotografie gerade jene andere Praxis des Fotografierens, die laut Mapplethorpes Formulierung, er fotografiere immer nur sich selbst, mit Fetischen und Prothesen oder auch der Prothese als Fetisch gerade das produziert, was als à la recherche de soi-même fehlt. Während naturalisierte Rollenbilder behaupten, das Selbst abzubilden, macht der obszöne Gebrauch des Dildos als Prothese sichtbar, was immer schon fehlt.[7] Das, wenn man so will und wie es Andreas Reckwitz für die Grundelemente einer Theorie der sozialen Praktiken (2003)[8] angeschrieben hat, praxeologische Subjekt stellt sich allererst her, indem es macht.     


Einverleibung (Foto: Krista Beinstein)

In der Sequenz Einverleibung, zu der frau an den Freischütz von Carl Maria von Weber erinnernde Jagdmusik mit Jagdhorn hören mag, kombiniert Beinstein die Jagdtrophäe des Keilerkopfes mit der Jägermeisterflasche Magnum, Gummistiefeln und Spitzenwäsche. Der Mythos des Jägers wird auf witzige und zugleich lustvolle Weise mit der Frau in Übergröße re-konstruiert. Einverleibung erzählt in einer aberwitzigen Kombinatorik vom Jägermeister verkörpert durch eine Frau und von der Lust. Dabei entstehen die queeren Mythologien der Fotografin eher aus Zufall beispielsweise des Auffindens eines verstaubten Keilerkopfes, der durch Kombination und Arrangement soweit mit der Fotografie „belebt“ wird, dass er schließlich ein Festmahl für die Sinne abgibt.

Wenn Krista Beinstein davon erzählt, wie ihre Fotogeschichten entstehen, dann ist es vor allem ein prozessuales Verfahren der Kombinatorik, das ein auktoriales Erzählen unterläuft. Der Jäger-Mythos wird durch die Bildarrangements beispielsweise dadurch gebrochen, dass der Keilerkopf auf einem kleinen Wägelchen auf einer begrünten Wohnstraße mit Gullideckel und schmalem Gehweg gezogen wird. Der fetischisierte Frauenkörper bricht sich in einer Jungensphantasie von Abenteuer und Beute. Das ist ebenso witzig und obszön wie es den Naturmythos vom Jäger hintertreibt und als Konstruktion ausstellt. 

Es sind Inspirationen, ich bin ja Geschichtenerzählerin. Es geht um Wendungen, Umwendungen.[9]

 
Einverleibung (Foto: Krista Beinstein)

Das Geschichten- oder auch Märchenerzählen Krista Beinsteins arbeitet nicht zuletzt mit der Erinnerung und ihrer Transformation. Es sind die Erinnerung, die aufreißen, um umgeschrieben zu werden. Auf diese Weise wird das Buch Sinfonie des Lebens auch ein Erinnerungsbuch zur Fotografie und ihre Versprechen. Die paradoxe Speicherung von Leben durch Töten, um es wieder in eine Lebenspraxis hineinzuziehen, wird fast zur Allegorie. Insofern werden gerade jene visuellen und doch nicht sichtbaren Momente der Ewigkeit qua Bildbearbeitungspraxis wieder belebt. Erst durch die Bearbeitung und gerade nicht Restaurierung werden sie praktisch in das Leben hineingezogen. Um die Verwicklung von Fotografie, Erinnerung, Sex und Performance auf die Spitze zu treiben, wird Krista Beinstein am 27. Februar um 22:00 Uhr im Südblock Sinfonie des Lebens als SEX-PRESENT mit Präsentation, Talk, Performance und Party feiern.

 

Torsten Flüh

 

Krista Beinstein 

Sinfonie des Lebens 

Format 21 x 26 cm, 200 Seiten, Softcover mit Klappen 

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 

ISBN 978-3-88769-840-9 

29,90 € 

 

SEX-PRESENT 

27. Februar 2015, 22:00 Uhr
Südblock

Admiralstraße 1-2
10999 Berlin
U-Kottbusser Tor
Eintritt: 7 €

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[1] Krista Beinstein: Sex ist mein Medium. Claudia Reiche interviewt Krista Beinstein. In: Krista Beinstein: Sinfonie des Lebens. Tübingen: konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 2016, S. 6.

[2] Ebd. S. 8.

[3] Roland Barthes: La chambre claire. Note sur la photographie. Paris: Gallimard, 1980.

[4] Krista Beinstein: Sinfonie … [wie Anm. 1] S. 8.

[5] Ebd. S. 10.

[6] Vgl. Torsten Flüh: Photographie als Schrift. Literaturwissenschaftliche Anmerkungen zu einem vielfältigen Medium. Saarbrücken: VDM Verlag, 2007.

[7] Siehe auch Torsten Flüh: Pierrot Lunaire als Porn-King. Bruce LaBruces Inszenierung von Arnold Schönbergs Pierrot Lunaire am HAU1. 12. März 2011 22:54 NIGHT OUT @ BERLIN

[8] Andreas Reckwitz: Grundelemente einer Theorie der sozialen Praktiken. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 32, Heft 4, August 2003. Stuttgart: Lucius & Lucius Verlag, S. 282-301.

[9] Krista Beinstein: Sinfonie … [wie Anm. 1] S. 14.