Ein Bärendienst - Zur 150-Jahrfeier des Vereins für die Geschichte Berlins e.V., Heinrich Heines Briefe aus Berlin und Berliner Fotografenateliers

Stadt – Geschichte – Fotografie 

 

Ein Bärendienst 

Zur 150-Jahrfeier des Vereins für die Geschichte Berlins e.V., Heinrich Heines Briefe aus Berlin und Berliner Fotografenateliers des 19. Jahrhundert 

 

Der Vorstand des Vereins für die Geschichte Berlins e.V. hatte den Bundespräsidenten a. D. Dr. Richard von Weizsäcker zum Festakt anlässlich der 150-Jahrfeier in der Nikolaikirche, Stadtmuseum Berlin, am 28. Januar 2015 eingeladen. Doch das Ehrenmitglied des Vereins seit dem 18. Mai 1984 ließ sich wegen seines hohen Alters entschuldigen. Er starb am 31. Januar im Alter von 94 Jahren. Noch im September 2014 hatte Richard von Weizsäcker ein Grußwort für die Festschrift des Vereins beigetragen. Prof. Dr. Wolfgang Ribbe, Vorsitzender der Historischen Kommission zu Berlin a.D., hielt den Festvortrag über „Gedenken in Bronze und auf Porzellan“ ohne eine einzige Abbildung zu zeigen. Doch der Verein für die Geschichte Berlins e.V. ist die älteste und angesehenste historische Gesellschaft der Stadt. Ihre Gründung ging aus einem Verlust hervor. Daraufhin wurde am 28. Januar 1865 im Café Royal, das sich Unter den Linden 33 Ecke Charlottenstraße befand, der Verein ausschließlich von engagierten Männern, Honoratioren, gegründet.   

 

In den Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, die es, mit Unterbrechung, seit 110 Jahren gibt, zitiert der Schriftleiter Wolther von Kieseritzky ausführlich einen der Briefe aus Berlin von Heinrich Heine, der mit dem Datum vom 26. Januar am 8. und 15. Februar 1822 im „Kunst- und Wissenschaftsblatt; der Wissenschaft, der Kunst und der Erheiterung des Lebens geweiht“[1], als Beilage des Rheinisch-Westfälischen Anzeigers in Hamm mit dem Absender „….e.“ abgedruckt wurde. Zitiert wird die Stelle, an der das Café Royal ─ „Aber halt! Sehen Sie das Gebäude …“ ─ erwähnt wird. 1827 werden die Briefe aus Berlin im zweiten Band der Reisebilder[2] mit veränderter Rahmung ohne den Brief vom 26. erneut abgedruckt. Das gibt auch einen Wink auf die Frage von Geschichte, Stadt, Historizität und Literarizität. Wie verhält es sich mit der Produktion von Geschichte und Stadt, Bautätigkeiten und Verlusten? Das betrifft nicht zuletzt das Verschwinden der Berliner Fotografenateliers des 19. Jahrhunderts und ihrer Wiederkehr als digitales Archiv? Und wie funktioniert Geschichte als „Gedenken in Bronze und Porzellan“?

Das Märkische Museum und sein Museumsbau am Köllnischen Park gingen 1908 quasi aus dem Verein für die Geschichte Berlins und seiner neuartigen Geschichtspflege als Stadtmuseum hervor. Die historische Verbundenheit von Verein, Museumsgründung und Museumsbau wird mit einer Präsentation, von Prof. Dr. Sibylle Einholz kuratiert, am Nachmittag des 28. Januar eröffnet, im sogenannten, als Hauptausstellungsraum konzipierten, neo-mittelalterlichen Zunftsaal bis zum 28. Februar gewürdigt. Der Museumsbau von Stadtbaurat Ludwig Hoffmann zitiert in seiner Fassade wie in seinen Räumen mittelalterliche Architekturen der Mark Brandenburg und generiert auf diese Weise ein Geschichtsbild der Stadt von sich selbst, als in der Mitte von Berlin diese um 1900 bereits weitestgehend aus einem Modernisierungsbestreben, wie bereits 2010 berichtet, gelöscht worden waren. Erst der Verlust von Geschichte und Stadtbild bringt in Berlin exemplarisch in der Moderne eine nicht zuletzt denkmalpflegerische Historizität hervor.

Bei der Planung des neuen Rathauses für Berlin, wo sich in den 1860er Jahren durch die Industrialisierung ─ nicht zuletzt mit dem Lokomotiven- und Eisenbahnbau sowie dem Maschinenbau allgemein vor dem Oranienburger Tor im sogenannten Feuerland ─ die Bevölkerung auf 800.000 Einwohner bis 1871 zu verdoppeln begann, wurde bereits 1865 über den Abriss und möglichen Verbleib der gotischen Gerichtslaube aus Backsteinen diskutiert.[3] Wohl auch weil es noch kein städtisches Museum gab und der Raum in der Stadtmitte Spekulationsobjekt geworden war, wurden Originalteile Kaiser Wilhelm I. zum Geschenk gemacht und durchaus im Kontext der Reichsgründung 1871/72 von dem Schinkel-Schüler und beispielweise Architekten des Geländes für die Eisengießerei und Machinenbauanstalt von August Borsig auf der Chausseestraße 1 vor dem Oranienburger Tor Johann Heinrich Strack im Park von Schloss Babelsberg (wieder)aufgebaut. Die Verwicklung und Übertragung des Geschichtlichen lassen sich somit als vielschichtige formulieren. Sie werden geradezu initial mit der Berliner Gerichtslaube, die mit der Gründung des Vereins nach Wolther von Kieseritzky eng verknüpft ist.[4]   

 

Die Errichtung und Kopie der Gerichtslaube zur 750-Jahrfeier von Berlin 1987 im disneyfizierten Nikolaiviertel der Deutschen Demokratischen Republik, als deren Zentrum die Nikolaikirche mit Bärenbrunnen (re-)konstruiert und zum Stadtmuseum[5] umgewidmet wird, macht sie zum Touristenlokal und zur Errungenschaft des „realexistierenden“ Sozialismus. In der touristischen Perspektive verschmelzen Geschichte und ihre (Re-)Konstruktion im Plattenbau zum Konsum. Die bereinigte Geschichte darf nicht nur, sondern soll als Restaurant im Plattenbau konsumiert werden. Vor diesem Hintergrund wird die Diskussion um die historische Mitte von Berlin und Gestaltung, an die auf der „Festversammlung“ der zum Ehrenmitglied ernannte Regierende Bürgermeister von Berlin a.D. Eberhard Diepgen höchst parteilich zu erinnern sich nicht nehmen ließ, zum Bärendienst an der Stadt. Ein zweites Nikolaiviertel an der Marienkirche ließe sich schwerlich aushalten.  

Doch die Frage nach Stadtplanung, Bautätigkeit, Modernisierung und Verlusten wird von niemand anderem und geringerem als Heinrich Heine mit seinem Brief aus Berlin vom 26. Januar 1822 mit Ironie bedacht. Das Zitat zum Café Royal, das die glorreiche Geschichte des Cafés im Zusammenhang mit dem Vereinsjubiläum heraufbeschwören soll, wird ursprünglich nicht nur programmatisch zur „Erheiterung des Lebens“ abgedruckt, vielmehr paraphrasiert Heine insbesondere in der Fassung für die Zeitung einen Modus des Zeigens und der Stadtführung, der ironisch gebrochen wird. In der Reisebilder-Ausgabe fehlt dieser Aspekt. Mehr noch Heinrich Heine formuliert in seinem Brief für Zeitungsleser einen Modus des Schreibens in „Assoziation“.  

An Notizen fehlt es nicht, und es ist nur die Aufgabe: Was soll ich nicht schreiben? d.h., was weiß das Publikum schon längst, was ist demselben ganz gleichgültig und was darf es nicht wissen? Und dann ist die Aufgabe: Vielerlei zu schreiben sowenig als möglich vom Theater und solchen Gegenständen, die in der »Abendzeitung«, im »Morgenblatte«, im »Wiener Konversationsblatte« usw. die gewöhnlichen Hebel der Korrespondenz sind und dort ihre ausführliche und systematische Darstellung finden. Den einen interessiert's, wenn ich erzähle, daß Jagor die Zahl genialer Erfindungen kürzlich durch sein Trüffel-Eis vermehrt hat; den andern interessiert die Nachricht, daß Spontini beim letzten Ordensfest Rock und Hosen trug von grünem Sammet mit goldenen Sternchen. Nur verlangen Sie von mir keine Systematie; das ist der Würgengel aller Korrespondenz. Ich spreche heute von den Redouten und den Kirchen, morgen von Savigny und den Possenreißern, die in seltsamen Aufzügen durch die Stadt ziehen, übermorgen von der Giustinianischen Galerie und dann wieder von Savigny und den Possenreißern. Assoziation der Ideen soll immer vorwalten. Alle vier oder sechs Wochen soll ein Brief folgen. Die zwei ersten werden unverhältnismäßig lang werden, da ich doch vorher das äußere und das innere Leben Berlins andeuten muß. Nur andeuten, nicht ausmalen. Aber womit fange ich an bei dieser Masse von Materialien? Hier hilft eine französische Regel: Commencez par le commencement. 

Liest man Heinrich Heines Eröffnung seiner Briefe aus Berlin mit Walter Benjamins Nachtrag zur Einbahnstraße Die Zeitung von 1934, dann ließe sich sagen, dass Benjamin sie gelesen haben könnte und sie im Nachtrag ihre Spuren hinterlassen haben könnten. Die benjaminsche „Literarisierung der Lebensverhältnisse“ wird bereits mit der Absage an die „Systematie“ der Zeitung, in der eine „Assoziation der Ideen … vorwalten“ soll, eine andere Schreibweise angekündigt. Die „Systematie“ verhindert die „Korrespondenz“. Und die „Korrespondenz“ in einem Briefwechsel, der nur ein fingierter Briefwechsel ist, weil nur Heines Briefe für die Zeitung und an die (fiktiven) Zeitungsleser abgedruckt wird, spielt auch auf die Korrespondenz der „Gegenstände“ an. Deshalb betrifft die Korrespondenz den literarischen Produktionsmodus, der als eine „Assoziation von Ideen“ formuliert wird. Für die Briefe aus Berlin heißt das im Medium Zeitung, dass die „systematische Darstellung“ durch unterschiedliche Schreibweisen von der Stadtführung bis zum Gedicht und zur Theaterbesprechung durchaus ironisch unterlaufen wird.  

Ich fange also mit der Stadt an und denke mir, ich sei wieder soeben an der Post auf der Königstraße abgestiegen und lasse mir den leichten Koffer nach dem »Schwarzen Adler« auf der Poststraße tragen. Ich sehe Sie schon fragen: »Warum ist denn die Post nicht auf der Poststraße und der ›Schwarze Adler‹ auf der Königstraße?« Ein andermal beantworte ich diese Frage; aber jetzt will ich durch die Stadt laufen, und ich bitte Sie, mir Gesellschaft zu leisten. Folgen Sie mir nur ein paar Schritte, und wir sind schon auf einem sehr interessanten Platze. Wir stehen auf der Langen Brücke. Sie wundern sich: »Die ist aber nicht sehr lang?« Es ist Ironie, mein Lieber… 

Heinrich Heine spielt in der Eröffnungssequenz mit leichter Feder auf das Wissen der Zeitungsleser an. ─ „was weiß das Publikum schon längst, was ist demselben ganz gleichgültig und was darf es nicht wissen?“ ─ Die Wissensfrage, die Heine anspricht, bezieht die Frage der Zensur als ein Nicht-wissen-dürfen mit ein. Gleichzeitig wird es mit seinen Briefen darum gehen, Wissen von und über Berlin zu formulieren. Das Wissen der Leser von der Zeitung mit ihrer „Systematie“ wird für Heine zu einer Fragestellung, die beiläufig den Journalismus und seine Wissensproblematiken betrifft. Deshalb ist es nicht ganz unerheblich, dass die Rahmung Zeitung mit der „Beilage“ durchaus durchbrochen wird. Die „Beilage“ zum „Rheinisch-Westfälischen Anzeiger“ ist nicht die Zeitung. Das Wissen von der Zeitung, mit dem der Zeitungsleser seine Zeitung oft im Abonnement liest, wird aufgerufen und gleichzeitig durchbrochen. Die Regelmäßigkeit und Serialität des Zeitungslesens im Abonnement generiert insbesondere durch die „Systematie“ Wissen. Heine wird in seinen Briefen, von denen nur drei als Beilage zum Rheinisch-Westfälischen Anzeiger in vier Ausgaben überliefert sind, in der hybriden Schreibweise die „Systematie“ anschreiben und gleichzeitig unterlaufen.  

… Er starb eine Viertelstunde darauf. Da er ein Jude war, wurde er von seinen Freunden nach dem jüdischen Gottesacker gebracht. Febus, ebenfalls ein Jude, hat die Flucht ergriffen, und ─ 

(Fortsetzung folgt.) 

….e. 

  

Das Medium Zeitung bringt einen anderen Brief-Text hervor als die Reisebilder-Bände. Die Reisebilder, die von Heines Verleger Julius Campe in Hamburg in 3 Bänden zwischen 1826, 1827 und 1830, mit Nachträgen 1831 verlegt werden, erfahren in Briefen von Julius Campe an Heinrich Heine eine häufige und drängende Erwähnung. Nachdem der erste Band veröffentlicht worden war, fragte Campe in seinem Brief vom 28. November 1826 ausdrücklich und rhetorisch nicht wieder an.[6] Er drängte Heine also offenbar den zweiten Band mit der zweiten und dritten „Abtheilung“ von Die Nordsee (S. 1-128), Ideen. Das Buch Le Grand (129-296) und schließlich Briefe aus Berlin (297-326) schnell als Manuskript vorzulegen. Beim dritten Band wird Campe nicht müde, Heine wiederholt zu ermahnen, das Manuskript einzuliefern. Die ersten beiden Bände hatten sich vermutlich gut verkauft. Die Reisebilder schwanken zwischen Satire und Reiseprosa, Roman und Gedichtsammlung. Diesmal beginnen die Briefe aus Berlin mit einer satirischen Theaterkritik zum Freischütz von Karl Maria von Weber. 

Wegen den 2ten Bande der Reisebilder frage  i c h   n i c h t   w i e d e r  bei Ihnen an! –  

Leben Sie wohl und gesund!  

Ihr  

Julius Campe

Die Veränderung, die die Briefe aus Berlin durch Weglassung des Briefes vom 26. Januar 1822 und Kürzungen erfahren, unterstreichen statt der Ironie nun die Satire. Der gekürzte Brief vom 16. März 1822 wird nun unter dem Datum 1. März 1822 abgedruckt. Doch die Kritik zum Freischütz und seiner Wirkung in Berlin wird buchstabengetreu übernommen. Wer die Entscheidungen der Kürzung und Zuspitzung zur Satire vorgenommen hat, lässt sich nicht ermitteln. Doch die Verschiebung auf eine Kritik am Freischütz schneidet auch einen Teil der Stadtbesprechung weg. Stattdessen stellt Heine nunmehr ein Zitat aus Heinrich von Kleists Schauspiel Prinz Friedrich von Homburg dem Druck voran. Das Zitat gibt einen Wink auf die Zweideutigkeit nicht nur des Vorfalls, dass überall in Berlin der „Jungfernkranz“ gesungen wird: „Wenn Sie vom  Hallischen– nach Oranienburger–Thore, und vom Brandenburger- nach dem Königs-Thore, ja selbst, wenn Sie vom Unterbaum nach dem Köpniker-Thore gehen, hören Sie jetzt immer und ewig dieselbe Melodie, das Lied aller Lieder — „den Jungfernkranz.““ Das Zitat als Motto fordert vielmehr dazu auf, dagegen zu protestieren und Lärm zu schlagen, was die Ironie zur Satire umschlagen lässt.[7] 

Seltsam! — Wenn ich der Dey von Tunis wäre, 

Schlüg' ich, bey so zweydeut'gem Vorfall, Lärm. 

Kleists «Prinz v. Homburg.»  

Die Satire soll zum Protest anstiften und kann für Leser verletzend wirken, so dass sie  wie der von Justus Campe erwähnte „Seelsorger“ Bücher nicht ganz lesen. Einerseits wird mit der unterschiedlichen Rahmung ein und desselben Textes eine Lesepraxis ins Interesse gerückt. Andererseits wird dadurch auch fraglich wie sehr und ob sich der Text als historisches Beleg für ein verschwundenes Café Royal verwerten lässt. Von Wolther von Kieseritzky wird Heines Text als Bericht „von seiner Sehnsucht nach dem Café Royal“ zitiert. Doch die „Sehnsucht“ entspringt womöglich eher dem historischen Projekt des Vereins, als dass er Thema des Briefes wäre. Denn Heine berichtet mit der Geste des Stadtführers erstens durchaus positiv, aber mit Ironie vom Bau der neuen Hundebrücke aus Eisen. Zweitens wird „der Charme des alten Bauwerks“ (Kieseritzky) vor allem mit literarischen Querverweisen auf Adalbert von Chamissos „Peter Schlemihl“, Madame de Staël und E. T. A. Hoffmanns „Kater Murr“ sowie mit der „Menge herrlicher Gerichte“ formuliert. 

Doch vorwärts! Wir müssen über die Brücke. Sie wundern sich über die vielen Baumaterialien, die hier herumliegen, und die vielen Arbeiter, die hier sich herumtreiben und schwatzen und Branntewein trinken und wenig tun. Hier nebenbei war sonst die Hundebrücke; der König ließ sie niederreißen und läßt an ihrer Stelle eine prächtige Eisenbrücke verfertigen. Schon diesen Sommer hat die Arbeit angefangen, wird sich noch lange herumziehn, aber endlich wird ein prachtvolles Werk dastehen… 

Dass die „Hundebrücke“ im schnellen Schritt durch Berlin ─ „Doch vorwärts! Wir müssen über die Brücke.“ ─ oder auch mit der Hast des Zeitungslesers ausführlich erwähnt wird, ist von Ironie getränkt. Denn die „sogenannte Hundebrücke in der Nähe der schönsten Gebäude der Residenz“, wie es Friedrich Wilhelm III. von Preußen formulierte, war tatsächlich 1821 abgerissen worden. Doch erst 29. November 1823 wurde die Schlossbrücke mit ihrem Eisengussgeländer nach Plänen von Friedrich Schinkel eröffnet. Als Heine die „Hundebrücke“ also literarisch aufgreift, muss er über eine zwischenzeitliche Ersatzbrücke. Die Hast des Zeitungslesers als auch schnelle Lektüre überschneidet sich im Medium Brief mit der Zeige-Geste des Stadtführers, die literarisch funktioniert, weil sie zeigt, was gerade nicht zu sehen ist, aber im Zuge der Erzählung sichtbar wird. 

.. Aber halt! Sehen Sie das Gebäude an der Ecke der Charlottenstraße? Das ist das »Café Royal«! Bitte, laßt uns hier einkehren, ich kann nicht gut vorbeigehen, ohne einen Augenblick hineinzusehen. Sie wollen nicht? Doch beim Umkehren müssen Sie mit hinein. Hier schrägüber sehen Sie das »Hôtel de Rôme« und hier wieder links das »Hôtel de Pétersbourg«, die zwei angesehensten Gasthöfe. Nahebei ist die Konditorei von Teichmann. Die gefüllten Bonbons sind hier die besten Berlins; aber in den Kuchen ist zuviel Butter. Wenn Sie für acht Groschen schlecht zu Mittag essen wollen, so gehen Sie in die Restauration neben Teichmann auf die erste Etage. Jetzt sehen Sie mal rechts und links. Das ist die große Friedrichstraße. Wenn man diese betrachtet, kann man sich die Idee der Unendlichkeit veranschaulichen. Laßt uns hier nicht zu lange stehenbleiben. Hier bekömmt man den Schnupfen. Es wehet ein fataler Zugwind zwischen dem Hallischen und dem Oranienburger Tore. Hier links drängt sich wieder das Gute; hier wohnt Sala Tarone, hier ist das »Café de Commerce«, und hier wohnt – Jagor! Eine Sonne steht über diese Paradiesespforte. Treffendes Symbol! Welche Gefühle erregt diese Sonne in dem Magen eines Gourmands! Wiehert er nicht bei ihren Anblick wie das Roß des Darius Hystaspis? Kniet nieder, ihr modernen Peruaner, hier wohnt – Jagor! Und dennoch, diese Sonne ist nicht ohne Flecken. Wie zahlreich auch die seltenen Delikatessen sind, die hier auf der täglich neu gedruckten Karte angezeigt stehen, so ist die Bedienung doch oft sehr langsam, nicht selten ist der Braten alt und zähe, und die meisten Gerichte finde ich im »Café Royal« weit schmackhafter zubereitet. Aber der Wein? Oh, wer doch den Säckel des Fortunatus hätte! – Wollen Sie die Augen ergötzen, so betrachten Sie die Bilder, die hier im Glaskasten des Jagorschen Parterre ausgestellt sind. Hier hängen nebeneinander die Schauspielerin Stich, der Theolog Neander und der Violinist Boucher! Wie die Holde lächelt! O sähen Sie sie als Julie, wenn sie dem Pilger Romeo den ersten Kuß erlaubt. Musik sind ihre Worte, … 

  

… Wie gefällt Ihnen Berlin? Finden Sie nicht, obschon die Stadt neu, schön und regelmäßig gebaut ist, so macht sie doch einen etwas nüchternen Eindruck. Die Frau von Staël bemerkt sehr scharfsinnig: »Berlin, cette ville toute moderne, quelque belle qu'elle soit, ne fait pas une impression assez sérieuse; on n'y apperçoit point l'empreinte de l'histoire du pays, ni du caractère des habitants, et ces magnifiques demeures nouvellement construites ne semblent destinées qu'aux rassemblements commodes des plaisirs et de l'industrie.« Herr von Pradt sagt noch etwas weit Pikanteres. … (Zitiert nach Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 3, Berlin und Weimar 1972) 

Die Industrialisierung, die sich um 1822 noch eher vormodern durch die Königlich Preußische Eisengießerei in der Invalidenstraße entwickelt, der König lässt „eine prächtige Eisenbrücke verfertigen“, kündigt sich noch eher behutsam an. Die Schnelligkeit, mit der Heine als Briefschreiber syntagmatisch und unter vielfachen Ausrufen ─ „Doch vorwärts!“ „Aber halt!“ ─ durch Berlin führt, ist eher dem Tempo des Zeitungslesers und dem Literarischen zwischen Stadtgespräch, Gerücht und Verknüpfung mit Texten aus der Literatur als dem der Stadt geschuldet. Das Tempo seinerseits generiert eine Flüchtigkeit der Wahrnehmung, die in den gut formulierten Namensnennungen immer schon die nächste Wendung ankündigt. Weil es so schnell und so materialreich geht, lässt sich die Geschichtlichkeit des Ortes gar nicht erst herstellen. Die Geschichte kann in der Hast des Zeitungslesers nicht angehalten werden. Und ständig schwingen Zwei- und Mehrdeutigkeiten in den Formulierungen mit, so dass sich der Sinn nicht anhalten lässt. „Herr von Pradt sagt noch etwas weit Pikanteres.“ Doch was er sagt, wird schon nicht mehr mitgeteilt. Es bleibt aufgespart, angedeutet und versprochen.

 

Geschichte stellt sich über Archive und das Archivieren her. So geht die Geschichte des Vereins für die Geschichte Berlins e. V. nicht zuletzt der von Prof. Dr. Sibylle Einholz und ihrer Studentinnen erstellten Datenbank der historischen Fotografien im Format der Carte de Visite aus. Die Fotografien von den Vereinsmitgliedern sind in zweierlei Hinsicht Visitenkarten. Sie geben einerseits ein kleinformatiges Atelier-Portrait zur Betrachtung, die durch die Archivierung und alphabetisch geordnete Namensnennung mit Beruf und, soweit recherchiert werden konnte, Lebensdaten ein soziographisches Bild des Vereins im 19. Jahrhundert. Andererseits geben sie durch die oft aufwendig graphisch gestaltete Rückseite ein Panorama der Berliner Fotoateliers und ihrer Orte in der Stadt zu lesen. Erst die Ordnung oder „Systematie“ stellt die Geschichtlichkeit der Datenbank als Archiv her. Es ließe sich fast nichts und doch unendlich viel in den außerordentlich zahlreichen Fotografien lesen. Einige wenige werden in einer digitalen Diashow im Märkischen Museum bis 28. Februar 2015 gezeigt.

 

Torsten Flüh 

(Mitglied des Vereins für die Geschichte Berlins e.V.) 

 

PS: Das Jahrbuch des Vereins erscheint unter dem Titel Der Bär von Berlin.

PPS: Tina Tandler spielte zwischen den Reden, Ehrenmitgliedschaftsernennungen und dem verfehlten Festvortrag sehr schön Saxophon.  

 

Verein für die Geschichte Berlins e.V. 

 

Märkisches Museum 

 

Nikolaikirche

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[2] Heine, Heinrich: Reisbilder. Briefe aus Berlin. Bd 2. Hamburg 1827. S. 305ff

[3] Anm.: Die Wertschätzung der Gerichtslaube als gotische Architektur trägt Spuren der Nationalisierung von Architektur um 1800, die nicht zuletzt durch Johann Wolfgang Goethes Flugschrift „Von deutscher Baukunst“ (siehe: Abseits gelegen - Mittelalter-Konjunktur und –Projektionen) angestoßen worden war. Um 1810 wird dann mit den sogenannten Preußischen Befreiungskriegen vor allem durch Friedrich Schinkel in Berlin die Gotik zum „Vaterländischen Stil“ umgeschrieben. Probleme bei der Erhaltung und Musealisierung der Gerichtslaube bereitete vermutlich nicht zuletzt, dass sie barocke Ergänzungen erfahren hatte.

[4] Kieseritzky, Wolther von: 150 Jahre Verein für die Geschichte Berlins – 110 Jahre Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins. In: Mitteilungen … 111. Jahrgang, Heft 1, Januar 2015. Berlin 2015. S. 424.

[6] Siehe „Briefwechsel und Briefe“ in chronologischer Folge auf Heinrich-Heine-Portal

[7] Vgl. dazu auch den Brief Campes vom 27. September 1826, in dem Campe schreibt, dass ein Pastor die Reisebilder „gewiß aus Ärger“ nicht ganz gelesen habe. Oder auch Adolf Müllners Brief vom 15. August 1826 an Heinrich Heine auf Norderney, der nach der Lektüre des ersten Bandes ausdrücklich die „Literatur-Satyre“ als „keineswegs ausgeschlossene“ Form erwähnt.