Neues von den Berliner Salonièren - Zu Private Thursday, Wikimedia-Salon und zur Salonforschung

Salon – Kommunikation – Wissen

 

Neues von den Berliner Salonièren 

Zu Private Thursday, Wikimedia-Salon und zur Salonforschung 

 

Der Berliner Salon lebt zwischen Mythos, Medienpraxis, Kulturschnittstelle und Wissensakkumulation. Am 20. März 2014 eröffnete der Wikimedia-Salon unter dem Thema ABC des Freien Wissens mit dem Buchstaben A und einem Gespräch über  Allmende – Wohin steuern Gemeinschaftsprojekte im Netz? seine Reihe geselliger Vortrags- und Gesprächsveranstaltungen am Tempelhofer Ufer 23-24. Der zweite Wikimedia-Salon an der Schnittstelle von zwanglosem Gespräch, Livestream und Video-Bereithaltung bei YouTube und Vimeo hat zum B mit dem Buchmarkt. Erfolg auch mit offenen Systemen? am 22. Mai unter gleichen technologischen Verknüpfungen stattgefunden. Am 29. Mai fand ein anderer Salon mit Private Thursday in der Waldo Bar mit einem musikalischen Vortrag der hochkarätigen Pianistin und Dirigentin Xie Ya-Ou statt.

Das Interesse an der Praxis des Berliner Salons und der Salonforschung ist groß. Unzählige Veröffentlichungen in den unterschiedlichsten Disziplinen, Editionen und literarischen Genres nähren den Mythos des Berliner Salons. Hier nennen sich Gastgeberinnen wie Sibylle Senff oder die Sopranistin Annette Dasch (wieder) Salonièren. Doch Salonièren sind nicht mehr nur weiblich. Helge Birkelbach und Sandrina Koemm begründeten 2001 den Private Thursday als „Netzwerk-Salon“ in der Waldo Bar im ehemaligen Königlichen Leih- und Pfandhaus in der Torstraße. 2012 veröffentlichte Hannah Lotte Lund Der Berliner »Jüdische Salon« um 1800 als Beitrag zu den Europäisch-Jüdischen Studien des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam. Sie wählt einen interdisziplinären, vielstimmigen Ansatz zur Salonforschung, um „eine Neubewertung der Salonkommunikation“ vorzunehmen.

Was ist ein Salon? Lund gibt eingangs einen umfangreichen Überblick zur Salonforschung und kritisiert beispielsweise den methodischen Ansatz, „Definitionskriterien eines „echten“ Salons zu entwerfen“[1], den noch Peter Seibert und Petra Wilhelmy-Dollinger um 1990 in ihrer „gelegentlich positivistischen Salonforschung“[2] wählten. Neben einer Vielzahl anderer ─ biographischer, biographisch-editorischer, sozial-historischer etc. ─ Ansätze gehört Petra Wilhelmy-Dollinger mit ihren Publikationen wie Die Berliner Salons. Mit kulturhistorischen Spaziergängen (2000)[3] zu den vielleicht einflussreichsten Salonforscherinnen. Sie schlägt nonchalant mit dem Salon einen historischen Bogen zwischen und gegen die Hofgesellschaft, wenn sie „die Salons (als) eine Gegenparallele zum Hof“[4] darstellt. Gleichzeitig wird damit eine Problematik der Salonforschung angesprochen. Geht es beim Salon eher um ein historisches „Phänomen“, das sich verifizieren lässt? Oder geht es beim Salon um modellartige, literarisch-kommunikative Prozesse, die die Kategorien von Identität, Topologie, Biographie und Werk auch fragwürdig werden lassen?

Der Begriff Salon kommt im 14. Band der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers von 1765 allein als geographischer für eine Ortschaft in der Provence vor. Doch in Frankreich gibt es gleich drei Orte mit dem Namen Salon in verschiedenen Departements. Salon in der Provence wird mit Adam de Crapone als einem Gelehrten des 16. Jahrhunderts in Verbindung gebracht. Weder das Grammatisch-kritische Wörterbuch der hochdeutschen Mundart von 1811 noch das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm kennen den Begriff Salon. Das Bilder-Conversations-Lexikon für das deutsche Volk, das in seiner 1. Ausgabe bis 1841 im Verlag F. A. Brockhaus erschien, führt den Begriff ebenfalls nicht. Allerdings kommt im Damen Conversations Lexikon im Band 9 von 1837 Salons im Plural vor. Dort heißt es eröffnend von der Verfasserin F:  

Salons. Es ist eine unbestrittene Wahrheit, daß die Franzosen die Gesellschaft weit heiterer und ungezwungener zu genießen wissen, als ihre lieben Nachbarn jenseits des Rheines, die dem Worte gewöhnlich klappernde Schüsseln, pokulirende Männer und stummlächelnde Frauen zum Nebenbegriff gegeben haben. Wohl trifft man auch in Paris große und kleine Feste, welche, die National-Munterkeit abgerechnet, Aehnlichkeit mit den unsern haben mögen; aber immer bleibt der leichten, wahrhaft ergötzenden, nicht selten bildenden Conversation ein Zufluchtsort – die Salons. Jede Familie nämlich, deren Vermögen es nur einigermaßen erlaubt, die Gelehrten, die Künstler, beliebte Sterne vom Theater, selbstständige Frauen etc. öffnen entweder fortwährend, oder an bestimmten Tagen ihr Besuchzimmer, Salon, den Freunden, Bekannten und von diesen Einzuführenden. Besonders eingeladen ist Niemand…      

Mit einer ansatzweisen Sichtung von Enzyklopädien und Wörterbüchern lässt sich formulieren, dass Salon als Begriff und Gegenstand des Wissens zunächt dem weiblichen Publikum der Damen vorbehalten bleibt. Dabei geht es weniger um einen spezifischen Salon als vielmehr um Salons im Plural als „Zufluchtsort(e)“ „der leichten, wahrhaft ergötzenden, nicht selten bildenden Conversation“. Bereits 1837 sind demnach die Salons (der Damen) aus einem spezifisch jüdisch-emanzipatorischen Kontext herausgelöst und werden in einen Kontext der Mode, um nicht zu sagen, des Lifestyles überführt. Allerdings wird das Damen Conversations Lexikon von einem Mann, Carl Herloßsohn, in Leipzig herausgegeben und ganz auf Frankreich und Paris zugeschnitten. Die Berliner Salonièren wie Rahel Levin Varnhagen oder Henriette Herz, die berühmte Salons führten oder noch führen, werden wissentlich oder unwissentlich unterschlagen.  

Wo beginnt und wann hört der Salon auf? Lässt er sich begrenzen oder abschließen? Wird er gar zu einem nicht enden wollenden Gespräch? Hannah Lotte Lund dockt mit ihrer Arbeit an die „Kritische Edition Rahel Levin Varnhagen“ an, die Barbara Hahn vorbereitet und zu der sie 2011 mit Rahel Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde „erstmals in der bis heute unveröffentlichten letzten Fassung“ veröffentlicht hat. Während Karl August Varnhagen bereits 1833 die Briefe in zeitgenössischen Modi der Verehrung und Erinnerung ediert hatte, liegt nunmehr eine „monumentale Autobiographie in Briefen, das unaufhörliche Gespräch und Selbstgespräch der radikalen Selbstdenkerin“[5] vor. Die Ausgabe basiert auf der Sammlung Varnhagen in Krakau, die bis 1980 als verschollen galt.

Lund verleiht ihrer Salonforschung durch die Hinzuziehung weiterer Briefbestände aus dem Umfeld des Salons von Rahel Levin Varnhagen, ihrer Gäste wie dem schwedischen Diplomaten und Dichter Carl Gustav von Brinckmann sowie der Salonièren Henriette Herz und den Schwestern Meyer eine erweiterte „Vielstimmigkeit des Salongesprächs“[6]. Denn gerade die Überschneidung von Salongespräch, das quasi aufs Land und auf Reisen mitgenommen werden konnte, und das Briefeschreiben tragen dazu bei, dass der Salon weder topologisch noch chronologisch begrenzt werden kann.

Es gab und gibt den Salon. Doch er lässt sich wie ein Gespräch, wie eine Erzählung vom Hörensagen schwer fassen. Vom Hörensagen kamen Salongäste hinzu, vom Hörensagen wurden die Salons gegeneinander abgewogen. Das ebenso verbindende wie unverbindliche Hörensagen brachte und bringt den Salon als ein einmaliges Zusammentreffen wiewohl im Modus der Wiederholung hervor. Geradeso wie eine Dame mit französischem Akzent beim Private Thursday am Himmelfahrtstag zum Berichterstatter sagte, sie habe gehört, dass dies ein Salon sei.   

Vielleicht macht die Flüchtigkeit des Salons seinen Reiz aus. Denn anders als in anderen Kommunikationsmodi, wird der Salon von einer gewissen Flüchtigkeit heimgesucht. Er findet zwar i.d.R. mehr oder weniger regelmäßig statt, kann auch an einem bestimmten Ort festgemacht werden, doch letztlich gibt es außer für die Gastgeberin keine Verpflichtung zur Anwesenheit. Der Salon findet in der mehr oder weniger zufälligen Begegnung unterschiedlicher Akteure statt. Insofern der Salon tendenziell weiterhin auf eine offene Struktur, den Zufall und die Wiederholung, die Einmaligkeit und Flüchtigkeit, Zerstreuung und Konzentration angelegt ist, produziert er nicht mehr und nicht weniger als sich selbst. Die „Selbstdenkerin“ Rahel Levin Varnhagen wird so zur Produzentin und zum Effekt des Salons.

Ein Salon lässt sich als networking formulieren, bei dem sich die Verknüpfungen beispielsweise durch ein Gespräch, einen zwanglosen Vortrag oder eine musikalische Darbietung ständig herstellen und wieder auflösen. Netze sind elastisch, können aber auch zu jeder Zeit an jeder Stelle unterbrochen werden. Lund führt Carl Gustav von Brinckmann als europäischen „Networker“ zwischen Paris, Memel, London, Berlin und Uppsala ein. Sie zitiert dafür eine Formulierung des Philosophen und Begründers der „Geisteswissenschaften“ Wilhelm Dithey, nach der sich Brinckmann „auf eine Art von gesellschaftlichen Zwischenhandel gelegt“ hatte.[7] Insofern bedingen Salonière und Salongäste einander. Erst die Salongäste wie Brinckmann bei Rahel Levin Varnhagen, der dann auch noch ein „handschriftliches Erinnerungsbuch“ mit dem Titel Rahel verfasste, bringen das, was man den Ruf eines Salons und seiner Salonière nennt, hervor.

Hannah Lotte Lund analysiert den „Berliner jüdischen Salon um 1800“ im Schnittpunkt und als Schnittpunkt der Diskurse, um nicht zuletzt mit der „Berliner Salongesellschaft 1794/1795“ eine „Momentaufnahme eines kommunikativen Netzes“ in der Diskussion um die „bürgerliche Verbesserung“ der Juden in Berlin und die Frage der Gleichheit herzustellen. Heute geht es um andere Diskurse wie der Wikimedia-Salon seit März dieses Jahr vorschlägt. Insofern sich Wikimedia mit seinen Plattformen Wikipedia, Wikisource, Wiktionary, Wikiversity etc. als Verein einer „Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens“ formuliert, kann der Wikimedia-Salon durchaus als eine Schnittstelle von Diskursen über die Akkumulation und internetbasierte Bereitstellung von Wissen gedacht werden. Analog und digital, wenn man es so will, werden im Wikimedia-Salon die Bedingungen der Produktion von „Freie(m) Wissen“ besprochen.

Ein Verein ist (k)eine Salonière. Die Eröffnung des Wikimedia-Salons in dem 1913 erbauten, repräsentativen und denkmalgeschützten Verwaltungsbau am Tempelhofer Ufer 23-24 der Aktiengesellschaft Orenstein & Koppel, die im Lokomotiv- und Maschinenbau tätig war, knüpft insofern an die Salonkultur an, als es mit dem Projekt der „Förderung Freien Wissens“ durchaus um einen wesentlichen, vernetzenden Zug, wenn man so will, emanzipatorischer Wissensvermittlung und –bereitstellung geht. Faktisch stellt Wikimedia mehr und umfangreicheres Wissen zu Orenstein & Koppel bereit als beispielsweise die Denkmaldatenbank der Senatsverwaltung. Die Gründer Benno Orenstein und Arthur Koppel taten sich am 1. April 1876 zu einer Offenen Handelsgesellschaft in Berlin zusammen, aus der die spätere AG hervorging. Beide sind auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee 1926 bzw. 1908 bestattet worden. Die Aktiengesellschaft wurde 1941, wie es heißt, arisiert, womit eine verbrecherische, doch durch zahlreiche Gesetze legitimierte Enteignung aus jüdischem Besitz umschrieben wird.

Zwar entscheidet der lockere und unverbindliche Modus der Einladung über E-Mail-Verteiler heute über den Zugang zum Wikimedia-Salon, doch Salons bleiben weiterhin offen für jederfrau und –mann. Der Wikimedia-Salon setzt beispielsweise beim Thema Allmende auf so unterschiedliche Expertinnen wie Silke Helfrich, Leonhard Dobusch und Elektra Wagenrad. Damit erhebt der Salon schon einen gewissen Anspruch auf eine Wissens- oder Meinungsführerschaft. Für den Wikimedia-Salon ist die außerordentlich heterogene und umstrittene Community[8] des Internets ein entscheidender Anknüpfungspunkt. Die Allmende-Expertin und international agierende Aktivistin nicht zuletzt über die Heinrich-Böll-Stiftung auf allen Ebenen der Allmende-Diskussion Silke Helfrich vertritt eine ganz andere Position als der Juniorprofessor für Organisationstheorie Leonhard Dobusch von der Freien Universität Berlin. Und die aktuell besonders auf Twitter präsente Internet-Aktivistin Elektra Wagenrad kommt noch einmal aus einem ganz anderen Umfeld der Autonomen, um sich in das Gespräch über Allmende einzumischen.

Der Wikimedia-Salon zeichnet sich zumindest mit seiner Eröffnung durch Jan Engelmann, Leiter Bereich Politik und Gesellschaft, als Salonière und den Gästen Silke Helfrich, Leonhard Dobusch, Elektra Wagenrad und der Moderatorin Julia Eikmann nicht etwa durch einen gemeinsamen „guten Ton“, sondern durch extrem unterschiedliche Redeweisen und Wissensmodi aus. Der Redemodus von Silke Helferich in ihrem Eröffnungsvortrag appelliert wiederholt an anthropologisch-historische Wissensmodi von der Allmende. Dass selbst die Allmende als Begriff semantischen Verschiebungen unterliegen könnte, wird von Helferich schlechthin geleugnet. Sie erhebt die Allmende zum antikapitalistischen Gesellschaftsmodus als einem guten und besseren. Das behauptete Wissen wird apodiktisch formuliert. Andererseits kontert Leonhard Dobusch mit einem markttheoretischen Diskurs. Elektra Wagenrad entgegnet ihrerseits mit einem durchaus eigenwilligen, historischen Exkurs zur freien Software der ersten Entwickler. Eigenwillig ist der Exkurs von Elektra Wagenrad deshalb, weil sich die Geschichte der Software-Entwicklung und des Internets aus der Kriegstechnologie heraus natürlich auch anders erzählen ließe.

Der Wikimedia-Salon schafft mit Laugenbretzeln und beispielsweise Club Mate eine gesellige Atmosphäre. Die Salongäste werden unverbindlich und freundlich von einer Wikimedia-Mitarbeiterin empfangen und ansonsten dem Gespräch überlassen. Mit Video- und Fotokameras werden die Podiums- und Salongäste gefilmt und fotografiert, um im Livestream oder im fast ungeschnittenen Video digital und online veröffentlicht zu werden. Ein wesentlicher Zug des Salons als ein Gespräch im privaten Rahmen wird damit fast unmerklich überschritten. Doch genau diese Schnittstelle der Öffentlichkeit im Privaten zeichnete wenigstens seit Rahel Levin Varnhagen den Salon aus. Mit den digitalen Medien und Technologien wird die Privatheit des Salons also nur geringfügig ins Öffentliche verschoben.

Private Thursday, der das Private des Salons durchaus noch in seinem Titel aufruft und aktuell von Helge Birkelbach und Henrik Jordan als Salonièren geführt wird, findet nach einem etwas anderen Modus statt. Obschon auch Private Thursday am eher öffentlichen Ort der Waldo Bar angesiedelt ist, generiert er seine Gäste und Themen aus einem eher privaten Netzwerk, das dennoch Menschen aus „Medien- und Agenturlandschaft, aus Multimedia, Kunst, Entertainment und Wirtschaft“ zusammenführt. Die Veröffentlichung der „Liste aller bisherigen Gäste“ gehört hier quasi zum guten Ton. Für einen eher geringfügigen Kostenbeitrag werden ein kleiner, origineller Imbiss wie BBQ in den Sommermonaten und ein Willkommens-Getränk geboten. Die Bar-Atmosphäre mit einen passablen Auswahl an Whiskey-Sorten und einem überraschend guten Flügel sowie die Besonderheit der historischen Location im Herzen von Berlin-Mitte zwischen Linien- und Torstraße sorgen hier für ein zwangloses Ambiente.

Das Königliche Leih-Amt III II. Abt. zwischen Torstraße 164 und Linienstraße 98 wurde 1847 erbaut und gehört zu den ältesten Gebäuden der Tor- und der Linienstraße, die bis in die 1860er Jahre die Stadtgrenze Berlins markierten und mit dem barocken Oranienburger, dem ebenfalls barocken, doch sehr viel kleineren Hamburger Tor, dem gleichfalls prächtigen, barocken Rosenthaler Tor und dem Schönhauser Tor die nördlichen Ausgänge und Zollgrenze der Stadt verbanden. Das Königliche Leihamt diente der Lagerung von durch die Zollbehörden gepfändeten Gegenständen. Die Ausmaße des Gebäudes lassen nicht nur Pfändungen wegen Steuerschulden bei armen Bürgern vermuten, sondern Lagerung von gepfändeten Gütern an den Zolltoren. Bereits seit den 1740er Jahren hatte Friedrich II. verfügt, dass sich Zimmerleute aus dem Voigtland und Obstbauern jenseits der Torstraße im Norden der Stadt ansiedeln sollten. Weiter westlich entstanden Maulbeerbaum-Plantagen für die Seidenzucht und wurden Friedhöfe der nördlichen Kirchengemeinden angelegt, die heute als Dorotheenstädtischer und Friedrichwerderscher sowie Französischer Friedhof noch existieren. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte sich dort im sogenannten Feuerland die Berliner Maschinen- und Lokomotivbau-Industrie. Es ist die Geburtsstätte des nicht nur preußischen, sondern deutschen Maschinenbaus!

Private Thursday lässt sich durchaus als ein illustrer, moderner Berliner Salon einstufen, weil namhafte Künstlerinnen wie Xie Ya-Ou und erfolgreiche Schriftsteller zu den zumindest gelegentlichen Gästen gehören. Xie, die sich mit ihrem Ensemble Berlin PianoPercussion als Dirigentin und Pianistin bereits einen Namen in der aktuellen Musik gemacht und etliche Auftragskompositionen zur Uraufführung verholfen hat, ist eine ebenso sensible wie originelle Interpretin vor allem der 24 Préludes, Opus 28, von Frédéric Chopin. Am letzten Donnerstag spielte sie eine Auswahl von 8 Préludes. Doch auch jeweils zwei Kompositionen von Claude Debussy, Les collines d'Anacapri und La fille aux cheveux de lin, und George Crumb, Rain-Death Variations und Dream Images, kamen zur Aufführung. Xie moderierte ihre Vorführungen auf geradezu nonchalante Weise selbst an, als seien die Kompositionen lediglich kleine Fingerübungen. Doch in Wirklichkeit beherrscht sie ein äußerst breites Spektrum von der chinesischen Musik über die europäische Klassik und Moderne bis zur zeitgenössischen Musik. Als Zugabe riss sie das Salonpublikum mit The Maple Leaf Rag von Janis Joplin hin. Anders gesagt, in den Berliner Salons kann man auch heute noch große Künstler, die noch nicht so bekannt sind, treffen und erleben. 

 

Torsten Flüh 

 

Private Thursday 

Der monatliche Netzwerk-Salon in Berlin 

in der Waldo Bar 

 

Wikimedia Salon 

ABC des Freien Wissens 

 

Hannah Lotte Lund 

Der Berliner »Jüdische Salon« um 1800. 

Emanzipation in der Debatte. 

Berlin/Boston 2012 

 

Barbara Hahn (Hg.) 

Rahel  

Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. 

Mit einem Essay von Brigitte Kronauer.  

Göttingen 2011

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[1] Lund, Hannah Lotte: Der Berliner »Jüdische Salon« um 1800. Emanzipation in der Debatte. Berlin/Boston 2012. S.37.

[2] Ebenda Fußnote 114

[3] Anm.: Auffällig ist in den Titel von Wilhelmy-Dollinger eine praktizierte Austauschbarkeit von „kulturhistorischen Spaziergängen“ auf dem Einband und „historisch-literarischen Spaziergängen“ im Buch. Wilhelmy-Dollinger: Die Berliner Salons Mit historisch-literarischen Spaziergängen. Berlin/New York 2000.

[4] Ebenda S. 9

[6] Lund, S. 51

[8] Vgl. auch den Vortrag von Sascha Lobo zur „Netzgemeinde“