SIE machen mit im Immateriellen - Tino Sehgals Werkschau im Martin-Gropius-Bau und This Progress

Ausstellung – Visualität – Theater  

 

SIE machen mit im Immateriellen 

Tino Sehgals Werkschau und This Progress im Martin-Gropius-Bau und Haus der Berliner Festspiele 

 

Die Hamburger Freunde dürfen sich freuen. Die Werkschau von Tino Sehgal läuft noch bis zum 8. August. M. und J. waren 2012 in London in der Tate Modern gewesen, als Tino Sehgal dort als erster Künstler eine „live commission“ zeigte. Sie gingen in die Tate Modern in Erwartung einer Ausstellung und stolperten sozusagen in eine Arbeit von Tino Sehgal. Plötzlich wurden sie angesprochen oder sie fühlten sich angesprochen. Ein Moment der Verunsicherung. Und dann nahm die Arbeit im Kunstmuseum seinen überraschenden Lauf. Jetzt können Ausstellungsbesucherinnen im Martin-Gropius-Bau in 5 Werke bzw. Arbeiten von Tino Sehgal hineingeraten. 

Der Museumsraum verändert die Wahrnehmung. Im Ausstellungsgebäude wird Theater zu etwas Anderem. Tino Sehgals Arbeiten im Museum verschieben Wahrnehmungen, die bezüglich des Theaters in Europa seit mehr als  zweitausend Jahren eingeübt worden sind. Gleichzeitig rechnen sie mit Wahrnehmungspraktiken des Museums, wie sie seit dem 19. Jahrhundert eingeübt und angewendet werden, wenn Ausstellungsbesucherinnen ein Museum oder eine Galerie betreten. Insofern trifft jetzt im Martin-Gropius-Bau aufeinander, was als streng getrennte Praktiken Usus ist. Selten wurde der famose Lichthof des Museumsbaus von Walter Gropius, 1881 eröffnet, selbst akustisch, körperlich, visuell, sozial stärker in die Aufmerksamkeit der Besucherinnen gerückt. 

Fotos vom Werk und den Arbeiten wird es nicht geben. Fotografierverbot! Sie sind immer auch work in progress. Der Berichterstatter ist zunächst schwer enttäuscht, als er bei der Pressekonferenz am 26. Juni im Martin-Gropius-Bau nicht fotografieren darf. Keine Pressemitteilung! Keine Daten, Fakten, Erzählungen in einer Pressmappe wie sonst üblich. Das stellt den Berichterstatter und die Kunstjournalistinnen auf die Probe. Wie also schreiben, wie vom Werk erzählen? Wenigstens einen Handzettel mit den Titeln der Arbeiten hätte es doch geben können, damit sich für die Zeitungen und Blogs etwas schreiben lässt. Hat der Berichterstatter etwas verpasst oder übersehen?

Zur Werkschau gehört diesmal und ganz besonders, wie die Pressekonferenz, die eher nur ein Pressetermin ist, abläuft. Gewiss der Berichterstatter kam auf den letzten Drücker, als alles schon im Lichthof begonnen hatte. Und überhaupt, wird oft auf den Pressekonferenzen vorher erzählt, was dann in den Ausstellungsräumen materiell zu sehen sein wird. Bei Sehgals Werkschau aber, wird die Presseschar erst mit dem Werk bzw. mit zwei Arbeiten, die in einander übergehen, im Lichthof konfrontiert. Dann sitzen Gereon Sievernich, Thomas Oberender und Tino Sehgal im Kinoraum und sagen so gut wie nichts, was sich zitieren ließe.  

Was überrascht und verunsichert wie der Pressetermin, gehört bereits zum Werk, das ausgestellt wird. Wo Titel zum Verständnis helfen könnten, werden sie nicht verraten, um so auf die Wahrnehmungspraktiken im Museum aufmerksam zu machen. Es soll Ausstellungsbesucherinnen geben, die zuerst den Titel lesen, um dann das Werk oder Bild zu sehen und sogleich gemessen am Titel zu kritisieren. Sie möchten doch wissen, wo sie sich hier bewegen. Die Einzigartigkeit und Faszination von die Tino Sehgals Arbeiten lässt sich daraufhin formulieren, dass er das Publikum durch die Arbeiten selbst zum Thema macht. Man muss Tino Sehgal nicht als Guru oder Star einer neuen Kunstgattung oder Reformer von Theater und Museum feiern, weil man damit doch ein wenig unsinnig und auch unsinnlich in einem Wissen generierenden Kunstdiskurs bleibt.  

Tino Sehgal reagiert mit seinen Arbeiten auf den Materialismus als vorherrschende Wahrnehmungspraxis der Gesellschaft. Oder – um dann doch eine Anmerkung von Thomas Oberender aus der Pressekonferenz zu zitieren – Tino Sehgals Werke sind immateriell. Gleichzeitig sagt Oberender, dass er ganz viele Bilder gesehen habe. Wie verhält es sich also mit der Materialität und der Immaterialität bezüglich des Werks? In der Ausstellung gibt es 4 Arbeiten in 4 Räumen und einer im Lichthof mit Menschen, die auffällig unauffällig gekleidet sind. Ein Raum ist vollkommen abgedunkelt, so dass sich nichts sehen, sehr wohl aber etwas hören lässt. Die Arbeit erinnert den Berichterstatter an die Arbeit Raum #1 von David Bloom 2009 in den Kellergewölben der Kulturbrauerei. – Das hat nun sehr viel mit der Frage der Materialität zu tun. 

 

Der Begriff Werk wird nicht nur in der Kunst auf bedenkenswerte Weise mit einer messbaren Materialität verknüpft. Um die Bedeutung und den Umfang des Bandes Alexander von Humboldt und Russland zu unterstreichen, betonte Vladimir Michailowitsch Grinin kürzlich, dass es sich nicht nur um ein Buch oder einen Band, sondern ein Werk handele. Das Gewicht eines Werks wird nicht nur in Kilogramm etc. gemessen und messbar, sondern in den Spannen seiner Entstehungszeit und beanspruchten Dauerhaftigkeit. Vom Werk wird als etwas Abgeschlossenes gesprochen, das aus langer Arbeit - beispielsweise 20 Jahre Forschungsarbeit - entstanden und nun als Werk vorliegt. Deshalb wird mit dem Werkbegriff ein ganzes Assoziationsfeld der Materialität über die Kunst und das Museum hinaus bis zum Feld der Literatur und Wissenschaft angesprochen. Im Museum spielen Werke als Artefakte, wie es Sehgal nennt, eine entscheidende Rolle. Sie sind materialisierte Arbeit einer Kultur und ebenso sehr Produkte von Wissen wie Objekte des Wissens.  

 

David Bloom im Blog NIGHT OUT @ BERLIN mit Tino Sehgal zu verlinken, erscheint möglicherweise ein wenig gewagt. Doch es geht nun um das Material, das im Materialismus eine Rolle spielt. Erstens passt die Verlinkung mit Raum #1, weil Tino Sehgals Kunstform eine hybride aus Tanz, Theater, Performance, Museum, Klang, Musik, Text genannt werden kann. Zweitens wirkt David Bloom in einer Arbeit im Martin-Gropius-Bau mit, was niemand außer Davids Freundinnen erfahren wird, weil es keine Besetzungszettel für die Arbeiten mit unterschiedlichen Mitwirkenden gibt. Zur Pressekonferenz war David Bloom nicht einmal zu sehen. Weil es um die Wahrnehmung des Körpers im Dunkeln und das Hören geht, lässt sich für den Berichterstatter sagen, dass ihn die Arbeit ohne Titel materiell an Raum #1 erinnert, weil Klang, Tanz, Dunkelheit ebenfalls eine Rolle spielten. 

 

Soll der Berichterstatter also von den 5 Arbeiten in 4 Räumen und dem Lichthof erzählen? Die Journalistenkolleginnen machten sich teilweise in ihren Notizheften fleißig Eintragungen. Sieht man dann mehr? Was passiert mit der Wahrnehmung? Welche Geschichten ließen sich noch alle erzählen? ­ Und dann winkt Droits de regards von Jacques Derrida für den Berichterstatter herüber: „Du wirst niemals, Sie auch nicht, all die Geschichten kennen, die ich mir beim Anschauen dieser Bilder noch habe erzählen können.“ ­ Tino Sehgal produziert unablässig Bilder, die insofern immateriell bleiben, als sie nicht nur nicht für Iconosquare oder Facebook oder sonstige Bildmedien fotografiert werden dürfen, vielmehr noch weil sie sich schwer in repräsentationslogischen Fotos ­ in welche Communities auch immer ­ hochladen lassen. Der Lichthof des Martin-Gropius-Baus ist ein anderer Spuare/Platz/Ort. 

 

Im Lichthof wechseln sich unterschiedliche Paare, die gekleidet sind wie alle anderen Ausstellungsbesucher auch zum Kuss. Sie umarmen sich mitten auf dem Platz im Lichthof. Junge Leute. Wie zufällig. Und dann läuft ein ganzer Film ab, der kunstgeschichtliches Bildmaterial von Auguste Rodin oder Jeff Koons oder Gustav Klimt oder Robert Doisneau oder Pablo Picasso etc. verarbeitet. Rollentausch inbegriffen. Frau von oben küsst Mann unten. Doch das Material zum Kuss lässt sich nicht anhalten oder bestimmen oder verifizieren. Vielmehr läuft das ganze Material Kuss ab, solange die Ausstellungsbesucherinnen hinschauen. Oder schauen sie gar weg, weil sie nicht wissen, dass es hier jetzt um Kunst geht? Oder – auch das gehört zum Material Kuss – protestieren sie, weil sich ein derartig intensiver Kuss in der Öffentlichkeit des Lichthofs nicht schickt? Wer würde dann warum protestieren? 

 

Natürlich ist die Immaterialität des Werks von Tino Sehgal von reicher Materialität durchdrungen. Immateriell wird das Materielle allerdings durch die intensive, genaue und ebenso flüchtige Darstellungspraxis. The Kiss lässt sich nicht mit nach Hause nehmen und an die Wand hängen oder für viele Millionen ersteigern und in einen Tresor als Wertanlage verschließen. Tino Sehgals The Kiss entzieht sich den Verwertungskreisläufen, die die Kunst in Galerien, in Kunstsammlungen, in Museen und auf dem Kunstmarkt längst, und zwar erbarmungslos eingeholt haben, um immer wieder neue Kunstwerke zu produzieren.  

 

Ein Höchstpreisbild wird niemals wegen des Bildes, seiner Visualität und seiner Textur oder aus Verehrung zum Künstler in einer Auktion ersteigert. Es wird ersteigert, um es zu besitzen wie etwa eine Megayacht oder Megavilla. Tino Sehgals Kunstwerke entziehen sich und den millionendollarschweren Kuss von Gustav Klimt oder Auguste Rodin den Materialisten, die daran glauben, dass sie das Materielle fassen könnten auf höchst kalkulierte Weise. Selbst der Name der Mitwirkenden und Produzenten bleibt wie der Titel ungenannt, um Namedropping zu unterlaufen. Wenn bei Tino Sehgal ein berühmter Künstler mitmachen wollte, müsste er auf die Nennung seines geldwerten Namens verzichten. Die Arbeiten werden in ihrer ephemeren Form den materiellen und kapitalistischen Verwertungskreisläufen entzogen. Sie finden statt für nichts oder nur für das Publikum, das in der Arbeit ohne vierte Wand mitmacht. 

This Progress, das während der am Sonntag beendeten Foreign Affairs zwischen 17:00 und 21:00 Uhr im Haus der Berliner Festspiele stattfand, hat der Berichterstatter während der Hitzewelle am Samstagabend besucht. Festivalatmosphäre. „Stellen Sie sich bitte bei meiner Kollegin ganz links an“, riet mir die Mitarbeiterin vom Pressestand. Schlangestehen gehört irgendwie immer zu einem Festival. This Progress ist auch eine Ausstellung. Wenigstens kein Theater wie es auf den Bühnen des Hauses gleichzeitig stattfindet. Die Arbeit ist eine neue Version, die für das Festival entstanden ist. 

Die Begrenzung der Arbeiten von Tino Sehgal bleibt fließend oder unscharf. Auch bei This Progress kann der Berichterstatter nicht genau sagen, wann es begann. Je unschärfer die Grenzen von Festivalatmosphäre mit Schlangestehen z. B. und Ausstellung werden, desto schwieriger lässt es sich verwerten. Kein Klingelzeichen. Wann begann This Progress? Als sich der Berichterstatter mit anderen Menschen wie angewiesen in die Schlange stellte? Und gehörte nun die junge Frau mit ihrem ausgedruckten Ticket vor ihm schon zur Ausstellung? Als sie an der Reihe war, stellte sich heraus, dass sie sich in die falsche Schlange gestellt hatte. Eine Übung sozusagen in This Progress? Der Berichterstatter hatte sich per Mail angemeldet und sollte auf der „Gästeliste“ stehen. Als die Reihe schließlich an ihn kommt, steht er nicht drauf. „Warten Sie bitte.“

Wann beginnt This Progress? Wenn man sich, wie geheißen, anmeldet? Wie gerät man in etwas hinein, bei dem es um einen Fortschritt geht? Und wie genau inszeniert Tino Sehgal mit seinem Dramaturgen Descha Daemgen diesmal, vielleicht nur für einmal den Fortschritt? Was wissen wir vom Fortschritt? Und wann beginnt oder begann er? Fortschritt von was und für wen? Während des Wartens sieht der Berichterstatter Tino Sehgal mit verschiedenen Leuten sprechen. Gibt er Regieanweisungen? Oder ist er nur zufällig da? Soll der Berichterstatter ihn ansprechen? Nein, doch lieber nicht. Er kennt ihn ja auch gar nicht. Also gewartet. Unvermittelt kommt eine Frau mit einer Hilton-Papiertragetasche an den Schalter. Sie habe nun gerade festgestellt, dass sie eine Karte übrig und die Ausstellung nun auch schon gesehen habe. Die Ausstellung sei ganz toll. Sie habe auch etwas mitgenommen und schwenkt die Hilton-oder-so-Tasche wie ein Give-away. So kommt der Berichterstatter durch Zufall – oder doch Kalkül – zur Eintrittskarte.

Tino Sehgals Arbeiten halten sich exakt und haarscharf außerhalb der Verwertungskreisläufe. Sie lassen sich nicht erzählen und erzählt wären sie auch nur halb so schön, weil sie von diesen ganzen Ungewissheiten durchdrungen werden. Sie bleiben in der Schwebe, lassen sich nicht fotografieren und nicht kaufen. Sie finden statt für (fast) nichts oder bleiben dann doch ganz und gar unvergesslich. Sobald man anfängt, sie zu theoretisieren, verlieren sie ihre Faszination. Sie entstehen wirklich aus den Moment heraus für einmal. Als der Berichterstatter auf dem Weg in die Ausstellung ist, tritt Natalie in seinen Weg und später noch Dorothee. Und dann weiß der Berichterstatter plötzlich gar nicht mehr, ob er sich noch in This Progress befindet oder ob das jetzt Festival ist, als er David Bloom sieht, ihn anspricht und erfährt, dass der 3 Eintrittskarten für eine andere Aufführung loswerden will.  

 

Torsten Flüh 

 

Tino Sehgal 

28. Juni bis 8. August 2015 

MI bis MO 10:00–19:00 

DI geschlossen 

Martin-Gropius-Bau 

Einzelticket € 10 / ermäßigt € 7 

Gruppen (ab 5 Personen) p. P. 7 € 

Eintritt frei bis 16 Jahre