Gezeichnete Mythologien - Beziehungsweisen von Gregor Cürten im Kunstverein Tiergarten

Fotografie – Bild – Gesicht 

 

Gezeichnete Mythologien

Zur Werkschau Beziehungsweisen von Gregor Cürten im Kunstverein Tiergarten 

 

Der Kunstverein Tiergarten liegt fast parallel zur Straße Alt-Moabit unweit des Rathauses Mitte auf der Turmstraße zwischen Michael König Imbißstand, Darwich’s Crispy Dinner Station, Humana Secondhand & Vintage, Baba Sultan Köfteci und gegenüber der neuen Filiale von Bio Company. Billigessen trifft auf die Bio-Kultur der Bildungsstarken und Gesundheitsbewussten. Das ist so ziemlich die treffendste Skizzierung für die aktuelle Turmstraße in Moabit und die Nachbarschaft der Kommunalen Galerie Nord Kunstverein Tiergarten. Anders formuliert: Moabit liegt zwischen Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal und Spree. Auf der südlichen Seite grenzt der Tiergarten an. Doch die Grenzen zwischen Problemkiez und Tiergartenschick sind durchlässig. 

Zur Vernissage in der Galerie Nord des Kunstvereins Tiergarten spricht der Künstlerische Leiter und Kunsthistoriker Ralf F. Hartmann ein Grußwort, in dem er davon erzählt, wie er Gregor Cürten bei einer Performance mit einer nackten Künstlerin in der Galerie kennenlernte. Nackte Künstlerinnen in der Galerie im Brüder-Grimm-Haus zwischen Ayasofya Moschee in der Stromstraße und Waha Al Falafel in der Ottostraße. Die Beziehungsweisen und das Beziehungsgeflecht auf und an der Turmstraße sind widersprüchlich und bunt. Die Leute, die am Dienstagabend zur Vernissage gekommen sind, könnte man auch bunt und anders nennen. Das größere Taschenformat des Weekenders kommt bei den Damen häufiger vor. Praktisch, schick und cool, denkt sich der Berichterstatter. 

Um auf die Beziehungsweisen, Gemälde & Zeichnungen, von Gregor Cürten zu sprechen zu kommen, muss man ein wenig den Bilder- und Sprachkosmos ausloten. Denn die Beziehungen der Bilder im Kunstverein Tiergarten sind ebenso diskret wie offensichtlich. Cürten selbst hält sich bei der Vernissage und während der Reden von Ralf F. Hartmann und Rosa von der Schulenburg zurück. Er ist untergetaucht in der Vielzahl der Vernissage-Gäste. Man muss ihn schon suchen, um ihn als den Künstler und Bildproduzenten des Abends zu finden. Es gibt solche und solche Künstler auf ihrer Vernissage. Cürten gehört zu den diskreten. Und das hat durchaus etwas mit seinen Gemälden & Zeichnungen und den Beziehungsweisen zu tun.  

Auf dem Galerieflyer für die Ausstellung ist „Klaus K., 10.2.10“, ein eher kleines Aquarell abgedruckt. Klaus K. kennt längst nicht jede/r.  Die Nachbarn vom Baba Sultan Köfteci kennen Klaus K. sicher nicht. Das Gesicht, starke Untersicht, ist auch eher skizziert, fast kaligrafiert, als ausgemalt. Deutliche rosa Lippen, helles Haar. Doch das ist alles schon viel, zu viel gesagt. Was macht ein Gesicht? Man muss Klaus Kinski erst einmal in diesem Vexierbild erkennen können. Doch dann ist er da. Mit einer ziemlichen Verspätung. Ein Portrait nach der Natur ist es ohnehin nicht. Klaus K. starb 1991. Man kann sich auch nicht wirklich sicher sein, dass es Klaus Kinski ist. Ein Aquarell nach einem Foto? Wahrscheinlich. Kinski ein Gesicht aus den Medien in den Medien. Ein Portrait aus dem Gedächtnis? Aber warum gerade am 10.2.10? „Cürtens Arbeiten destillieren das Bildgedächtnis ganzer Generationen“, schreibt der Kurator Ralf F. Hartmann auf dem Flyer. Destillate?  

Klaus K. ist ganz bestimmt ein Generationenbild. Doch um es, um ihn sichtbar werden zu lassen, braucht es anderes als nur ein Gesicht, ein Bild von ihm oder Bildung. Klaus K. spielte immer auch mit Bildung und Wissen. In den 50er Jahren nahm er 25 Sprechplatten mit Texten und Gedichten auf, was sich häufig anhörte wie der Singsang von Alexander Moissi zwischen 1910 und 1930. Er zertrümmerte Bildung gar. Am 22. Februar 1961 hatte es Klaus K. auf die Titelseite des SPIEGEL mit dem Titel DEKLAMATOR KINSKI geschafft. Stärker als heute produzierte der SPIEGEL Gesichter und Geschichten auf dem Cover. Personalisierung als Modus von Journalismus. Fortan gehörte Klaus K. zum Spiegel-Cover-Personal zwischen Salvador Dali (1/1961), Fritz Kortner (5/1961), Franz-Josef Strauss (15/1961), John F. Kennedy (34/1961) und Konrad Adenauer (40/1961). Im Bildverzeichnis zum katalogartigen Buch Gregor Cürten Beziehungsweisen, das gerade im Verlag Schirmer/Mosel erschienen ist, fehlt Klaus K. allerdings, so dass man sich nicht ganz sicher sein kann, dass es Kinski ist.   

Wie in der Ausstellung mit Klaus K. verfahren wird, wie er auftaucht und verschwindet oder auch vielleicht für jüngere Galeriebesucherinnen gar nicht erst auftaucht, kann als durchaus programmatischer Wink aufgefasst werden. Denn die Bilder, die mit den Gemälden & Zeichnungen sichtbar werden und die sich aus Titeln wie Marlene Haushofer 1955, 2010 und Bildnis Lucian Freud, 2010 ergeben, bleiben flüchtig wie die umfangreiche Serie der Tageszeichnungen zwischen dem 22.12.07 und 31.10.13. Rosa von der Schulenburg entspricht denn auch der Bitte des Freundes in ihrer Rede, nicht kunsthistorisch über seine Bilder zu sprechen, und steuert stattdessen einen assoziativen, kurz zuvor geschriebenen Text zur österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer bei. Das Gemälde erzählt jetzt von den Mythologien der Marlene Haushofer. Eine Frauengeschichte. Was macht das mit dem Bild?

Für Gregor Cürten sind Fotos und ihre Mythologien wichtig. Ungeordnet oder zumindest nach einem Schema geordnet, das sich den Galeriebesucherinnen nicht sogleich erschließt, liegen Fotos in zwei Schaukästen und auf einem niedrigen Tisch neben dem Buch. Die wie zufällig verstreuten Fotos geben einen Wink auf Cürtens Modus der Bilder. Denn er malt nach Fotos. Fotos mit ungewisser Herkunft werden für ihn zu Bildmaterial, aus dem heraus Gemälde und Zeichnungen, oft in vielfacher Vergrößerung produziert werden. Marlene Haushofer und Lucian Freud bringen es auch 154 x 124 cm auf Leinwand. Die Vergrößerungen machen Arbeit, womit vielleicht schon viel über die Beziehungsweisen gesagt wird. Cürten hat sich für sie mehr Zeit genommen, als für die Tageszeichnungen im Format 25 x 16,5 cm auf Papier, Bleistift, Tinte, Soja, Aquarell und Enkaustik. 

Die Serie der Tageszeichnungen meistens ohne Titel mit Datum hat etwas Photographisches hinsichtlich der Zeit. Sie erinnern den Berichterstatter an Andy Warhols time capsules. Viel wichtiger als die Präsenz eines Bildes wird Gegor Cürten das Zeitliche sein, ließe sich sagen. Tageszeichnungen sind extrem zeitlich. Klaus K. wird wahrscheinlich eine Tageszeichnung sein. Im Buch kommen am 22.12.07 Jörg F. und am 18.03.08 Robert W. vor. Im Schaukasten mit den Fotos liegen Rosa v. P. ca. 1950 16.1.10 und S. EHRENMAL TREPTOW 12.2.10.. Das lässt sich lesen und sehen. Insbesondere sind es Momentaufnahmen. Auftauchen und Verschwinden, um dann wieder anders aufzutauchen. Snowden gibt es in der Ausstellung zweimal. Gleiche Bildkomposition andere Größe. Das Serielle, vielleicht sogar Mechanische winkt herüber. Wenn es diesen Modus der Wiederholung in unterschiedlichen Größen, Formaten gibt, wie viel subjektive Autor- oder Künstlerschaft gibt es dann noch in der Bildproduktion? Die Wiederholung ist ein zeitlicher Modus.     

Natürlich sind Haushofer und Freud prominent, womit sich viel über eine eher unbekannt gebliebene Schriftstellerin und einem der prominentesten, zeitgenössischen Maler sagen ließe. Prominenz hat etwas mit dem Zirkulieren von Bildern und ihrer Sichtbarkeit zu tun. Sie generiert sich nicht zuletzt aus der Vielzahl und Häufigkeit der Wiederholung von Bildern und Namen. Insofern hat die Prominenz viel mit den Medien und dem Modus der Wiederholung zu tun. image snowden 2014 ist so ein Bild im Modus des Portraits, das in Kombination mit der Binarität von 1 und 0 als Digitales unendlich wiederholt worden ist und wiederholt werden wird. Erhält das „image“ dadurch schon den Wert einer Ikone? Oder begleitet den Internethelden, den Helden der Enttarnung, nicht auch eine unheimliche Flüchtigkeit und Heimatlosigkeit?

Der Berichterstatter ist vorsichtig mit der Verortung der Bilder, die bisweilen ins Auge springen könnte und die dann doch immer wieder fragwürdig wird. Ja, Edward Snowden, da haben wir ihn. Klar doch, ein Held, der sich gegen übermächtige, verheimlichte Überwachung gestellt hat. Aber warum kehrt das bild als „Kohle, Kreide, Eitempera und Enkaustika auf Karton“ wieder? In einem Raum der Galerie tritt ein Snowden-Gemälde in Beziehung zu einer frühen Beethoven-Collage aus ephemerem Portrait der Totenmaske und Klaviertastaturdeckel. Daneben ein namenloses Portrait in einem ähnlichen Mal- und Collage-Modus mit einer Tischplatte. Die Totenmaske ist ein mit Authentizität gleich dem wahren Bild oder vera ikon aufgeladenes Bild. Doch das zweite Bild gibt es allein als gemaltes.  

Das vera ikon als Mythos ist für Cürten ein zweischneidiges Thema. Im Buch tritt das Gedicht Das wahre Bild von Kornelia Koepsell in Konstellation mit diesem. Was ist ein wahres Bild? Was ist wahr und was ein Bild? Koepsell setzt in ihrem Gedicht bei den Supermodels ein, mit denen sich die Ambivalenz des wahren Bildes entfaltet. Apropos, da muss der Berichterstatter eine kleine Anekdote einfügen, wie seine Schwester in beider Jugend sich, gemessen an und verglichen mit den Models in den Magazinen, nie für schön genug hielt. Sie war sehr schön. Aber … Und es gab eben nicht die Bestätigung der Schönheit durch ein Jugend- oder was sonst auch immer Magazin und „Blitzlichtgewitter“.  

Endlich Supermodel am Badestrand, 

Blitzlichtgewitter – mein Gott, 

erst Verkäuferin, dann Supermodel, Himmel auch … 

das soll mir einer nachmachen. 

Ich stelle mich in die Umkleidekabine, 

schließe die Tür, schon geht’s los.[1] 

Wie wahr sind Bilder? Oder werden sie erst wahr, durch die Erzählungen und Beziehungen? In dem Raum mit Snowden und Beethoven und der Totenmaske hängt auch das Gemälde Insulaner und Ercolo von 1980. Die Hängung oder auch fast schon Installation unterschiedlicher Zeitebenen mit Snowden, Beethoven und dem „Insulaner“ lässt für den Berichterstatter geradezu plötzlich den Fischer aus Friedrich Wilhelm Murnaus Film Tabu von 1931 sichtbar werden. Queer Iconography. Sicher gibt es mit dem Ercolo auch eine ikonoklastische Ebene, wie Hans Zitko sie in seinem Artikel Die attackierte Malerei[2] formuliert. Doch es gibt auch die Queer Iconography. Warum Tabu von Murnau und Robert J. Flaherty an der Kamera gleich aus dem Gemälde springt, lässt sich kaum sagen.      

Mit Tabu geht es nicht nur um eine Südseeidylle und einem wahren Bild des edlen und wahren Eingeborenen, vielmehr kommt zu einer vielschichtigen Verschränkung von Dokumentarfilm, Bildproduktion, Wahrheit der Bilder, Ursprünglichkeit, Nacktheit, Natürlichkeit und Begehren des männlichen Körpers. Die wenn auch problematische Zusammenarbeit von Friedrich Wilhelm Murnau, Nosferatu – Sinfonie des Grauens (1922), und Robert J. Flaherty, Nanook oft he North (1922) ebenso wie Man of Aran (1934), bringt allererst an der Schnittstelle zwischen Spielfilm und Dokumentarfilm oder Fiction- und Non-Fiction-Film die Ursprünglichkeit der Bildwelt von Thahiti in Tabu hervor. Mit der Bildproduktion bis zu den Filmen von A Story Of Life and Love In the Actual Arctic mit Nanook, Tabu, a story oft he South Sea und Man of Aran als Mythen hatte die Bildwelten niemand gesehen.    

Die winzigen Aran-Inseln westlich von Irland waren ikonographisch bis zu Flaherty ebenso unbekannt, wie die Arktis im Norden Kanadas oder Bora Bora in der Südsee. Es kursierten Bilder und Erzählungen vom Hörensagen. Flaherty und Murnau machten sie zur abendfüllenden Geschichte. Denn nicht zuletzt wurde schon für Nanook ein Drehbuch geschrieben. Um den Film drehen, die Bilder generieren zu können, braucht es ein Drehbuch, das durch den Schnitt zum publizierten Film transformiert wird. Zwischen Flaherty und Murnau gab es insbesondere hinsichtlich des Drehbuchs und der Regie, die die Bilder mit der Kamera produzieren, Unstimmigkeiten bis zum Zerwürfnis. Zu den vielfältigen Plakaten zum Film gehört auch die Ankündigung F. W. Murnau’s Romance of Forbidden Love in a Tropical Paradise. Und genau darum ging es vor allem, um eine verbotene Liebe, die der Film als Appell aussendet, der sich Murnau in seinen Privaten Photographien hingab und über die er noch vor der Premiere seines Films am 11. März 1931 in einem Autounfall verunglückte. 

Fotografie und Film, Medien, immer an der Schnittstelle von Ficton und Non-Fiction, generieren Bilder durch lockere und oft auch dichtere Beziehungsweisen in der Malerei. Dabei galten Fotografie und Film im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den Gefährdern der Malerei. Radikale Verfahren der Bildproduktion wenden dann vor allem Francis Bacon und Lucian Freud an. Bacon arbeitete geradezu leidenschaftlich mit Fotografien, Freud bevorzugte das Malen in Modelsitzungen um fotografische Portraits zu malen, die entblödend als Realismus missverstanden werden. Ob die Bilder durch die eine oder andere Praxis realistischer wurden, ist eine eher müßige Diskussion unter Kunsthistorikern. Stattdessen könnte man vorschlagen, dass sie zutiefst in Beziehungen arbeiteten.

Fotografien nehmen bei Francis Bacon eine wichtige Funktion für die Bildproduktion ein. Sie verändern sich nämlich ständig: "…I see every image all the time in a shifting way and almost in shifting sequences." Die Sequenzierung wie das Gleiten oder Verschieben der Bilder sind für Bacon entscheidend. Sie führen allererst zu Bildproduktion. Mit Sitzungen im Fotoautomaten produzierte Francis Bacon ganze Serien von vielfältigen Selbstportraits, wie es im Studio von Francis Bacon in der Hugh Lane Gallery in Dublin dokumentiert wird. Muss amn gesehen haben. Nicht weil man dann die Ursprünge der Gemälde wüsste, wüsste, was Francis Bacon gemalt hat, vielmehr weil die Produktionspraxis sich im Glaskasten ausbreitet im Moment des Todes des Künstlers.  Sein Studio ist auch von Zeitschriftenfotos, Ausrissen und Ausschnitten aus Magazinen und deren Übermalungen übersät. „Images just drop in as if they were handed down to me”, formulierte Bacon einmal. Wie sieht Cürtens Studio aus? 

 

Die Ausstellung Beziehungsweisen in der Galerie Nord des Kunstvereins Tiergarten inszeniert Bilder, die ständig gleiten zwischen generationellen Bildgedächtnissen und verborgen (auto)biographischen Beziehungen. Die Bilder sind immer privat, intim und öffentlich zugleich. Denn ein Gedächtnis lässt sich niemals anhalten oder fixieren. Rosa von der Schulenburg wird mit Ingrid van Bergen, Ingeborg Bachmann und Franz Beckenbauer in eine Konstellation gebracht. Die Bilder zirkulieren. Und welche Geschichten wird man sich dann noch erzählen können?  

 

Torsten Flüh 

 

Galerie Nord 

Kunstverein Tiergarten 

Gregor Cürten 

Beziehungsweisen 

bis 6. Juni 2015
Dienstag - Samstag 13-19 Uhr 
 

 

Brüder-Grimm-Haus 

Turmstraße 75 

10551 Berlin 

U-Bahn: Turmstraße 

 

Beziehungsweisen 

Schirmer/Mosel 

102 Farbtafeln, 156 Seiten, 17 x 22,5 cm. 

Hardcover mit Schutzumschlag.  

Deutsch/englische Ausgabe. 

ISBN: 9783829606806 

39,80 €

 

Gregor Cürten - Homepage  

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[1] Koepsell, Kornelia: Das wahre Bild. In: Cürten, Gregor: Beziehungsweisen. Berlin 2014. S. 61

[2] Zitko, Hans: Die attackierte Malerei. In: Cürten … S. 31ff