Vom Nippes zum Monument zu Fritz Duck - Friedrich der Große - verehrt. verklärt. verdammt im DHM

Nippes – Monument - Mangel

 

Vom Nippes zum Monument zu Fritz Duck

Friedrich der Große – verehrt. verklärt. verdammt im DHM

 

Und weil Friedrich, wie er vom Plakat blickt, zentnerschwer ist, haben die Ausstellungsmacher ihn dann doch auf der Burg Hohenzollern im schwäbischen Hechingen gelassen. In der Größe ist er nicht mehr hauptstadt-kompatibel. Der moderne Museumsbau von I. M. Pei ist, man muss schon glücklicherweise sagen, gar nicht für eine derartig monumentale Zurschaustellung geeignet. Früher, also vor `45 oder so, stand Friedrich II. in XXXL nebenan im Zeughaus.

Erstmalig befasst sich nun eine Ausstellung aus Anlass prominenter Feierlichkeiten mit der Rezeption Friedrich II. von Preußen unter den wahrscheinlich rein sprachlich generierten Verben verehren, verklären, verdammen. Labeling ist heute entscheidend für Ausstellungstitel. Und wenn dann dabei noch Widersprüchliches offen zutage tritt, trifft es den aktuellen Nerv der Geschichtswissenschaft wie des gesellschaftlichen Selbstverständnisses. - Wie zu sehen sein wird, lockt heute das Friedrich-Plakat das Smart-Phone aus der Jackentasche.

Wenn Friedrich der Große in Übergröße da gewesen wäre, dann hätte es sich der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Staatsminister Bernd Neumann, beim Presserundgang am Dienstagmorgen wahrscheinlich nicht nehmen lassen, sich mit ihm fotografieren zu lassen. Untersicht inbegriffen. So blieben für die Pressefotos am Dienstag nur Friedrich in Wachs aus den 1770er Jahren mit Ausstellungsteam und Neumann oder das bekannte Menzel-Gemälde des Flötenkonzerts als Schwarzweiß-Foto mit Ausstellungsteam und Neumann als Motive übrig. Ein wenig enttäuschend.

„Frédéric, le Grand“ ist der Titel, den nicht die „Bevölkerung“ dem Preußenkönig verleiht, sondern Voltaire in seinem Brief vom 28. August 1750, was eine der frühesten Titulierungen Friedrich II. als der Große ist. Deshalb beginnt die Einführung zu König Friedrich II. von Preußen im Katalog der Ausstellung durchaus fehlerhaft, mit der Formulierung:

… Seine militärischen Erfolge brachten ihm in der preußischen Bevölkerung den Namen »der Große« ein. …[i]

Gerade bei der Namensgebung bzw. bei der Titelvergabe ist es bei Friedrich II. nicht unerheblich, wie sehr sie mit der Praxis des aufgeklärten Absolutismus bzw. dem Konzept des Souveräns verschränkt ist. Mit anderen Worten: die Produktion von Schnupftabakdöschen mit Friedrichs Konterfei geht bereits vor Friedrichs Tod in Serie, wie nicht zuletzt Ute Frevert herausgearbeitet hat.[ii] Nippes gehört zur Gefühlspolitik.

Die Frage des Namens hätte vor lauter Sammellust und –leidenschaft einführend ein wenig genauer geklärt werden dürfen. Denn Friedrich der Große ist nicht nur ein Name, sondern ein Titel. Was unterscheidet den „Namen“ vom Titel? Und welche Verwechslung von Namen und Titel wird durchaus sehr früh bei Friedrich II. damit nahe gelegt? Der Name bezeichnet ein Individuum, kann man sagen, was in diesem Falle von einiger Bedeutung ist. Der Titel aber bezeichnet eine historische Einordnung. Er ist fest in eine historische Erzählung eingebunden, was wiederum bei Friedrich, der die Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg (1747/48) schrieb, nicht ganz unwichtig ist.

Die Umstände, wie Friedrich II. zum Titel der Große im historischen Vergleich kommt, sind von Voltaire im Brief an seinen früheren Schulkameraden am Jesuitenkolleg Louis le Grand Charles-Augustin de Ferriol d’Argental (1700-1788) recht genau formuliert. Der ehemalige Schüler des Jesuitenkollegs Louis le Grand war gerade mit der Arbeit an seinem durchaus epochalen Werk Le Siècle de Louis XIV befasst, das 1751 erscheinen sollte und noch im gleichen Jahr als eine Schrift von „M. de Franchville“ in Berlin bei C.F. Henning erschien.

Ses cinq victoires et la paix de Dresde étaient un bel ornement à ce spectacle. Ajoutez à cela que nous avons avoir und compagnie des Indes. J’en suis bien aisé pour nos bons amis les Hollandais. Je crois que M. de Pont-de-Vesle avouera sans peine que Frédéric le Grand est plus grand que Louis XIV. 

(Seine (Friedrichs) fünf Siege und der Friede von Dresden schmückten ihn bei diesem Schauspiel. Fügen Sie dem noch hinzu, dass wir hier bald auch eine Ostindienkompanie haben werden (was für eine Überraschung für unsere holländischen Freunde!). Ich denke, dass Herr Pont-de-Vesle nicht darum herum kommen wird zuzugeben, dass Friedrich der Große größer ist als Ludwig XIV.)[iii]

Die Größe Friedrich des Großen ist keine beliebige. Sie geht in Voltaires Brief aus dem Vergleich mit Louis le Grand bzw. Ludwig XIV. hervor. Friedrich II. ist größer als Ludwig XIV., der für Voltaire einem bereits abgeschlossenen Zeitalter (Siècle) angehört. Wer in welchem Siècle lebt und wie sich dies selbst versteht, wird nicht zuletzt bereits 1746 mit dem französischen Original der Denkwürdigkeiten von Friedrich II. angeschlagen. Dies ist insofern nicht ganz unerheblich, als es den regen Austausch zwischen Voltaire und Friedrich II. illustriert. Siècle wird ein historiographisches Schlüsselwort für das Denken des Souveräns.    

Friedrich betritt nicht zuletzt mit den „Denkwürdigkeiten“ als noch junger Souverän mit 33 im Rahmen der Geschichte durch die von Pierre-Louis Moreau de Maupertuis (1698-1759) als Akademiepräsidenten herausgegebene Histoire de l'Académie Royale des Sciences et des Belles-Lettres de Berlin 1746 die Bühne der Geschichtsschreibung. Im Rahmen der Akademie thematisiert sich Friedrich (noch) nicht als Schriftsteller, sondern beginnt ohne Umschweife in den Memoires pour servir à L’Histoire de Brandebourg mit einer Anknüpfung an das Altertum, die indessen im Dunkeln bleibt.

La Maison de Brandebourg, ou plûtot celle de Hohenzollern, est si ancienne que son Origine se perd dans le ténèbre de l’Antiquité. Je ne pourrois rapporter que des Fables ou de Conjectures sur son Extraction; mais les Fables ne doivent pas être présentés au public judicieux & éclairé de ce Siècle. …

Spätestens seit der 3.000 Seiten umfassenden Herausgabe der Werke Friedrich des Großen in 10 Bänden durch Gustav Bertold Volz ab 1912 wird der Akademietext umgeschrieben. In einer vorgeschalteten Einführung wird Friedrich II. nun zum „Schriftsteller“[iv]. Die Bühne bzw. „Stätte“ der Geschichte ist nach seinen Worten leer:

Seit der Regierung Friedrichs I. machte sich das Bedürfnis nach einem Schriftsteller fühlbar, der diese Geschichte (Preußens, T.F.) in eine annehmbare Gestalt brächte. Aus Holland ward Teissier berufen und mit der Aufgabe betraut. Leider gab der statt einer geschichtlichen Darstellung einen Panegyrikus. Er wußte wohl nicht, daß Wahrheit so zum Wesen der Geschichte gehört wie zum menschlichen Leibe die Seele.

So fand ich eine leere, wüste Stätte und versuchte, darauf einen Bau zu errichten, einmal, um ein nützlich Ding zu schaffen, sodann, um der Nation das Geschichtswerk zu geben, das ihr fehlte. Die Tatsachen schöpfte ich aus den besten Quellen, die mir zugänglich waren. … (siehe Band 1)

Erstens ist diese Werkausgabe interessant, weil sie mit den Bildern Adolf von Menzels versehen ist, also bereits am Mythos der Geschichte Friedrich des Großen.Geschriebenvon Franz Kugler. Gezeichnet von Adolf von Menzelaus dem Jahr 1844 bzw. 1856 weiterarbeitet. Zweitens verändert sich trotzdem das Paradigma von Historizität. Und drittens lässt sich beobachten, dass der Ursprung des Vorworts fragwürdig wird. Es kommt nämlich die Frage auf, ob Friedrich II. denn nun selbst das Vorwort in der 1. Person Singular geschrieben hat oder ob es später hinzugefügt wurde. Wer hat dieses Vorwort gegenüber der Fassung in der Festschrift der Akademie eingefügt? Friedrich? Die Archivare des Hauses Hohenzollern? Oder gar erst die Übersetzer Friedrich von Oppeln-Bornikowski (1773-1836), Willy Rath oder Werner von Jordans (1884-1950)?

Der Gestus der Memoires unterscheidet sich von dem der Übersetzung als Denkwürdigkeiten aus dem Französischen. Die Eröffnungssequenz der Memoires lässt die Ursprünge des Hauses Brandenburg (la maison) bzw. Hohenzollern im Dunkel des Altertums und wendet sich programmatisch einer gerechten und aufgeklärten Öffentlichkeit des „Siècle“ zu. Dieser adressierende Gestus der Memoires ist erstaunlich genug, weil er sich selbst im historischen Zeitalter situiert. Was allerdings völlig in den Memoires fehlt, zumindest in der Fassung der Akademiegeschichte, ist die Figur, sich selbst als „Schriftsteller“ in Szene zu setzen. Weiterhin denkt Friedrich II. nicht in der Kategorie der „Nation“. Das wäre ihm völlig fremd gewesen. Daraus könnte sich zumindest die Frage ergeben, ob und in wieweit sich Friedrich als „Schriftsteller“ formuliert hätte.  

Die Frage des Mythos kann nicht einfach mit einer gegliederten Ausstellung in 13 Stationen beantwortet werden, wie es Friedrich der Große – verehrt . verklärt . verdammt vorführt. Gerade bei Friedrich II. ist die Mythologie eine sehr komplexe, die durchaus hätte Anlass zu einigen methodologischen Überlegungen geben können, ohne sie nach wie vor mit dem Programm der Geschichtswissenschaft zu beantworten und in museumsdidaktischen Clustern wie 2 Bilder aus einem (Nach-)Leben voller Anekdoten oder 5 Ein Pläsier für Kinder und Sammler oder 10 Die Entdeckung des Literaten und Musikers zu präsentieren. Für Kinder, die nächste Generation, führt Fritz Duck, also Donald Duck als Fritz durch die Ausstellung.

Gut, für Kinder wird Friedrich II. also künftig ein Verwandter der Familie Duck aus Entenhausen sein. Auch das wird er überstehen. Das haben Mythen so an sich, dass sie sich als recht hartnäckig und äußerst anpassungsfähig erweisen. Ärgerlich ist es allerdings, dass im Katalog Gustav Bertold Volz’ Werkausgabe lediglich erwähnt, aber nicht weiter bedacht wird.

… Zum 200. Geburtstag Friedrichs im Jahr 1912 wurden diese von Gustav Bertold Volz in deutscher Übersetzung veröffentlicht.[v] 

Damit ist gut, was doch mit zwei Klicks im Internet einige Fragen aufwerfen könnte. Und statt der pompösen Gesamtausgabe wird dann das schmale Bändchen des Politischen Testaments von 1752 in der Übersetzung und Werkausgabe von 1922 als wichtiger Bruch präsentiert.[vi] Denn das Politische Testament, in dem die Eroberung Schlesiens als sein Interesse von Friedrich formuliert wird, und nicht etwa als Verteidigungsmaßnahme gegen Maria Theresia hatte im 19. Jahrhundert unter den Hohenzollern-Königen und -Kaisern als schwierig gegolten.

Leider hat der Berichterstatter nun keine derart umfassende Kenntnis der Friedrich-Forschung, dass er belegen könnte, welcher Text Friedrichs für die Herausgabe des ersten Bandes der Werkausgabe mit den Denkwürdigkeiten vorgelegen hat. Wahrscheinlich wäre eine genauere Quellenforschung notwendig. Dies hätte durchaus zu den Aufgaben einer rezeptionsgeschichtlich angelegten Ausstellung mit Katalog gehört. Das darf und muss so einmal formuliert werden. Denn sowohl die Rede vom ich als „Schriftsteller“ wie die der „Nation“ weisen den Text als einen des 19. Jahrhunderts aus. Wäre doch schön, wenn das wenigstens im Katalog transparent gemacht worden wäre.

Einen Hinweis auf die Übersetzer und den Rahmen der Ausgabe hätte wenigstens stattfinden können. Carl Werner Paul Philipp Maria Joseph Hubert von Jordans (1884-1950) war als Übersetzer eine durchaus illustre Persönlichkeit der Zeit um 1900, gerade weil über sein Leben vor den 1920er Jahren, als er an der Kaiser Wilhelm II. zum 25. Jubiläum seiner Regentschaft gewidmeten Werkausgabe in Deutsch mitarbeitete, fast alles im Dunkeln liegt. Friedrich von Oppeln-Bronikowski (1873-1936) kann da offenbar mithalten. Und über Willy Rath ist nur soviel bekannt, dass er bis 1934 etliche Drehbücher für Filme schrieb und 1928 bei dem Dokumentarfilm Om mani padme hum auch Regie führte und am Schnitt mitarbeitete.

Vieles wird von den Ausstellungsmachern angerissen, bisweilen ein wenig neu kontextualisiert, aber kaum genauer thematisiert. Das ist ärgerlich. Denn es gehörte wirklich zu den Aufgaben einer Ausstellung, die den Mythos Friedrich II. bearbeitet oder durcharbeitet, dass nicht nur mehr oder weniger allgemein Bekanntes angerissen wird, um „das“ Publikum zu erreichen, sondern für eine Einrichtung, die dem Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien untersteht, sollte es zum Standard gehören, einen Beitrag zur wissenschaftlichen Grundlagenforschung zu leisten. Dies geschieht nicht.

Nur angerissen und sogleich wieder bagatellisiert, wird ein Bereich der Rezeption Friedrich II. im 19. und 20. Jahrhundert, der jenseits der ins Monströse reichenden Größe des Staatsmonumentes Friedrich der Große, eine prominente Rolle spielte.

Eine besondere Qualität der Friedrichverehrung bewiesen all jene Kenner, die neben dem Porträt des Königs ein Bildnis des Philosophen Voltaire ihr Eigen nennen konnten. Und die Kombination von Friedrichbüste und einer Statuette des Betenden Knaben - … - konnte auch als Bekenntnis zu homoerotischen Neigungen verstanden werden.[vii]

Pardon, aber verschwiemelter geht es schon gar nicht mehr. Friedrich II. gehört im 19. und 20. Jahrhundert, in dem die Frage sexueller Identität den Zwang zur Bekenntnis annimmt, zu den wichtigsten und exklusivsten Identifikationsfiguren für Männer, die sich zur Homosexualität bekennen wollten oder mußten. Mit anderen Worten: als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Normalisierungsdruck Reichs-Gesetzesform annimmt, wird Friedrich II. zum prominenten Argument dafür, dass kriminalisierte Homosexuelle nicht immer schon Verbrecher waren. Eine zweite und andere Frage ist es, ob dadurch nicht gerade Friedrich II. homosexualisiert worden ist.

Leider verschenkt die Ausstellung auch in diesem Bereich jede Chance zur wissenschaftlichen Thematisierung. Als Deutsches Historisches Museum fällt es der Stiftung und dem Museum zu, nicht nur auf wohlfeile Art Sammlungsstücke aus Liebe zur Sammlung zu zeigen, sondern dem historischen Auftrag in seiner Vielschichtigkeit nachzukommen. Friedrich II. wäre genau jener historisch-mythologische Bereich gewesen, in dem mit exemplarischen Einzelerzählungen, die Bandbreite dessen, was den Mythos ausmacht, tiefenwirksam hätte durchgearbeitet werden können. Es ist deshalb zu wünschen, dass die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld in diesen und anderen Fällen in Zukunft wenigstens von Ausstellungsmachern konsultiert wird.

Es lohnt sich, auf den Mythos, dessen Funktionen und den Staatsminister beim Presserundgang zurück zu kommen. Was könnte daran funktionieren, sich als oder mit Friedrich II. fotografieren zu lassen? Diese Frage ist umso berechtigter, als die Ausstellungsmacher am Schluss eine Friedrich-Kulisse, in die der oder die Besucher/in ihr Gesicht setzen kann, aufgestellt haben. Jede/r kann sein Gesicht der Friedrich-Kulisse leihen. Einmal Friedrich sein.

Was in der ganzen Bandbreite der Ausstellung zumindest deutlich wird, ist wie Friedrich II. noch vor seinem Tod zu einem Objekt der Identifikation wird. Dabei hatte er keinem Maler je Model gesessen, außer für das Porträt von Johann Georg Ziesens aus dem Jahr 1763/1764, das er für seine Schwester Herzogin Philippine Charlotte von Braunschweig-Wolfenbüttel anfertigen ließ. Damit war quasi ein Prototyp des Friedrich-Bildes geschaffen. Anders gesagt, heißt das auch, dass es kein Bild im Modus des Porträts von Friedrich II. gibt. Was sich im 19. Jahrhundert als Bild durchsetzt und heute noch bestimmend ist, ist das des Alten Fritz von Aldoph von Menzel, der Friedrich nie gesehen hatte. Der Prototyp wurde entweder in Nippes oder ins Monumentale, Martialische abgewandelt.

Der Mythos als Erzählung seiner Zeit stellt sich immer heraus als Mangel dessen, was in Friedrich zu sehen gewünscht wird. In Frédéric le Grand bündelten sich eben all jene Wünsche, denen die Mythologen ermangelten. Es war nicht zuletzt Friedrich Wilhelm III., der bereits 1799 die Berliner Künstler dazu aufrief, Bilder aus dem Leben Friedrichs II. nach Programm zu schaffen. Denn Friedrich Wilhelm III. mangelte es vor allem an Geld und Größe in der preußischen Staatskasse.

Dass der Mythos vor allem mit einem Mangel an Nähe, Größe, Nation, militärischer Stärke, homosexueller Identität, Privatheit, Haushaltsdisziplin, nationaler Identität zu tun haben könnte, wäre zumindest eine Untersuchung wert. Erzählt wird, was man nicht hat, sich allerdings sehr wünscht. Der Mythos wird nicht einfach nur mit Plakaten, Plakativem und Nippes auf dem Nipptischchen als historische Tatsache sichtbar, sondern in dem wie die Produzenten den Mythos ausformen. Denn das eingedeutschte Wort Nippes bezeichnet im Französischen vor allem den Putz der Frau. Der Putz aber soll eine Frau schön machen, der es möglicher Weise an Schönheit mangelt. Wenn Friedrich also gerade bei KPM in der Friedrichstraße mit Weihnachtsengeln zum Rabattpreis erscheint, dann ist es genau das richtige Arrangement für den Mythos: Engel hat man nicht, aber man wünscht sie sich händeringend.  

 

Torsten Flüh

 

Friedrich der Große

verehrt . verklärt . verdammt

Deutsches Historisches Museum

noch bis zum 29. Juli 2012

 


[i] Koschnick, Leonore; Weißbrich, Thomas: Zur Einführung. In: Deutsches Historisches Museum (Hg.): Friedrich der Große – verehrt . verklärt . verdammt. Berlin 2012. S. 13

[ii] Frevert, Ute: Gefühlspolitik. Friedrich II. als Herr über die Herzen? Göttingen 2012

[iii] Anm.: Den Hinweis auf dieses Zitat verdanke ich Cay Friemuth.

[iv] Anm.: Dass Friedrich in der Ausgabe von 1913 als „Schriftsteller“ auftaucht, ist genauer zu bedenken. Die Bezeichnung unter der Friedrich die politische und literarische Bühne betritt, ist Philosoph bzw. Le Roi Philosophe. Mit „Schriftsteller“ wird quasi eine Verbürgerlichung vorgenommen. Denn im 18. Jahrhundert spricht man nicht vom écrivain, sondern Homme de lettres.

[v] Weißbrich, Thomas: Die Entdeckungen des literarischen und musikalischen Erbes. In: siehe oben S. 181.

[vi] Ebenda S. 1986

[vii] Koschnick, Leonore: Das Idol im Wohnstubenformat. In: siehe oben. S. 77