Cecilia Bartolis funkelndes Bernsteinkabinett - Zur furiosen Premiere des ST Petersburg-Programms im Konzerthaus

Russland – Barock – St Petersburg 

 

Cecilia Bartolis funkelndes Bernsteinkabinett 

Zur furiosen Premiere des ST PETERSBURG-Programms im Konzerthaus 

 

Mit Standing Ovations bei fast völlig ausverkauftem Konzerthaus wurde Cecilia Bartoli mit dem Barockorchester I Barocchisti unter der Leitung von Diego Fasolis für ihr ebenso mutiges wie spektakuläres Programm ST PETERSBURG gefeiert. Wie keine andere Künstlerin des Klassik-Genres hat es Cecilia Bartoli in den letzten Jahren geschafft, aus abgelegenen Musikregionen auf geradezu historische Weise Stimmtechniken z.B. der Kastraten zu rekonstruieren und zu einer auch kommerziellen Erfolgsgeschichte zu machen. Die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli verkörpert nicht nur Rollen, sie erzählt auf einzigartige Weise Geschichten – Musikgeschichten. Nun also die Geschichte von ST PETERSBURG und der Musik am Hofe dreier Zarinnen. 

Die große Kunst von Cecilia Bartoli und ihrem Team liegt darin, seit mehr als 200 Jahren nicht mehr gespielte und gehörte Musik, die zuvor auch nur einem äußerst begrenzten Kreis von Hörerinnen bekannt und in der nationalen Musikgeschichtsschreibung Russlands verschüttet bzw. geradezu gelöscht worden war, für ein breites Publikum wiederzuentdecken und zugänglich zu machen. Russland und St. Peterburg bzw. die Bilder, die damit populär auftauchen, werden nicht zuletzt im Plakat mit dem Gesicht einer in weißen Nerz gehüllten jungen Frau Bild. Eine schöne Zarin. Das Plakat- und Programmheftbild unter dem CECILIA BARTOLI ST PETERSBURG steht, verknüpft in einer auf Bilder versessenen Kultur die hoch intelligente, musikalisch hervorragende und höchst politische Arbeit zur russischen Musikgeschichte mit den populären Bildwelten der Hochglanzmagazine, Plakatkästen wie -wänden und Internetauftritte. 

Cecilia Bartoli erzählt mit ST PETERSBURG eine vielschichtige und überraschende Geschichte von Russland, St. Petersburg, der Musik des Barock, Mode und Machtpolitik, Aufklärung und Nationalismus, ja, Geschlechterpolitik. Und bei der Premiere im Konzerthaus ist an einzelnen Gesten und Blicken durchaus zu merken, dass die große Sängerin mit den Bildern und Erwartungen augenzwinkernd umzugehen versteht. Das Bild der Zarin im weißen Nerz, das nicht zuletzt in die vorweihnachtliche Ökonomie der Bilder von Luxus, Konsum und Macht passt, ist sehr wahrscheinlich unverzichtbar, um das Kaufbegehren zu wecken. Digitale Bildbearbeitungsprogramme haben einiges daran gesetzt, es mit Cecilia Bartoli herzustellen. Doch das Bild taucht im Konzert dann nur ebenso kurz und flüchtig auf, wie es gerade notwendig ist. 

Der Berichterstatter traut es sich kaum zu formulieren: Cecilia Bartoli und ihr  ST PETERSBURG machen Politik. Natürlich konnten weder die Sängerin selbst noch ihr Team wissen, dass das Projekt und Programm ST PETERSBURG heikel und politisch werden könnte. Doch mit der Ukraine-Krise, der Annektierung der Krim und den militärischen Auseinandersetzungen zwischen der Ukraine und russischen Separatisten im Namen einer russischen Nation, Sprache und Kultur lassen das Projekt und Programm ST PETERSBURG in einem Moment politisch werden, den die Produzenten vermutlich nicht erwartet hatten und der dann doch mit dem Zarin-Pelz-Bild als Kostüm überdeckt werden muss. Seit der Zarin Anna, einer Nichte Peters des Großen, die von 1730 bis 1740 von St Petersburg Russland regierte, knüpften zwei weitere Zarinnen, Elisabeth und Katharina II. im 18. Jahrhundert an den Barock und den Absolutismus als nicht zuletzt von der Macht der katholischen und in Russland orthodoxen Kirche emanzipatorisch ausgerichtetem Herrschaftsmodell an. Mit dem Barock, seiner Musik und seinen Erzählungen vom Souverän wurde in der Nachfolge Zar Peters Politik gemacht. 


Screenshot, YouTube-Video von der Weltpremiere @ Versailles

Einerseits geht es mit dem Barock in St Petersburg im 18. Jahrhundert um dynastische, kirchenhistorische und aufklärerische Machtpolitik, die durch die nationale Ideologie der russischen Musikgeschichtsschreibung im 19. Jahrhundert bis in die jüngste Zeit gelöscht worden ist. Andererseits spielen durchaus die Fragen der Moderne wie der des Subjekts und des Geschlechts in seiner ganzen Vieldeutigkeit eine Rolle. Die Frauen als Herrscherinnen werden in den unterschiedlichsten Modi von Geschlecht als Erzählungen von Frauen und "Ausländern" negiert oder, um es einmal so zu sagen, verhext. Dabei gründete Zarin Anna Iwanowna nicht nur das Hoforchester, die bis heute existierende St Petersburger Staatskapelle. Vielmehr war ihre Nachfolgerin bei der Förderung der im Grunde schon spätbarocken, fast bürgerlichen Hofoper, Katharina die Große, die von 1762 bis 1792 über 30 Jahre regierte, eine Leserin Voltaires wie Friedrich II. von Preußen.  


Screenshot, YouTube-Video von der Weltpremiere @ Versailles

Der politische und strategische Austausch zwischen Berlin und St Petersburg fand nicht zuletzt im Geschenk des berühmten Bernsteinzimmers aus dem Berliner Schloss von König Friedrich I. 1716 an Zar Peter I. seinen Ausdruck. Über mancherlei Zerwürfnisse und Streitigkeiten hinweg wird Russland via St Petersburg quasi durch das neue und romkritische Machtkonzept Ludwig XIV. in Versailles zum Teilnehmer eines unumkehrbaren Reformprozesses, der im 19. Jahrhundert zur Identitätsfrage eines höchst partikularen Staatsgebildes zugespitzt wird. Diese Frage ist gegenwärtig drängender denn je für die Existenz Russische Föderation. Nicht zuletzt die enorme Meinungsführerschaft der Russisch-Orthodoxen Kirche hat aktuell z.B. bezüglich der Sexualität und ihrer Normierung eine geradezu voraufklärerische Tendenz und Macht! 


Screenshot, YouTube-Video von der Weltpremiere @ Versailles

Die Welturaufführung von ST PETERSBURG fand auf ebenso prunkvolle wie leicht kitschige, aber nichtsdestoweniger historisch schlüssige Weise am 6. Oktober 2014 mit Unterstützung der Stiftung eines in Armenien geborenen, in Genf lebenden, russisch-finnischen Oligarchen vor ausgewählten Gästen im Schloss von Versailles statt, was wiederum von der Plattenfirma Decca und iTunes für YouTube zu Werbezwecken aufbereitet worden ist. Versailles war nicht zuletzt der Aufführungsort von barocken Opern mit antikem Personal, in denen der König und sein Hof als Akteure mitwirkten. Die tonangebenden Inszenierungen am Hof von Versailles machen den König als Sonnenkönig zum Zentralgestirn jenseits des vormodernen Weltbildes der Kirche mit dem Papst in Rom. 


© Decca / Uli Weber

Die grandiose Premiere von Cecilia Bartolis ST PETERSBURG im Berliner Konzerthaus, bei Kartenpreisen zwischen 69,- € und 139,- € der Konzertagentur First Classics Berlin und etlichen Kartensuchenden am Eingang ist insofern nicht nur von der Barockmusik und ihren Implikationen hoch vernetzt. Das schmälert die Kunst und den Erfolg der Künstlerin keinesfalls. Nur wäre sie ohne diese Verknüpfungen kaum möglich. Musik ist eben nicht nur Musik. Vielmehr gehören zu ihr auch all die Erzählungen, die mit den Tönen verknüpft werden. Insofern als Cecilia Bartoli die Geschichten zur Musik und von der Musik gerade zum Programm ihrer Projekte gemacht hat und daran als Akteurin mitwirkt, gibt dies auch einen Wink auf aktuelle Erzählstrategien. Im Programmheft zur Europatournee 2014 werden sie einigermaßen explizit im Kapitel Die Musik (S. 10 bis 12) formuliert.  


© Decca / Uli Weber

Die Arie der Altsesta aus der Oper Альцеста/Al‘cesta (1758) von Hermann Raupach, der 1728 in Stralsund als Sohn eines Organisten geboren wurde und 1778 in St Petersburg verstarb, sang Cecilia Bartoli auf Russisch.  Aleksandr Sumarokov hatte das Libretto in Russischer Sprache verfasst. Der Stralsunder Hermann Raupach wurde unter Zarin Elisabeth Petrowna Romanowa, die von 1741 bis 1761 regierte, Cembalist und Hofmusiker in der Italienischen Gesellschaft. Im Unterschied zu den italienischen Komponisten Araia, Dall’Oglio, Madonis, Hasse, Manfredini, Popora und Veracini ist Hermann Raupach deshalb besonders interessant, weil seine Werke ausschließlich am Hof in St Petersburg uraufgeführt wurden. Mit dem fulminanten Marsch aus Альцеста/Al’cesta eröffneten Diego Fasolis und I Barocchisti das Konzert. Raupachs kompositorisches Schaffen setzte sich bis zu seinem Tod unter Katharina II. fort. 

Offenbar hat Hermann Raupach auch Johann Adolf Hasses Oper Siroe, re di Persia von 1733, die in Bologna mit dem Kastraten Farinelli uraufgeführt worden war, für St Petersburg bearbeitet. Denn Cecilia Bartoli und ihr Team berufen sich auf Originalpartituren, die sie im Majinski Theater in St Petersburg gefunden haben. Raupachs Siroe, re di Persia von 1760 mit dem Libretto von Pietro Metastasio wird sich also durchaus zu Hasses Fassung unterscheiden. Cecilia Bartoli sang zum Abschluss des ersten Teils des Konzertes die ebenso anspruchs- wie effektvolle Arie O placido il mare der Laodice, worauf sie mit Beifallsstürmen in die Pause entlassen wurde. 

Zwar musste selbst Katharina II. zum russisch-orthodoxen Glauben übertreten, um Zar Peter II. heiraten und nach seinem Tod Zarin werden zu können. Doch schon 1742 knüpft die Aufführung der Oper La clemenza di Tito von Johann Adolf Hasse bei den Krönungsfeierlichkeiten von Zarin Elisabeth an anderen Erzählmodus von Kirche und Herrscherin an. Insofern als es mit dem Opernlibretto von Pietro Metastasio programmatisch um die Weisheit des Herrschers im alten Rom. Die antike Geschichtsschreibung verehrt ihn als Ideal des Herrschers. Damit vollzieht sich mit der Aufführung der Oper La clemenza di Tito auch ein emanzipatorisches Bestreben von der Macht der Kirche. Die Aktualisierung des Herrschermythos ohne Kirche wird anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten um einen Prolog auf die Zarin Elisabeth von Domenico dall’Oglio und Luigi Madonis erweitert, aus dem Cecilia Bartoli die Arie der Rutenia sang. 

Angerufen wird in der Barockoper zur Krönungsfeierlichkeit nicht mehr der christliche Gott wie in einer Messe, sondern nun werden mehrere Götter angerufen. Der Monotheismus der christlichen Religionen wird insofern durch die Erzählungen und allegorischen Dichtungen der Barockoper unterlaufen. Domenico dall’Oglio und Luigi Madonis formulieren diese Geste programmatisch mit der Arie der Rutina im Prolog für La clemenza di Tito. Ein allegorisch formuliertes Gebet stiftet nun einen Regierungspakt zwischen den Göttern, der Herrscherin und den Kindern als Volk. 

Barmherzige Götter, freundlicher Himmel, 

ach, lindert den grausamen Schmerz  

meiner Kinder und meines Herzens, 

ach, lindert meine Qual.  

Auf geradezu ungeheuerliche Weise formulieren dall’Oglio und Madonis eine Abkehr von der christlichen Leidenslogik, die in der russisch-orthodoxen Kirche besonders stark ausgeprägt ist. Rutina ruft die Götter an, um das Leiden zu beenden. Inwiefern sich die Dichter, Komponisten und Herrscher ebenso wie die Priester und Popen am Hof dieses Bruches innerhalb einer Mode bewusst waren, mag dahingestellt bleiben. Im Modus der Mode und der Oper mag vieles möglich gewesen sein, was dann allerdings bei Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion zwischen 1725 und 1749 quasi zum Eklat geführt hat, wie kürzlich mit der Einspielung und Aufzeichnung der Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle und in der Inszenierung von Peter Sellars besprochen worden ist.

Unser Streben dürfte Mühe haben, 

ständig in bitterem Schmerz zu leben; 

wir sind es leid, Schmerzen zu erdulden, 

wir sind es müde zu leiden. 


© Decca / Uli Weber

Abgesehen von der grandiosen musikalischen Leistung der I Barocchisti unter Leitung von Diego Fasolis und Cecilia Bartoli, von der sich natürlich nicht absehen lässt, bietet ST PETERSBURG eine kluge, schlüssige und höchst aufschlussreiche Geschichte, die viel über das Barock, über Russland, über Musik und ihre Funktionen vermittelt. Nicht nur die 10 Ersteinspielungen und ihre Auswahl sind bewundernswert, sondern die Kunst und die musikkulturhistorische Arbeit in deren Dienst Cecilia Bartoli ihre Stimme und ihre Popularität stellt. ─ St Petersburg? Muss das sein? Was kann man da erwarten?  -Cecilia Bartoli überzeugt abermals mit einem brillanten Konzept, einer facettenreichen Stimme und immer mit einem Augenzwinkern. 

 

Torsten Flüh

PS: Die Bildpolitik des Lables Decca in der Universal Music Group (UMG) ist für Cecilia Bartoli und ihr St Petersburg-Projekt außerordentlich restriktiv. Im Konzert - selbst beim Schlussapplaus - herrschte striktes Photographierverbot, was dem Berichterstatter nicht im Voraus mitgeteilt worden war, so dass in dieser Besprechung Fotos auf Bitten des Unternehmens gelöscht werden mussten. Stattdessen wurden 3 offizielle Fotos zur Verfügung gestellt, die entsprechend ausgezeichnet sind. Erwähnenswert ist dieser Vorgang nicht nur deshalb, weil bereits die Bildpolitik zum Thema der Besprechung gemacht worden war, sondern weil Bild- bzw. Imagepolitiken im Text- und Bildmedium Internet aktuell im Umbruch sind. 

 

Tourneedaten und Downloads ebenso wie CDs unter: 

http://ceciliabartolionline.com/

 


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