Die Maschine und wir - Die Maschinenstürmer von Ernst Toller im Freiluftgefangenentheater

Gefängnis – Maschine – Revolution 

 

Die Maschine und wir 

Die Maschinenstürmer von Ernst Toller im Freiluftgefangenentheater der JVA Tegel 

 

Die Industrielle Revolution wurde zuletzt am 27. Juli 2012 als ganz große Show während der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London gefeiert. England präsentierte sich als Mutterland der Industriellen Revolution. Innerhalb von ca. 21 Minuten wurde erzählt, wie das agrarische Land sich in eine hoch industrialisierte Nation verwandelte, die quasi 1896 die 5 Ringe für die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit in Athen schmiedete. Das war, streng genommen, historisch nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch. Als Zwischenhöhepunkt der Zeremonie fügten sich wie von selbst die in englischen Stahlwerken geschmiedeten noch glühenden Ringe am Himmel über dem Olympiastadion zusammen und gingen in einem Feuerwerk auf. 

Im Gefangenentrakt der Justizvollzugsanstalt Tegel aus dem Jahr 1898 ─ schmaler Gang, niedrige Deckenhöhe, niedrige Zellentüren, ein etwas muffiger Geruch ─ kommen von irgendwoher Maschinengeräusche. Männer in Arbeiterkleidung laufen zwischen den Türen auf dem Gang hin und her, verschwinden darin und wechseln nach kurzer Zeit in großer Geschäftigkeit wieder in die Zellen. Befinden wir uns in einer Fabrik, in der eine Maschine den Rhythmus der Stunden, Tage und Jahre bestimmt? Oder sind wir im Gefängnis? Ist ein Gefängnis eine Maschine? Oder auch anders herum: macht die Maschine die Arbeiter zu Gefangenen? In welchen Maschinen sind wir gefangen? Diese Fragen wirft die Eröffnungssequenz der Inszenierung von Die Maschinenstürmer von Peter Atanassow auf. Ernst Toller schrieb das Drama 1920/21 im Festungsgefängnis Niederschönenfeld in Bayern. 

 

Der Gefangenentrakt aus dem Jahr 1898 ist mittlerweile für den Justizvollzug stillgelegt. Dieser Teil der JVA Tegel, die zu den größten Männerjustizvollzugsanstalten in der Bundesrepublik Deutschland gehört, wird seit kurzem für künstlerische Resozialisierungsangebote genutzt. Das Gefängnistheater nutzt eine Etage für Requisite und Maske. Im Hof findet seit letztem Jahr alljährlich das Freiluftgefangenentheater statt. Am 18. Juni hatte die diesjährige Produktion, Ernst Tollers Die Maschinenstürmer, Premiere. Der Berichterstatter sah die Generalprobe am Vortag. Ab 2. Juli wird es eine zweite und letzte Staffel von Aufführungen geben. Die Karten müssen 5 Tage im Voraus mit persönlicher Anmeldung an der Kasse der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz erworben werden. Zugang erhält das Publikum nur, wenn es seinen Personalausweis oder Pass am Eingangstor abgibt, sich einer Leibesvisitation unterzieht und das Smartphone natürlich schon vorher weggeschlossen hat. - Maschinenwechsel!

Das Berliner Gefängnistheater aufBruch hat mit der Aufführung des Dramas Die Maschinenstürmer wieder einen beeindruckenden Theaterclou produziert. Wann wurde das Drama eigentlich zuletzt im Theater aufgeführt? Der Expressionismus, wenn es denn bei dem Drama überhaupt um Expressionismus geht, ist aus der Mode geraten. Und ohnehin ist der Dramatiker, Dichter und politische Aktivist Ernst Toller, der am 9. April 1919 zusammen mit den Anarchisten und Schriftstellern Erich Mühsam und Gustav Landauer die Münchner Räterepublik ausrief, wofür er zu 5 Jahren Festungshaft verurteilt wurde, aktuell nicht im Fokus des Interesses. Das hat auch mit der Maschine zu tun. Einerseits ist die Maschinenfrage im Kontext vollständiger Vernetzung durch Smartphones, digitaler, sozialer Netzwerke und NSA hoch aktuell, andererseits gibt Toller im Untertitel an, dass das „Drama aus der Zeit der Ludditenbewegung in England“ mit dem Ort Nottingham um 1815 spiele.

Die historische und hoch literarische Situierung der Maschinenstürmer in England machte es anscheinend auch schwierig, dass sich das Drama, das am 30. Juni 1922 im Großen Schauspielhaus Berlin (heute Konzerthaus am Gendarmenmarkt) in der Regie von Karlheinz Martin und im Bühnenbild von John Heartfield im Unterschied zur Geschichtsrevue Hoppla wir leben! im Metropoltheater am Nollendorfplatz von Erwin Piscator mit der Premiere am 3. September 1927 nicht recht durchsetzen konnte. Die Maschinenstürmer lassen sich durch die literarischen Operationen von Ort und Zeit bei gleichzeitiger Nähe zum Thema der Einführung von Maschinen und dem Beginn der industriellen Revolution auch als eine Wiederschrift von Gerhard Hauptmanns Drama Die Weber lesen. Ned Lud, Tollers Hauptakteur, ist Weber. Und Weber, Strumpfwirker und Weberinnen spielen die Hauptrollen. Anders als bei Gerhard Hauptmann spielen der Fabrikant Ure sowie der Ingenieur und Henry Cobbett als Geschäftsführer bei Ure eher Nebenrollen.

Das Vorspiel im Westminsterpalast, Sitzungssaal des englischen Oberhauses, mit den Lords wird ebenfalls eher als verfremdend, wenn nicht gar als befremdend vom Publikum empfunden worden sein. Doch sind es gerade diese literarischen Operationen, die Tollers Drama heute durchaus interessanter machen, als die stark in der deutschen Historie verorteten Weber von Gerhart Hauptmann. Die dramatische Konstellation ist zwar eine ähnliche, doch insbesondere durch das Vorspiel mit der Debatte unter den Lords, in der der Dichter Lord Byron die Stimme für die Armen und Arbeiter ergreift, legt Toller offen, dass die Misere der Arbeiter von den anderen Lords aus Profitdenken mehrheitlich gewollt ist. - Im Gefängnishof treten die Gefangenen mit weißen Perücken der Lords auf. Das politische Kalkül wird deutlich ausgespielt.

Das aufBruch-Team hat Die Maschinenstürmer nicht nur stärker auf das Gefängnis bezogen, sondern auch auf die Frage der Maschine, die den Produktionsbedingungen nicht nur äußerlich ist. Vielmehr beherrscht die Maschine das Leben der Menschen. Ned Lud vertritt eine geradezu paradoxe Position, indem er die Menschen gegen die Maschine anführt. Toller romantisiert seine Position nicht, sondern reizt sie als „Wahnwitz“ und ein Trotzdem aus. Gegenüber Jimmy Cobbet, der die Maschine für ein „unentrinnbar Schicksal“ hält, stellt sich Ned Lud unverständlich. 

NED LUD: Und wenn es Wahnwitz ist, und wenn es zwecklos ist. Wir müssen kämpfen, weil wir Menschen sind. Schweigen wir, so sind wir Tiere, die sich stumm ins Joch beugen.  

JIMMY: Ich weiß, daß die Maschine unser unentrinnbar Schicksal ist. 

NED LUD: Deine Worte sind mir fremd, ich versteh dich nicht.[1]

Mit dem Maschinensturm geht es, wie Jimmy es im ersten Akt formuliert, insbesondere um den Menschen in Abgrenzung zum Tier. Dementsprechend gefährdet die Maschine ein tradiertes, modernes Menschenbild und wirft die Frage nach dem Menschen auf. Arbeits- und Produktionsbedingungen werden von Toller auf diese Weise mit der Frage nach dem Menschen verkoppelt. Gefährdet die Maschine nicht den Zwang ─ „müssen“ ─ sich vom Tier zu unterscheiden? Die Instabilität des Menschen in der Moderne bricht bei Tollers Ned Lud hervor. Wenn die Maschine etwas kann, wie es zuvor der Mensch mit „unserer Hände Arbeit“ (Ned Lud) getan hat, dann stellt sie jenseits der Arbeit und  Produktionsbedingungen vor allem den Menschen als Mensch in Frage. Die Maschine, die seit den Marionetten, Maschinenmenschen und Automaten um 1800 wie in E. T. A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann von 1817 unter dem vieldeutigen Namen Olympia  als Schreckensfiguren vorkommen, gefährdet massiv das Menschenbild.

Ernst Tollers Drama macht den Maschinensturm zu einer weit deutlicheren Frage des Menschen, als es beispielsweise Gerhart Hauptmann möglich war. Einerseits ist dieser Zug seiner stärkeren politischen Positionierung geschuldet, andererseits wird die Maschine, die dem Menschen die Arbeit entreißt, stark emotionalisiert. Die Maschine und die Arbeit werden zur Schnittstelle von Gefühlen, Seele und Sinn der Arbeit des Menschen. Diese sprachlich-literarische Verkopplung wird literaturhistorisch landläufig als Expressionismus bestimmt. Literarisch geht es eher um Prozesse der Übertragung und Verdichtung, wenn beispielsweise Jimmy in der ersten Szene des vierten Akten formuliert: 

In unsern Herzen lebt entfaltungsehnend, 

Wie eine Knospe, der Hülle Wunder über Wunder birgt,  

Das DU. Und jenes DU bezwingt den Bibelfluch der Arbeit, 

Was Qual in unsern Zeiten, Schandmahl des Verfemten, 

Wird wieder seliges, beseeltes Werk. 

Stille. (S. 75)  

Gerade in dem Maße wie Jimmy den Menschen, insbesondere die Arbeiter als eine emotionale Gemeinschaft formuliert, die statt eines toten, unbeseelten, mechanischen Werkes ein „seliges, beseeltes Werk“ hervorzubringen beansprucht, rettet er die Arbeiter als Menschen. Anders gesagt: die Rettung des Menschen gegen die Maschine wird als Versprechen einer Einheit von Mensch und Arbeit und als Übertragung des „DU“ in das Werk formuliert. Unter dem Schrecken der Maschinen, der Berechenbarkeit und der logischen Schlüsse wie sie von Lord Castlereagh im Vorspiel als „Naturgesetz“ formuliert werden, die sich als Schrecken der Moderne formulieren ließen, wird ein Gefühlskörper konstruiert, der sich in seinem „Herzen“ von der Maschine unterscheidet und mit dem „DU“ auf einen Austausch zielt.

Peter Atanassow und sein Team haben Die Maschinenstürmer gekürzt und mit weiteren Texten von Ernst Toller, Volker Braun, Georg Büchner und Heiner Müller zugespitzt. Durch ihre Dramaturgie brechen sie das Drama auf und lenken die Aufmerksamkeit auf die Gefangenen selbst. Denn in seinen Briefen aus dem Gefängnis kommt Toller wiederholt auf die Mechanismen im Gefängnis zu sprechen. Sie betreffen nicht nur die Verhältnisse der Gefangenen unter einander. Vielmehr hat Toller eindrücklich formuliert wie das Gefängnis sich seiner bemächtigt. 

Tag um Tag würgen Dich die Tonketten der Dissonanzen. Im ersten Jahr war mein Wille imstande, durch leise Anspannung alle Geräusche abzuwehren und meine Zelle wie eine Insel der Stille sich loslösen zu lassen vom lärmenden Land. Im zweiten Jahr wurde es schon schwerer – man sagt in der Psychologie wohl: die Reizschwelle sinkt. Im dritten Jahr kam der Tag, da ich hilflos jedes Geräusch wie einen Peitschenhieb auf wundem Kopf empfand. Es kostet mich jedesmal eine ungeheure Anstrengung, bis ich die vielen feindlichen Laute zu übermächtigen vermag und sie ausschalte aus meinem Bewußtsein. Welche Nervenkraft da absorbiert wird.[2]  

Im Kontrast zur großen Show der Industriellen Revolution im Londoner Olympiastadion 2012, in der diese als bruchloses Erfolgsmusical erzählt und aufgeführt wurde, weil eine große Medien- und Unterhaltungsmaschine die Menschen bewegte, legen Die Maschinenstürmer im Freiluftgefangenentheater die brennenden Fragen der Industrialisierung offen. Die Webstühle blieben in der Bildregie des Erfolgsmusicals am unteren Bildrand marginal, die Maschine wurde dirigiert und angebetet, doch dass genau diese kollektive Zurschaustellung der Maschine die Verluste der industriellen Revolution verdeckte und versteckte, davon war freilich nichts zu sehen. 

 

Torsten Flüh 

 

Die Maschinenstürmer 

Freiluftgefängnistheater
JVA Tegel
 

ab 2. Juli weitere Aufführungen 

 

Trailer: Die Maschinenstürmer 
aufBruch Gefängnistheater

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[1] Toller, Ernst: Die Maschinenstürmer. Leipzig 1927. S. 23

[2] Zitiert nach Programmheft Die Maschinenstürmer. aufBruch. Berlin 2014