Zur Verfertigung der Wissenschaft mit Briefen - Die Weimarer Ausstellung und der Katalog Winckelmann. Moderne Antike und die aktuelle Winckelmnann-Forschung

Briefe – Wollust – Wissenschaft 

 

Zur Verfertigung der Wissenschaft mit Briefen 

Die Weimarer Ausstellung und der Katalog Winckelmann. Moderne Antike und die aktuelle Winckelmann-Forschung 

 

Johann Joachim Winckelmanns dreihundertster Geburtstag wird erst am 9. Dezember zu feiern sein, doch das Winckelmann-Jahr scheint schon fast beendet. Im Schwulen Museum* findet noch bis 9. Oktober die Ausstellung Winckelmann – Das göttliche Geschlecht statt, die durch ihre Fokussierung auf die Kunstgeschichte als wissenschaftlicher Disziplin einige Möglichkeiten an Fragestellungen zum Verhältnis von Sexualität und Wissenschaft verschenkt hat. Die Klassik Stiftung Weimar hat mit der Ausstellung Winckelmann. Moderne Antike und ihrem Jahrbuch 2017 unter dem Titel Die Erfindung des Klassischen gar nicht erst den Versuch unternommen, auf die Funktion der Sexualität in Winckelmanns Schriften und Briefen einzugehen. Die Ausstellung endete am 2. Juli.

 

Die Briefe und damit erstens die Briefliteratur sowie zweitens die Epistolografie als Wissenschaft vom Briefeschreiben nehmen in der aktuellen Forschung eine wichtige Funktion ein. Sie werden nicht zuletzt mit Ernst Osterkamps eröffnenden Essay Johann Joachim Winckelmann: Der Europäerfür den Weimarer Ausstellungskatalog zur Quelle und zum Schauplatz der Genese von Wissenschaft. Erst mit der Aneignung „der führenden europäischen Wissenschaftssprache“, im 18. Jahrhundert Französisch, habe Winckelmann Karriere machen können.[1] Dafür zieht Osterkamp vor allem die Briefe und darunter diejenigen Winckelmanns an seinen Freund Hieronymus Dietrich Berendis heran, die wie überhaupt die von Goethe 1805 herausgegebenen und kontextualisierten Briefe an Berendis eine erstaunliche Wissenschaftspraxis der Selektion offenlegen.        

 

Winckelmanns Briefe spielen eine entscheidende Rolle für Winckelmanns Briefe und die mannmännliche Liebe von Robert Deam Tobin für den Katalog zur Ausstellung im Schwulen Museum*[2] ebenso wie für Martin Disselkamps Aufsatz »Wie auf dem Theater« Winckelmanns Briefe an Berendis.[3] Und in einen Briefwechsel mündet auch Winckelmanns erste größere, bahnbrechende Publikation Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke von 1756. Mit diesen Gedanken betritt sozusagen ein neues Männer-, Körper- und Menschenbild die Bühne des „gute(n) Geschmack(s)“ in der Kunst.[4] Mehr noch: den „Gedanken“ wird ein „Sendschreiben über die Gedanken“ im gleichen Band im Modus einer Kritik ergänzend und erläuternd nachgestellt, das mit der emphatischen Anrede „Mein Freund!“ beginnt.[5] „ich wünschte, daß Sie mit ihrer Schrift, wie die griechischen Künstler mit ihren Werken, verfahren wären“. Die protowissenschaftlichen Gedanken werden so selbst in eine Korrespondenz in Briefen verwickelt.

 

Der kritische Verfasser des Sendschreibens mahnt am Schluss ungeduldig eine baldige Antwort an und verweist selbst auf die Kunst eines öffentlichen Diskurses in Briefen. 

Es kann Sie, mein Freund, nicht sehr befremden, daß es öffentlich erscheinet: in der Zunft der Schriftsteller ist man seit einiger Zeit mit Briefen verfahren, wie auf dem Theater, wo ein Liebhaber, der mit sich selbst spricht, zu gleicher Zeit das ganze Parterre als seine vertrautesten Freunde ansiehet.[6]  

Er unterzeichnet mit „M“. Daraufhin folgt nicht weniger unterhaltsam „Nachricht von einer Mumie in dem königlichen Cabinet der Alterthümer in Dresden“[7] sozusagen als Zwischenspiel und Kommentar, um schließlich die „Erläuterung der Gedanken …“ als „Beantwortung des Sendschreibens über diese Gedanken“ folgen zu lassen.[8] Die „Gedanken“ nun als „für einige Kenner der Künste“ geschriebene formuliert, weshalb „es überflüssig“ erschiene, „ihr einen gewissen gelehrten Anstrich zu geben, den eine Schrift durch Anführung von Büchern erhalten kann“.[9] Acht Jahre später wird Johann Joachim Winckelmann in der Geschichte der Kunst des Altertums (1764) genau diesen „gelehrten Anstrich“ nachliefern.

Es lässt sich nicht zuletzt wegen der literarischen Entfaltung der Gedanken eine innige Verschränkung der Briefe wie Briefliteratur Johann Joachim Winckelmanns mit seiner Begründung der Kunstgeschichte als Wissenschaft beobachten. Wer öffentlich Briefe schreibt, weiß sich immer schon auf dem Theater, wo er für den Briefpartner wie spätere (Mit)Leser schreibt. Dabei ist durchaus eine Frage, ob die eher privaten Briefe an Berendis „ein Akt der Selbststilisierung“[10] sind oder das Ich der Briefe gar nicht anders als im Spannungsfeld von Freundschaft und Öffentlichkeit. Die Briefe werden über die Praktiken des Exzerpierens und des Zitierens in Wissenschaft transformiert. Für die Geschichte der Sexualitäten in Winckelmanns Schriften wird weniger wichtig, ob der „Begriff der Homosexualität auf (s)eine Person“[11] projiziert wird oder nicht, vielmehr lässt sich an ihnen vorzüglich die unablässige Transformation sexueller Begriffe beobachten.

 

In einer an Bildern gesättigten Zeit wie der unseren ist es kaum vorstellbar, dass Winckelmann in seinen Schriften nur wenige Abbildungen mitlieferte. Den Gedanken über die Nachahmung wird vielmehr ein allegorischer Kupferstich als Frontispiz vorangestellt. Die Körper und die Nacktheit, die Schönheit und Muskulösität der Atheten ist entweder den „Kenner(n) der Künste“ vor Augen oder sie muss über die sprachlichen Ausführungen imaginiert werden. Die Allegorie setzt vielmehr die Nachahmung in Szene, die einen Zeichner bei der Arbeit an einer Wandzeichnung oder auf einem Schirm als Projektionsfläche vorgibt. Doch der Zeichner mit einem griechischen Textblatt auf dem Schoß sitzt in keinem gewöhnlichen Atelier. Vielmehr sitzt er in einer Landschaft mit einem muskulösen Torso über einer abgebrochenen Säule, so dass die dargestellte Szene der Opferung der Iphigenie durch Agamemnon mit dem verzweifelten Achille, an dem der Zeichner arbeitet, die Opfer- und Trauerszene mit dem Zeichnen verknüpft.[12]

 

In der Allegorie als Darstellungsmodus ist die Antike gleich der geopferten Iphigenie verloren und kann nur in einer empathischen Trauerarbeit durch die Nachahmung wiedergewonnen werden. In dem zweiten Kupferstich über dem Titel wird ebenfalls als Allegorie eine moderne Wissenschaft mit dem Messen, Lesen, Zeigen und Schauen mit einem Fernrohr, sowie Abzirkeln auf einem Globus der Putten in Szene gesetzt. Das literarisch-wissenschaftliche Programm der Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke wird somit in den Allegorien sehr genau und widersprüchlich bildlich vermittelt: Es geht um eine empathische Trauerarbeit mit den Mitteln der modernen Wissenschaft. Indem Maße wie Winckelmann der Schrift keinen „gewissen gelehrten Anstrich“ geben will, wird sehr wohl an eine Wissenschaftspraxis appelliert.      

 

Insbesondere Johann Wolfgang von Goethe 1805 als Herausgeber der Briefe von Winckelmann an seinen Freund Hieronymus Dietrich Berendis wird es, der mit dem allerersten Brief die Sexualität als „Wollüste“ zum Thema macht. Goethe war in Weimar in den Besitz der Briefe gelangt, weil Berendis 1782 in Weimar verstorben war, sie also dort als Nachlass aufbewahrt wurden. Nach einer kurzen Vorrede druckt Goethe Winckelmanns Brief an Berendis von 1748 ab, der von genossenen „Wollüsten“ berichtet: 

Liebster Freund! 

Ich gedachte Dir etwas nicht wissen zu lassen, weil ich besorge, du möchtest anfangen mir zu moralisiren; allein ich kann es dir nicht verbergen. Ich habe eine Reise nach Potsdam gethan, Lambrechten zu besuchen, der mir durch sein unaufhörliches Schreiben keine Ruhe gelassen. Er sind mir drey Wochen weniger einen Tag darauf gegangen. Ich habe Wollüste genossen, die ich nicht wieder genießen werde; ich habe Athen und Sparta in Potsdam gesehen, und bin mit einer anbetungsvollen Verehrung gegen den göttlichen Monarchen erfüllet. Von den erstaunenden Werken, die ich dort gesehen habe, und von denen du nichts weißt, will ich mündlich mehr berichten. Ich habe aus dieser Reise, die mir ziemlich kostbar gewesen, dennoch einigen Nutzen gezogen, und der ist dieser: 

Ich bin entschlossen mich auf einen gewisseren Fuß in Rom zu setzen.[13]  

 

Die Wollust wird zu Beginn des 18. Jahrhundert umgeschrieben. Galt sie als luxuria nach der katholischen und protestantischen Kirche als Todsünde, wird sie nun zur Praxis eines sexuellen Genießens für das Subjekt. Bei Friedrich II. in Potsdam und dem 1847 fertiggestellten Sommerschloss Sanssouci – Ohne Sorge, Bekümmernis – wird nicht zuletzt mit dem Gedicht La Jouissance von 1740 die Wollust zur Herrscherin der Welt „Divine volupté! Souveraine du Monde!“ – Göttliche Wollust! Herrscherin der Welt!.[14] Der Genuss/la jouissance verwirklicht sich in der Wollust und den Wollüsten als heimliches Regierungsprogramm Friedrich II. Es geht um Sexpraktiken und Sexualität, denn das Gedicht ist auf der Reise zur Krönungszeremonie in Königsberg dem venezianischen Grafen Algarotti als „Schwan von Padua“ in heftigem Verlagen gewidmet und zugleich in der Lexik Voltaires formuliert. Philosophie als Lebenspraxis. 

La Jouissance 

De Königsberg à Monsieur Algarotti, cygne de Padoue 

Cette nuit, contentant ses vigoureux désirs 

Algarotti nageait dans la mer des plaisirs.
Un Corps plus accompli qu'en tailla Praxitèle,
Redoublait de ses sens la passion nouvelle.[15] 

 
Anton Raphael Mengs' Antiken-Fälschung Jupiter und Ganymed bzw. Jupiter küsst Ganymed von Nov. 1760 bleibt in Joseph Eiseleins Ausgabe der sämtlichen Werke von Winckelmann im Band „Abbildungen“ 1835 als „Original“ erhalten. (Siehe auch: Risiko gewinnt.)

Soweit sich absehen lässt, wird Winckelmann kein zweites Mal von „Wollüsten genossen“ zu haben, schreiben. Die Lexik ist bei Winckelmann auf nicht ganz zufällige Weise mit dem Diskurs am Hof von Potsdam verknüpft. In auffälliger Weise korrespondiert Friedrich II. Bewunderung und Begehren Algarottis - „Ein Körper, vollendeter als von Praxitels geformt, Steigerte die neue Leidenschaft seiner Sinne.“ - mit der Praxiteles-Formulierung zur sinnlichen Schönheit in den Gedanken. Potsdam ermöglicht Winckelmann im Brief von etwas zu schreiben, für das sich ansonsten kaum Worte finden lassen.  Die Wollüste, die Winckelmann in Potsdam genossen hat, beziehen sich offenbar nicht nur auf den Freund und Geliebten Lambrecht. Er habe „Athen und Sparta in Potsdam gesehen“, schreibt er 1748. Doch was mit dieser Formulierung im Kontext der Wollust „gesehen“ wird, lässt sich nicht so einfach schreiben, sondern wird geheimnisvoll für einen „mündlich(en)“ Bericht aufgeschoben. 1756 kehren die Spartaner wieder in den Gedanken. 

Die jungen Spartaner musten sich alle zehn Tage vor den Ephoren nackend zeigen, die denjenigen, welche anfiengen fett zu werden, eine strengere Diät auflegten.[16]

 

Mit Goethes „Entwurf einer Geschichte der Kunst des achtzehnten Jahrhunderts“ wird die Wollust allerdings im Modus der Geschichtsschreibung transformiert in „Freundschaft“. Goethe als Herausgeber der Briefe an Berendis und Geschichtsschreiber löscht die Wollust durch die Freundschaft nicht zuletzt, weil er sie in ein anderes stark durch die Lektüre der Gedanken und der Geschichte des Altertums beeinflusstes Modell vom Individuum und dem Selbst umformuliert. Das Selbst wird nämlich nun von Goethe beim Verfertigen seiner Gedanken beim Briefeschreiben beobachtet. 

Lebhafte Personen stellen sich schon bey ihren Selbstgesprächen manchmal einen abwesenden Freund als gegenwärtig vor, dem sie ihre innersten Gesinnungen mittheilen, und so ist auch der Brief eine Art von Selbstgespräch. Denn oft wird ein Freund, an den man schreibt, mehr der Anlaß als der Gegenstand dieses Briefes. Was uns freut oder schmerzt, drückt oder beschäftigt, löst sich von dem Herzen los, und als dauernde Spuren eines Daseyns, eines Zustandes sind solche Blätter für die Nachwelt immer wichtiger, je mehr dem Schreibenden nur der Augenblick vorschwebte, je weniger ihm eine Folgezeit in den Sinn kam. Die Winckelmannischen Briefe haben durchaus diesen wünschenswerten Charakter.[17]

 

Goethe nimmt eine erstaunliche Lese-Operation an den Briefen Winckelmanns vor, um die „ganze natürliche Freyheit“ zu rechtfertigen. Anders als bei einer „Selbststilisierung“ werden die Briefe nämlich nun zu einer „Art von Selbstgespräch“. Im Selbstgespräch, einem Gedankengespräch mit sich selbst, lässt sich so für Goethe auch von „Wollust“ schreiben. In Gesellschaft oder öffentlich sollte man zu Beginn des 19. Jahrhunderts wohl lieber nicht von „Wollust“ sprechen. Doch – so Goethe – im achtzehnten Jahrhundert war das als „Freyheit“ möglich. Die Geschichtsschreibung verändert insofern die Lexik der Sexualität. 

Wenn dieser treffliche Mann, der sich in der Einsamkeit gebildet hatte, in Gesellschaft zurückhaltend, im Leben und Handeln ernst und bedächtig war; so fühlte er vor dem Briefblatt seine ganze natürliche Freyheit und stellte sich öfter ohne Bedenken dar, wie er sich fühlte.[18]

 

Goethe erzählt die Geschichte von seinem Jahrhundert und Winckelmann zunächst als eine Leidens- und Entbehrungsgeschichte des jungen.[19] Seine Winkelmann-Biographie wird weniger mit Zitaten und Exzerpten aufgeladen, als vielmehr thematisch zwischen „Eintritt.“ (S. 392-393), „Antikes.“ (S. 393-397), wo Winckelmann als „antiker Charakter“ formuliert wird, „Heidnisches.“ (S. 397-398), wo eine Dichotomie zwischen Religion und Natur formuliert wird, weil er „niemals zu einer der Kirchen gehörte, welche sich ihr subordiniren“, und „Hingang.“ (S. 439-440) komponiert. Goethe ist u.a. von Tobin für seinen Hinweis „auf das Zusammenspiel von Leben und Arbeit“[20] wie die offene Formulierung der „Homosexualität“ gelobt worden. Das greift zu kurz. Was als „ganze natürliche Freyheit“ in den Briefen von Goethe vorausgeschickt wird, ist, wie mit La Jouissance gezeigt werden kann, die Wollust bzw. „Wollüste“ im Potsdamer Diskurs.


Orest und Pyladis in Tauris (zwischen 330 und 320 v. Chr.)

Die Freundschaft wird bei Goethe als Winckelmann-Leser zum Träger einer binären Geschlechter-Mythologie. Das Geschlecht der Frauen kann nicht leisten, wozu eine mannmännliche Freundschaft ohne oder mit Sex imstande ist. Goethe wird mit Friedrich Schiller selbst zum Modell der klassischen Darstellung von Freundschaft durch das Denkmal vor dem Hof- bzw. Nationaltheater in Weimar von Ernst Rietschel. Goethe transformiert die Wollust in eine „Freundschaft“, von der Frauen ausgeschlossen werden. 

… Das Verhältnis zu den Frauen, das bey uns so zart und geistig geworden, erhob sich kaum über die Gränze des gemeinsten Bedürfnisses. Das Verhältnis der Älteren zu den Kindern scheint einigermaßen zarter gewesen zu seyn. Statt aller Empfindungen aber galt ihnen die Freundschaft unter Personen männlichen Geschlechtes, obgleich auch Cloris und Thyia noch im Hades als Freundinnen unzertrennlich sind.[21]

 

Die bei Winkelmann in den Briefen zu freien und in den Gedanken über die Nachahmung noch elastischen Formulierungen werden von Goethe in eine Ethik der Freundschaft verwandelt, die zugleich „beschämt“, weil sie sich kaum erfüllen lässt. Damit nimmt Goethe das Credo der Gedanken auf – „Unsere Natur wird nicht leicht einen so vollkommenen Körper zeugen…“ – und verwandelt es in eine Ethik. Man könnte das eine Idealisierung der Männerfreundschaft nennen, die in der griechischen Literatur der Antike ihre Formulierung findet, um in die Bildwerke von Winckelmann übertragen zu werden. Winckelmanns Idealisierung der griechischen Männerkörper wird zu einem Freundschaftsideal umgeschrieben, dass „ja man (sich beschämt) fühlt“, weil es sich kaum erreichen lässt und es sich mit erheblicher Verspätung im Goethe-Schiller-Denkmal vor dem Weimarer Hoftheater materialisiert. 

Die leidenschaftliche Erfüllung liebevoller Pflichten, die Wonne der Unzertrennlichkeit, die Hingebung eines für den andern, die ausgesprochene Bestimmung für das ganze Leben, die nothwendige Begleitung in den Tod setzen uns bey Verbindung zweyer Jünglinge in Erstaunen, ja man fühlt sich beschämt, wenn uns Dichter, Geschichtsschreiber, Philosophen, Redner, mit Fabeln, Ereignissen, Gesinnungen solchen Inhaltes und Gehaltes überhäufen. 

Zu einer Freundschaft dieser Art fühlte W. sich geboren, derselben nicht allein sich fähig, sondern auch im höchsten Grade bedürftig; er empfand sein eigenes Selbst nur unter der dem Bilde durcheinen dritten zu vollendenden Ganzen… 

Wie auch die Zeiten und Zustände wechseln, so bildet W. alles Würdige, was ihm naht, nach dieser Urform zu seinem Freund um, und wenn ihm gleiches Manches von diesen Gebilden leicht und bald vorüberschwindet; so erwirbt ihm doch diese schöne Gesinnung das Herz manches Trefflichen und er hat das Glück, mit den besten seines Zeitalters und Kreises in dem schönsten Verhältnisse zu stehen.[22]

Einen weiteren Schritt zur Normalisierung nimmt Joseph Eiselein ab 1825 mit der Herausgabe der sämtlichen Werke Winckelmanns und einem „Porträt“ sowie einer „ausführlichen Biographie“ vor.[23] Eiselen veröffentlicht dafür eine Buchliste von „reine(n) und einzige(n) Quellen, aus denen Winckelmanns Biographie geschöpft werden muß“.[24] Goethes Winckelmann wird nicht aufgeführt. Dafür werden nun etliche Quellen von Jugendfreunden etc. über den Fleiß und die Einflüsse zitiert und exzerpiert. Die „Wollust“ fehlt, die „Freundschaft“ auch. Es wird eine bruchlose Gelehrtenkarriere von der Schulzeit bis zum Direktor der Altertümer in Rom erzählt. Im Band X bleibt allerdings Winckelmans Wollust-Brief erhalten. In den Briefen hat sich nicht nur Winckelmanns Brief an Berendis, sondern ein vorausgehender an Lamprecht erhalten. Dort wird das vieldeutige Freundschaftsbild der Antike angeboten 

Nur allein Orestes war ein würdiger Freund seines Pylades; Philoktet des großen Alcides. Meine Sorge für Ihr Heil werden Tag und Nacht über sie wachen. O Gott! Wo findet man einen solchen Freund? … Meine Seele gebe ich Ihnen in jedem Worte von mir. Nur leidet die Vollkommenheit meiner Liebe kein Interesse und Vortheil; womit ich mich beflecken würde, wenn ich Ihnen izo, wie Sie es wünschen, dienen wollte.[25]

  

Der Brief an Lamprecht spricht auf eine etwas labyrinthische Weise vom und zum Freund. Einerseits scheint der Freundschaftsdiskurs Goethes Freundschaftsideal zu bestätigen, andererseits wird die griechische Literatur zum Schauplatz eines sexuellen Begehrens, das in seiner Negation das Begehren Lamprechts nur noch gesteigert haben dürfte. Dieses Von-sich-selbst-schreiben-sprechen unterscheidet sich in der Lexik fast frappierend vom Schreiben von den „Wollüsten“. Ob Goethe den Brief an Lamprecht kannte, kann offenbleiben. Entscheidend allerdings wird Eiseleins wissenschaftliches Verfahren, Goethe für die „ausführliche Biographie“ auszuschließen, aber trotzdem die heiklen Briefe zu veröffentlichen, ohne sie zu kommentieren. Es ist ein wissenschaftliches Verfahren, das sich bis in die allerjüngste Winckelmann-Forschung erhalten hat.

 
Für die Herausgabe der sämtlichen Werke von Winckelmann durch Joseph Eiselein wird das Öl-Portrait von Angelika Kaufmann als Kupfer dahingehenden normalisiert, dass der untere Teil mit den Folianten und die Hand mit der Schreibfeder abgeschnitten und das Federende quasi retouchiert werden. 

Der Prozess der Verwissenschaftlichung von Biographie und Edition hat bei Eiselein zur Folge, dass auf die Sexualität nicht einmal mehr thematisch angespielt wird. Die Praxis und das Wissen davon, wie Wissenschaft gemacht wird, führt bei Eiselein zu einer radikalen Desexualisierung. Das geschieht nicht etwa zufällig oder aus moralischen Bedenken oder weil sich Eiselein als Wissenschaftler nicht mit der Tragweite des Winckelmannschen Freundschaftsmodells bei Goethe identifizieren kann oder möchte. Vielmehr wird Goethes Biographie und Kunstgeschichte als vermeintlich „unreine“ Quelle ausgeschlossen, weil sie weniger chronologisch als thematisch geordnet wurde. Das Zeitregime der Chronologie wird bei Eiselein zum Modus der Wissenschaft.

 

Die allerjüngste Winckelmann-Forschung schlägt einige bemerkenswerte Volten. Gerade die Briefe Winckelmanns an Berendis, in denen gleichgeschlechtliche Sexualität explizit thematisiert wird, werden abseits eines schwulen Diskurses bei Tobin z. B. von Martin Disselkamp auf erstaunliche Weise epistolografisch normalisiert. Disselkamp trennt die, sagen wir, intimen Wollust-Briefe vor 1754 einfach ab, um „die Entscheidungen, die er traf, um mit einem Stipendium des sächsischen Hofs nach Rom reisen zu können, darunter vor allem solche von der empfindlichen Art …, der Übertritt zur katholischen Konfession“[26] epistolografisch zu analysieren und zu kontexualisieren. Die Epistolografie als literaturwissenschaftliche Disziplin erforscht seit geraumer Zeit verstärkt, welche Regeln des Briefeschreibens zu bestimmten Zeiten entwickelt, verbreitet und praktiziert wurden, um Briefe nach Disselkamp „als Schauplatz von Konflikten ernst zu nehmen“.[27] 

 

Disselkamp formuliert seine Epistolografie als Praxis. Er verweist auf Julius Bernhard Rohrs Ceremoniell-Wissenschafft der Privat-Personen von 1728, der „zufolge … die Epistolografie in erster Linie eine auf umsichtiger Kalkulation basierende Praxis“ sei.[28]  Potsdam als Schauplatz des Genusses mehrerer „Wollüste“ und überhaupt eines Wollust-Diskurses fällt aus der Lektüre der Briefe heraus. Obwohl gerade dort die „Privat-Person“ des Genießenden formuliert und mit dem Wunsch, nach Rom zu reisen, verknüpft wird, bleibt die Brief-Szene unberücksichtigt. Sechs Jahre bevor die Gedanken über die Nachahmung in Dresden in der ersten Auflage erscheinen, wird Rom in Potsdam zum Schauplatz von „Athen und Sparta“ und der „Wollüste“. Wo wenn nicht in diesem gewiss schwierigen Brief wäre die Frage der „Person“ anzusetzen, um zu zeigen, wie „Winckelmann Briefe als Gelegenheit, die eigene Person zur Geltung zu bringen“, „begreift“?[29]   

 

Thomas Schmidts Aufsatz im Jahrbuch 2017 der Klassik Stiftung Weimar unter dem Das Land der Griechen mit dem Körper suchend? Ein abgedunkeltes Kapitel der Winckelmann-Rezeption wendet sich dem Bereich der Bildung zu. Schmidt stellt ihm das Goethe-Zitat „Jeder sei auf seine Art ein Grieche! Aber er sei’s“ als Motto voran.[30]  Dass der Körper und die Körperdarstellung in der griechischen Antike von Winckelmann in der Eröffnungssequenz der Gedanken der Nachahmung nicht nur als „Diätetik, Hygiene, Eugenik und Kleidung“[31] als Teil einer umfassenden „Körperpolitik“ bedacht wird, sondern explizit mit einer heterosexuellen Geschlechtsszene überhaupt sexualisiert wird, bleibt von Schmidt unberücksichtigt. Dabei lässt Winckelmanns Formulierung nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig. Praxiteles bildet „die Enidische Venus nach seiner Beyschläferin Eratina“, wobei es sich lediglich um einen Torso handelt.[32] Der sinnliche Genuss setzt das griechische Bildwerk ingang, um es in eine kalkulierte Schönheit zu transformieren. 

Im Hintergrund schwelt sozusagen das Problem der Nation in Winckelmanns Schriften und des Nationalismus als Rezeptions- und Wissenschaftstradition, wie sich bis weit in die Nachkriegszeit mit Carl Justis Biographie Winckelmann und seine Zeitgenossen von 1866 zeigen ließe.[33] Dass dieses Problem nationaler Verortung und Selbstverortung als Identität nach dem Potsdam-Brief für die Brief-Person mit der des Genießens verknüpft sein könnte, wird von Ernst Osterkamp mit dem Eröffnungsessay Johann Joachim Winckelmann: Der Europäer für die epochale Ausstellung Winckelmann. Antike Moderne nicht ausgeführt. Zwar beobachtet Osterkamp eingangs, dass Winckelmann „die Frage nach seinem Vaterland mit hoher Flexibilität zu beantworten gewusst“ habe, doch „(n)atürlich war er ein Deutscher“.[34]  Was war Winckelmann, wenn er sich wahlweise als Preuße, Sachse, Römer, Grieche, Athener, Spartaner bezeichnete oder hätte selbst bezeichnen wollen?

Der prächtige Ausstellungskatalog Winckelmann. Moderne Antike bietet eine Bandbreite anregender Essays und einen opulenten Katalogteil mit vielfältigem Bildmaterial. Winckelmanns Schematisierung der Schönheit und die Herausbildung eines Männlichkeitstypus, der über das 19. und 20. Jahrhundert inklusive des Rassendiskurses bis in die Muckibude[35] reicht, sowie eine „Kritische Sichtung“ der modernen Anthropologie und Ethnologie von Eric Michaud[36], werden umfangreich berücksichtigt. Charlotte Kurbjuhn analysiert auch die „Sprach- und Stilideale im Werdegang eines »klassischen« Autors“ und schaut ihm über die Schulter, wie er „(um sein Leben) exzerpiert“.[37] Sie stellt fest, dass sich in „Winckelmanns ästhetischem Vokabular … neben »Stille« … auch zahlreiche emphatischere Worte – Empfindung, Reiz, Entzückung, Wollust, Süßigkeit –, die teils der religiösen und vor allem mystischen, teils der erotischen Sphäre entstammen“[38], finden, doch der Kontext und die Bedeutungswandlung der Wollust werden von ihr nicht berücksichtigt. 

 

Torsten Flüh 

 

Winckelmann. 

Moderne Antike 

Hg. W. Holler, E. Décultot, M. Dönike, C. Keller, T. Valk, B. Werche 

Beiträge von D. Fulda, C. Kurbjuhn, B. Maaz, S. Marchand, E. Michaud, E. Osterkamp, H. Pfotenhauer, J. Rößler u. a. 

 376 Seiten, 230 Abbildungen 

 28 × 22 cm, Halbleinen 

ISBN: 978-3-7774-2756-0 

45,00 € 

 

Winckelmann –
Das göttliche Geschlecht 

bis 9. Oktober 2017 

Schwules Museum

 

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[1] Ernst Osterkamp: Johann Joachim Winckelmann: Der Europäer. In: Elisabeth Découltot, Martin Dönike, Wolfgang Holler, Claudia Keller, Thorsten Valk und Bettina Werche (Hrsg.): Winckelmann. Moderne Antike. München: Hirmer, 2017, S. 32.

[2]Robert Deam Tobin: Winckelmanns Briefe und die mannmännliche Liebe. In: Wolfgang Cortjaens (Hg.): Winckelmann – Das Göttliche Geschlecht. Berlin: Michael Imhof, 2017. S. 13-23.

[3] Martin Disselkamp: »Wie auf dem Theater« Winckelmanns Briefe an Berendis. Franziska Bomski, Hellmut Th. Seemann, Thorsten Valk (Hrsg.): Die Erfindung des Klassischen. Winckelmann-Lektüren in Weimar. (Klassik Stiftung Weimar Jahrbuch 2017) Göttingen: Wallstein, 2017.S. 15-29.

[4] Johann Joachim Winckelmann: Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werk in der Malerey und Bildhauerkunst. Dresden und Leipzig, 1756, S. 1.

[5] Ebenda S. 47.

[6] Ebenda S. 89.

[7] Ebenda S. 90.

[8] Ebenda S. 101.

[9] Ebenda S. 101-102.

[10] Martin Disselkamp: »Wie … [wie Anm. 3] S. 18.

[11] Robert Deam Tobin: Winckelmanns … [wie Anm. 2] S. 13.

[12] Die Opferszene wird nach Racines Iphigénie von 1675 weniger dekorativ ausgemalt, als es auf dem barocken Theater geschah. Die Originalausgabe des Dramas enthielt außer Blumenemblemen gar keine Abbildung. (Digitalisat Gallica) Vergleiche zur Veröffentlichungs- und Bildpraxis auch: Torsten Flüh: The Shame-Game XXL. Corinna Harfouch spielt im Deutschen Theater Phädra. In: NIGHT OUT @ BERLIN 19. Juni 2017 19:27.

[13]Johann Wolfgang Goethe: Winckelmann und sein Jahrhundert. In Briefen und Aufsätzen herausgegeben von Goethe. Tübingen: Cotta, 1805. (S. 3)

[14] Friedrich II. La Jouissance, 1740. In: Die Zeit vom 15. September 2011. http://www.zeit.de/2011/38/La-Jouissance

[15] Ebenda.

[16] Johann Joachim Winckelmann: Gedanken … [wie Anm. 4] S. 5.

[17]Johann Wolfgang Goethe: Winckelmann … [wie Anm. 12] S. XII.

[18] Ebenda.

[19] Ebenda S. 391.

[20] Robert Deam Tobin: Winckelmanns … [wie Anm. 2] S. 22.

[21] Johann Wolfgang Goethe: Winckelmann … [wie Anm. 12] S. 398.

[22] Ebenda S. 398-399.

[23] Johann Winckelmanns sämtliche Werke: dabei Porträt, Facsimile und ausführliche Biographie des Autors; unter dem Texte die frühern und viele neue Citate und Noten; die allerwärts gesammelten [...] : 1. / von Joseph Eiselein. Donauöschingen: Verl. Dt. Classiker, 1825.

[24] Ebenda S. III-IV.

[25] Freundschaftliche Briefe. In: Johann Winckelmanns sämtliche Werke: dabei Porträt, Facsimile und ausführliche Biographie des Autors; unter dem Texte die frühern und viele neue Citate und Noten; die allerwärts gesammelten Briefe nach der Zeitordnung, Fragmente, Abbildungen und vierfacher Index Band 10, S. 14.

[26] Martin Disselkamp: »Wie … [wie Anm. 3] S. 17.

[27] Ebenda S. 18.

[28] Ebenda.

[29] Ebenda S. 19.

[30] Thomas Schmidt: Das Land der Griechen mit dem Körper suchend? Ein abgedunkeltes Kapitel der Winckelmann-Rezeption. In: Franziska Bomski, Hellmut Th. Seemann, Thorsten Valk (Hrsg.): Die Erfindung des Klassischen. Winckelmann-Lektüren in Weimar. (Klassik Stiftung Weimar Jahrbuch 2017) Göttingen: Wallstein, 2017. S. 195-212.

[31] Ebenda S. 200.

[32] Johann Joachim Winckelmann: Gedanken … [wie Anm. 2] S. 11.

[33] Carl Justi: Winckelmann und seine Zeitgenossen. Erster Band. Köln: Phaidon, 1954, S. XVII.

[34] Ernst Osterkamp: Johann … [wie Anm. 1] S. 23.

[35] Siehe Torsten Flüh: Die Geburt der Muckibude aus dem Altertum. 300 Jahre Johann Joachim Winckelmann mit Winckelmann – Das göttliche Geschlecht im Schwulen Museum*. In: NIGHT OUT @ BERLIN 2. Juli 2017 22:24.

[36] Eric Michaud: Was die moderne Anthropologie und Ethnologie von Winckelmann lernten. Eine kritische Sichtung. In: Elisabeth Découltot, Martin Dönike, Wolfgang Holler, Claudia Keller, Thorsten Valk und Bettina Werche (Hrsg.): Winckelmann. Moderne Antike. München: Hirmer, 2017, S. 115-128.

[37] Charlotte Kurbjuhn: Winckelmann exzerpiert um sein Leben und wird glücklicher als der Großmogul. Sprach- und Stilideale im Werdegang eines »klassischen« Autors. In: Elisabeth Découltot, Martin Dönike, Wolfgang Holler, Claudia Keller, Thorsten Valk und Bettina Werche (Hrsg.): Winckelmann. Moderne Antike. München: Hirmer, 2017, S. 53-65.

[38] Ebenda S. 57.