Gesang jenseits der Sprache - Das Ensemble Tafillalt im Lichtburgforum in Berlin-Wedding

Gesang – Gebet – Israel

 

Gesang jenseits der Sprache

Das Ensemble Tafillalt im Lichtburgforum in Berlin-Wedding

 

Am Dienstagabend gastierte das israelische Ensemble Tafillalt auf Einladung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und des Musik- und Kunstraums KlangSpuren am Gesundbrunnen im Forum der Lichtburg. Doris Laidler-Schüler und Gerschom organisieren im Forum seit Sommer letzten Jahres ein ambitioniertes und beachtenswertes Konzertprogramm unter dem Motto „L’art c’est une chose du cœur“.

Die Kunst als Herzenssache unterstreicht einerseits die Zwecklosigkeit von Kunst, andererseits ihre Verbundenheit mit dem Gefühl. Das Konzert des Ensembles Tafillalt stellte gleich eine ganze Reihe selten oder nie gehörter zeitgenössischer Jüdisch-israelischer Gebetsmelodien vor. Die jungen, engagierten Ensemblemitglieder kamen gerade aus Hamburg vom Festival „Sounds of Israel“, wo sie in der Altonaer Kulturkirche – St. Johanniskirche - aufgetreten waren.  

Das Forum der Lichtburg ist vielleicht nicht ganz so spektakulär wie die St. Johanniskirche in Hamburg Altona. Doch gehörte das Großkino Lichtburg mit 2.000 Sitzplätzen, das das Herzstück der Gartenstadt Atlantic war, Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre zu den weltweit bekannten Attraktionen Berlins.

Da nach dem Mauerbau 1962 das durch den Krieg beschädigte Großkino keine Nutzung finden konnte, wurde es 1970 vom Senat für die Errichtung von Anlagen des sozialen Wohnungsbaus abgerissen. So erinnern nur noch der Name und die Lichtinstallationen an der Behmstraße gegenüber dem Gesundbrunnen Center des ECE-Konzerns an das einstige Lichtspielhaus.

Das Lichtburgforum ist eine Initiative der Lichtburg Stiftung. Hier überschneiden sich im Wedding deutsch-jüdische Traditionen der Zeit vor der Nationalsozialistischen Machtübernahme mit den türkisch-deutschen der Wirtschaftswunderjahre zu einem aktuellen Ort „Deutsch – Türkisch – Jüdisch, Interkulturell(er)“ Aktivitäten. Das ist so attraktiv, dass der eher kleine, aber exzellent ausgestattete Saal des Forums schnell an seine Grenzen stößt.

Die Gartenstadt Atlantic wurde als eine Anlage des sozialen bzw. „Reform-Wohnungsbaus“ im hoch industrialisierten Arbeiterbezirk Wedding als privat finanzierte Wohn- und Freizeitstadt in der Großstadt Berlin ab 1926 von der Handels-AG Atlantic nach den Plänen des jüdischen Architekten Rudolf Fränkel (1901-1974) erbaut. Helligkeit, Grün und Sicherheit schufen für Arbeiter und Angestellte ein neues Lebensgefühl, das mit der Lichtburg sozusagen als Heimkino die Versprechungen des modernen Lebens realisierte.

Karl Wolffsohn (1881-1957) betrieb sowohl die Entwicklung der Gartenstadt Atlantic wie das Lichtburg Kino und war bis 1937 Miteigentümer der UFA. Er und seine Familie schafften es, 1939 nach Palästina zu immigrieren. Es war seine Rettung.  

Karl Wolffsohn gehörte zu jenen jüdischen Berliner Kaufleuten, deren Vermögen unter Schikanen und erpresserischer „Schutzhaft“ „arischen“ Privatleuten, der Dresdner Bank und dem Deutschen Reich zugesprochen wurde. Eine ähnliche Rolle der Dresdner Bank in den Arisierungsverbrechen lässt sich bei Ignaz Nacher und dem Engelhardt-Bierkonzern beobachten. Es handelte sich insbesondere in den Finanzierungsfragen eines zeitgenössischen Konzerns durch die Dresdner Bank um eine ausgeklügelte Strategie der Enteignung unter rassistischer Motivation. Was wenigstens im Falle Ignaz Nacher bisher nicht berücksichtigt worden ist.

Es ist dem Engagement Michael Wolffsohns, dem Enkel, zu verdanken, dass die Lichtburg wie auch die Gartenstadt Atlantic heute mit einem interkulturellen Programm in das Bewusstsein der Stadt Berlin zurückkehren. Das Konzert des Ensembles Tafillalt war nun eine ganz außerordentliche Gelegenheit, zeitgenössische, jüdisch-israelische Musik zu hören. Es stellte sowohl neue Kompositionen der Mitglieder Yonatan Niv, Nori Jacoby und Yair Harel vor wie auch mündlich tradierte Gebete algerischer, irakischer, andalusischer, marokkanischer wie chassidischer Herkunft vor.  

Mit anderen Worten: es war allein durch die unterschiedlichen Traditionen und Sprachfärbungen eine höchst interessante Polyphonie im gesungenen Gebet zu beobachten. Nicht zuletzt lud Yair Harel bei einem Niggun bzw. einer Tanz-Melodie nach traditionell Lubawitsch-chassidischer Weise zum Mitsingen ein. Dabei geht es darum, jenseits der Sprache ein Gebet zu singen.

In der chassidischen Tradition der jüdischen Gemeinden in Osteuropa ist, um es einmal so zu formulieren, die Nähe zu Gott dann besonders groß, wenn sich der Gesang jenseits der Sprache artikuliert. Jenseits der Sprache zu beten bzw. zu singen, erzeugt eine größere Gottesnähe, weil Gott nicht das Wort ist. Yair Harel versteht es dabei wunderbar, selbst „schüchterne“ Berliner zum Mitsingen zu motivieren. Man kann sich nur wünschen, dass derartige Abende häufiger im Lichtburgforum stattfinden.


Schon jetzt lässt sich sagen, dass die Gartenstadt Atlantic durch die Sanierung bis 2006 und die Neugestaltung des Vorplatzes an der Behmstraße mit der Lichtinstallation Phantom Lichtburg der bfstudio-architekten, die an die 15.000 Glühbirnen im 40m hohen Lichtturm des Großkinos erinnern soll, ein Glanzstück des Wedding geworden ist. Während sich viele Medien daran weiden, wenn in der nahen Badstraße im Gesundbrunnen blutige Familienfehden ausgetragen werden, existiert mit der Gartenstadt Atlantic längst ein anderer Wedding.

Torsten Flüh