Glamourfaktor und Gesellschaftskampf - Zur 28. Teddy Award Gala in der Komischen Oper

 

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Sponsor – Diversität – Glamour

 

Glamourfaktor und Gesellschaftskampf
Zur 28. Teddy Award Gala in der Komischen Oper und auf Arte

 

Die Teddy Award Gala auf Arte ist frischer und politischer geworden. Jetzt wurde sie sogar Samstagnacht ab 23:30 Uhr gezeigt. Gegenüber Sonntag zu später Stunde ist das ein winziger Fortschritt. Schließlich hat die Teddy Award Gala mehr Glamour und ist sowieso politischer als DSDS oder GNTM. Glamour und Gesellschaftskampf treffen alljährlich während der Berlinale spätestens bei der Teddy Award Gala zusammen, noch bevor die glanzvollen Bären verliehen werden. Die Teddys glänzen nicht ganz so stark und der David Kato Vision & Voice Award hat nicht ganz den Glamour eines Oscars, aber er sorgt mindestens für genauso echte Tränen und Standing Ovations.

Glamourös beginnt die Fernsehversion mit der Vorfahrt der Promis und Drag Queens vor der Komischen Oper in einer Kutsche oder einem alten Automobil. Glamour ist für den Teddy Award im Fernsehen wichtig. Film und besonders Kino hat viel mir Glamour zu tun. Medien generieren Glamour. Glamour, das sind die roten Haare von Gloria Viagra oder die blauen, die oberhalb der High Heels und Netzstrümpfe das Haupt einer anderen krönen. Der Berichterstatter ist kein guter Promi-Spotter, er verwechselt die Namen oft. Promi-Spotting gehört wegen des Glamours zur Berlinale und zur Teddy Award Gala. Im Meer der oft noch namenlosen Newcomer sind Promis die Bojen zur Navigation.

Das Fernsehformat Teddy Award Gala, wie in den vergangenen Jahren auch von  Elser Maxwell gestaltet und produziert, Regie: Götz Filenius, wird nicht nur vom hochsympathischen Jochen Schropp moderiert, sondern auch mit einem Kommentar von André Schäfer, Xavier Leherpeur unterlegt. Über den Kommentar als ständige Erläuterung wie bei einer Sportveranstaltung oder natürlich auch beim Eurovision Song Contest kann man streiten. Selbst in die Musik und Vorführung der Akrobatiknummern von Jade Lee Petersen und David Pereira in Begleitung von Lucien Dante muss hineingequasselt werden. Da ist dann der Zauber der Artistik und der Musik futsch.

Zwei Strömungen in der queeren Ästhetik waren in diesem Jahr besonders hervorstechend. Die Boylesque und die Würdigung der alten Vorkämpferinnen. Die ganz jungen Artisten und Sänger wie Jade Lee Petersen, David Pereira, Jack Woodhead, Lucien Dante und Pierre Cesar legen Wert auf ein queeres Image, das David Pereira seit kurzem mit der Boylesque entwickelt hat. Spätestens seit Based in Berlin (2010) als David Pereira im Einkaufswagen seine Kontorsionsnummer mit Engelflügeln im Wintergarten vorführte, ist er zu einem Artistenstar der Berliner und internationalen Szene geworden. Dabei tritt er gelegentlich auch mit seiner Boylesque oder mit David Pereira’s Trip oder ab Juli mit Der helle Wahnsinn mit supermuskulösem Männerkörper in High Heels auf. Lucien Dante und Jack Woodhead spielen gleichfalls mit Variationen aus Jungenshaftigkeit, Federboa und lackierten Fingernägeln. Das ist eine neue Ebene im Varieté, die sich körperbetont sportlich und queer deutlich von der Drag Queen unterscheidet.

Nicht nur die Special Teddy Awards für Rosa von Praunheim und vor allem Elfi Mikesch ehrten die alten Vorkämpferinnen, sondern auch der Teddy für den besten Dokumentarfilm und der David Kato Vision and Voice Award gingen an Senioren. Die Altersmuster stimmen nicht mehr. Natürlich hatte Elfi Mikesch schon längst den Special Teddy Award verdient. Ob mit Werner Schröters Der Rosenkönig (1986) oder Monika Treuts Verführung. Die grausame Frau (1985) sowie ihrer Werner-Schröter-Hommage Mondo lux (2011) Elfi Mikesch gehört mit Ulrike Ottinger zu den Frauen, die queere Bildwelten erkundet haben und weiterhin schaffen.    

Ernst Ostertag und Röbi Rapp, die 2012 im Schweizer Fernsehen bei glanz und gloria als Paar seit über 50 Jahren auftraten und wohl doch schon über 80 Jahre alt sein dürften, wurden als Zeugen für den schweizerischen Film Der Kreis geradezu gefeiert. Sie berichteten über die Verfolgung, willkürliche Festnahmen und Gewaltanwendung durch die schweizerische Polizei in Zürich während der 50er Jahre, als Ernst Ostertag als junger Lehrer arbeitete und sich in Röbi Rapp als Travestiekünstler mit Langzeitfolgen verliebte und sie zum Kreis gehörten.

Zu Standing Ovations führte dann gar die Verleihung des David Kato Vision & Voice Award an die kambodschanische Trans-Gay-HIV-Aktivistin Sou Southeavy. In einer Dokumentation[1] hatte sie bereits 2011 gesagt: “If I didn’t sell sex, I wouldn’t have finished school, and I didn’t want to end up illiterate”. Während der Herrschaft der Roten Khmer ab 1978 bis Ende der 90er Jahre wurde sie verhaftet, misshandelt und vergewaltigt, was sie auch vor dem Rote-Khmer-Tribunal (seit 2009) ausgesagt hatte. Sou Southeavy, die vor nunmehr 20 Jahren positiv getestet wurde, sagte in Khmer während ihrer Dankesrede, dass sie jetzt 75 Jahre alt sei. Obwohl, besser noch, weil HIV und AIDS keine besonders prominente Rolle mehr während der Gala und in den nominierten Filmen spielten, ist es besonders wichtig, dass Sou Southeavy, die sich selbst als Sexarbeiterin und Aktivistin sieht, diese prominente Rolle bekam.

Der David Kato Vision and Voice Award, der seit 2012 in Erinnerung an die Ermordung des LGBT-Aktivisten David Kato am 26. Januar 2011 in Kampala, Uganda, verliehen wird, wurde zum ersten Mal im Rahmen der Gala übergeben, was eine sehr berechtigte Neuerung ist. Der Publikumspreis, der an Der Kreis ging, wurde deshalb aus der Gala herausgenommen. Noch bei der Gala 2012 hatte Rosa von Praunheim eine hochemotionale und kämpferische Rede gegen die Homophobie in Uganda gehalten. Dass nun also der David Kato Vision and Voice Award, ein quasi afrikanischer Preis im Rahmen der Teddy Award Gala verliehen wird, ist ausdrücklich zu begrüßen. 2012 hatten Katherine Fairfax Wright und Malika Zhouhali-Worral mit dem Uganda- und folglich auch David Kato-Dokumentarfilm Call me Kuchu den Teddy Award gewonnen, was geradezu einen internationalen Filmpreisregen von Berlin über Hamburg und Freiburg bis Durban und Seattle auslöste.

 

Nicht zuletzt durch Harald Christ als wichtigsten Sponsor des Teddy Award wurde in diesem Jahr ein beeindruckendes Statement zur Diversität abgegeben. In einem kurzen Interview zum Teddy Award hat Harald Christ sein beträchtliches finanzielles Engagement damit begründet, dass er die Vielfalt in der deutschen Gesellschaft fördern wolle und der Teddy mit weltweiter Ausstrahlung und Vernetzung genau dies seit vielen Jahre tue. Da der Teddy Award als Verein auf ehrenamtliche Helfer, Spenden, Mitgliedsbeiträge und Sponsoren wie Air France oder Audi angewiesen ist, aber auch Medienpartner wie Arte und radioeinsrbb braucht, kann man das klare gesellschaftspolitische Engagement für Vielfalt mit globaler Reichweite gar nicht hoch genug einschätzen. Dass mit Klaus Wowereit und Bertrand Delanoë gleich die beiden Bürgermeister der europäischen Metropolen Berlin und Paris in der ersten Reihe saßen, hat durchaus mit der Arbeit des Teddy Award zu tun.

 

Natürlich ist es immer ein wenig schwieriger die internationale, gesellschaftliche Bedeutung des Teddy Award als dessen Glamour mit der Gala zu vermitteln. Mit Sou Southeavy kam in gewisser Weise nun beides zusammen. Denn sie verbreitete in ihrer Freude über den David Kato Award gleichfalls Glamour. Es ist allerdings durchaus bemerkenswert, dass offenbar für das Fernsehpublikum erstens ihre Rollen als HIV-Aktivistin und Sexarbeiterin ausgespart wurden. War das nicht vereinbar mit dem aktuellen Diskurs? Hätte das, was die queere Existenz von Sou Southeavy ausmacht, nicht in ein glamouröses Preisträgerinnen-Bild gepasst? Wie stellt sich der deutsche Schwule und die deutsche Lesbe, denn das Leben einer 75jährigen Transsexuellen in dem sehr armen Kambodscha vor? Queerness, Prostitution und HIV sind gerade in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern immer noch miteinander verknüpft. Vor einem gesäuberten (!) Bild der Queerness ist nur zu warnen.

An dieser Stelle muss einmal die Frage gestellt werden, was der Glamourfaktor mit einer neuartigen, medialen Prüderie im queeren Film- und Showgeschäft zu tun hat. Glamour wird medial generiert. Bekanntlich kommt der englische Begriff Glamour vom mittelalterlichen grammar als „any sort of scholarship, especially occult learning“. Bereits in dieser frühen Semantik wird Glamour mit Wissen und insbesondere geheimen Kenntnissen in Verbindung gebracht, um im 18. Jahrhundert zu einer Darstellungsform umzuschlagen. Im 19. Jahrhundert wird es mit den Schriften von Sir Walter Scott interessanter Weise von der Darstellungs- zu einer Wahrnehmungsform transformiert. Glamour wird im 19. und 20. Jahrhundert zu einem Faktor, den jemand, ein Subjekt, ein Fan einer anderen Person ausstellt. Er wird dadurch in gewisser Weise naturalisiert und psychologisiert.

Als Referenz für einen besonders glamourösen Star des Filmgeschäfts wird häufig Hedy Lamarr als Beispiel angegeben, die das Starsystem von MGM und das Goldene Hollywood Zeitalter hervorbrachten. Am 19. November 1914 in Wien geboren verkörperte Hedy Lamarr im Hollywood der 40er Jahre einen „strikingly dark exotic look“ und spielte 1938 noch bei United Artists in Algiers mit Charles Boyer und der norwegenstämmigen Sigrid Gurie eine Algerierin. Auch später beispielweise 1942 in Tortilla Flat für MGM wurde Hedy Lamarr wiederholt als exotisch bzw. als Dolores Ramirez mexikanisch besetzt. Mit anderen Worten: Hedy Lamarr spielte in Hollywood immer auch gerade, was sie nicht war, während sie noch zwischen 1930 und 1933 Frauenrollen mit deutscher Herkunft wie Käthe Brandt an der Seite von Heinz Rühmann in Man braucht kein Geld (1932) gespielt hatte.

Die Exotisierung, die Hedwig Eva Maria Kiesler als Hedy Lamarr in Hollywood durch ihre Filmrollen erfuhr, ging erstens mit der Stigmatisierung als Jüdin in Deutschland einher. Und zweitens ging in der Exotisierung eine Sexualisierung auf, die sie 1933 in dem tschechischen Film Ekstase als Eva Hermann auf geradezu experimentelle Weise erfahren hatte. In der später zensierten Urfassung tritt sie nicht nur nackt vor die Kamera, sondern spielt auch mit Naheinstellungen auf ihr Gesicht einen Orgasmus.

Was heißt das für den Glamour? Glamour ist offenbar angereichert mit Wissen, das über Medien verbreitet und transformiert wird. Gleichzeitig spielen Mechanismen des Genusses und der Verdrängung eine wichtige Rolle. Die Exotisierung als Verschlüsselung von Sexualisierung spielte gerade für den Star Hedy Lamarr offenbar eine wichtige Rolle. Durch die Exotisierung konnte die Erotik genossen werden. Eine Schlüsselfunktion nimmt dabei der Film Ekstase ein, der zensiert werden muss, um in Deutschland und Amerika gezeigt werden zu können. Die Zensur, die im Film stattfindet, wäre entsprechend im Glamour als Wahrnehmungsweise angelegt, weil ein störendes Wissen und störende Bilder aus dem Film herausgeschnitten werden mussten. Sind das Wissen und die Bilder dann gänzlich verschwunden oder immer noch da?

Gerade das Spiel von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit für den Begriff Glamour wird auch in seiner aktuellen Kontextualisierung hervorgekehrt. Glamour ist nicht nur Glitter oder der Kronleuchter in der Komischen Oper, der Scheinwerfer oder das Paillettenabendkleid. Vielmehr spielt Glamour im Umfeld der Medien und das heißt heute in einem noch stärker zunehmenden Maße visuellen Medien ein Wissen der Bilder. Doch diese Bilder funktionieren über Mechanismen der Ausgrenzung und Zensur. Zwar soll die Inszenierung und Auszeichnung von Sou Southeavy nicht überbewertet werden, zumal der Teddy Award ausdrücklich für die Sichtbarmachung queerer Existenzen eintritt und dies auch auf der Berlinale praktiziert. ABER auf bemerkenswerte Weise fiel bei ihr etwas weg, was im Show-Programm hätte stören können.

Erfreulicher Weise erhielt Bruce LaBruce für die künstlerisch noch avanciertere Film-Version seiner Berliner Inszenierung von Arnold Schönbergs Pierrot Lunaire den Jury-Teddy. Es geht um den Phallus als Dildo und die Frage, wie eine Frau ein Mann oder King werden kann. Bruce LaBruce hat das während der Berlinale bei einem Interview im Cinemax selbst noch einmal formuliert. Insofern geht es mit dem Phallus nicht nur um das Geschlecht, sondern die Macht, die durch die Geschlechtskategorien ausgeübt wird. Nach dem hochqueeren und -politischen Otto or Up With Dead People (2008), für den damals der Teddy offenbar noch nicht reif war, hat die Jury nun Pierrot Lunaire in queerer und filmästhetischer Hinsicht gewürdigt:

The Teddy Jury would like to recognize Bruce LaBruce’s important new piece Pierrot Lunaire as a significant addition to his oeuvre, that continues to explore the notion of ‘Queer’ in every sense. Melding theatricality with edgy cinematic language, a remarkable performance by Susanne Sachsse, with sophisticated use of music, Bruce recombines these elements to renew the classic avant-garde.

Congratulations!

 

Torsten Flüh

 

ARTE+7

28. Teddy Award Gala

Sendung noch bis 22. Februar 2008 online abrufbar

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[1] Siehe auch die Dokumentation Human Rights Defenders vom 16. November 2013