Mit Präzision voll daneben - Dem Underground-Filmemacher Lothar Lambert zum 70. Geburtstag

Underground – Film – Geschlecht 

 

Mit Präzision voll daneben 

Dem Underground-Filmemacher Lothar Lambert zum 70. Geburtstag 

 

Film-Hommage im Bundesplatz-Kino, Uraufführung in der Brotfabrik, Ausstellung im Schwulen Museum*Lothar Lambert wird zwischen „Kuchenessen und Lothar Lambert-Filme-Gucken an Sommersonntagnachmittagen“ und Nackte Scham und schöne Schande abgefeiert. Der Lokalmatador und Berlin-Chronist, Film-Regisseur, -Produzent, -Akteur und –Nacktdarsteller, Queer-Aktivist und Cross-Dresser, Maler und entfant terrible, der Berlinale-Dauergast Lothar Lambert wird mit einer ganzen Serie von Veranstaltungen geehrt. Das ist nicht selbstverständlich, denn Freunde und Bekannte, die die Einladungskarte oder das Bundesplatz-Kino-Programm sehen, schlucken. ─ Muss man das zeigen? ─ Unbedingt!

Lothar Lambert hat fast 40 Low- und No-Budget-Filme gedreht, mehr als tausend Bilder in Öl oft mit nackten Frauenkörpern gemalt und immer auch als Journalist beispielsweise für „Berlin-Intim LL’s SCHNÜFFELSPALTEN“ geschrieben. Das ist purer Underground. Wenn dabei ein leichter Wink hinüber zum bisweilen terroristischen Untergrund hörbar wird, dann ist das nicht ganz falsch. Lo.La. und seine Filme passten und passen nicht so recht in Filmförderungsprogramme. Er finanzierte sie lieber selbst, um unabhängig zu bleiben. Was an Professionalisierung fehlte und bisweilen noch immer fehlt, wird in der Beharrlichkeit des Oeuvres zur ganz eigenen Handschrift. Wo andere Regisseure, Drehbuchschreiber, Kameramänner oder Cutter längst den Schnitt setzen würden, beginnt Lamberts Welt des Underground mit Ich bin, Gott sei Dank, beim Film (2003), Der sexte Sinn (1984), Fräulein Berlin (1983) oder Was Sie nie über Frauen wissen wollten (1992), der am 28. Juli von der Deutschen Kinemathek im Kino Arsenal gezeigt werden wird.  

Das Große als Versprechen des Fiction- und durchaus Non-Fiction-Films wird im Kleinen des Low- und No-Budget-Films von Lothar Lambert mit dem ins Weibliche kippende Kürzel Lo.La. oft entlarvt. Ein befreundeter Berlinale- und überhaupt Film-Fan, dem die Namen der Großen geläufig sind, hat sich so gut wie nie für Lothar Lamberts Filme interessiert. Die großen Filmkritiker berichten von der Berlinale eher im Nebensatz von einer neuerlichen Premiere eines Lambert-Films. Hauptsatz oder gar Absatz werden Lo.La. kaum gegönnt. Doch vielleicht sagt gerade das mehr über Großkritiker und Film-Fans als über den auf seine Weise einzigartigen Chronisten.

In der Ausstellung Nackte Scham und schöne Schande ─ Lothar Lamberts Underground: Bilder, Filme, Leben, kuratiert vom Berliner Filmwissenschaftler und Mitinitiator des Schwulen Museums Wolfgang Theis, wird Lamberts blaues Ledersofa als zentrales Möbel inszeniert. Auf dem Sofa wurden in den vergangenen ca. 30 Jahren, die meisten Liebes- und Psychotherapie-Szenen der Filme gedreht. Für die Ausstellung hat Theis Lambert als Cross-Dresser und Tunte im orientalischen Fummel auf dem blauen Sofa fotografiert und die 39 Filmtitel mit Kurzbeschreibung drum herum gruppiert. Sinnfällig wird so die dünne Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem, die durch eine ganze Reihe von Aspekten der Filmproduktion bei LL ins Spiel gebracht wird. Wie privat ist das durch den Film Veröffentlichte bei Lambert? Und wie öffentlich und politisch ist das Private bei ihm?

Durch Filmmaterial, Filmsets ─ Blaues Sofa ─, oft Dreh ohne minutiös ausgearbeitetem Drehbuch, Besetzung mit Freunden und Bekannten, die wie Erika Rabau, ihrerseits Berliner Fotografin-Legende, für wenig oder gar keine Gage spielen und mitspielen, wird von Lambert unablässig das Private in die Produktion hineingezogen. Trotzdem und gerade deshalb sind die Filme wie Zurück im tiefen Tal der Therapierten (2012),  Ein Schuss Sehnsucht/Sein Kampf (1972) oder Tiergarten (1979) niemals nur privat. Vielmehr treffen die privat anmutenden Produktionsbedingungen auf subversive Weise öffentliche Prozesse. Die in Zurück im tiefen Tal der Therapierten leidenschaftlich kritisierte Psychotherapie mit Blauen-Sofa-Szenen ist eben niemals nur privat, selbst wenn sie das Private zum Gegenstand der Therapien macht. Genau diese Beunruhigung an der Schnittstelle von Privatem und Öffentlichem wie auch in der Veranstaltungsform von „Kuchenessen und Lothar Lambert-Filme-Gucken“ treibt LLs Filmproduktion unaufhörlich an.

An der Schnittstelle von Privatem und Öffentlichem, von Film und schmutzigem Hobby, von Nacktheit und Geschlechtskörper meldet sich das Peinliche mit der Frage, ob man das zeigen oder sehen müsse. Der Underground ist peinlich, weil er permanent etwas sagt oder zeigt, was in den Praktiken des Öffentlichen bedeckt werden soll. Underground praktiziert die Bloßstellung, weil nur das Peinliche ein Überdenken des Öffentlichen anstoßen kann. Das Peinliche meldet sich da und dann, wenn mit einer Geste der Befreiung die Trennung von Privatem und Öffentlichen schwierig wird. Peinlich ist nicht zuletzt ein alter Cross Dresser. Conchita Wurst kann auf Respekt hoffen, weil sie mit Bart und schlanker Taille den Sprung in die Öffentlichkeit geschafft hat. Lo.La. im Fummel auf dem Blauen Sofa mit lackierten Fußnägeln ist allerdings die radikalere, bessere Wurst.

Lothar Lambert ist (k)ein Star der Schwulenbewegung. Rosa von Praunheim hatte immer die etwas besser funktionierenden Kontakte. Rosa war lauter als Lo.La. Wenn Rosa eher die richtigen Themen der Schwulen aufgriff, griff Lo.La. immer ein wenig daneben. Rosa von Praunheim konnte zum notorischen Repräsentanten des schwulen Films oder Queer Movie werden, weil er nervte, aber nicht wirklich wehtat. Lo.La. tat und tut weh, weil seine Auftritte als Cross Dresser nie als glamouröse Drag Queen taugten und Frauen in seinen Filmen wie Die Alptraumfrau (1980) zu viel Busen zeigten. Rosa taugte für Identitätskonzepte, Lo.La. auf radikale Weise gar nicht. In den 70er und 80er Jahren trug Lo.La. den kerligen Pornobalken über der Lippe. In den 90ern drehte er In Haßliebe Lola (1995) mit sich selbst als „alternden übergewichtigen Damendarsteller“ in der Hauptrolle.

Die Rolle des Therapeuten ist von Lothar Lambert in seinen Filmen wiederholt selbst übernommen worden. Denn auch darin artikuliert sich der Underground, dass Lambert wie in Was Sie nie über Frauen wissen wollten, gedreht 1991, aktuelle Zeitgeschehnisse mit einer Art Erfahrungswissen und beispielsweise Sprachexperimenten wie Dialekt und Englisch als Fremdsprache zur Filmhandlung werden lässt. Es wird im Film nicht nur etwas gezeigt, vielmehr wird auf andere Weise Verschüttetes und Verdrängtes zur Sprache gebracht. Von der Sexfilm-Industrie bis zum Rassismus und Sexismus im Nachkriegs-Berlin in 1 Berlin-Harlem (1974) zwischen neuen Trabantenstädten und  schäbigen Altbauwohnungen richtet Lothar Lambert ständig Kamera und Mikrophon auf die wunden Punkte. Genau das ist die Aufgabe des Therapeuten.    

Die Aktualität der Lambert-Filme wie Was Sie nie über Frauen wissen wollten war einerseits ein Hinderungsgrund für eine größere Aufmerksamkeit, andererseits macht sie das therapeutische Moment aus. So wird der „Mauerfall“ zum Anstoß für ein Storyboard, das „Konfliktstoff“ in die mehr oder weniger eingespielte psychotherapeutische Wohngemeinschaft bringt. Der „Mauerfall“ brachte das Leben in West-Berlin auch ganz gehörig durcheinander. Zumal das offizielle Lable Wiedervereinigung mit dem „Mauerfall“ gerade die Vereinigungsphantasien als ein Zusammenwachsen, was zusammen gehört, subversiv in Frage stellt. Dagegen wehrten und wehren sich bisweilen noch heute alteingesessene Berlinerinnen. Der „Konkurrenzkampf“ der Frauen im Film gibt nicht zuletzt einen Wink auf die Konkurrenzkämpfe zwischen Ost und West. Auf diese Weise werden Lamberts Filme, die viel zu selten gezeigt werden, zu Seismographen von Brüchen und Umbrüchen, die mit größerer zeitlicher Distanz leicht in Erzählungen abgeglichen werden.

Die Sprache und das Sprechen spielen in Lothar Lamberts Filmen eine wichtige Rolle, worauf in der Besprechung Das Sprechen im Kino ─ Zu Lothar Lamberts Sein Kampf und Rosa von Praunheims Filmen hingewiesen wurde. Oft sind die Filmtitel nicht nur kleine Sprachspiele, die auf große, erfolgreiche Filme anspielen, vielmehr bewegen sie sich auch im Bereich sprachlicher Beschädigungen bis hin zur Sprachlosigkeit: Du Elvis, ich Monroe (1989), Fucking City (1981), Verbieten verboten (1987). Die Sprachlosigkeit mancher Rolle oder zu manchem Thema wie AIDS 1987 in Verbieten verboten wird von Lambert geradezu diagnostisch inszeniert.  

… Die Schwerhörige weiß: „Mein Mann sagt: Wer da hin geht, der kriegt auch Aids!“ Womit das Gespräch auf diese Krankheit kommt und auf die Frage, wie diese – insbesondere in der Peepshow – übertragen werden könne. Die jüngere Frau kann auch schon einen Fleck auf der Brust präsentieren, von der die andere meint: „Das ist bestimmt bösartig!“ Die Schwerhörige lobt, gerade angesichts von Aids, ihren Mann, der treu sei und auf den sie sich „voll und ganz verlassen“ könne. Die andere entdeckt den so gepriesenen Gatten, wie er gerade die Peepshow betritt. Dessen Frau fängt sich schnell wieder und verkündet ihrer Nachbarin dann selbstbewußt: „Na und? Mein Mann sagt immer: Einmal ist keinmal!“ Die andere zwinkert in die Kamera.  

(Zitat aus Verbieten verboten, Langinhalt)

Unwissen, Sprachlosigkeit, Wissen vom Hörensagen in Kombination mit Verklemmtheit generieren in  Verbieten verboten 1987 eine Filmhandlung, die auf einen Diskurs zielt, der exemplarisch das Sehen mit vagen Wissensformationen zur Sichtbarkeit verknüpft. Lothar Lambert hat die Sichtbarkeiten als Wissensformationen in seinen Filmen unablässig thematisiert, um sie als Unwissen und Dummheit „der Spießer“ zu entlarven. Das gilt in der kurzen Szene mit den beiden Ehefrauen vor der Peepshow ebenso wie für ein Verheddern im Cross-Dressing zwischen einem „Mann mittleren Alters“ und einem „Jugoslawe(n)“ wie für „Schwarze“, „Türken“, „Orientalen“ und „Arabern“ in Lamberts Filmen. Die „Peepshow“ als Ort der Übertragung der Krankheit AIDS verkennt im Sichtbarkeitsparadigma die Übertragungswege und deckt die Übertragung sprachlich auf. Dazu gehört auch, dass „Einmal ist keinmal“ auf absurde Weise die Übertragung leugnet.

Der Underground von Lothar Lambert ist queer, und das ist gut so. Queer arbeitet gegen geschlechtliche Festlegungen in Mann/Frau, „Neger“, Türken und Araber sowie die ganze Bandbreite sexueller Spielarten. Doch der Sex ist nie unkompliziert und pornodrehbuchartig, vielmehr ist er immer auch verquer wie die Einordnung nach dem Geschlecht. In 1 Berlin-Harlem verknüpft Lothar Lambert in der queeren Existenz von John den alltäglichen Rassismus mit dem szenetypischen Sexismus. Im Plot wird John versehentlich zum Mörder werden, weil er den Spielregeln der Prostitution am Bahnhof Zoo von 1974 nicht folgt. Und der angedeutete Oralsex im Strandbad Wannsee wird zur Zensurhürde, die einen breiteren Erfolg verhindert. 

… Als er mit John zu der Vermieterin kommt, erklärt diese nach einem Moment der Überraschung, daß das Zimmer leider schon vergeben sei. Jürgen: „Sowas haben wir fünfmal gehört heute.“ Im Garten hinter dem Haus beklagt sie sich gegenüber ihrem Mann: „Das ist gar kein richtiger Amerikaner. Das ist ein Neger!“ Er meint: „Gegen Harry Belafonte hast du ja auch nichts!“ – „Der will aber auch nicht bei uns wohnen.“ Bei Jürgen daheim: John will nicht über seine Arbeit erzählen und nicht dauernd angetatscht werden. „Wenn du Sex haben willst, dann machen wir es gleich. Dann haben wir’s hinter uns!“  

(Zitat aus 1 Berlin-Harlem, Langinhalt)

In gut 40 Jahren hat Lothar Lambert fast 40 Filme gedreht. 17 Filme wurden auf der Berlinale gezeigt oder hatten dort gar ihre Uraufführung. Die unauflösbare Verkopplung von Leben und Werk, die sich auch in der Filmproduktion zeigt, verführt nur all zu leicht dazu, das Leben mit dem Werk und umgekehrt zu erklären, wie es sich bereits in der schwierigen Unterscheidung von Privatem und Öffentlichem angedeutet hat. Lambert lebt von und vor allem für seine Filme. Produktionsweisen, die etwa bei Lars von Trier im großen Kino für NYMPH()MANIAC durch Gründung der eigenen marxistisch-maoistisch orientierten Produktionsfirma Zentropa bis April 2014 ca. 19 Millionen US-Dollar bei einem Budget von 4,7 Millionen eingespielt haben, hat Lothar Lambert frühzeitig erprobt und praktiziert.     

Nackte Scham und schöne Schande feiert den 70. Geburtstag von Lo.La. mit einem Ensemble aus Perücken, Filmplakaten, Privatfotos aus dem Familienalbum, expressionistisch anmutenden Gemälden, Datenbank und Promiwand. Die Ausstellung entfaltet sozusagen ein anderes Familienalbum der Lambert-Familie, das wie mit Dieter Schidor aus Verbieten verboten, der am 17. September 1987 an AIDS starb, nachdem er noch bei Lothar Lambert mitgespielt hatte, immer auch mit der Erinnerung längst vergangener Zeiten und Schrecken verbunden ist. Doch es gibt glücklicherweise noch die Filme, die oftmals längere Zeit brauchen, um als hoch aktuell gesehen zu werden. 

 

Torsten Flüh

 

 

Schwules Museum * 

Nackte Scham und schöne Schande 

Lothar Lamberts Underground: Bilder, Filme, Leben 

Bis 6. Oktober 2014 

Lützowstraße 73 

10785 Berlin 

 

Bundesplatz Kino 

Lothar Lambert Hommage 

Sonntags um 15:30 Uhr  

Bundesplatz 14 

10715 Berlin 

 

Queer Movie Tour Special

Mit Lothar Lamberts Filmen queer durch Berlin

Filmstadt-Berlin

Guide: Torsten Flüh

19. Juli 2014 16:00 - 18:30 Uhr

 

Brotfabrik Kino 

Erstaufführung 

Ritter der Risikorunde (2012) 

Lothar Lambert zum 70. Geburtstag 

24. Juli 2014 20:00 Uhr 

Caligariplatz 1 

13086 Berlin 

 

Deutsche Kinemathek 

Kino Arsenal 

Filmreihe Filmspotting 

Erkundungen im Filmarchiv der Deutschen Kinemathek 

Ein Filmleben im Underground: Lothar Lambert wird 70 

WAS SIE NIE ÜBER FRAUEN WISSEN WOLLTEN (D 1992, Regie: Lothar Lambert) 

28. Juli 2014 19:00 Uhr 

Potsdamer Straße 2 

10785 Berlin