Die Wiederkehr des Manifests als Fake - Zur grandiosen Filminstallation Manifesto mit Cate Blanchett von Julian Rosefeldt

Manifest – Kunst – Gegenwart 

 

Die Wiederkehr des Manifests als Fake 

Zur grandiosen Filminstallation Manifesto mit Cate Blanchett von Julian Rosefeldt im Hamburger Bahnhof 

 

Noch bevor die Berlinale 2016 begonnen hat, beschenkt der in Berlin lebende Filmkünstler Julian Rosefeldt Cineasten und Musemsbesucher mit Cate Blanchett in seinem Meisterwerk Manifesto. Eigentlich gibt es keine Meisterwerke im Modus einer Originalschöpfung mehr. Deshalb ist Manifesto auch ein Meisterwerk der Kombinatorik und der Schnitte wie Schnittstellen. Die Filminstallation im Hamburger Bahnhof komponiert und poetisiert die Textsorte Manifest als spezifische für die Kunst der Moderne des 20. Jahrhunderts. Cate Blanchett spielt in Manifesto mehr als 12 Frauenrollen und einen Obdachlosen, die Manifest-Texte sprechen.

 

Manifesto wird nicht mit einem Manifest der Kunst eröffnet, sondern mit einer Textcollage aus dem Kommunistischen Manifest. Julian Rosefeldt hat aus der Lektüre dutzender oder gar hunderter Manifeste, ein Filmprojekt entwickelt, das nicht für eine Leinwand oder einen Bildschirm geschaffen ist. Manifesto ist vielmehr eine visuell-akustische 13-Channle-Installation, die die Leinwand als Format von Geschichte sprengt. Nachdem die Installation bereits am 9. Dezember im acmi (Australian Center of the Moving Image) in Melbourne Weltpremiere feierte, hat sie nun Europapremiere im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart. „All current art is fake“ und „Nothing is original“ sind die manifestartigen Formulierungen zu #acmiMANIFESTO.

 

Manifesto mit dem Weltstar verdankt seine Existenz zweier Filmenthusiaten, die sich in Berlin eher zufällig trafen: Julian Rosefeldt und Cate Blanchett. Mit etwas Glück kann man Hollywoodstars sehr entspannt dort treffen, wo man sie nicht vermutet. So locker erzählt es jedenfalls Rosefeldt auf der Pressekonferenz im Hamburger Bahnhof. Dabei ist er selbst ein Star der Filmkunst-Szene. Und Cate Blanchett war nach den Fotos von der World Premiere Opening Night im acmi auch dort ziemlich entspannt. Ihr war das Kunst-Film-Projekt sogar so wichtig, dass sie komplett auf eine Gage für 12 Drehtage in Berlin verzichtet hat. In zwölf Tagen spielte sie 13 verschiedene Rollen - nach offizieller Erzählung. Doch der Berichterstatter meint, ein weiteres textloses Cameo gesehen zu haben. Manifesto ist ein 13-Kanal-Film über Literatur und Film, in gewisser Weise eine Literaturverfilmung.  

 

Literaturverfilmung ist tatsächlich ein gutes Lable für Manifesto. Denn es wird kein Wort von Cate Blanchett in den wechselnden Rollen gesprochen, das nicht aus einem Kunst-Manifest des 20. Jahrhunderts oder dem Kommunistischen Manifest stammt. Julian Rosefeldts Highend-Literaturverfilmung kombiniert Manifest-Texte mit quasi typologischen Charakteren des Medienalltags. Obwohl es keine festgelegte Reihenfolge der Filme gibt, die in Endlosschleifen auf großen Schirmen laufen, ist der Obdachlose (Cate Blanchett) mit Hund und Hackenporsche voller Plastiktüten, der durch eine postindustrielle Ruinenlandschaft zwischen den Schachtöfen und der Chemiefabrik in Rüdersdorf und den Teufelsberg-Ruinen streift, doch der Installation in gewisser Weise vorangestellt. Der Obdachlose, der Textfetzen von Lucio Fontana, John Reed Club of New York, Constant Nieuwenhuys, Aleksandr Rodchenko und Guy Debord spricht bzw. poltert und mit Megaphone in die leere Ruinenlandschaft hinausruft, rebelliert gegen den Kapitalismus und bleibt doch hilflos: 

The treacherous illusion that art can exist for art’s sake [1]  

 

Im Unterschied zu Manifesto in Melbourne verzichtet die Berliner Installation der Nationalgalerie – Staatliche Museen Berlin - im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart -, die Anna-Catherina Gebbers kuratiert hat, auf den Fake-Aspekt. Doch das Fake als Fälschung und wohl nicht zuletzt Fälschung einer sich seit über 40 Jahren perpetuell fälschenden Gegenwart und Gegenwartskunst spielt für Manifesto eine geradezu manifestartige Rolle. Unterdessen wird „All current art is fake“ nach dem Google-Algorithmus mit Cate Blanchetts tumblr-Konto zwar auf Platz 1 gelistet, also nicht mit Julian Rosefeldt, aber die Formulierung und Letternfolge ist weitaus älter. Denn sie wurde unter anderem bereits von Ginka Steinwachs mit dem Literatur-Konzept der „Originalfälschung“ oder auch „originKalfälschung“ 1992 für G-L-Ü-C-K. rosa prosa. Originalfälschung [2] formuliert. Anders gesagt: die Manifestierung der Kunst als Fake bei Rosefeldt ist selbst eines.

 

Manifesto situiert sich als Fake an der Schnittstelle von Moderne und Gegenwartskunst. Denn das Verfahren der Fälschung wird nicht zuletzt mit dem Manifeste du Surréalisme (1924) und dem Second Manifeste du Surréalisme (1929) beispielsweise mit dem Abschnitt, wie man falsche ebenso sehr wie gefälschte Romane schreiben solle, in Literatur und Bildender Kunst übertragen: „Pour écrire de faux romans“.[3] Der Originalroman wurde von Breton programmatisch durch die Kombinatorik als Modus von Fälschung propagiert. Der Automatismus des Surrealismus und seine Lust, mit Bildmaterial wie in Bretons Nadja (1928) zu arbeiten, wird mit der Fälschung verkoppelt. Oder anders gesagt: Der Automatismus ist bereits ein Fälschungsverfahren, das reich machen soll, was sich weiter entfalten ließe.   

Votre faux roman simulera à merveille un roman véritable ; vous serez riche et l’on s’accordera à reconnaître que vous avez « quelque chose dans le ventre », puisque aussi bien c’est là que ce quelque chose se tient.[4]    

 

Insbesondere das Verfahren der Fälschung als eines ohne auktorialen Ursprung wird in die Gegenwartskunst mit dem „Readymade“ hinüber geleitet, wie es Juliane Rebentisch als eine der „radikalsten Infragestellungen des Systems der Künste … auf dem Terrain der bildenden Künste“ formuliert hat.[5] Das Readymade, das sich allein einer Kunst der Übertragung von „Alltagsgegenständen“ in den diskursiven Bereich der Bildenden Kunst verdankt, indem von Marcel Duchamp ein Urinal in eine Fontain (1917) gekippt wurde, geht als Fälschungsverfahren bis in die jüngste Gegenwartskunst des Fakes ein. Die „schrObjekte“ von Ginka Steinwachs wie das origin(K)al-george SAND (2004) wären dafür ein weiteres Beispiel an der Schnittstelle von Schrift, Literatur und „Alltagsgegenständen“. Juliane Rebentisch widmet der Fälschung allerdings keine besondere Aufmerksamkeit in ihren Theorien der Gegenwartskunst

 

In Manifesto wird die vorgefundene Architektur für den universitären Alltagsgebrauch des Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums der Humboldt-Universität zu Berlin[6] von Julian Rosefeldt in das Szenarium einer automatisierten Hochgeschwindigkeitsbörse mit Cate Blanchett als Brokerin verwandelt. Die Geschwindigkeitsphantasien des Hochfrequenzhandels werden von der Brokerin mit futuristischen Manifest-Texten von Filippo Tommaso Marinetti, Umberto Boccioni, Carlo Carrà, Luigi Russolo, Giacomo Balla, Gino Severini, Guillaume Appolinaire und Dziga Vertov verbalisiert. Die fälschende Kombinatorik von Manifest-Literatur und Alltagspraxis generiert zu allererst die Wirklichkeit der Bilder einer Börse. Rosefeldt situiert den futuristischen Geschwindigkeitsrausch gerade nicht an der Berliner Börse: 

Look at us! We’re not exhausted yet! 

Our hearts feel no weariness, for
THEY FEED ON FIRE, ON HATRED, AND ON SPEED!

 

In der Filmkunst bzw. dem Spiel- oder Fiction-Film gehört die Fälschung durch Kombinatorik der Schnitte zum Modus der Erzählung selbst. Der Film ist nicht zuletzt Traumfabrik, weil er wie im Traum wiederholt, aneinander montiert und kombiniert, was oft entfernt auseinanderliegt. In der Endlosschleife, Loop der Obdachlosenszene nutzt Rosefeldt in einem harten Schnitt diese visuelle Erzähltechnik des großen Kinos. Wenn die Schachtöfen und die Chemiefabrik von Rüdersdorf im Wechsel und dann genau auf die zerfallene Abhörstation auf dem Teufelsberg geschnitten wird, dann entsteht durch die Montage eine gefälschte Ruinenlandschaft, wie sie zur gängigen Praxis der Hollywood-Blockbuster beispielsweise zuletzt Tribute of Panem 4 im November mit dem Tempelhofer Terminal gehört.

 

In den dreizehn Filmen wird von den Manifesten, dem Kino und dem Medium Film erzählt. Denn Julian Rosefeldt exekutiert nicht einfach nur ein Filmwissen, das Wissen vom Film, das ständig wiederholt und kombiniert wird, vielmehr reflektiert er mit der Installation Manifesto genau dieses auf ebenso extreme wie exzellente Weise. So wird den sich ständig wiederholenden 12 Einzelfilmen, die alle 10 Minuten und 30 Sekunden dauern, ein Prolog von 4 Minuten vorangestellt. Im Prolog oder Intro ist fast nichts zu sehen, weshalb es mit dem Ton gerade zur Erzählung auffordert. Doch die Erzählung ist nicht einfach das, was als Film zu sehen gegeben wird: 

Mit einem anschwellenden Zischen züngelt sich ein flackernd pulsierendes Farbgebilde auf die schwarze Leinwand. Man braucht etwas Zeit, um zu erkennen, was da die Projektionsfläche erobert. Es ist eine Lunte, mit der Julian Rosefeld sein Filmprojekt Manifesto zündet: Ein Manifest will herkömmliche Vorstellungen sprengen…[7]

 

Wie ein abstraktes Gemälde, das in Bewegung gerät, spricht das „Farbgebilde“ als Urszene des Manifests den Augensinn an. Die Naheinstellung auf die zündelnde Lunte und die daraus resultierende extreme Vergrößerung bei der Projektion – Director of Photography: Christoph Krauss – generiert mit Ton und Text eine Wahrnehmung, die vom Manifest erzählt. Im Prolog kombiniert Julian Rosefeldt als voice over Karl Marx‘ und Friedrich Engels Formulierung aus dem Kommunistischen Manifest von 1848 „Alles Ständische und Stehende verdampft, …“, in der englischen Übersetzung „All that is solid melts into air“. Gleichzeitig zitiert er damit den gleichlautenden Buchtitel von Marshall Berman von 1982 mit der Erweiterung „The Experience of Modernity“. Rosefeldts Manifest-Lektüren werden auf diese Weise Bild und Filmsequenz in einer 4-minütigen Einzeleinstellung.

 

Bevor man anfängt zu erzählen, was sich erst nach „etwas Zeit“ zu sehen gibt, sollte man die genaue Inszenierung des Visuellen[8] zwischen dem Unsichtbaren und dem Sichtbaren bedenken. Selbst wen die Einzeleinstellung als Prolog nicht besonders zu faszinieren vermag, wird zugeben müssen, dass Rosefeldt die Eröffnungssequenz mit den filmischen Mitteln der Kamera von „close-up and extreme slow motion“ sowie „out-of-focus“, also extreme Unschärfe, genau formuliert und konzipiert hat. Es geht darum, mit den Mitteln des Films in der Verschaltung mit dem Ton zu allererst zu sehen zu beginnen. 

Darkness. A burning and sparking fuse cord of a large fireworks rocket, seen in close-up and extreme slow motion. We see hundreds of sparks out-of-focus, drifting away, until the rocket ignites in a spray of fire…[9]        

 

Motion Image und Narration funktionieren über die Wiederholung. Im Obdachlosen-Film werden in einer Sequenz alte Frauen auftreten, die Lunten von Feuerwerksraketen anzünden, während der Obdachlose an ihnen vorbeizieht. Die Einstellung ist nicht nur scharf oder im Fokus, sie fasziniert auch durch die spektakuläre Aufsicht mit einer Drohne, die nun die explodierende Feuerwerksrakete von oben filmt. Die Feuerwerksrakete funktioniert als narratives Vehikel für die Erzählung vom Manifest und der Erfahrung der Moderne, die sich in den Ruinen einer postindustriellen Welt abspielt. Das technisch wie narrativ brillant eingesetzte Medium Film wird im Highend-Bereich auf sich selbst auf seine Praktiken befragt. 

… In the foreground is a grumpy bearded homeless man in a greasy dirty coat with a trolley of plastic bags, and his old black dog who barks at the rockets. Cut tot he exploding rockets in the winter sky, now seen from a drone’s perspective underneath us. Far below are the three women, and the homeless man who slowly starts to walk away. Slow drone flight through the post-industrial landscape, away from the scenery, across the roofs of abondoned factories…[10]

 

Jeder einzelne der 13 Filme reizt zur Schaulust. Der Film mit den Manifesten des Vorticism, Blue Rider und Abstract Expressionism mit Texten von Vassily Kandinsky Franz Marc, Barnett Newman und Wyndham Lews beginnt mit einem langen Zoom-out von der spektakulären Seenlandschaft an der Havel über die Terrasse mit rauchenden Menschen in den Wohnraum einer Villa. Der lange Zoom-out mit der Stimme von Cate Blanchett als CEO einer Firma lässt das Naturszenarium in Machbarkeitsphantasie von Managern kippen. Kameratechnisch wie narrativ in einer denkmalgeschützten, modernistischen Villa an der Havel funktioniert der Kurzfilm auf atemberaubende Weise. Reine Fälschung in der Kombinatorik von Readymades bringt eine politisch durchaus brisante Kritik am Wirtschaftssystem hervor. 

We do not need the obsolete props 

On an outmoded and antiquated legend 

WE ARE FREEING OURSELVES OF THE IMPEDIMENTS OF MEMORY, ASSOCIATION, NOSTALGIA, LEGEND AND MYTH 

We are creating images whose reality is self-evident, both sublime and beautiful  

  

Die Absage an die Legende und den Mythos produziert auf diese Weise den Mythos vom Manifest selbst. Und in den wechselnden Rollen der Alltagsprofile von Menschen wird Cate Blanchett zur großen und zugleich verschwindenden Mythologin. Die Geschichte als Historie findet statt als Puppenspiel mit den Gesichtern von Marx, Engels, Kohl, Honecker, Adenauer, Ulbricht etc. Die Puppenspielerin bewegt sich und ihre Puppen der Geschichte eher als Realistin – „We are still living under the reign of logic.“ – denn als Surrealistin. Die großen Realisten – oder doch Träumer der Geschichte – sind sozusagen alle aufmarschiert. Kohl staatsmännisch im Frack (Puppet master: Suse Wächter) und paradoxal mit „Reason does not create“ kombiniert kippt ins Ironische. „Existence is elsewhere“, ruft die Puppenspielerin, das Manifest des Surrealismus zitierend herüber. Kritik und Komik entspringen bei Rosefeldt einer Filmpraxis, die Geschichte nicht zuletzt als Personal eines Puppenspiels vorführt.

 

Welche Geschichten wird man sich noch alle erzählen und erträumen können? - Manifeste sind Männersache. Das vielleicht jüngste und letzte Manifest an der Schnittstelle von Kunst, Politik und Information stammt vom „2008-06-02 00:00:00“ als datenschutz-manifest von erdgeist alias Dirk Engler aus dem CCC (Chaos Computer Club).[11] Die millisekundengenaue Nullsetzung – 00:00:00 (Uhr) – des Manifest-Eintrags geht über die formulierten Forderungen des Chaos Computer Clubs zur Vorratsdatenspeicherung hinaus. Sie soll mit der Geste eines Neuanfangs und der Textsorte Manifest einen Bruch und Anfang markieren. Dieses Zusammentreffen von Bruch und Anfang strukturiert die Manifest-Literatur nahezu ausschließlich jüngerer Männer um die Dreißig stark. Karl Marx war 1848 dreißig Jahre alt, Friedrich Engels 28, Dirk Engler etc. auch. Bezüglich der Manifesto-Filme lässt sich damit eine Verschiebung beobachten. Die Texte werden von Frauen gesprochen bzw. von einem älteren Obdachlosen.

 

Während die Manifest-Literatur durch den Bruch mit der Geschichte bzw. Tradition, alltäglichen Praktiken wie der „Speicherung von Verbindungsdaten“ und häufig befehlsförmiger Forderungen – „Sofortiger Stopp der Vorratsdatenspeicherung“ – auf unmissverständliches Verstehen angelegt ist, wird sie in den Collagen auf ganz andere Weise als Modus von Sprache und Sprechen inszeniert. Die Sprecherinnen kippen wiederholt in ein tonlos, automatisches Sprechen oder in den Ton einer Trauerrede, einer Börsenmeldung oder einer Nachrichtensprecherin, einer Reporterin im Regen etc. Durch die Gender-Verschiebung und die starke Inszenierung des Sprechens generiert Rosefeldt einen polyphonen Klang des Manifests, der durch die Gleichzeitigkeit der Performance im Raum der Installation entsteht. Der Sinn wird sinnlich durchkreuzt, ließe sich sagen.

 

Durch die Gleichzeitigkeit der Filme, Texte und Töne werden neue Erzählungen generiert, die sich in ihrer Vieldeutigkeit nicht anhalten noch festlegen lassen. In der „Filminstallation“ gibt es eben nicht nur einem Sprecher, der eine lineare Geschichte erzählen könnte, vielmehr erweist sich die Multi-Kanalität als eine Multimedialität, in der sich die Genres der Künste, statt synchron zu verlaufen, ständig überschneiden. So durchkreuzen sich die Filme auf ebenso witzige wie komische, ja unheimliche Weise. Das Rollenbild und -fach des Hollywoodstars wird mit der Gleichzeitigkeit der 13 Rollen auch grandios unterlaufen. Ist es mehr die Maske (Make-up Artist: Morag Ross, Hair Artist: Massimo Gattabrusi) oder die artistische Verwandlungskunst der Schauspielerin Cate Blanchett, welche Manifest-Collagen spricht, die das Unheimliche und die Unhomeliness (Homi K. Bhaba) generieren.

 

 

 

Zu den Erzählungen vom Kino als Filmgenre gehört das Name-dropping der Stars, das gar nichts sagt und doch zur Projektionsfläche des Films gehört. Cate Blanchett als Penner auf dem Teufelsberg. Cate Blanchett als Ballettlehrerin im Friedrichstadtpalast. Cate Blanchett als Nachrichtenmoderatorin im ZDF-Hauptstadtstudio. Cate Blanchett als Lehrerin in der Metropolitan School in der Linienstraße. Cate Blanchett als Müllwerkerin in der Müllverbrennungsanlage ... Zur Filminstallation von Manifesto gehört auch, dass der vielversprechende Name der Filmschauspielerin in die Medien eingespeist wird, als habe Meryl Streep schon den Berlinale-Teppich betreten. So macht denn auch der Friedrichstadtpalast eine Pressemeldung zur Premiere von Manifesto, weil Cate Blanchett mit dem Ensemble von THE WYLD unter höchster Geheimhaltung auf der größten Showbühne der Welt gedreht hat. Das Kino lässt den Namen und die Bilder der Stars endlos zirkulieren. Show wird mit Filminstallation im Hamburger Bahnhof verknüpft.

 


Foto: Barbara Schmidt

 

Manifesto ist ein Berlin-Film. Die Drehorte befinden sich überall in und um Berlin. Ob es der Südwestkirchhof in Stahnsdorf mit der Holzkirche ist oder der Friedrichstadtpalast oder die Metropolitan School etc. Die Locations sind auf Wiedererkennung und Überraschung angelegt. Denn genau daraus werden Kino und Geschichten gemacht. Auf der Pressekonferenz entschuldigte sich Julian Rosefeldt geradezu, dass er die Manifeste der Konzeptkunst mit dem Nachrichtenstudio und der Live-Schaltung zur Reporterin, beides Cate Blanchett, verknüpft hat. Das Nachrichtenstudio wird gerade in jenen Einstellungen gezeigt, die dem Fernsehzuschauern nicht gezeigt werden. Eine Assistentin wechselt unter dem Tisch die Schuhe der Nachrichtensprecherin, während diese die Konzept-Manifest-Texte wie Nachrichten verliest. Das ist in Zeiten schimpfender Wutbürger und Hasstweets eine heikle Inszenierung, die Julian Rosefeldt vermutlich nicht einmal ahnte, als er sie konzipierte. Die vermeintlich geschichtslose Gegenwartskunst trifft auf diese Weise hochpolitisch in ein Cluster von Gegenwartserzählungen - und seien sie noch so falsch.   

 

Man sollte sich Zeit nehmen für Manifesto im Hamburger Bahnhof, weil sich immer wieder Neues lesen, entdecken lässt. Ist das ein Cameo, wenn eine Frau in ganz anderer Maske wortlos vor dem Spiegel sitzt, sich den Lippenstift nachzieht und die Kamera vorbeifährt? 90 Minuten sind eigentlich zu wenig für Manifesto. Um systematisch vorzugehen, müsste man mehr als 128 Minuten investieren. Aber darauf ist Manifesto eben gar nicht angelegt. Und dann braucht man natürlich noch den exquisiten Katalog, der Künstler-, Dreh- und Textbuch sowie Kommentar zugleich ist. Im Blättern und Lesen entstehen dann weitere Geschichten. 

 

Torsten Flüh 

 

Julian Rosefeldt 

Manifesto 

Hamburger Bahnhof 

Museum der Gegenwart 

Invalidenstraße 50–51 

10557 Berlin  

10. Februar bis 10. Juli 2016 

 

Katalog

Julian Rosefeldt
Manifesto
Koenig Books, London
Museumsausgabe 27,- €

 

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[1] Julian Rosefeldt: Manifesto. Eine Filminstallation in zwölf Szenen. London: Koenig Books, 2016, S. 7.

[2] Ginka Steinwachs hat das literarische Konzept der „Originalfälschung“, der „wiederschrift“ oder des „Fake“ in ihren Schriften G-L-Ü-C-K (1992) und Falschgeld der Poesie (1994) ständig weiterentwickelt.  Ginka Steinwachs: G-L-Ü-C-K. rosa prosa. Originalfälschung. Suhrkamp: Frankfurt am Main. 1992. Ginka Steinwachs: Falschgeld der Poesie. Wien: Kubus, 1994.

[3] André Breton: Manifeste du surréalisme. Paris, 1924. (auf wikilivres)

[4] Ebd..

[5] Juliane Rebentisch: Theorien der Gegenwartskunst. Hamburg: Junius Verlag, 2013, S. 107.

[6] Siehe: Torsten Flüh: Die hängenden Alphabe(e)t-Gärten. Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum eröffnet. NIGHT OUT @ BERLIN 18. November 2009 22:45

[7] Anna-Catharina Gebbers und Udo Kittelmann: TO GIVE VISIBLE ACTION TO WORDS. In: Julian Rosefeldt: Manifesto [wie Anm. 1] S. 83.

[8] Vgl. dazu auch: Torsten Flüh: Ins Licht gestellt. James Turrells Lichtinstallation in der Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs. NIGHT OUT@ BERLIN 23. Juli 2015 20:32.

[9] Julian Rosefeldt: Manifesto [wie Anm. 1] S. 5.

[10] Ebd. S. 8.

[11] Dirk Engler wurde 1978 geboren und war 2008 30 Jahre alt. Dirk Engler: about erdgeist. http://erdgeist.org/about/


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