Identität, Geister und Musik - Zu Colm Tóibíns Mosse-Lecture The Silence between

Geister – Musik – Nachbarschaft 

 

Identität, Geister und Musik 

Zu Colm Tóibíns Mosse-Lecture The Silence between 

 

Brooklyn von Colm Tóibín, das 2009 den namhaften englischen Costa Book Prize gewann, wurde seit April 2014 in Enniscorthy, County Wexford, südlich von Dublin verfilmt. Die Verfilmung des Romans aus dem Irland der 1950er Jahre mit der bereits zuvor für einen Oscar nominierten, jungen, irischen Schauspielerin Saoirse Ronan wird im Frühjahr 2015 vermutlich irgendwo zwischen O’Connell Street mit dem Savoy Cinema in Dublin und Broadway Premiere feiern. Brooklyn erzählt die Geschichte der jungen Ellis Lacey, die nach New York auswandert, in einer Pension in Brooklyn unterkommt und nach Irland zurückgerufen wird. Eine irische Auswanderergeschichte zwischen der Armut in der irischen Provinz und den Versprechen der Weltstadt New York. Eine Erzählung „between duty and one great love“, wie es im Klappentext von Pinguin Books heißt. 

Die Mosse-Lectures handeln in diesem Semester von Literarischen Nachbarschaften/Literary Adjacencies, wie schon im Oktober von Reinhard Jirgl und seinem Vortrag berichtet wurde. Doch so einfach ist es mit den Nachbarschaften nicht. Wie schreiben und lesen internationale Autoren ihre eigenen Texte, wenn sie einerseits an frühere Autorinnen andocken, über diese Schreiben und sich dennoch unterscheiden. Wer sitzt wem beim Schreiben im Nacken? Welche Geister folgen wem oder verfolgen wen? Diese Frage ist unter anderem bei Colm Tóibín deshalb spannend, weil er 2004 den Henry-James-Roman The Master veröffentlichte und damit 2005 den amerikanischen Lambda Literary Award in der Kategorie Gay Fiction gewann, während Daniel Mendelsohn bereits am 20. Juni 2004 in der New York Times mit The Passion of Henry James eine Kontroverse darüber eröffnet hatte, ob die Schwäche des Romans nicht in „a larger failure of sympathy“ liege. 

Prof. Klaus Scherpe, Initiator der Mosse-Lectures, und Prof. Tobias Döring, Professor für Englische Literaturwissenschaft mit den Schwerpunkten Postcolonial Studies und Shakespeare an der Ludwig-Maximilians-Universität, München, eröffneten die Lecture. Nach Daniel Mendelsohn wurde die Schreibproduktion von The Master durch ein hoch ambivalentes Spiel von Distanz und Nähe zwischen dem Roman-Autor und seinem Meisterautor Henry James begleitet. Die Schwierigkeit lag für Tóibín 1993 nicht zuletzt darin, über „his homosexuality“ zu schreiben. Obwohl er Kritiken und Anthologien über schwule Bücher und Autoren „openly gay“ geschrieben hatte, war es ihm nicht möglich, über die subjektivierte Homosexualität zu schreiben. Diese Konstellation arbeitet Daniel Mendelsohn in seinem mehr schon einem Essay als einem Review gleichenden Artikel im Verhältnis zu Henry James heraus. Jener habe es 1895 abgelehnt, nach einer Anregung in einem Brief von Mrs. Daniel Sargent Curtis aus Venedig eine „appreciation“ (Würdigung) über den Autor von A Problem of Greek Ethics, John Addington Symonds, zu schreiben. Doch er hatte knapp ein Jahr nach dem Tod Symonds am 19. April 1893 am 26. März 1894 bereits über ihn (fiktiv) in der Kurzgeschichte The Author of Beltraffio geschrieben, die er in seinen Tagebüchern oder Notebooks als „unnatural“ bezeichnete, und die im Juni und Juli des gleichen Jahres im English Illustrated Magazine publiziert wurde. 

Insofern als mit der Schwierigkeit der AutorschaftThe Author of Beltraffio (1894) – der anfängliche, wenn nicht der erste Gebrauch des Neologismus „homosexual (passions)“ durch John Addington Symonds in der Eröffnung seiner Schrift A Problem of Greek Ethics, veröffentlicht 1873 als Privatdruck, verknüpft ist, überschneidet sich die Frage der Autorschaft mit der der Nachbarschaft gleich auf mehrfache Weise. Anders formuliert: „homosexual“ und „homosexuality“ werden von Symonds 1873 in einer Fiktion von der griechischen Zivilisation und Gesellschaft gebraucht, was mündlich durch Gerüchte und durch Schriften wohl an Henry James gelangt sein dürfte, weil sich der Text an einer prominenten Schnittstelle von Philosophie (Ethics), Altertumswissenschaft bzw. Classics (Greek), Pädagogik, Reiseliteratur, Kulturtourismus in Italien des englischen und amerikanischen Bürgertums sowie Lebenspraxis situiert. Verschärft wird das Thema der Homosexualität durch das Thema der „Paiderastia“ als klassisches Bildungs-, Erziehungs- und Liebesprogramm.  

In der Kurzgeschichte vom titelgebenden Autor (The Author of Beltraffio) lässt Henry James den 7jährigen, kränklichen Sohn des Autors, Dolcino, sterben. Die Autorschaft wird nicht zuletzt mit dem Besuch des Autors „Mark Ambient“ durch den Ich-Erzähler gedoppelt und darüber bereits in einen Prozess der Fiktionalisierung hineingezogen. Der Empfehlungsbrief für den Besuch beim bewunderten Autor, wird nicht gleich eingesetzt. Das Motiv der Bewunderung stellt den Autor nicht zuletzt vom Hörensagen und dem fünfmaligen Lesen einer Veröffentlichung her. 

Much as I wished to see him, I had kept my letter of introduction for three weeks in my pocket-book. I was nervous and timid about meeting him,—conscious of youth and ignorance, convinced that he was tormented by strangers, and especially by my country-people, and not exempt from the suspicion that he had the irritability as well as the brilliancy of genius. Moreover, the pleasure, if it should occur (for I could scarcely believe it was near at hand), would be so great that I wished to think of it in advance, to feel that it was in my pocket, not to mix it with satisfactions more superficial and usual. In the little game of new sensations that I was playing with my ingenuous mind, I wished to keep my visit to the author of Beltraffio as a trump card. It was three years after the publication of that fascinating work, which I had read over five times, and which now, with my riper judgment, I admire on the whole as much as ever.  

Die Doppelung des Autors zeitigt in The Author of Beftraffio nicht nur Effekte von Sympathie und Bewunderung für den gelesenen Autor als Experten der Renaissance, vielmehr wird der „genius“ des Autors auch mit „my ingeniuous mind“ des Erzählers verkoppelt. Die Verschränkung der Lektüre wird mit der Wahrnehmung des Erzählers und einem kleinen Spiel neuer „sensations“ in der Bedeutungsvielfalt von Gefühl, Empfindung, Sinneseindruck etc. selbst thematisiert. Geradezu geisterhaft leitet den Erzähler nicht nur die Lektüre der Romane von Mark Ambient als Fiktion, vielmehr noch begleiten ihn die fiktiven Charaktere oder „figures“ durch Rom und Florenz, weil Mark Ambient sie „so vividly“ auf ihre Füße gestellt hatte. Die Lektüre lässt den Erzähler in seiner Begeisterung mit den fiktiven oder künstlichen ebenso wie künstlerischen „figures“ Städte wie Florenz durch Szenen sehen. Henry James formuliert damit nicht nur geisterhafte Szenen durch Leseszenen. Indem er den Forscher Symonds insbesondere zum Roman-Autor macht, die Lektürepraxis mit Besuchen an Erzählszenen medial verknüpft und so „a kind of æsthetic war-cry“ zwischen „fiction“ und „non-fiction“ ansiedelt, wird die Fiktion als Unterscheidungskriterium von Literaturen überholt.   

The scene of one of his earlier novels was laid in Rome, the scene of another in Florence, and I moved through these cities in company with the figures whom Mark Ambient had set so vividly upon their feet.

Der Autor als Leser eines Autors wird, soviel lässt sich sagen, obwohl der Berichterstatter kein Experte für Henry James ist, zumindest wiederholt als Schreib- und Erzählbewegung eingesetzt. In The Turn of the Screw, wie mit der Aufführung von Myfanwy Pipers und Benjamin Brittens Oper in der Staatsoper besprochen worden war, geht es um ein Manuskript, das gelesen werden soll und um eine vielfältige Verschachtelung des Erzählens vom Erzählen und auch des Lesens. Die Verschachtelungen von Erzähl- und Leseszenen beispielsweise des Erzählers in der Oper, der von dem Manuskript erzählt, das von Kindern erzählt, die bzw. der Haushälterin von Geistern erzählen, die sich von Ereignissen oder Dingen erzählen, die nicht genannt werden oder benannt werden dürfen oder nicht können, ist unauflöslich mit der Frage nach Geistern und dem Wissen verknüpft. Im Leseprozess kann es dann schon einmal passieren, dass das erzählte Leben mit der Lebendigkeit der geisterhaft auf die Füße gestellten Figuren verwechselt oder für eins genommen wird. Gerade die Identifikation des Leser-Erzählers mit dem Autor, wie er sich aus der Lektüre eines „æsthetic war-cry“ hergestellt hatte, reißt auch die Identität als Leseprozess auf.   

Der Exkurs zu Henry James in einer Besprechung zu Colm Tóibín und seiner Mosse-Lecture über „Music and the Novel“ erscheint dem Berichterstatter deshalb wichtig, weil Tóibín neben Edith Wharton, Thomas Mann, Ernest Hemingway und James Joyce insbesondere auf Henry James eingegangen ist. Tóibín stellte in seinem Vortrag die These auf, dass im bürgerlichen Roman (novel) nicht mehr von der Religion, dem Glauben und der Seele geschrieben werde. Edith Wharton benutze einen Opernbesuch und eine Aufführung der Oper Faust von Charles Gounod lediglich, um die materialistische Gesellschaft New Yorks in den 1870er Jahren als eine stabile darzustellen, „the study is a secular space, …, as his dreams and amibitions are secular, as the world around him is concered with material things“. Whartons Age of Innocence widerstehe der Kraft der Musik. Mit anderen Worten: der Roman als Gattung widersetzt sich der Kraft der Musik, weil er sich in einer sekularen Welt lediglich für materielle Dinge[1] interessiert.[2] Thomas Mann dagegen mache in seinem Roman Der Zauberberg die Musik zu einem Agenten der Tiefe und des Geistigen bis hin zum Gespenstischen. „Music and religion comes from an unearthly place; they are alien to the novel and the novelist”.  

Colm Tóibín verschärfte die Frage nach der Musik im Roman darauf hin, dass der Roman wegen der Prosa sich im Unterschied zur Lyrik oder Poesie gegen die Bedingungen der Musik stelle. Die Vertreibung der Musik, ließe ich mit Tóibín formulieren, aus dem Roman lässt sich auch als eine Vertreibung von Religion und Seele formulieren. Als Ausnahmen für Romanautoren, die der Religion sonst widerstünden, nannte er Graham Greene,  Georges Bernanos, Brian Moore, Willa Cather und Marilynn Robinson. Sie hätten auch über das religiöse Leben geschrieben. Und schließlich sei Ernest Hemingway 1926 zum Katholizismus übergetreten. Seine Vorstellung Ernest Hemingways als katholischen Schriftsteller spitzte er daraufhin zu, dass es eine Eigenschaft von Katholiken sei, „that we like to make jokes about the most sacred things, that blasphemy and mockery are actually signs of faith, a nervous response to its power”.  

Die Identifikation, die Colm Tóibín mit katholischen Romanschriftstellern in „that we like to” formuliert, wird auch zu einer Frage der Identität des irisch-katholischen Schriftstellers, dem es schwerfiel, über „his homosexuality“ zu schreiben, der The Master geschrieben hat und sich damit bis an die Ur-Sprünge des Neologismus „homosexual“ bei Symonds vorwagte. Insofern als mit dem Begriff Homosexualität in seinem Bedeutungsspektrum von klassischem Erziehungsprogramm der „Paiderastia“ bei Symonds über die Pädagogik der „Governess“, nicht zuletzt in The Turn of the Screw, dem Geist Peter Quint und Konzepte von Natur ebenso wie Krankheit bis zur Psychologie angesprochen werden, treffen diese das Feld des Glaubens im Katholizismus. Denn im Katholizismus wird seit dem 19. Jahrhundert die Frage der Schuld der Homosexualität auch naturalisiert. Homosexualität gilt exegetisch und kirchenrechtlich als wider die Natur. Modelle der Natur beispielsweise bei Jean Jacques Rousseau werden vom Katholizismus im 19. Jahrhundert adaptiert und religiosisiert. Das Dilemma von Homosexualität und (katholischer) Religion wird für den Autor Colm Tóibín vor der „Irishness“ der Fianna Fáil (Soldaten des Schicksals oder/und Soldaten Irlands) zum Identitätsproblem, insofern als die Irishness über den Katholizismus formuliert wird. 

Tóibíns These, dass der Roman und die Romanschreiber die Musik wie die Religion aus ihren Werken ausschlössen, führt, anders gesagt, die Frage der Identität mit sich, die von ihm mit dem katholischen Romanautor beantwortet wurde. Er trug in seiner Mosse-Lecture das Katholische und den Katholizismus geradewegs an Henry James heran, weil dieser nicht nur von Religion geschrieben habe, sondern auch über „beauty and generosity“. „He creates in these characters someone who wants something from life itself which cannot easily be named without using terms borrowed from religion; it includes beauty and generosity, but it embraces something further – grace, redemption, salvation – that can be more easily imagined than attained.” Insofern die Frage der Schönheit mit der Religion verknüpft wird, entpuppt sich das Schöne auch als ein Problem in dem Henry-James-Roman The Master, worauf Daniel Mendelsohn hingewiesen hatte:  

But Toibin's book is concerned less with the creation of a single work than with something at once much bigger and much more elusive: the nature of an entire artistic consciousness (and a very great consciousness at that). Here is where ''The Master'' is both most suggestive and most problematic. 

Mit All a Novelist Needs - Colm Tóibín on Henry James erschien 2010 ein weiteres Buch über Henry James, der in der Mosse-Lecture in der Verschränkung von Religion und Schönheit zumindest als ein überraschender Zeuge aufgerufen wurde. Doch das Problem der Schönheit wird von Henry James bereits in The Author of Beltraffio prominent angesprochen, wenn es um das Verhältnis von Leben, Kunst und Schönheit geht. Für Dolcino wird möglicherweise gerade die Verwechslung von Leben und Kunst in einer Übertragung tödlich, wenn der Erzähler in der Eröffnungspassage den Jungen zum ersten Mal sieht, die Mutter sich zuvor als das komplette Gegenteil ihres Mannes vorgestellt und verortet hatte und es dann im triangulären Gespräch - Erzähler, Mutter, Erzähler, Sohn - heißt: 

"That's an extraordinary little boy of yours," I said. "I have never seen such a child." 

"Why do you call him extraordinary?" 

"He's so beautiful, so fascinating. He's like a little work of art." 

He turned quickly, grasping my arm an instant. "Oh, don't call him that, or you'll—you'll—!" And in his hesitation he broke off suddenly, laughing at my surprise. But immediately afterwards he added, "You will make his little future very difficult."

Der begeisterte Erzähler wie Leser und Verehrer des Autors und Vaters verwechselt das Kind Dolcino mit „a little work of art“, was denn auch als ein Problem für die Zukunft vom Jungen überraschender Weise ver- oder belacht sowie zurückgewiesen wird. Colm Tóibín allerdings möchte Tiefe, Religion, Seele, Musik und Schönheit in einer möglicherweise verkannten Nachbarschaft zu Henry James in den Roman zurückholen. Henry James‘ Texte sind durch die vielfachen, oft widersprüchlichen Erzählrahmungen, bei denen sich nicht mehr so genau unterscheiden lässt, ob aus dem Erzähler nicht der Author of Beltraffio spricht, wenn er den kleinen Jungen zum ersten Mal sieht, uneinholbar. Unterschwellig schwingen dabei bereits die Konzepte von Homosexualität und „Paiderastia“, die sich mit Tiefe und Schönheit überschneiden können, um sich gerade dadurch als schwierig zu verraten. 

 

Torsten Flüh 

 

Nächste Mosse-Lecture: 

Lutz Seiler 

mit Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung 

›Die dunkle Seite des Mondes‹.  

Über Georg Trakl, Stefan George und Pink Floyd 

Donnerstag, 29.01.2015, 19 Uhr c.t. 

Dorotheenstr. 24, Hörsaal 1.101 

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[1] Anm.: Colm Tóibíns wirklich gewagte These zum Roman und der Prosa als einem Genre des Materialismus und der Dinge gibt vielleicht nicht nur zufällig einen Wink auf den Epochenbegriff des Realismus, wie er bei Theodor Fontane oder Theodor Storm verwendet wird. Doch das Ding und die Dinge in der Literatur sind höchst umstritten. Das reicht von dem „Problem des Dings, sofern es das zentrale Problem der Ethik ist“ (S. 150) bei Jacques Lacan in Ethik der Psychoanalyse bis beispielsweise zu den Schuhen als „Zeug“ (S. 307 ff) in RESTITUTIONEN von der Wahrheit nach Maß bei Jacques Derridas Heidegger-Lektüre. Lacan, Jacques: Die Ethik der Psychoanalyse. Das Seminar Buch VII. Weinhein, Berlin 1996. (Paris 1986), Derrida, Jacques: RESTITUTIONEN von der Wahrheit nach Maß. In: ders.: Die Wahrheit in der Malerei. Wien 1992. S. 301. (Paris 1978)

 


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