Verstrickung des Islam im europäischen Denken - Zur Podiumsdiskussion Von Cervantes bis Renan im Zentrum für Literatur- und Kulturforschung

Islam – Philologie – Nationalstaat 

 

Verstrickung des Islam im europäischen Denken 

Zur Podiumsdiskussion Von Cervantes bis Renan. Perspektiven auf eine europäische Geschichte des Islam im Zentrum für Literatur- und Kulturforschung 

 

Am 2. Juni wurde heute+ „monothematisch zur Frage Religion: – Kriegstreiber oder Friedenstifter?“ mit Daniel Bröckerhoff am späten Abend gesendet. Das Festival Rock am Ring auf dem Nürburgring war wegen einer Terrorwarnung gerade unterbrochen worden. Die Besucher wollten „Spaß haben“ (O-Ton). Religion, so das landläufige Narrativ in den Sozialen Medien, ist spaßfeindlich. Ein „Faktencheck“ der heute+-Sendung zerstreut per Analysen und Statistik des Instituts für Wirtschaft und Frieden von 2013 die hartnäckige Behauptung, die Religionen, und per Ikons – Stern, Kreuz, Halbmond mit Stern – sind damit die monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam gemeint, seien „Ursache“ für bewaffnete Konflikte.

 

Ein differenzierteres Bild zum Islam und den Religionen in Europa ergab die Podiumsdiskussion mit Nora Lafi (Leibniz-Zentrum Moderner Orient), Markus Meßling (Centre Marc Bloch) und Monika Walter (TU Berlin), moderiert von Daniel Weidner (ZfL), am Dienstagabend im Zentrum für Literatur- und Kulturforschung. Denn in der Arabistik, Romanistik und Orientforschung kündigt sich mit der Frage nach dem Islam und Europa nicht zuletzt durch die Kosmopolitismusforschung von Nora Lafi und Monika Walters Buch Der verschwundene Islam? Für eine andere Kulturgeschichte Westeuropas (2016) eine überraschende Sichtweise an. Walter geht als Romanistin, bei Miguel de Cervantes im 16. Jahrhundert einsetzend, von der Frage aus, wie der Islam in Westeuropa zum Verschwinden gebracht worden ist.

 

Das ist eine andere Sichtweise. Das Verschwinden des Islam aus der westeuropäischen Kulturgeschichte setzt erstens voraus, dass er überhaupt im Denken Europas von sich selbst vorhanden gewesen ist. Und zweitens interessiert sich die Romanistin damit für die publizistischen Anstrengungen im 19. Jahrhunderts, die Westeuropa als Sprach- und Kulturraum in dem Maße hervorgebracht haben, wie sie ihn vom Islam reinigen mussten. Die Forschung und die Diskussion setzen somit bei der landläufigen Behauptung ein, dass das Abendland immer schon ein rein christliches gewesen sei. Monika Walter widerlegt dies. Mit Markus Meßling konnte sich die Gesprächsrunde darauf einigen, dass es vor allem die neue Wissenschaft der Philologie nach Gobineau und Renan war, die den Islam auf sprachlicher Ebene diskreditierte.

 

Die Kurznarrative der „Islamhetze im Netz“, wie sie in der diskursivierenden Nachrichtensendung heute+ zitiert werden – „Scheiß Religionen. Totaler Schwachsinn und ohne sie wäre die Welt friedlicher.“[1] –, formieren heute die Wahrnehmung des Islam und der Religionen. Derartige Kurznarrative bereinigen komplexe Prozesse des Verhältnisses von Staat und Religionen. Lässt sich mit einer „andere(n) Kulturgeschichte“ dagegenhalten? Welche Aufgaben kommen der Philologie zu, wenn die Narrativ- und Wissensbildung aktuell über 140 Zeichen, derart massiv stattfindet, dass sich daraus Tagespolitik und Strukturentscheidungen generieren? Eine andere Kulturgeschichte über einen Zeitraum von ca. 400 Jahren Vormoderne und Moderne, an deren Anfang prominent Miguel de Cervantes mit seinem zweibändiger Roman Don Quichote steht, setzt auf die Langform.

 

Monika Walters andere große Geschichte der Kultur Westeuropas entfaltet sich auf über 500 Seiten. Sie formuliert mit Spaniens Nationaldichter Cervantes (1547-1616) als wenigstens einem, wenn nicht dem Verfasser des modernen, europäischen Romans die nordafrikanisch, muslimische Stadt Algier auf unerwartete Weise als kosmopolitisch. 

Zugleich war Algier damals eine ausgesprochen kosmopolitische Stadt und mit über zwölftausend Einwohnern sogar größer als Rom. Fortwährend durchzogen sie Wanderbewegungen von Gefangenen, Geschäftsreisenden, Mönchen, Spionen und Abenteurern aus Europa und anderen Teilen der Welt. Erfolgreiche Glückssucher lebten neben glücklosen Hungerleidern, aber das Wagnis des Überlebens zwang alle zu ständiger Anpassung.[2]

 

Nora Lafi konnte als Arabistin und Stadtforscherin aus Frankreich bestätigen, dass Algier im 16. Jahrhundert von einem islamischen Kosmopolitismus geprägt war. Zusammen mit Ulrike Freitag hat sie 2014 bei Routledge Urban Governance Under the Ottomans – Between Cosmopolitanism and Conflict herausgegeben.[3] Die Ottomanen oder Türken des Osmanischen Reiches, das sich 1566 westlich bis weit hinter Algier, nördlich bis Buda und südlich bis Aden am Golf von Aden erstreckte[4], regierten über man möchte fast sagen elastisch-kosmopolitische Strukturen das großflächige Reich. Der Romanschreiber Cervantes geriet durch mancherlei Umstände, die Monika Walter detailliert ausführt, als christlicher Sklave nach Algier. 

Hassan Pascha war einst vom einfachen venezianischen Handwerker zum Renegaten und dann zum mächtigsten Mann von Algier aufgestiegen. Er (Cervantes, T.F.) wusste aus den Nachfolgekämpfen der Osmanen, dass sogar ein niedrig geborener Muslim durchaus zum obersten Herrscher aufsteigen konnte. Wie ihre mächtigen Verbündeten schätzten auch die Korsaren unter den christlichen Gefangenen weniger das Buchwissen als die Fertigkeiten von Soldaten und Handwerkern. Ein bunt gemischtes Volk verwob hier ständig Sprachen, kulturelle Bräuche und soziale Fertigkeiten zu einer „off­enen und überaus beweglichen Gesellschaft.“ Der Papst verteufelte in gedruckten Flugblättern die korsarischen Renegaten als Monsterwesen. Wohlweislich verschwieg er ihren ausgesprochen modern anmutenden Abenteuergeist eines homo faber, der selbstbestimmt dem schnellen Aufstieg nachjagt, „ohne irgendwo auf Religion oder Ruhm zu schauen.“ Sehr wohl erinnert er an Don Quijotes Ausspruch: „[…] da jedermann der Sohn seiner Taten ist.“[5]

 

Miguel de Cervantes wird trotz oder vielleicht gar wegen seiner Gefangenschaft in Algier zum prägenden Schriftsteller des »Siglo de Oro«, das vor ziemlich genau einem Jahr in der Gemäldegalerie in bis dahin nicht gekanntem Umfang unter der Schirmherrschaft Seiner Majestät Felipe IV. König von Spanien und Bundespräsident Joachim Gauck präsentiert worden war. In der Einordnung des »Siglo de Oro« in die „Kunst- und Kulturgeschichte Europas“ durch Henrik Karge kommt der Aspekt des Islam bis auf die „Vertreibung der Morisken im Jahr 1609“[6], den ohnehin schon zum Christentum zwangskonvertierten Mauren also nordafrikanischen Nomaden meist vorherigem islamischen Glaubens, gar nicht erst vor. Vielmehr wird Cervantes mit dem „epochale(n) Roman Don Quijote erschienen in zwei Teilen 1605 und 1615“ von ihm zum Kronzeugen für das Zeitalter gemacht.[7]

 
Jusepe de Ribera: Vision des Balthasar, 1635 (El Siglo de Oro, 2016)

Tatsächlich erweist sich Cervantes als eine, wenn nicht die entscheidende Schnittstelle für das »Siglo de Oro« und den Islam in Westeuropa. Doch Karge schreibt an jenem akademischen Spanien-Narrativ[8] weiter, dessen Konstruktion Monika Walter bezüglich des Islam erforscht. Visuell und kunsthistorisch verschwindet der Islam völlig aus dem Kreis der Bilder für Spanien. Womöglich ließen sich in der geometrischen Perspektivität der Stillleben von Sànchez Cotán statt eines „Naturalismus“ Spuren der osmanischen Mathematik herausarbeiten. Doch die Kunst- und Kulturstrategien des »Siglo de Oro« sollten das Spanische als Katholisches allererst sichtbar und lesbar machen, worauf Monika Walter eingeht: 

Mit der Frage nach dem Recht, sich Spanier zu nennen, verlassen wir allmählich dieses Vorspiel. Es ist kein Zufall, dass diese Frage ausgesprochen aktuell klingt. Immer wieder bekräftigte der Schriftsteller Juan Goytisolo sein Urteil über die españolidad als einer „problematischen Identität“, „die es in Frage zu stellen gilt.“ Unversehens sind wir in eine Gegenwart gelangt, in der seit Jahrzehnten Debatten um die Frage kreisen, ob Muslime auch Spanier, Franzosen, Deutsche oder einfach Europäer sein können. Interessanterweise ist die muslimische Massenzuwanderung, wie sie ganz Westeuropa seit den 1970er Jahren erlebt hat, in Spanien „die Rückkehr der Morisken“ genannt worden. Mit dieser Formel rückt die spanische Wirklichkeit von 1600 ganz nahe an die heutige Zeit heran. Nun hat diesem Vorspiel ein Kunstgriff­ zugrunde gelegen, wie ihn Historiker und Philologen sehr wohl kennen. Denn richten sie nicht jene Fragen, die eine gegenwärtige Gesellschaft an sie heranträgt, gerade auf vergangene Epochen?[9]

 
Luisa Ignacia Roldán: Die Jungfrau Maria als Kind mit den Heiligen Joachim und Anna, um 1692-1704 (El Siglo de Oro, 2016)

Das Podiumsgespräch zwischen Nora Lafi, Markus Meßling und Monika Walter mit Daniel Weidner fand zwei Schnittbereich zu einer europäischen Kulturgeschichte des Islam. Einerseits lässt sich durch die aktuelle Arabistik, wie sie von Nora Lafi formuliert wird, ein Kosmopolitismus als Kulturpraxis im Osmanischen Reich namentlich mit Algier als Paradigma herausarbeiten. Dem Kosmopolitismus steht seit dem 16. Jahrhundert eine Reinigungs- und Homogenisierungspolitik in Spanien entgegen, wie sie insbesondere durch die Jesuiten betrieben wird. Mit der Vertreibung der Morisken werden auch noch die letzten islamischen Spuren getilgt. Der andere Schnittbereich ist die Formulierung einer Philologie durch Gobineau und Renan im 19. Jahrhundert, während in der Aufklärung des 18. der Islam bei Lessing, Herder und Voltaire noch eine öffnende Rolle spielte. 

Ausgangspunkt meines Buches ist [...] ein Paradox. Es ist durchaus eine Fülle von Büchern und Schriften vorhanden, die in drei Jahrhunderten von Orientalisten, Arabisten, aber auch von Aufklärern wie Lessing, Herder und Voltaire zu den Themen „Europa und Orient“, „Westen und Islam“ geschrieben worden sind. Hinzukommen noch jene Überblicksgeschichten, die seit den 1960er Jahren erschienen und die klassischen Orient-Studien als kritische Wissensbilanzen sichteten. […] Ebenso bekamen damals selbstbewusste ‚Orientalen‘ aus dem Maghreb und dem Nahen Osten eine Stimme, so der christliche Palästinenser Edward Said, der frankophone Historiker und Islamwissenschaftler Hichem Djaït aus Tunesien und der marokkanische Philosoph Abdallah Laroui.[10]

 

Monika Walter bedauerte im Gespräch, dass sie Markus Meßlings Kommentar zu Arthur de Gobineaus Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen (1854)[11] in dem 2015 erschienen Band Rassedenken in der Sprach- und Textreflexion nicht gelesen hatte. Denn Gobineau und Ernest Renan mit Über den Anteil der semitischen Völker an der Zivilisationsgeschichte (1862)[12] stiften die Philologie als durchaus zweifelhaftes, rassistisches Projekt. Doch die Arbeiten und Publikationen der Romanisten überschnitten sich. Walter kann sich der pointierten Formulierung im Vorwort des Bandes durchaus anschließen: 

Die Entdeckungen der Philologie erlaubten eine Einbettung von Kollektiven in ein Ursprungs- und Erbfolgedenken, das für die kulturelle, genealogische oder eben ‚rassische‘ Verortung der europäischen Völker und Nationen eine Vorrangstellung innerhalb der Weltgeschichte beanspruchte. Die anthropologischen Erkenntnisse, die die Philologie dabei mithilfe von Indizien der Sprach- und Schriftstrukturen, Textformen und Überlieferungsströme ableitete, sind daher keine ‚weichen‘ Faktoren in der Reflexion des Menschen, die ‚harte‘ Wissensbestände ergänzt hätten, sondern sind selbst eine wesentliche Bedingung seiner Herausbildung im 19. Jahrhundert. In einer komplexen Verwobenheit mit naturgeschichtlichen und biologischen Rassenlehren war philologisches Wissen aufgrund seiner historischvergleichenden Methode bereits früh im Stande, grundlegende Erkenntnisse über das Wesen und vor allem die Ursprünge menschlicher Kollektive und ihrer vermeintlichen zivilisatorischen Potentiale zu liefern, um sie den Interessen und auch dem Überlegenheitsdenken der europäischen Nationen dienstbar zu machen.[13]

 

Die Re-Formulierung des „philologische(n) Wissen(s)“ im Dienste des „Überlegenheitsdenken(s) der europäischen Nationen“ schließt die „semitischen Völker“ und andere „Menschenrassen“ aus dem Konzept der Nation aus. Die „Sprach- und Schriftstrukturen, Textformen und Überlieferungsströme“ werden, wie es Marheineke mit Hegel für die Leerstelle der Religion im Staat formuliert, zu einem Wissen der Völker von sich selbst, um zur Formierung der Nation beizutragen.[14] Möglich werden diese Verstrickungen allerdings nur durch streng homogenisierende bzw. harmonisierende Regelwerke der nationalen Sprachen wie bei Renan, was Walter selbst beobachtet hat. 

In seinem Aufsatz Was ist eine Nation? hat er ein republikanisches Nationalbewusstsein begründet, in dem die „französischen Untertanen“ der Kolonien indessen nicht vorkommen. […] Im Paris von 1883 fand ein Treffen zwischen Renan und dem persischen „Weisen des Ostens“ Jamal al-Din al-Afghani statt, aus dem Aufsätze beider Beteiligten hervorgingen. Der hochgebildete Perser erwies sich in diesen Gesprächen als hervorragender Kenner französischer Aufklärungsliteratur. Der Franzose, der in seinen Vorträgen ausgesprochen islamfeindlich auftrat, verweigerte dem Muslim letztlich aus rassistischen Gründen die Zeitgenossenschaft, eben sein ‚Auf-der-Höhe-der-Zeit-sein‘.[15]

 

Möglicherweise muss die Frage nach der Philologie im Nationalstaat noch schärfer formuliert werden. Das Wissen von den „Sprach- und Schriftstrukturen, Textformen und Überlieferungsströmen“ nimmt die Funktion der Religion im Staatsdenken nach der Französischen Revolution ein. Lessing, Herder, und Voltaire können, auch Goethe kann, im West=östlichen Divan 1819 und 1827 noch den Koran mitdenken, wenn er an Adolph Oswald Blumenthal am 10. April 1819 schreibt, dass es wahr sei, „was Gott im Koran sagt: Wir haben keinem Volk einen Propheten geschickt, als in seiner Sprache!“. Das ließe sich allerdings auch vom Pfingstwunder der biblischen Apostelgeschichte, 2. Kapitel, Verse 1-18, sagen. Anders gesagt: Das durchaus verstörende Pfingstwunder der „eigenen Sprachen“ wird mit der Philologie umformuliert und trennt die Religionen voneinander. Der ambivalente „Geist“ im Pfingstwunder, der als „Brausen“ geschieht, der ebenso unverständlich wundersam über „die Menge“ kommt, wie dass sich „ein jeder in seiner Muttersprache“ angesprochen hört, wird in der Philologie semiologisch verkürzt werden: 

Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?

 
Isḥāq Ibn-Ibrāhīm Nīšāpūrī: Qiṣaṣ al-anbiyāʾ 

Was im Pfingstwunder als ein Verstehen im Geist formuliert wird, schreiben Gobineau und Renan, gleichzeitig die Religion nationalisierend und damit die Sprachen streng separierend, durch Geschichtsbildung zum Narrativ der Nation um. Sie gehen dabei nach einer Zeichenlogik vor, die in den Zeichen das Bezeichnete sucht und isoliert. Schon um 1822 werden für Carl Friedrich von Rumohr die Quelle und das Quellenstudium in der Begründung einer modernen Kulturwissenschaft entscheidend. Das Narrativ einer Geschichtsbildung aus den Quellen wird derart mächtig, dass Yunus Emre eine Art türkischer Nationaldichter wird und 1928 die türkische Sprache auf eine Hochsprache hin normalisiert und phonetisch nach dem Istanbuler Dialekt in ein lateinisches Alphabet mit Anlehnung an das Französisch umgeschrieben wird. Das Türkisch des Osmanischen Reiches in einer Multi-Dialektalität wird mit dem Untergang des Osmanischen Reiches und der Gründung der Republik Türkei in einer Weise normalisiert, die die Türkei gerade auch heute zu einem schwierigen Scharnier zwischen Europa und „dem“ Orient macht. Zugespitzt gesagt: Die aktuelle Krise der Türkei zwischen Religion, Islam, und säkularem Nationalstaat spielt sich exakt in diesem Narrativ des 19. Jahrhunderts ab.   


Isḥāq Ibn-Ibrāhīm Nīšāpūrī: Qiṣaṣ al-anbiyāʾ

In der Diskreditierung anderer Sprachen und anderen Wissens liegt ein entscheidender Zug der Ursprünge der Philologie. Renans siebenbändige Histoire des origines du christanisme, zwischen 1863 und 1883 publiziert, schreibt vor allem die Religion nach den neuartigen Wissensmodi von Geschichte, Ethnologie, wenn er in der Einleitung von einem „culte nouveau“[16], und mit dem „TRAITE PRINCIPALEMENT DES DOCUMENTS ORIGINAUX“ als philologische Quellenwissenschaft um. Die Religion wird zum Gegenstand der Philologie. Der Skandal und der Protest der Katholischen Kirche folgte auf dem Fuße. Denn paradoxer Weise wird so die Philologie zur Religion des Wissens vom Christentum, indem Das Leben Jesu aus der Religion/der Katholischen Kirche mit „Vernunft“ herausgeschrieben wird. 

Der namhafte Philologe und Orientalist Ernest Renan bekannte noch 1890: „Meine Religion ist noch immer der Fortschritt der Vernunft, das heißt der Wissenschaften.“ Aber gleichzeitig schätzte er durchaus die Dienste eines Katholizismus, der den „Armen“ suggerieren konnte: „Tröste dich, du arbeitest für Menschheit und Vaterland.“[17]

 

Ernest Renan wird für Monika Walter zum entscheidenden Akteur bei der widersprüchlichen Säkularisierung Frankreichs als Nation und vor allem Republik. Das Problem von säkularem Staat und Religion, das weiterhin in Europa schwelt und alles andere als zufällig mit dem Islam verknüpft wird, wurde bereits von Renan nicht nur mit der Philologie als Wissenschaft bearbeitet, es wird auch individualisiert. Nicht die Konfession des Herrschers oder Herrscherhauses, auch nicht dessen Toleranz gegenüber Kollektiven anderen Glaubens wie z.B. den Einwohnern Berlins durch Kurfürst Johann Sigismund entscheidet über die Religionszugehörigkeit, sondern jeder Einzelne. Mit anderen Worten, Renan macht auf neuartige Weise jedes Individuum für seine Religion verantwortlich. Die Herrschafts- und Staatsfrage wird zur Frage des bekennenden Individuums verschoben. 

Renans Beispiel lässt also noch einmal ahnen, wie komplex und widersprüchlich die Vorgänge der Säkularisierung in Frankreich tatsächlich gewesen sind. Zwar erklärte der abtrünnige Jesuitenschüler Renan, dass moderne Wissenschaften und katholische Kirche von nun an als unvereinbar zu betrachten waren. Konnte er aber neue Vertrauensbeweise inszenieren, mit denen die ‚Wahrheiten‘ eines republikanischen Zusammenlebens endgültig ohne jeden göttlichen Heilsplan auszukommen hatten? [18]

  

Das Podiumsgespräch im ZfL machte wenigstens zwei Punkte zur Frage des Islam in der europäischen Geschichte deutlich. Homogenisierungen der Kultur eines Nationalstaates haben unablässig als Ausschließungen und Reinigungen stattgefunden. Miguel de Cervantes musste unablässig die Reinheit seines Blutes und seines Glaubens unter den Bedingungen der Inquisition bekräftigen, um zum Spanier zu werden, der er werden sollte. Und der Zwang zur Reinheit als Sicherheits- und Erfolgsversprechen lebt heute selbst in Facebook-Communities als Signatur der Moderne fort. Praktiken der Gamification generieren gerade keine Offenheit, sondern zielen im 140 Zeichenmodus auf Ausschließungen, Staatenbildung und Wettbewerb als Religion. 

 

Torsten Flüh 

 

Monika Walter
Der verschwundene Islam?
Für eine andere Kulturgeschichte Westeuropas
1. Aufl. 2016, 533 Seiten, 1 s/w Abb., Festeinband
ISBN: 978-3-7705-6135-3
EUR 69.00 / CHF 84.20

Nächste Veranstaltung des ZfL:

27. Juni 2017 18:30 Uhr
Matthias Schwartz/Dirk Naguschewski (ZfL)
»Du bist Deutschland«.
Diversität als Werbeziel
Museum für Kommunikation
Leipziger Straße 16
10117 Berlin

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[1] heute+ vom 02.03.2017 ab 20:30 Uhr (Ohne Religion keine Gewalt - Experten sehen keinen Zusammenhang) https://www.zdf.de/nachrichten/heute-plus/

[2] Monika Walter: Der verschwundene Islam? Für eine andere Kulturgeschichte Westeuropas. Paderborn: Wilhelm Fink, 2016, S. 22.

[3] Ulrike Freitag, Nora Lafi (Ed.): Urban Governance Under the Ottomans – Between Cosmopolitanism and Conflict. London, Routledge, 2014.

[4] Siehe Karte für das Osmanische Reich ab 1566 bis zum Tode Suleiman des Prächtigen (Karte)

[5] Monika Walter: Der … [wie Anm. 2]

[6] Henrik Karge: Goldene Künste in eiserner Zeit – Das spanische »Siglo de Oro« in der Kunst- und Kulturgeschichte Europas. In: Gemäldegalerie – Staatliche Museen zu Berlin: El Siglo de Oro. Die Ära Velázquez. München: Hirmer, S. 17.

[7] Ebenda.

[8] Vgl. dazu auch Torsten Flüh: Der goldene Kreis der Bilder. Zur bezaubernden wie verstörenden Schlüsselausstellung El siglo de Oro in der Gemäldegalerie. In: NIGHT OUT @ BERLIN 10. August 2016 20:43.

[9] Monika Walter: Der … [wie Anm. 2] S. 34.

[10] Ebenda S. 37.

[11] Joseph-Arthur de Gobineau: Essai sur L’Inégalité des Races Humaines. (Deuxième Édition) Paris: Firmin-Didot, 1884.

[12] Pascale Rabault-Feuerhahn (CNRS / ENS Paris): Ernest Renans „Laboratorium der Philologie“: Rassebegriff und liberaler Anspruch. In: Philipp Krämer, Markus A. Lenz, Markus Messling (Hg.): Rassedenken in der Sprach- und Textreflexion. Kommentierte Grundlagentexte des langen 19. Jahrhunderts. Paderborn: Fink, 2015, S. 267-294.

[13] Philipp Krämer, Markus A. Lenz, Markus Messling (Hg.): Vorwort. In: dies.: Rassedenken in der Sprach- und Textreflexion. Kommentierte Grundlagentexte des langen 19. Jahrhunderts. Paderborn: Fink, 2015, S. 7.

[14] Vgl. zum verspäteten Konzept der Türkei als Nationalstaat Torsten Flüh: Der andere Islam der türkischen Nation. Berliner Cappella führte das Oratorium Yunus Emre zum Deutschen Evangelischen Kirchentag auf. In: NIGH OUT @ BERLIN 31. Mai 2017 19:23.
Vgl. zum Erbfolgedenken der Nation nach der Französischen Revolution das kulturelle Erbekonzept, wie es Stefan Willer herausgearbeitet hat: Torsten Flüh: Ums Erbe zerstritten - Zu Nachhaltigkeit in der Digitalen Welt und Erbe – Übertragungskonzepte zwischen Natur und Kultur (2013) In: NIGHT OUT @ BERLIN 8. Juni 2013 21:07.

[15] Monika Walter: Der … [wie Anm. 2] S. 67.

[16] Ernest Renan: Vie de Jésus. Paris, Calman Lévy, 1887, S. 34. (Wikisource)

[17] Monika Walter: Der … [wie Anm. 2] S. 400.

[18] Ebenda S. 437.