Vom Ordnungswissen und der Mikropolitik - Herfried Münkler und Michael Borgolte streiten über Ordnung bei den Berliner Korrespondenzen

Ordnung – Politikberatung – Versprechen

 

Vom Ordnungswissen und der Mikropolitik 

Herfried Münkler und Michael Borgolte streiten über Ordnung bei den Berliner Korrespondenzen 

 

Die zweite Veranstaltung der Berliner Korrespondenzen mit Esra Küçük im Gorki Forum begann, nachdem Jan-Hendrik Olbertz sie eröffnet hatte, mit einer pointierten Absage an die „marxistische“ Argumentationsweise von Achille Mbembe und Dipesh Charkrabarty durch Herfried Münkler. Das war zweifellos eine starke Geste der Abgrenzung gegen den Post-Colonialism. Herfried Münkler ist einer der einflussreichsten Politikberater der SPD und lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin Theorie der Politik als Politische Theorie und Ideengeschichte. Es lässt sich daher sagen, dass er aus der Ideengeschichte heraus erklärt, wie Politik funktioniert. Ihre Funktionsweise wird von Münkler strikt danach eingeteilt, wo und wie Ordnung geschaffen werden soll, wenn beispielsweise wie im Nahen Osten desaströse Unordnung herrscht.

 

Was heißt Ordnung? Mit dem Titel Ordnung ein politisch umkämpfter Begriff ging es in der zweiten Veranstaltung der Berliner Korrespondenzen darum, das Versprechen auf Ordnung zwischen zwei Historikern, nämlich dem Theoretiker aus der Ideengeschichte heraus, Herfried Münkler, und dem Mediävisten und Universalhistoriker Michael Borgolte zu diskutieren. Achille Mbembe und Dipesh Chakrabarty hatten zuvor von einem wie auch immer genauer zu formulierenden Marxismus den Ordnungsbegriff des Westens bzw. der europäischen Kolonialmächte quasi in Anknüpfung an die Literaturtheorie Homi B. Bhabhas kritisiert. Aus historischer Perspektive wurde von Michael Borgolte nun mit dem Paradox der Fiktionalisierung einer verlorenen Ordnung als Versprechen auf Wiederherstellung der Ordnung die Unterscheidung von Unordnung oder Ordnung in Frage gestellt.

 

Die Politikberatung als Tätigkeitsfeld der Wissenschaft zwischen historischem Wissen und Prognostik stellt eine wichtige Schnittstelle von Politik und Wissenschaft her. Die Politikwissenschaften befinden sich insbesondere seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einem entscheidenden gesellschaftlichen Bereich. Sie analysieren vergangene Ideen und Entscheidungen in der Politik, erheben durch Umfragen Stimmungsbilder, -schwankungen oder -kurven des politischen Willens in der Bevölkerung, nutzen die Statistik als empirisches Verfahren der Vorhersage und befinden sich als Wissenschaften permanent selbst im politischen Prozess. Herfried Münkler formuliert seine Theorie der Politik denn nicht zuletzt als Zielbestimmung in „analytischer und historischer Weise“: 

Die Diskussion und Zusammenführung von Begriffen und Modellen sind ebenso Gegenstand wie die Rekonstruktion der politischen Ideen, ihrer Geschichte(n) und Rahmenbedingungen – von Platon und Aristoteles bis hin zu aktuellen Debatten um Kommunitarismus oder Postdemokratie. Insbesondere die politische Ideengeschichte arbeitet dabei stark interdisziplinär. [1]

 

Politiker brauchen Beratung. Zumal in einer Demokratie brauchen Politiker ständig Beratung, weil sie als Volksvertreter im Parlament, konkret dem Bundestag, unablässig Entscheidungen zum Wohle des Volkes treffen sollen. Das verlangt das Volk von ihnen. Und in gewisser Weise war Platon mit seiner Schrift Πολιτεία, Politeía, Der Staat, lateinisch Res publica, der erste, grundlegende Politikberater der europäischen Kultur, an den auch Münkler mit seiner Lehre anknüpft. Indessen spricht Platon nicht selbst oder berät, sondern er lässt Sokrates in Dialogen sprechen. Platon berät nicht selbst als Redner und Experte, sondern durch die literarische Operation der Dialogisierung des Erzählens vom Staat, das als ein durchaus verwirrendes Sprechen mit der Eröffnungssequenz einsetzt. 

[SOKRATES] Gestern ging ich in den Peiraieus hinab mit Glaukon, dem Sohne des Ariston, um zur Göttin zu beten und zugleich das Fest zu schauen, wie sie es begehen würden, da sie es jetzt zum ersten Male feiern. Wirklich fand ich den Zug der Einheimischen schön; doch nicht minder gut nahm sich der aus, welchen die Thraker bildeten. Nachdem wir gebetet und uns satt gesehen, kehrten wir zur Stadt zurück. Da sah uns von weitem Polemarchos, Kephalos' Sohn, herbeieilen und gab seinem Burschen Befehl, zu laufen und uns auf ihn warten zu heißen. Der Bursche faßte mich hinten am Rocke und sagte: Polemarchos wünscht, daß ihr wartet! 

Ich drehte mich um und fragte, wo sein Herr denn sei? 

Dort hinten kommt er nach, gab er zur Antwort; aber wartet! 

Nun, so wollen wir warten, sagte Glaukon. Und bald darauf kam Polemarchos und Adeimantos, Glaukons Bruder, und Nikeratos, Nikias' Sohn, und einige andere, weil der Festzug sie zusammengeführt hatte. 

Polemarchos begann: Sokrates, ich glaube ihr wollt fort, der Stadt zu? 

Nicht unrichtig vermutet, sprach ich. 

Siehst du aber, zu wie viel wir sind? fragte er.[2]

 

Die Politeia beginnt und wird gerahmt damit, dass Sokrates „fort“ will. Wobei sich die Übersetzungen und Ausgaben der Politeia darin unterscheiden, ob der Name Sokrates als Sprecher und Ich-Erzählender vorangestellt wird oder nicht. Die erste (bearbeitete) deutsche Übersetzung von Wilhelm Siegmund Teuffel aus dem Jahr 1855 nach einer lateinischen Übersetzung stellt „SOKRATES“ als Sprecher voran, in anderen Ausgaben fehlt der Name des Sprechers.[3] Erzählerisch wird Sokrates erst durch Polemarchos‘ Anrede als Sprecher namhaft gemacht. Wer als Ich spricht unterliegt, anders gesagt, einer gewissen Nachträglichkeit, die mit der Voranstellung des Namen Sokrates wenigstens umgangen wird. Wenn der Sprechername Sokrates weggelassen wird, könnte zunächst der Eindruck entstehen, dass Platon spreche. Spricht Sokrates durch Platon? Oder spricht Platon durch Sokrates, wären mögliche Fragen, die hier nur einmal bezüglich der Ordnung dahingestellt bleiben sollen. Die Verschachtelung des Sprechens und die Frage danach wer spricht, ist nun gerade in der Politik und insbesondere der Demokratie eine entscheidende, ja, konstitutive.

 

Nur kurz angerissen werden soll hier, die bedenkenswerte Eröffnungssequenz der Politeia. Sokrates will sehen, wie das Fest zu Ehren der Göttin zum ersten Mal gefeiert wird. Vom Fest wird nicht weiter berichtet, außer dass der „Zug der Einheimischen“ mit dem der Thraker verglichen und beide für „schön“ und „gut“ befunden werden. Es geht somit um zwei unterschiedliche Praktiken der Feier eines Festes, die zwar als unterschiedlich, aber trotzdem gut wahrgenommen werden. Sokrates hätte diese unterschiedlichen Praktiken nicht weiter kommentieren wollen und müssen, doch Polemarchos will nun im Namen von Vielen – „Siehst du aber, zu wie viel wird sind?“ – mit Sokrates sprechen. Worüber wollen sie mit ihm sprechen? Im Gespräch gerät das Fest mit seinen unterschiedlichen Praktiken, über das man sprechen und vielleicht sogar hätte streiten können, in Vergessenheit. Es lässt sich in den Erzähl- und Dialogfluss schwer einhaken. Sokrates bringt vor eine Entweder-Oder-Entscheidung gestellt „ein Drittes“ ins Spiel und bleibt dann doch. 

Entweder also müsst ihr uns überwältigen, oder ihr müßt hier bleiben, meinte er. 

Da gibt es, sagte ich, noch ein Drittes: die Möglichkeit, dass ihr uns fortlassen müsst.[4]  

 

Herfried Münkler lehnt geradezu ein Drittes zwischen Unordnung und Ordnung für die politische Praxis der deutschen Außenpolitik ab. Vielmehr sucht er die „Macht in der Mitte“ Europas und einer Gesellschaft. Nicht links oder rechts, arm oder reich, sondern in der „Mitte“ wird sozio- und geopolitologisch die „Macht“ lokalisiert. 2015 hat Herfried Münkler in der renommierten edition Körber-Stiftung sein Buch Macht in der Mitte Die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa veröffentlicht.[5] Aus der neuen „Macht in der Mitte“ ergeben sich nach Münkler auch neuartige Ordnungsfragen für die deutsche Außen- und Geopolitik. Diese, so wird während des Vortrags und des Gesprächs deutlich, hat durchaus mit einem „Mehr an Verpflichtung“ und einem Willen zur Ordnung zu tun, um es einmal so zu formulieren. 

Macht in der Mitte ist also mehr als eine bloß geographische Bezeichnung; es ist eine politische Position, in der sich erhöhter Einfluss mit gesteigerter Verantwortung verbindet, in der ein Mehr an Macht mit einem Mehr an Verpflichtung zusammenkommt.[6]

 

Das Buch zu Deutschlands politischer Rolle in der geopolitischen Mitte Europas fordert die deutsche Politik als „Ordnungsmacht“ heraus. Herfried Münkler formuliert diese Herausforderung der Politik einerseits als Wissen aus der Geschichte, indem er mit einem historischen Aufriss vom „»karolingischen Europa«“ über die „Erweiterungsrunden der Europäischen Gemeinschaft“ bis zum Ausbleiben eines Europas als „Weltmacht“. Er sieht die Krux darin, dass sich Europa wie Deutschland „gegenüber der Rolle einer globalen Supermacht“ verwehren. Diese Verweigerungshaltung insbesondere der deutschen Politik hält Münkler nicht nur für eine Blauäugigkeit der politischen Öffentlichkeit in Deutschland, die meint, man könne die Position einer Mitte allein genießen, sondern für gefährlich. Er warnt demnach vor Fehlern, die in Zukunft negative Folgen haben könnten und sehr wahrscheinlich haben werden. Deshalb müsse sich Deutschland zwar nicht als Welt-, wohl aber als „Ordnungsmacht“ verstehen und positionieren. Daraus entspringt die Frage der Ordnung. 

Ein gemeinsames europäisches Handeln ist also alles andere als selbstverständlich; allein deshalb ist es eine der großen Aufgaben, die sich für die Macht in der Mitte stellen, die Europäer auf eine gemeinsame Linie zu bringen und für eine gesamteuropäische Solidarität gegenüber den Mitgliedstaaten zu sorgen, die den Bedrohungen aus der Peripherie in besonderer Weise ausgesetzt sind. Nur wenn das gelingt, wird die Europäische Union als regionale Ordnungsmacht auftreten können. Das ist die Aufgabe, der sich das politisch verfasste Europa stellen muss, wenn es in den nächsten Jahren nicht scheitern soll. Die Rolle einer regionalen Ordnungsmacht ist etwas anderes als die einer Weltmacht, doch mit der relativ sinkenden Macht der USA dürfte die Weltordnung des 21. Jahrhunderts darauf hinauslaufen, dass mehrere solcher regionalen Macht in der Mitte Ordnungsmächte in sektoraler Form unterhalb der Vereinten Nationen und der seltener als in der Vergangenheit als Weltpolizist auftretenden USA dafür sorgen, dass Konflikte nicht eskalieren und Kriege, wenn sie denn nicht zu beenden sind, regional begrenzt bleiben.[7]  

 

Man könnte die Position der Mitte als ein Drittes oder ein Zwischen formulieren. Doch bei Herfried Münkler nimmt sie einen zentralisierenden oder wenigstens bündelnden Wert an. Der Mitte einer Gesellschaft, von der in Deutschland oft und gegenwärtig auch in sowohl ökonomischen wie politischen Gefährdungsmodi gesprochen wird, kommt nach Münkler die Verantwortung der „Ordnungsmacht“ zu, weil sie aus dem „Staat als Generator von Gemeinwohl“ hervorgegangen ist. Insofern wäre die Mitte selbst Effekt eines funktionierenden Staates und seiner ökonomischen wie auswärtigen Politik. Sie wäre der Dreh- und Angelpunkt einer Zivilgesellschaft, wofür empirisch und historisch viele Punkte sprechen. Die Position der Mitte ist andererseits auch ein parteipolitisch heiß umkämpfter Bereich, der beiden, wie man sagt, Volkparteien SPD und CDU in Deutschland. Ist die Mitte eine Fiktion? Oder steckt die Mitte nur in einer Krise, weil beispielsweise mit der Finanzpolitik für den EURO und in der Flüchtlingspolitik Fehler gemacht worden sind? Wie handlungsfähig, wie mächtig ist die Mitte? Muss die Mitte nicht ständig zwischen der Position und Möglichkeit eines Dritten und der Ergreifung des Zentrums schwanken? – Sokrates, so ließe sich mit der Eröffnungssequenz der Politeia sagen, zeigt ein Drittes auf, setzt es aber nicht zentralisierend durch.

 

Die „Ordnungsmacht“ gerät immer in das Dilemma eine Ordnung aus einem Ordnungswissen schaffen zu müssen. Das kann sprachlich sehr unterschiedlich funktionieren. Entsteht die Ordnung aus einem Wissen heraus? Oder gibt es zuerst die Macht in der Mitte, die eine Ordnung als Wissen postuliert? Ordnungswissen gebiert Ränder und Ausgrenzungen insbesondere dann, wenn sie eine Mitte voraussetzt. Wohin führt das? Welche sprachlichen Unterschiede gibt es? – Nehmen wir das jüngste Beispiel: das Attentat in Orlando und die Formulierungen von Präsident Obama und Bundeskanzlerin Merkel darauf. Barack Obama wählte eine emotional integrative Formulierung. – “This is an especially heartbreaking day for all our friends -- our fellow Americans -- who are lesbian, gay, bisexual or transgender.”[8]Angela Merkel sprach durchaus ungeschickt mit einer verteidigenden, abgrenzenden, ordnenden Geste aus der Mitte heraus. Ihr ging es zunächst am 13. Juni 2016 vor allem darum, unser „Offenes, tolerantes Leben fortsetzen“[9] zu wollen. Erst am 16. Juni adressiert sie sich an die „Szene“ und verurteilt die „Homophobie“.

 

Das Problem des Ordnungswissens springt geradezu aus der Revision der Pressemitteilung „Merkel zu Orlando-Attentat“ hervor. Fassungslos wurde die Formulierung aus der Mitte in den sozialen Medien registriert und kommentiert. Abgesehen davon, dass die Bundeskanzlerin für eine Pressemitteilung erstens auf einen Mitarbeiterinnenstab zurückgreifen kann und dies mit Sicherheit auch tut, ereignete sich ein Desaster der gesellschaftspolitischen Öffentlichkeitsarbeit. Das Attentat war eben keines auf ein „offenes, tolerantes Leben“ aller Bundesbürger oder Amerikaner oder der westlichen Welt, sondern ein gezieltes auf Schwule, Lesben, Tans- und Intersexuelle wie immer es der Einzeltäter auch für sich mit oder ohne Islam rechtfertigte. Die Mitte ist immer auch der blinde Fleck, an dem übersehen wird, von welcher Position aus wahrgenommen wird. Soziale Netzwerke wie Mikroblogs generieren heute, wenn man will, intelligente „Schwärme“[10] oder Communities aus mikrologischer Selbstermächtigung ad hoc, die die Pressestelle der Bundeskanzlerin zwingen, eine Presseerklärung verschwinden zu lassen, neu zu schreiben und neu, nämlich nun an eine immer noch heikle „Szene“ zu adressieren.

 

Michael Borgolte, der an der Humboldt-Universität europäische Geschichte des Mittelalters lehrt, setzte in seiner Replik auf Herfried Münklers Vortrag als Experte für die Geschichte des Mittelalters und, wie er sagte, als Universalhistoriker bei Paul Ludwig Landsbergs berühmtem und wirkungsmächtigem Essay Die Welt des Mittelalters und wir. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über den Sinn eines Zeitalters von 1922 ein. Denn der Philosoph und Historiker ebenso, wie sich heute sagen ließe, Kulturwissenschaftler Landsberg entwarf das Mittelalter als einen Zeitraum der Ordnung, um für die unordentliche Moderne des 20. Jahrhunderts eine konservative Revolution einzufordern. Der Unordnung der Moderne nach dem ersten Weltkrieg setzte Landsberger die Ordnung des Mittelalters entgegen. Borgolte argumentierte, dass diese Ordnung des Mittelalters eine Fiktion gewesen sei, sich mit dem Dynastienwechsel von den Merowingern zu den Karolingern nicht belegen lasse und dass es unter anderem permanente Flüchtlingsbewegungen gegeben habe. Dahingehend hatte er sich bereits Anfang November 2015 in einem Interview mit Arno Widmann in der Berliner Zeitung ausgesprochen und den falschen Begriff der „Völkerwanderung“ korrigiert.[11]

 

Während Herfried Münkler aus dem historischen Hintergrund eines mittelalterlichen »karolingischen Europa« quasi eine Makropolitik der Ordnung entworfen hatte, argumentierte Borgolte mit einer „Mikropolitk als alltägliche Erfahrung“. Mikropolitische Entscheidungen werden überwiegend ad hoc getroffen, wenn sich beispielsweise ein ökonomischer oder auf das nackte Überleben ausgerichteter Druck nicht mehr aushalten lässt. Die Einzelpersonen und kleinen Gruppen der Flüchtenden sind nicht organisiert und gehorchen keiner ordnenden Macht, worauf Borgolte auch im Interview hingewiesen hatte. 

Vergleichbar ist, dass es damals wie heute gerade keine Völkerwanderungen waren. Es machen sich heute und es machten sich damals politisch unorganisierte Gruppen auf den Weg, um bessere Lebensverhältnisse zu finden. Damals wie heute gibt es keine Führer, die große Verbände nach Europa bringen, sondern es fand damals und findet heute eine sogenannte Kettenmigration statt. Migrationsziele und -wege sprechen sich gewissermaßen rum.[12]

 

Als ein weiteres Argument führte Borgolte die Figur des Intellektuellen an, der aus den Rändern der Gesellschaft in die Beraterfunktion für die Herrschenden aufsteigt, weil er gerade keiner vorherrschenden Ordnung gehorcht. Er brachte dies auf die Formel „vom Außenseiter der Gesellschaft zum Berater der Herrschenden“. Während die Position des Universalhistorikers dazu verleiten könnte, eine übergeordnete Ordnung in der Welt zu identifizieren, nutzt Borgolte sie dafür, diese nicht zuletzt Eingedenk des tragischen Schicksals von Paul Ludwig Landsberg entschieden zu bezweifeln. Denn durch die „Welt gehe ein Riss“. Landsberg hatte ein zyklisches Verhältnis von Ordnung und Unordnung als Zerfalls- und Aufstiegsgeschichte formuliert, um so den Mythos eines geordneten Mittelalters für eine Ordnung der Zukunft zu versprechen, die sich ab 1933 in den ordnungsfanatischen Mittelalterkult und Terror des Nationalsozialismus verkehrt, dem er als Jude und Resistance-Kämpfer im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg zum Opfer fiel. 

Die Geschichte des Abendlandes wiederholt in eherner Gesetzlichkeit eine Abfolge von menschlichen Wesensmöglichkeiten überhaupt, indem sie von der Ordnung zur Gewohnheit und von der Gewohnheit zur Anarchie hinabsteigt, um dann von der Anarchie zur Ordnung wieder zu gelangen.[13]

 

Eine besondere Rolle schreibt Landsberg dem „Hass“ zu, insofern er die Ordnung des Mittelalters insbesondere durch Luther zerstört. Michael Borgolte arbeitete die „Negativität der Neuzeit“ nach Landsberg scharf heraus, um zu zeigen, wie dieser eine „konservative Revolution“ einfordert, um ein kosmologisches Ganzes der Welt durch eine „Weltordnung“ vermeintlich wiederherzustellen. Der ordnende Clou seines Essays ist eine Tabelle mit drei Spalten im Anhang. Unter ORDNUNG, ANARCHIE und GEWOHNHEIT werden die jeweiligen Begriffe gegeneinander abgegrenzt. Ordnung heißt nach dieser Tabelle: „Gottesglauben Welt Kultur Fülle Statik Kirche Priester Ethik Idee Leidenschaft und Zucht Jugendkultur Schule Ständeordnung Herrscher Klassische Dichtung Hymnus Philosophie des Selbstverständlichen Phänomenologie Philosophia perennis Legend Stil Bindung“(S. 121). Negativität und Hass werden dem Anarchismus zugeschlagen.   

Die Negativität beginnt mit dem „Protestantismus“. Nicht seine höchst positiven, religiösen Erlebnisse, sondern seine Gegnerschaft gegen den Occamismus und an allererster Stelle sein germanischer Hass gegen das damals verkommene Rom haben Luther zum Reformator gemacht. (S. 9/10)

 

 

Im anschließenden Gespräch mit Esra Küçük trafen Herfried Münkler und Michael Borgolte im Dissens aufeinander, obwohl oder gerade weil Münkler betonte, dass man in dem Begriff der Ordnung gar nicht so weit auseinanderliege. Doch Borgolte entwarf ein universalhistorisches Konzept der Unordnung, in der sich eine vielfältige, bisweilen gar widersprüchliche Ordnung aus mikropolitischen Entscheidungen generiert. Eine postulierte Ordnung und die Schaffung von Ordnung haben sich gerade in der Geschichtswissenschaft immer auch als ein Problem erwiesen. Und gerade die Mikropolitik, die Borgolte herausstellte, spielt vielleicht stärker denn je eine entscheidende, nicht zuletzt ordnende Rolle. Keine Politikerin kommt heute ohne Mikroblog aus und niemand kann sich der Macht der mikropolitischen Netzwerke entziehen.

 

 

Es lässt sich hinsichtlich der Ordnungsfrage durchaus auf Platons Politeia zurückkommen. Denn die rahmende Eröffnungssequenz, in der Sokrates von einem Spaziergang zu erzählen beginnt, wird vor allem darin auffällig, dass ordnungspolitisch nichts entschieden wird. Vielmehr bleibt eine Aussage fort, so wie Sokrates fort will. Mehr noch: Sokrates' mikrologische Entscheidung, die sich leicht überlesen lässt, nicht fortzugehen, setzt weitere Gespräche in Gang. Sokrates ruft gerade nicht zur Ordnung auf, sondern lässt zwei unterschiedliche Festpraktiken gelten. Stefan Maul hatte in seiner Mosse-Lecture die Praxis der assyrischen Orakel ca. 2.000 Jahre vor Platon analysiert und darauf hingewiesen, dass die Orakel ständig und mit hohem Datenaufwand befragt wurden, um eine nachhaltig stabilisierende Funktion für die Politik auszuüben. Politikberatung bestand vor allem in einer ständigen mikrologischen Feinjustierung von Zukunftswissen. Der Wunsch nach und das Versprechen auf Ordnung, die Warnung vor einer nicht wahrgenommenen Ordnungsmacht bringen die Praxis der Feinjustierung zum Stillstand und bergen mit den Versprechen einer neuen Alten Ordnung wie in Falk Richters Fear die allergrößten Gefahren durch die Zombies von den „Diskursfriedhöfen“ für die Zivilgesellschaft. 

 

Torsten Flüh 

 

Gorki Forum 

Berliner Korrespondenzen Teil 3 

Mit Gabriele Metzler und Siba N. Grovogui 

Sonntag 3. Juli 2016, 12:00 Uhr 

kostenlos 

Am Festungsgraben 2 

10117 Berlin 

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[1] Herfried Münkler: Was ist Politische Theorie und Ideengeschichte? In: ders.: Theorie der Politik. Institut für Sozialwissenschaften. Humboldt-Universität zu Berlin

[2] Platon: Sämtliche Werke. Band 2, Berlin [1940], S. 8.

[3] Platon: Politeia. (Dialogorum de Republica) Der Staat. (Nach der Übersetzung der Bücher I-V von Wilhelm Siegmunt Teuffel … In: Platon’s Werke. Zehn Bücher vom Staate. Stuttgart, 1855, bearbeitet.) http://www.opera-platonis.de/Politeia1.pdf

Der klassische Philologe Teuffel in Tübingen befasste sich bereits vor dem 1. Januar 1850 unter der Rubrik „Kritik und Erklärung“ in Zu Platon’s Politeia mit der Frage der Texterstellung und eines „ursprünglichen“ Textes. „Und in der That, wenn die Worte der Münchner Handschrift ursprünglich im Texte gestanden wären, so begreift man nicht wie sie ausfallen konnten; wohl aber begreift man sehr gut, wie dieselben auch, wenn sie ursprünglich nicht im Texte standen, in ihn hineinkommen.“ (F. G. Welcker, F. Ritschl) Jacob Bernays (Hrsg.): Rheinisches Museum für Philologie, Siebenter Jahrgang. Frankfurt am Main: J. D. Sauerländischer Verlag, 1850, S. 468.  

[4] Platon: Politeia… Ebenda.

[5] Herfried Münkler: Macht in der Mitte. Die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa. Hamburg: edition Körber-Stiftung, 2015.

[6] Ebenda S. 9.

[7] Ebenda S. 11-12.

[8] Siehe dazu auch: Torsten Flüh: Vom Abenteuer Lesen. Was Götz Wienolds Roman Manona über Homophobie verrät. In: NIGHT OUT @ BERLIN 15. Juni 2016 20:52.

[9] Die Pressemitteilung der Bundeskanzler am Rande der Deutsch-Chinesischen Konsultationen am 13. Juni ist nach allerheftigsten Protesten aus der Gay-Community gelöscht und am 16. Juni 2016 durch die Pressemitteilung „Zunehmende Homophobie ist ein Warnsignal“ ersetzt. Am 18. um 18:00 Uhr wird die Pressemitteilung noch durch die Suchmaschine Bing angezeigt. Die Seite der Bundeskanzlerin zeigt folgende Meldung an: „HTTP Status 404 Leider konnte das System die letzte Anfrage nicht vollständig ausführen, da die aufgerufene Ressource nicht vorhanden ist.“ Liest man den Link der neuen Pressemitteilung wird die Ersetzung offenbar: https://www.bundeskanzlerin.de/Content/DE/Artikel/2016/06/2016-06-13-merkel-zu-orlando-attentat.html 

[10] Zum Begriff und der Funktionsweise von Schwärmen und zur Schwarmintelligenz im Internet siehe auch: Torsten Flüh: Schwärme und das Waldbühnen-Konzert, das nicht stattfand. Berliner Philharmoniker sagen ihr Waldbühnen-Konzert 2011 in letzter Minute ab. In: NIGHT OUT @ BERLIN 4. Juli 2011 20:54.

[11] Interview mit Historiker Michael Borgolte zu Flüchtlingsströmen „Völker sind niemals gewandert“ (Arno Widmann) In: Berliner Zeitung 06.11.15, 15:56 Uhr.

[12] Ebenda.

[13] Paul Ludwig Landsberg: Die Welt des Mittelalters und wir. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über den Sinn eines Zeitalters. 2. Aufl. Bonn: Cohen, 1923, 125 S: graph. Darst., S. 114.