Für eine Kulturforschung der Sexualitäten - Zu Tim Blannings neuer Biographie FRIEDRICH DER GROSSE. König von Preußen.

Sanssouci – Biographie – Sexualität 

 

Für eine Kulturforschung der Sexualitäten 

Zu Tim Blannings neuer „Biographie“ FRIEDRICH DER GROSSE. König von Preußen. 

 

Das Literaturgenre der akademischen Biografie ist tot. – Der Verlag C. H. Beck untertitelt FRIEDRICH DER GROSSE König von Preußen mit „Eine Biographie“. Denn der emeritierte Professor für Neuere europäische Geschichte an der Universität Cambridge hat 2015 bei Allen Lane in London seine große und umfassende Biografie zu Friedrich II. vorgelegt, für die er von der Sunday Times als „ideale(r) Biograph()“ gefeiert wurde – „The Victorians loved Frederick the Great, but a new study lays bare his dark side“.[1] Nun ist die deutsche Ausgabe erschienen, die unlängst in der ZEIT von der Biografin Maria Theresias, Barbara Stollberg-Rilinger, für die „souveräne() Distanz“ und die „feine() Ironie“ gelobt worden ist. Stollberg-Rilinger betont vor allem, dass erstmals die „Homosexualität des Monarchen akribisch“ im Format einer Historikerbiografie „in den Blick“ gerückt werde.[2] Wie gelingt Tim Blanning die Inklusion der „Homosexualität“ in die Biografie der einst nationalen Leitfigur?

 

In dieser Besprechung wird das biografische Buch mit Fotos von einer Exkursion in das noch winterliche Areal von Sanssouci am 17. Februar 2019 konstelliert. Die Bäume und Büsche sind kahl. Die Statuen im Park wie der Antinous sind in Holzkästen eingehüllt. Die Fontäne und die Brunnen sprudeln noch nicht. Die Bildergalerie mit Friedrichs Sammlung von Gemälden und Statuen ruht bis 1. Mai im Winterschlaf. Die Exkursion beginnt auf dem Ruinenberg, der nach Friedrichs Wünschen 1748 Technik mit Landschaftsarchitektur, Natur und Kultur verknüpfen sollte. Von der pompösen Auffahrt zum Sommerschloss Sanssouci blickt man in der Regel hinauf zum Berg mit dem künstlichen Ensemble eines Rundtempels, einer kleinen Pyramide, Resten einer Tempelfront, als winke Rom oder das klassische Griechenland Athens herüber. Gleichzeitig verbergen die Ruinen ein riesiges Wasserbassin, das die Fontänen und Brunnen im Park sprudeln lassen sollte.   

 

Mit über 700 Seiten beansprucht Blannings Buch eine umfassende Kenntnis und Deutung des öffentlichen und privaten Lebens wie der „Identität“ Friedrich II. von Preußen.[3] Daniel Johnson nennt es in der Sunday Times gar die „dark side“, die freigelegt werde. Vielleicht hat jedes Zeitalter, jede Nation, jede sexuelle Identität ihr (eigenes) Friedrich-Bild. Johnsons Titel der Rezension legt das mit der Revision eines Bildes von Friedrich II. im Zeitalter der Königin Viktoria zumindest nahe. Die neue Studie soll die dunkle Seite des Charakters von Friedrich dem Großen enthüllen. Wie wird das möglich sein? Und welche Funktion erfüllt dafür die Thematisierung der Homosexualität? Wie korrespondieren Soldatentum und Sexualität, Kriegshandwerk und Kunstpraxis, Feldzüge, Finanzpolitik und Familie miteinander? Welche Funktionen hatten das Sommerschloss Sanssouci und dessen Park? Welchen Auftrag hatte die Sexualität in der Inszenierung von politischer Macht?

 

Den vielfältigen literarischen Produktionen oder Literaturen von Friedrich II. in teilweise anonym oder unter Pseudonym publizierten Schriften, Gedichten, Gesetzen, Dekreten, Briefen, Pamphleten, Libretti für Opern, Historiografie z.B. der Denkwürdigkeiten der Geschichte des Hauses Brandenburg (1747/48), gar Musikkompositionen wird von Blanning als historische Quelle Aufmerksamkeit geschenkt. Kaum ein anderer Herrscher schrieb so viel wie der Preußenkönig. Das Schreiben in Französisch oft in eigensinniger Orthografie wurde von seiner Umgebung als einem Philosophieren benannt und ihm als Titel beigegeben. Blanning zitiert dafür umfangreich und wiederholt Ernest Lavisses La Jeunesse du grande Frédéric von 1890 bzw. dessen deutsche Ausgabe von 1919 und Reinhold Kosers zweibändige Biografie Friedrich der Große von 1904.[4] Als Direktor des Preußischen Geheimen Staatsarchivs hat Koser auch die Briefwechsel mit Voltaire zwischen 1908 und 1911 herausgegeben.

 

Das Erzählformat der Anekdote und die Briefe Dritter werden häufig für eine Argumentation zur Beschreibung von „Identität“, „Persönlichkeit“ und „Selbstinszenierung“ herangezogen. An Quellen und ständigen Umschriften mangelt es schon dem literarischen Nachlass der selektierten und gereinigten 30 Bände des Œuvre de Frédéric le Grand (1846-1856) und den 46 Bänden der Politischen Correspondenz (1879-1939), beide aus dem Preußischen Geheimen Staatsarchiv, nicht.[5] Seither konnten weitere verschollene oder unterdrückte Schriften wie 2011 das programmatische Gedicht La Jouissance (Der Genuss) gefunden werden.[6] Zwar gebraucht Friedrich in seinen Schriften 61 Mal den sexuellen Begriff der jouissance[7], aber das so betitelte Gedicht war dann wohl doch für die Œuvre-Ausgabe zu heikel. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff volupté (Wollust), der sozusagen offiziell 73 Mal nachgewiesen werden kann.[8] Der Historiker Tim Blanning versucht insofern einen ungewöhnlich ausufernden literarischen Nachlass auf ca. 550 Seiten plus ca. 200 Seiten Anmerkungen und Apparat enthüllend zu deuten.

 

Unterschwellig konfiguriert das Wissen von Friedrich II. weiterhin eine Wahrnehmung des Eigenen als Identität. Im November führte ich eine heterogene Gruppe von der St. Elisabeth-Kirche an der Invalidenstraße zum Thema „Friedrich Schleiermacher als Armenverweser“ durch das Armutsquartier jenseits der Berliner Stadtmauer zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Bei der Überquerung der Ackerstraße erklärte ich den Straßennamen mit dem finanzpolitischen Projekt Friedrich II. kurz nach 1740, in dieser Straße den Zimmerleuten aus dem Voigtland vor der Stadt Land zu schenken, um sie in Preußen anzusiedeln, damit sie dort mit Kartoffeln Ackerbau betrieben und ihr Geld nicht in die exterritoriale Heimat verschickten. Da meldete sich ein gut gekleideter Herr aus der Gruppe, um darauf aufmerksam zu machen, dass man als Stadtführer in Anwesenheit von Österreichern immer vorsichtig sein müsse, Friedrich II. positiv zu erwähnen. – Wenigstens ein österreichisches Bildungswissen über Friedrich II. meldete sich da mit verdecktem Hinweis auf dessen Überfall des österreichischen Schlesien, um auf eine durchaus persönliche Empfindlichkeit hinzuweisen.

 

Tim Blanning eröffnet nun insbesondere mit dem familialen und psychologischen „Unterbewusstsein“ seine „Biographie“.[9] Die Anekdote von einem Albtraum in der Nacht vom 28. Januar 1760, die er seinem Schweizer Sekretär Henri de Catt im Winterquartier des sächsischen Freiberg erzählt habe, bietet Blanning den Einstieg, um auf die Rolle des Vaters in Friedrichs „Unterbewusstsein“ hinzuweisen.[10] Die Konstellation von Vater und Sohn wird von ihm zur Schlüsselszene der „zentralen Bedeutung“ der „kulturelle(n) Selbstinszenierung für seine Identität, seinen Anspruch und seine Leistungen“ gemacht. Der Vater kehrt als „Gespenst“[11] und Gesetz wieder, um das Denken und Handeln seines Sohnes nach den Modi von Widerspruch, Erfüllung und Überbietung zu strukturieren. Friedrich II. wird nach Blanning durch seinen Vater diszipliniert und traumatisiert, so dass er sein Leben lang diesem nicht entkommen wird. 

Die Atmosphäre seines circle intime war homosozial und homoerotisch sowie, was Friedrich selbst betraf, wohl auch homosexuell.[12]    

 

Für die Erzählung von Friedrich II. bringt Blanning eine etwas eigenwillige Traumatheorie in Anschlag, die im Verhältnis des Vaters zu ihm und umgekehrt begründet wird. Um seinen Vater als dynastischen Vorgänger zu übertrumpfen, „überfiel er eine offensichtlich friedliebende Frau und verbrachte den Rest seines Lebens mit dem Versuch, an seiner Beute festzuhalten […] So viel ging von dieser grundlegenden ersten Handlung aus, dass sein Bewusstseinszustand, der dem langen Trauma seiner Jugend und frühen Mannesjahre folgte, eine legitime, wenn nicht wesentliche Dimension ist“.[13] Was sind die Folgen dieses psychologischen Ansatzes eines „langen Trauma(s)“? Müsste ein Trauma nicht eher kurz und punktuell eintreten? Im 2. Kapitel, Wie Friedrich gebrochen wurde, beschreibt Blanning ausführlich, was oft aus vagen Quellen anekdotisch mitgeteilt wird. Die Unterkapitel Friedrich und sein Vater ebenso wie Vater und Sohn sowie Friedrichs misslungene Flucht als auch Friedrichs Unterwerfung gliedern eine psychofamiliale Traumatologie.[14]

 

Das Geschlechterbild der Männlichkeit spielt für diese Erzählung bei Blanning eine entscheidende Rolle, obwohl er gerade nicht dessen Konstruktionen freilegt, sondern sie naturalisiert und pathologisiert. Statt Maskulinität zu thematisieren, wird eine Vererbungsgeschichte erzählt. So soll der Vater, Friedrich Wilhelm I., an der „Erbkrankheit“ der „Porphyrie“ aus dem Hause Tudor gelitten haben.[15] Während die Stoffwechselerkrankung Porphyrie in der deutschen, dynastischen Geschichtsschreibung eine verschwindend geringe Rolle spielt, nimmt sie für King Georg III. aus dem Hause Hannover seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in Großbritannien eine stärkere Erklärungsfunktion ein. Blanning spitzt diese für Friedrich Wilhelm I. quasi zu, wodurch an die Stelle von Religion und Wahn ein medizinisches Vererbungsmodell tritt, mit dem das Verhältnis zwischen Sohn und Vater erklärt wird. 

Es handelt sich im Fall von Friedrich Wilhelm I. mit Sicherheit, in dem von Georg III. wahrscheinlich um Porphyrie, eine Erbkrankheit, die von den Tudors durch Jakob I. und seine Tochter Elisabeth von der Pfalz ans Haus Hannover weitergegeben wurde.[16]      

 

Friedrich II. konnte nicht wissen, dass sein Vater unter Porphyrie litt, zu der „Schlaflosigkeit und Albträume(), Verfolgungswahn, geschwollene() Genitalien, … Schaum vor dem Mund“ nach Blanning gehören.[17] Die „Unterwerfung unter Gottes Barmherzigkeit“ ließe sich nach ihm durch die Erbkrankheit als Ursache der Körperbeschwerden erklären.[18] Auf diese Weise wird das Verhältnis von Vater und Sohn pathologisiert. Denn die Geschichte von Friedrichs Fluchtversuch nach England, um „seine() Heiratspläne in die Tat umzusetzen“[19], wird mit dem darauffolgenden Wutausbruch des Vaters zu einer Geschichte der medizinischen Ursache umgewandelt.[20] Dieses Erklärungsmodell ist deshalb so verhängnisvoll, weil die Flucht nach England wegen der „Heiratspläne“ nun die Geschichte um Friedrichs Freund Katte völlig verschiebt.

 

Die Erzählung von der Hinrichtung des Freundes Katte, gilt seit jeher als eine zentrale von der Homosexualität Friedrich II. Sie wurde durch mündliche Überlieferung oder auch als Gerücht zum Dreh- und Angelpunkt für die Identifikation der und mit der Homosexualität des berühmten Königs. Für Generationen von Männern, die Männer begehrten, wurde Friedrich II. zum Zeugen, dass angesehene Männer, sogenannte Große, das inkriminierte Begehren geteilt hatten. Die Rede von der Homosexualität Friedrichs blieb allerdings so elastisch, dass selbst Cécile Beurdeley noch 1977 in dem populärwissenschaftlichen Sammelband L’Amour Bleu – Die homosexuelle Liebe in Kunst und Literatur des Abendlandes zwar auf Voltaire und seine wechselnde Positionierung zur Homosexualität eingeht. Indessen zitiert sie Voltaire mit einem schmeichelnden Vers aus dem Brief an Friedrich den Großen vom 15. Juni 1743.[21] Dass mit „Cäsar“ auf den einunddreißigjährigen König in wechselnden Positionen beim Sex angespielt wird, lässt sich leicht lesen. Gleichwohl blieb die kunst- und literaturwissenschaftliche Anlage des Buches ungenau und mehrdeutig.[22] 

J'aime César entre les bras     

De la maîtresse qui lui cède,

Je ris et ne me fâche pas

De le voir, jeune et plein d'appas 

Dessus et dessous Nicomèdes. [23] 

Ich sehe Cäsar gern in den Armen

Seiner Geliebten, die sich ihm hingibt,

Lache aber und ärgere mich nicht,

Wenn er jung und voller Anmut

Auf oder unter Nikodemus liegt. [24]


  

An der Erzählung von Hans Hermann von Katte und wie sie von Blanning erzählt wird, kristallisiert sich heraus, wie mit den Quellen verfahren wird. Die Hinrichtung des geliebten Freundes vor den Augen des Sohnes wird zum Trauma und zentralen Konflikt zwischen Vater und Sohn sowie um dessen Sexualität. Denn es ist eine Frage der Übertragung des Begehrens, das unmissverständlich nach den Regeln des Vaters funktionieren muss. Gleichzeitig handelt es sich um eine narzisstische Eifersucht auf die mangelnde Liebe des Sohnes. Friedrich wird von Blanning mit der Anführung der Memoiren seiner Schwester Wilhelmine zunächst heterosexualisiert, um mit Hilfe von Freunden zu fliehen, die durch den „rachsüchtigen Irrsinn“ des Vaters mit „seinem Sohn … sexuell gewesen“ seien.[25] Warum aber ist diese verworrene und widersprüchliche Erzählung von Friedrichs Sexualität so wichtig? Die von der Schwester vermutlich aus zweiter Hand, wenn nicht frei erfundene Episode des Beischlafs mit einer Sängerin in Dresden, wird von Blanning mit der Geste eines Tatsachenberichts angeführt.

 

Die sexuelle Praxis entscheidet nach Blanning über die Identität. Sie ist ihm der Kern, um Friedrichs Charakter und Handlungen zu erklären. Demgegenüber gehörten sexuelle Praktiken spätestens seit Ludwig XIV. und seinem Hof von Versailles zur Darstellung und Ausübung staatlicher Macht, die sich von der Macht der Kirche emanzipierte. Sexuelle Praktiken und Promiskuität gehören zum Hof des Sonnenkönigs. Es geht insofern weniger um die heterosexuelle Identität Ludwig XIV. – „Kein europäischer Herrscher war ein enthusiastischerer Heterosexueller als der priapische Ludwig XIV.“ (Blanning, S. 223) –  als um die demonstrative Überschreitung katholischer Moralgesetze, die in der Wollust/volupté/voluptas bzw luxuria eine Todsünde sehen. Genuss/Jouissance ist verwerfliche Wollust, die nach Dante Alighieris Göttlicher Komödie ganz zu Beginn im 2. Höllenkreis bestraft wird. Die Wollust des Königs führt insofern seinen Bruch mit der Kirche vor und schmälert ihre Macht. Die Hohenzollern waren nicht nur an die christliche, katholische oder lutherische Kirche, sondern seit 1613 an den reformistischen Calvinismus gebunden. Mit der Parochialkirche erhielt der calvinistische Hof von Berlin erst 1703 eine eigene Kirche.

 

Der Calvinismus wird an der gleichwohl barocken, aber schlichten Architektur der Parochialkirche in Berlin sichtbar. Friedrich Wilhelm I. wird 1713 König von Preußen, als die Parochialkirche gerade noch ein Glockenspiel von seinem Vater, Friedrich I., erhalten hatte. Der Calvinismus geht von einer vorbestimmten völligen Verderbtheit des Menschen aus und verzichtet auf Kirchenlieder, während Paul Gerhardt an der lutherischen Nikolaikirche 1640 das epochale Berliner Gesangbuch zusammengestellt hatte. Dagegen werden nur die Psalmen im calvinistischen Gottesdienst gesungen. Anders gesagt: Die calvinistischen Prediger, die die Wahrnehmung oder Weltsicht von Friedrich Wilhelm I. bestimmten, ließen nur Christus und die Worte der Bibel gelten, um den Menschen von vornherein in ein Schuldverhältnis zu Gott und Christus zu setzen. Eine Porphyrie ist insofern kaum für die Ängste, Genügsamkeit, Kontrollwahn und Lustfeindlichkeit von Friedrichs Vater notwendig gewesen. Vielmehr wird Friedrich Wilhelms Bild der Männlichkeit vom Calvinismus geprägt gewesen sein.  

 

Welches Maß an Unterwerfung der Calvinismus durch die Prädestinationslehre erforderte, lässt sich beispielsweise mit der Belegung der Krypta unter der Parochialkirche formulieren.[26] Die Nähe der Grablege zum Altar bestimmte die Kosten. Denn die Auferstehung nach dem Tod ließ sich durchaus mit Frömmigkeit und Vermögen versichern und beschleunigen. Die Funktion des frommen Vaters wäre es, mit aller Härte eben dies für sich, seine Frau und Kinder zu erreichen. Die Ausbrüche Friedrich Wilhelms als Vater gegenüber seiner Familie ließen sich also durchaus in diese Richtung lesen. Die Dynastiegeschichte krankt daran, dass der Souverän eben als solcher über sein eigenes Leben und Leiden gesehen wird. Das wird indessen von vornherein im Calvinismus mit der Prädestination vereitelt. Vor diesem historischen Hintergrund bekommt das Verhältnis von Vater und Sohn sowie Thronfolger einen anderen Zug. Soll man es einen Diskurswechsel nennen?

 

Die Rede von der Wollust als Beschreibung sexueller Praktiken nimmt um 1700 eine entscheidende Funktion für das Herrschaftsmodell des Absolutismus ein. Sanssouci – „SANS, SOUCI.“, wie es zur Gartenseite auf dem Lustschloss kryptisch geschrieben steht – lässt sich auch als ein Ort der volupté lesen, an dem sich niemand um die einstige Todsünde sorgen muss. Sanssouci und sein Park inszenieren in mannigfacher Weise die Wollust und den Genuss. Der Germanist, Historiker und Philosoph Heinz Dieter Kittsteiner hat 2001 die sozusagen Buchstäblichkeit der Aufschrift und Benennung des Sommerschlosses mit Ironie entfaltet.[27] Aus dem Komma und dem Punkt der Aufschrift ließe sich eine ganze Philosophie der Männlichkeit lesen. Denn das Komma als französisch virgule verweise nach Kittsteiner mit dem Lateinischen Stamm vir auf das Männliche und die „Mannsform“.[28] Friedrich immerhin schrieb nach seinem Herausgeber Koser immer „Sans-Souci“ und zwar 513 Mal in seinem Œuvre.[29] Die Sorge, souci, kommt nur in ihrer Abwesenheit vor. Auch verneint Friedrich auffällig häufig, dass er sich um etwas sorge mit soucie.[30]

 

An der offensichtlichen Aufschrift mit ihren 9 Buchstaben und 2 Satzzeichen wird gleich einem Logogryph vorgeführt, was sich lesen lässt. Vor allem aber auch, was sich aus all den Schriften und Berichten nicht lesen lässt. Gibt das Logogryph einen Wink auf die Instabilität der Zeichen? Friedrich II. war das Buchstaben- oder Zeichenrätsel nicht fremd. Am 8. Dezember 1757 schreibt er aus Dürrgoy, einem Vorort von Breslau, in einem Postscript an seine Schwester und Vertraute Wilhelmine in Bayreuth: 

Je n'ai point reçu les lettres de Voltaire. En voici une en logogriphe. Tout le corps des Würtembergeois est pris et dissipé./ 

Ich habe die Briefe von Voltaire nicht erhalten. Hier ist einer als Logogryph. Der ganze Körper der Württembergischen wird genommen und zerstreut.“[31]

 

Als Logogryph wäre es ziemlich simpel, wenn Friedrich damit die Vernichtung des von Frankreich verpflichteten württembergischen Schuldnerheeres im Siebenjährigen Krieg meinte. Indessen gibt es einen Wink, dass ihm die beliebte barocke Schrifträtselform des Logogryphs mit ihren Umstellungen von Schrift- und Satzzeichen vertraut war. In wieweit erstreckt sich das Logogryph als Rätselform auf seine Schriften selbst? Zum „ganzen Körper“ oder den Truppen „der Württembergischen“ könnten eben auch Frankreich und Voltaire gehören. Wie kann „corps“ gelesen werden? Oder hat Friedrich die Briefe von Voltaire sehr wohl erhalten, sie genommen und zerstreut oder verschwendet? In welche Reihenfolge müssen die Schriftzeichen gebracht werden? Oder lässt sich mit dem „corps des Würtembergois“ gar eine sexuelle Anspielung lesen? Als Logogryph markiert, geraten die Zeichen, Worte und Briefe ins Schwanken. Das ganze Œuvre ein Logogryph, wo eine „Identität“ und „Selbstinszenierung“ enthüllt werden soll?  

 

Blanning zitiert selten neue Primärquellen. Das ist ein methodologisches Problem. Vielmehr gehen die Publikationen zum Friedrich-Jahr 2012 mit dem Katalog zur Ausstellung Friederisiko im Neuen Palais nun in seine „Biographie“ ein.[32] So zitiert er denn auch das verschollene und nun wiedergefundene Gedicht La Jouissance, um ihm keine weitere Funktion beizumessen, als dass „(n)ichts in diesem Gedicht“ darauf hinweise, „dass Friedrich selbst Algarottis Partner war“.[33] Das ist denn auch kaum der springende Punkt an dem Gedicht. Vielmehr proklamiert es auf der Krönungsreise nach Königsberg nicht etwa an der Seite seiner Ehefrau, sondern an der Seite von Algarotti eine Umwertung der Wollust – „Göttliche Wollust! Herrin der Welt!“ – für die neue Regentschaft. Mehr noch – und an dieser Stelle zeigt sich dann, dass Blanning nicht nur Winckelmanns Schrift zum Torso von Belvedere nie gelesen hat, sondern auch Winckelmanns berühmten Brief an seinen Freund Berendis aus Potsdam nicht kennt – Blanning zitiert akademische Sekundärliteratur, wo eine Relektüre der gezielt mehrdeutigen Originaltexte notwendig wird. 

Divine volupté! Souveraine du monde!

Mère de leurs plaisirs, source à jamais féconde,

Exprimez dans mes vers, par vos propres accents

Leur feu, leur action, l'exstase de leurs sens!

Nos amants fortuné, dans leur transports extrêmes,

Dans les fureurs d'amour ne connaissaient qu'eux-mêmes:

Baiser, jouir, sentir, soupirer et mourir,

Ressusciter, baiser, revoler au plaisir.

...

Göttliche Wollust! Herscherin der Welt!

Mutter ihrer Vernügen, stets fruchtbare Quelle,

Bezeuge in meinen Versen, durch Deine Betonungen

Ihr Feuer, ihr Tun, die Ekstase ihrer Sinne!

Unsere glücklichen Liebenden, in ihren äußersten Übertragungen,

Im Überschwang der Liebe kannten sie nur noch sich selbst:

Küssen/Ficken, genießen/Orgasmus haben, seufzen und sterben,

Wiederauferstehn, küssen/ficken, um wieder Vergnügen zu werden.*

...**

* Die doppeldeutigen Übersetzungen von baiser und jouir, von dem das Substantiv jouissance generiert wird, sind nach gängigen Wörterbüchern abgesichert. Friedrich II. gebraucht sie exakt im Sinne dieser Doppeldeutigkeit.

** Vgl. auch den Artikel zu Jouissance von Denis Diderot und Antoine-Gaspard Boucher d'Argis in der Encyclopédie von 1766: „genießen heißt wissen, erleben, die Vorteile des Besitzes spüren: man besitzt oft, ohne zu genießen. Wem gehören diese prächtigen Paläste? Wer hat diese riesigen Gärten angelegt? Es ist der Souverän, der es genießt. Ich bin es.“

 

Man könnte es eine Praxis des Akademismus nennen, dass eher auf namhafte frühere Biografen zurückgegriffen wird, als dass heute die im Internet leicht zugängliche Primärquelle als Digitalisat hinzugezogen wird. Winckelmann pries in dem Brief von 1748 an Berendis „den göttlichen Monarchen“, an dessen Hof er „Wollüste genossen (habe), die ich nicht wieder genießen werde“.[34] Der Brief ist durch Goethe in Winckelmann und sein Jahrhundert von 1805 überliefert und als Digitalisat an der Universität Heidelberg verfügbar. Es könnte durchaus sein, dass diese neue Verfügbarkeit von Quellen nicht zuletzt das Genre der Biografie verändert oder gar unterläuft. Auch die neuartige Verfügbarkeit von Bildmaterial wie von Sanssouci und z. B. der 2018 restaurierten Neptungrotte mit ihrer Ausstattung von zu Friedrichs Zeiten holländischen Muscheln und einer Girlande aus künstlichen Anthurien, die an Geschlechtsteile erinnern können, verschiebt das Wissen von sexuellen Praktiken.  

 

Johann Joachim Winckelmann wird für Blanning zum Gewährsmann für eine Sakralisierung der Kunst. „Durch die Vermählung pietistischer Introspektion mit dem sinnlichen Heidentum schuf Winckelmann eine ästhetische Religion.“[35] Nicht Winckelmann initiiert Friedrich II. in eine „ästhetische Religion“, sondern Winckelmann beschließt nach seinem Genuss der Wollüste in Potsdam und wohl auch Sanssouci, wo er „Athen und Sparta … gesehen“ hatte, nach Rom zu gehen. Die Wollust-Religion in Potsdam wird von Winckelmann am Dresdner Hof mit Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke (1756) und später in Rom mit Geschichte der Kunst des Altertums (1767) in eine Kunstwissenschaft verwandelt. Doch die Tempel des Ruinenbergs und die nach dem Günstling des Kaisers Hadrian benannte Knabenstatue Antinous hatte er zuerst in Sanssouci gesehen. In Ganymed verwandelt wird dieses Knabenbildnis als eine Fälschung seines Malerfreundes Raphael Mengs 1812 in den Abbildungen zu Winckelmann's Gesammelte Werke wiederkehren.

 

 

All das geschieht nicht zuletzt in einem Netzwerk homoerotischer und homosexueller Kunstliebhaber, so dass Friedrich II. vom wohl bekanntesten, berühmtesten und erfolgreichsten Homosexuellen Europas Prinz Eugen von Savoyen nach dessen Tod die Statue des Antinous aus dessen Nachlass zu einem enormen Preis von 5000 Talern kaufte und vor seinem Arbeitszimmerfenster auf der Terrasse von Sanssouci aufstellen ließ. In die Anschaffung der Sammlung Stosch ist auch Winckelmann involviert. Blanning erzählt all dies detailliert und kenntnisreich. Aber unter den falschen und verdrehten Voraussetzungen.[36]  

Ärgerlich ist nicht nur, dass Blanning die Kultur als „Prozess der Selbstverwirklichung“[37] Friedrichs sieht, sondern dass er die Homosexualität auch noch als „Phänomen“[38] beschreibt. Und man erschrickt dann doch ein wenig, wenn es in Bezug auf den „enthusiastische(n) Heterosexuelle(n)“ Ludwig XIV. heißt, „(w)as vom einundzwanzigsten Jahrhundert aus tuntenhaft wirkt, könnte den Bewohnern des achtzehnten Jahrhunderts untadelig männlich erschienen sein“.[39] „Tuntenhaft“?! Bitte?! Das ist dann doch eher finsteres 20. als 21. Jahrhundert. Oder dem Übersetzer, Andreas Nohl, muss da stilistisch etwas ausgerutscht sein. Ärgerlich und weit hinter dem Forschungsstand wird der „Chinesische Pavillon“ „der damaligen Mode der Chinoiserie“ zugeschlagen.[40] Blanning wurde für Frederick the Great: King of Prussia 2016 die Brtish Academy Medal verliehen. Seine Inklusion der Homosexualität in die „Biographie“ als Nachbereitung des Friedrich-Jahres 2012 erweist sich als prekär, weil die Homosexualität zum zeitlosen „Phänomen“ erklärt wird, ohne dass die sprachlichen Transformationen von jouissance, baiser, jouir, volupté und plaisir auch nur ansatzweise thematisiert und berücksichtigt werden. Sexualitäten sind aufs Engste mit Diskursen verknüpft. 

 

Torsten Flüh 

Tim Blanning 

FRIEDRICH DER GROSSE 

König von Preußen 

Eine Biographie 

ISBN 978-3-406-71832-8 

Erschienen am 14. Februar 2019 

718 S., mit 32 Abbildungen und 19 Karten 

Hardcover 34,- €

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[1] Daniel Johnson: Frederick the Great: King of Prussia by Tim Blanning. In: The Sunday Times October 4 2015, 1:01am.

[2] Barbara Stollberg-Rilinger: Der eine Körper des Königs. In: DIE ZEIT 11. Februar 2019, 20:22 Uhr DIE ZEIT Nr. 7/2019, 7. Februar 2019.

[3] Tim Blanning: Friedrich der Große. König von Preußen. München: C.H.Beck, 2018, S. 11.

[4] 1919 lobt der Verleger der deutschen Ausgabe von Ernest Lavisses Friedrich-Jugendbiographie, dass es sich „um ein glänzend geschriebenes Werk der Weltliteratur" handele.(S. IV) In der Einleitung zur zweiten Auflage von 1924 sah sich der Historiker und Reichsarchivrat im Reichsarchiv Gustav Bertold Volz gezwungen, darauf aufmerksam zu machen, dass der von Blanning quasi als Kronzeuge eingeführte Privatsekretär Catt als einziger aus dem Umfeld Friedrich II. Memoiren geschrieben habe, „die aber durch den literarischen Aufputz, den er ihnen gab, an historischem Wert starke Einbuße“ erlitte. (S. III) Weiterhin kritisiert Volz, dass Lavisse die „Gesandtschaftsberichte“ als Wahrheit zitiere, „obwohl dieser, als Vertreter der Interessen seines Hofes, den einseitig französischen Standpunkt" einnehme. Blanning zitiert nun allerdings gerade diese Quellen und die „Denkwürdigkeiten" von Friedrichs Schwester Wilhelmine, wozu Volz schreibt, dass „sie durch das unzweifelhafte literarische Geschick, mit dem ihre Verfasserin zu erzählen" wisse, bestechen, „aber sie tun der historischen Wahrheit doch nur allzuviel Gewalt an“. (Volz: Einführung. In: Ernest Lavisse: Die Jugend Friedrich des Großen. Berlin: Hobbing, 1919. Zweite Auflage 1924) Siehe auch Tim Blanning: Friedrich ... [wie Anm. 3] „Abkürzungen“ S. 361.

[5] Siehe: Œuvre de Frédéric le Grand – Werke Friedrichs des Großen Digitale. Ausgabe der Universitätsbibliothek Trier. (Homepage)

[6] Siehe Torsten Flüh: Neues von Friedrich II. Jens Bisky und Cay Friemuth schreiben Bücher zu Friedrich dem Großen. In: NIGHT OUT @ BERLIN 11. Dezember 2011 00:09.

[7] Siehe Suchergebnisse „jouissance“. In: Œuvre … [wie Anm. 5] jouissance.

[8] Ebenda volupté.

[9] Tim Blanning: Friedrich … [wie Anm. 3] S. 9.

[10] Reinhold Koser zeichnete auch für die Herausgabe der Memoiren und Tagebücher von Henri de Catt 1884 verantwortlich.

[11] Tim Blanning: Friedrich … [wie Anm. 3] S. 9.

[12] Ebenda S. 11.

[13] Ebenda S. 13.

[14] Ebenda S. 43-98.

[15] Ebenda S. 45.

[16] Ebenda.

[17] Ebenda.

[18] Ebenda.

[19] Ebenda S. 61.

[20] Ebenda S. 63.

[21] Bezeichnenderweise wurde dieser Brief erst 1970 im Bd. 92 der von The complete works of Voltaire publiziert worden. Siehe Nachgewiesen.

[22] Cécile Beurdeley hat mehrere kunsthistorische Schriften veröffentlicht. Doch als Wissenschaftlerin ist sie weithin unbekannt geblieben. Das könnte auch heißen, dass es sich um ein Pseudonym handelt.

[23] Cécile Beurdeley: L’Amour Bleu. Die homosexuelle Liebe in Kunst und Literatur des Abendlandes. Köln: Taschen, 1994, S. 136. (Zuerst Fribourg 1977)

[24] Ebenda S. 299.

[25] Tim Blanning: Friedrich … [wie Anm. 3] S. 64.

[26] Hier beziehe ich mich auf eine Führung und einen mündlichen Vortrag durch die Krypta.

[27] Heinz Dieter Kittsteiner: Das Komma von SANS, SOUCI. Ein Forschungsbericht mit Fußnoten. Manutius, Heidelberg 2001.

[28] Ebenda S. 41.

[29] Siehe Suchergebnisse „souci“. In: Œuvre … [wie Anm. 5] souci.

[30] Ebenda soucie.

[31] Friedrich der Große: Politische Correspondenz, 16 Bd. 9570. A LA MARGRAVE DE BAIREUTH A BAIREUTH. Dürrgoy, au faubourg de Breslau, 8 décembre 1757.

[32] Siehe zur Ausstellung Friederisiko: Torsten Flüh: Risiko gewinnt. Friederisiko im Neuen Palais in Potsdam eröffnet. In: NIGHT OUT @ BERLIN 30. April 2012 22:32.   

[33] Tim Blanning: Friedrich … [wie Anm. 3] S. 96.

[34] Johann Wolfgang Goethe: Winckelmann und sein Jahrhundert. In Briefen und Aufsätzen herausgegeben von Goethe. Tübingen: Cotta, 1805. (S. 3).

[35] Tim Blanning: Friedrich … [wie Anm. 3] S. 179-180.

[36] Ebenda S. 225-228.

[37] Ebenda S. 175.

[38] Ebenda S. 230.

[39] Ebenda S. 223.

[40] Ebenda S. 208.


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