Der Anspruch des Gottesstaates und sein Dilemma - Katajun Amirpurs Mosse-Lecture zur Theokratie ohne Theologen. Die Legitimationskrise des Iranischen Gottestaates

Iran – Theokratie – Krise 

 

Der Anspruch des Gottesstaates und sein Dilemma 

Katajun Amirpurs Mosse-Lecture zur Theokratie ohne Theologen. Die Legitimationskrise des Iranischen Gottesstaates 

 

Die Islamische Republik Iran erhebt laut ihrer Verfassung den Anspruch, eine präsidiale Theokratie „in Abwesenheit des 12. Imam – möge Gott, dass er baldigst kommt –“ zu sein. Die Kölner Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur stellte diesen Anspruch in ihrer Mosse-Lecture zum Thema Autokratien – Herausforderungen der Demokratie auf die Probe. Denn bereits die Schrift des islamischen Rechtsgelehrten Ajatolla Chomeini Der islamische Staat (1970) und seine Machtergreifung 1979 legten das Paradox von Gottesherrschaft und der Herrschaft des  Volkes durch Vertreter in der Republik an. „Der islamische Staat ist ein Staat des Gesetzes. In dieser Staatsform gehört die Souveränität einzig und allein Gott. Das Gesetz ist nichts anderes als der Befehl Gottes“, hatte Chomeini zum islamischen Staat 1970 formuliert.[1] Irans fünfter Staatspräsident Mohammad Khatami ernannte 1997 Mohammad-Ali Abtahi, der später bloggte, zum Vizepräsidenten.

 

Aus dem Anspruch, ein Gottesstaat auf Erden zu sein, erwächst eine ursprüngliche Legitimationskrise, die Katajun Amirpur in ihrem Vortrag an zahlreichen Beispielen entwickelte. Im iranischen Shia-Islam, für den Amirpur Expertin ist, kann bei Funktionären wie bei Mohammad Reza Naqdi, ein hoher Offizier der Revolutionsgarden, eher als bei Gelehrten eine ausgeprägte Shebiba auf der Stirn erkannt werden. Seyran Ateş hat in einem Facebook-Post am Mittwoch auf die Shebiba des mutmaßlichen Attentäters von Straßburg hingewiesen. Sie ist eine Verhornung auf der Stirn, die durch häufiges Aufschlagen der Stirn beim islamischen Gebet der Männer entsteht. Bei Cherif Chekatt ist die Shebiba bereits im Alter von 29 als dunkler Fleck auf der Stirn deutlich zu erkennen. Sie ist ein Mal des Glaubens, der Unterwerfung und der Macht. Doch die Shia-Expertin Amirpur setzt sich für einen modernen oder demokratischen Islam im Iran ein.

 

Was verrät die Legitimationskrise der Theokratie in der Islamischen Republik Iran über den Islam? Katajun Amirpur ist als Iranerin, die als Tochter des iranischen Kulturattachés in Bonn bis 1979 in Deutschland aufgewachsen ist, als Wissenschaftlerin und Forscherin zuletzt im Frühjahr 2018 mit Assistentinnen durch den Iran gereist. Sie sprach mit jungen Iraner*innen, deren Haltung sich verändert hat. In ihrer Mosse-Lecture spricht sie davon, dass diese die Zuspitzung des Konflikts mit den USA suchen und regelrecht die neuen Sanktionen gegen den Iran begrüßen. Denn sie versprechen sich davon, so muss man wohl sagen, eine revolutionäre, regimegefährdende Kraft. Das hat Amirpur überrascht und verunsichert, weil trotz der ursprünglichen Legitimationskrise seit 1979 in der iranischen Gesellschaft ein Konsens über eine Art Stabilitätsgebot herrschte.

 

Katajun Amirpur sucht nach den Möglichkeiten eines modernen Islam. 2013 hat sie ihr Buch Den Islam neu denken: Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte veröffentlicht.[2] Damit reagierte sie nicht zuletzt auf die Unruhen und Studentenproteste von 2009. Mit Maha El-Kasy-Friemuth, die an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg Islamisch-Religiöse Studien lehrt und Seyran Ateş gehört Katajun Amirpur zu einem Kreis von Frauen, die sich nicht nur mit der Rolle von Frauen im Koran und Islam auseinandersetzen, vielmehr vertreten und fordern sie engagiert in Deutschland  einen reformierten bzw. modernen Islam, wie er sonst in muslimischen Staaten kaum möglich ist. Deshalb hat Ateş als Frau und Imamin ihre Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin-Moabit gegründet. Dadurch wird nicht zuletzt die (patriarchale) Befehlsgewalt Gottes durch den Koran als Gesetz, wie sie Chomeini für den schiitischen oder Shia-Islam im Iran formuliert hat, fragwürdig.

Stefan Weidner, der als Respondent in der Mosse-Lecture sprach, weist seit geraumer Zeit u.a. schon wegen der literarisch-poetischen Schreibweise der Suren des Koran auf die Unvermeidbarkeit der Interpretation oder Exegese hin.[3] Die elastische Schreibweise der zum Gesetz erklärten Suren zwingt paradoxer Weise zu immer neuen Umschriften, Übertragungen und Übersetzungen. Maha El-Kasy-Friemuth sieht ihre Aufgabe denn auch darin, in Deutschland „einen reformorientierten Islam aufzubauen“.[4] Für ihr Buch God and Humans in Islamic Thought erhielt sie „The Iranian World Prize for the Book of the Year 2007“ in der Kategorie „Philosophie und Mystik“ in Teheran aus den Händen des Präsidenten Mahmud Achmadinedschād. Das sprach entweder für eine Rezeptionsschwäche der Jury oder die Diskussion über den Islam im Iran. Seyran Ateş warnt emotional am 12. Dezember auf Facebook davor, von einer „Instrumentalisierung“ des Islam nach dem Attentat zu sprechen. Ihr geht es um den Respekt für Opfer des Islam. Und Katajun Amirpur verweist im Vorwort zu ihrem Buch darauf, dass der ägyptische Literaturwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid (1943-2009) das wichtigste Thema zum Reformislam zum Ausdruck brachte, indem er darauf verwies, „dass man den Koran auch anders lesen kann, wenn man dies nur möchte; dass es die Sichtweise des Exegeten ist, die das Ergebnis vorherbestimmt. Der Koran ist also interpretierbar.“[5]

 

Der Iran und die persische Kultur nehmen nicht nur durch den Shia-Islam eine eigene Machtposition im Islam ein, vielmehr verweist Katajun Amirpur in ihrer Mosse-Lecture auf eine vielleicht einzigartige Lese- und Buchkultur in der Islamischen Republik, die es eigentlich nicht geben dürfte. Als Jürgen Habermas den Iran besuchte, habe er erschrocken bemerkt, dass er in einem Land angekommen sei, in dem er wirklich gelesen werde. Von ihren Reisen in den Iran und nach Teheran berichtet Amirpur, dass die Buchhändler in der Nähe der Universität unter dem Ladentisch fast all jene Bücher in Farsi verkauften, die nach den Zensurbehörden und dem Wächterrat gar nicht vorhanden sein dürften. Auch Ali Paya und Mohammad Amin Ghaneirad schrieben 2007 von der Rolle der Theorien von Jürgen Habermas für muslimische Intellektuelle im Iran.[6] Offenbar spielte bis zu den Aufständen 2009 diese Lesekultur im Iran eine große Rolle. Sie hat sich nach der Einschätzung von Amirpur heute ins Internet verlagert.  

 

Doch Patrizia Kramliczek berichtet Anfang 2018 davon, wie die Zensur durch Internetsperren im Iran funktioniert. Die Verhältnisse im Iran sind vermutlich ähnlich wie in der Volksrepublik China, wo ein Facebook-Account für die Karriere schädlich ist, weil Facebook in China verboten ist. E-Mails werden nach Schriftzeichen gescannt und bei Verdacht gelöscht. Nach einem letzten Messenger-Anruf aus Frankfurt löschte eine chinesische Freundin vor einer Woche ihr Facebook-Konto. Vergleichbare chinesische Messengerdienste und Social Media werden in China permanent überwacht und nach neuen Tags oder Schlüsselwörtern gefiltert. Im Iran liegt nach Holger Bleich vergleichbar die „komplette Internet-Infrastruktur (…) in der Hand der Regierung“.[7] Die Zensur wird offenbar situationsabhängig gehandhabt, wenn „zur Präsidentschaftswahl im Iran 2017 die Zensur deutlich angezogen“ wurde, um sie danach wieder zu lockern. Vielleicht geht ohne die Bücher unterm Ladentisch bei totaler Überwachung des Internets nicht.

 

Kramliczek beschreibt „das Hase-und-Igel-Spiel“, bei dem der Zensor eine unliebsame IP-Adresse herausfindet, sie blockiert und der User sich sogleich eine neue sucht, bis diese wiederum blockiert wird.[8] Derartige Strategien sind im Iran wohl verbreitet. Hesam Misaghi berichtete bereits 2011 ähnliches.[9] Ein freies Internet gibt es demnach ebenso wenig, wie dass es sich selbst mit totalitären Methoden gänzlich kontrollieren lässt. Es sind guerilla-artige Praktiken und Strategien gefragt, die bei einem hohen Bildungsstandard von 65% Frauen an den Universitäten im Iran eingesetzt werden. Amirpur erinnerte in ihrem Vortrag an die Philosophiestudentin Neda Agha-Soltan, die am 20. Juni 2009 während der Proteste nach den Präsidentschaftswahlen vermutlich von der Basitsch-Miliz aus der Menge der Protestierenden heraus erschossen wurde. Ein 40 Sekunden langes Handy-Video gelangte per E-Mail in die Niederlande, wo es in Social Media wie Facebook veröffentlicht wurde.

 

Katajun Amirpur berichtete 2010, dass Ali Chamene‘i als religiöses Oberhaupt des Iran eine Kulturrevolution wolle, in dem er westliche Autoren und Denker aus dem Lehrplan verbannte.[10] Doch sie entlarvt den Wunsch nach einer Kulturrevolution als Farce, weil diese bereits 1980 gescheitert sei und ihre Funktionäre wie Abdokarim Sorusch schon 1983 den Hohen Rat der Kulturrevolution verlassen haben.[11] Die reaktionäre oder islamische Kulturrevolution scheiterte nicht nur, weil sie statt Freiheit Terror generierte. Vielmehr scheiterte sie an ihrer ideologischen Enge. Denn die Ideologie steht nach Amirpur im Gegensatz zur Vielheit der Literatur. Dabei ist die Kulturrevolution als Praxis der Auslöschung und Ersetzung von Kulturen durch eine einzige nicht erst seit der Kulturrevolution in China eine zutiefst „westliche“, weil leninistische Idee der Oktoberrevolution. Nach der Oktoberrevolution in Russland wurden die Kinder nicht mehr getauft, sondern „oktobert“.[12]

 

Die Islamische Republik Iran steckt nicht nur in einer Legitimationskrise aus ihrem eigenen Anspruch der Theokratie. Sie entspringt vielmehr dem Dilemma von Moderne und Gottesherrschaft. Die gottähnliche Verehrung Stalins nach den revolutionären Umdeutungen der Oktoberrevolution gibt einen Wink auf die Unvereinbarkeit von Moderne und gerechter Theokratie, wenn sie sich nicht in stalinistischen Terror verkehren soll. Kulturen wie die persische sind genauso wenig homogen wie die chinesische oder die russische. Aber die Nationalstaatlichkeit des 19. Jahrhunderts verlangt eine Homogenisierung der Kultur und eines kulturellen Erbes, bei dessen Übertragung Verluste an Vielfalt generiert werden. Die Auswahl des kulturellen oder islamischen Erbes wie es von dem mittlerweile 79jährigen Ali Chamene’i behauptet wird, formuliert eine im buchstäblichen Sinne von westlichen Autoren gereinigte Kultur, die längst in der iranischen Literatur ihre unauslöschlichen Spuren hinterlassen hat.[13]

 

Am Beispiel von Mohammad-Ali Abtahi macht Amirpur deutlich, wie die iranische Staatsführung ihre eigenen Leute verbrennt und sich dabei selbst beschädigt. Abtahi, der von 1997 bis 2004 Vizepräsident des Iran war, wurde am 14. oder 16 Juni 2009 verhaftet. Die Begründung seiner Verhaftung, dass er zu den „Drahtziehern“ der Proteste gegen die Präsidentschaftswahl zähle, ähnelt auffällig stalinistischen Methoden der 30er Jahre. Nach seiner Festnahme wurde ein Video veröffentlicht, in dem er ein Geständnis ablegte. Auch diese Praxis des Geständnisses und der „Selbstkritik“, wie es seit der chinesischen Kulturrevolution heißt, entspricht den Methoden totalitärer Regime der Moderne. Abtahi war, wie sich in einem Vorher-Nachher-Vergleich sehen lässt, gefoltert und/oder unter Medikamente gesetzt worden. Wie im Gerichtstheater der jungen Sowjetunion[14] steht das Urteil von Anfang an fest, worauf der Satiriker Nabavi mit einem Video reagierte. Der Prozess diente nicht der Wahrheitsfindung oder gar islamischen Gerechtigkeit, sondern wurde als Schauprozess vorgetragen.

 

Nach der Einschätzung von Katajun Amirpur und Stefan Weidner hat die Islamische Republik Iran trotzdem in den letzten Jahren ihre Macht beispielsweise im Libanon und in Jemen ausgebaut. Die Affäre um die Ermordung des saudischen Journalisten Kashoggi in Istanbul hat unlängst dazu geführt, dass die USA die Unterstützung Saudi-Arabiens im Jemen beendet hat. Damit dürfte der verheerende Stellvertreterkrieg zwischen Sunniten und Schiiten in Jemen für den schiitischen Iran entschieden sein. Die Reaktionen und Sanktionen der USA haben das Regime in Teheran paradoxerweise gestärkt. Bei allem Anspruch auf Gottesstaatlichkeit, Gerechtigkeit und Volksherrschaft setzt sich Teheran höchst pragmatisch im arabischen Raum durch. 

 

Torsten Flüh 

 

Katajun Amirpur 

Theokratie ohne Theologen 

demnächst mit Video 

im Programm 

_______________________ 



[1] Ajatolla Chomeini: Der islamische Staat. Berlin: K. Schwarz, 1983, S. 52.

[2] Katajun Amirpur: Den Islam neu denken: Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte. München: C. H. Beck, 2013

[3] Stefan Weidner: Das Ursprüngliche des Korans. Stefan Weidners Seminar Vom Übersetzen des Unübersetzbaren im Literarischen Colloquium Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 10. Februar 2010 20:56.

[4] „Wir brauchen dringend eine Reform im Islam“. Maha El-Kasy-Friemuth im Interview mit Claudia Mende. In: qantara.de 27.08.2014.  

[5] Katajun Amirpur: Den Islam … [wie Anm. 2] S. 9.

[6] Ali Paya  & Mohammad Amin Ghaneirad: Habermas and Iranian Intellectuals. In: Iranian Studies, Volume 40, Pages 305-334 | Published online: 25 Jun 2007.

[7] Patrizia Kramliczek: Wie Internetsperre und Zensur funktionieren. In: BR24 03.01.2018.

[8] Ebenda.

[9] Siehe Torsten Flüh: Bloggen bis zur Revolution. Hesam Misaghi bei den Netzpolitikern im St. Oberholz. In: NIGHT OUT @ BERLIN 9. März 2011 22:21.

[10] Katajun Amirpur: Hunger nach Demokratie. In: Spiegel Online 30.03.2010.

[11] Ebenda.

[12] Siehe Torsten Flüh: Oktobern als Befreiung und Disziplinierung des Menschen. Zur Ausstellung Das sowjetische Experiment und der Filmedition Der Neue Mensch. In: NIGHT OUT @ BERLIN 16. März 2017 21:47.

[13] Siehe Katajun Amirpur: Hunger … [wie Anm. 10]

[14] Zum Gerichtstheater siehe Torsten Flüh: Bernd Alois Zimmermanns großes Welttheater für den Funk. Zur Uraufführung eines vergessenen Meisterwerks durch die Sing-Akademie zu Berlin und das Deutschlandradio in der Volksbühne. In: NIGHT OUT @ BERLIN 30. November 2018 21:08