Neues Material und kein Ende der Geschichten - 1917 - Die Russische Revolution von Paul Jenkins in der arteEDITION

Revolution – Geschichte – Material

 

Neues Material und kein Ende der Geschichten 

Zum Film 1917 – Die Russische Revolution von Paul Jenkins in der arteEDITION

 

Muss die Geschichte der russischen Revolution von 1917 neu geschrieben werden? – In der arteEDITION kommt gerade der Film 1917 – Die Russische Revolution von Paul Jenkins als DVD heraus. Der Film wurde vom englischen Slawisten, Forscher und Produzenten Paul Jenkins schon 2007 für ARTE gedreht und komponiert. Zur Bereinigung und Vereinheitlichung der Ereignisse im Jahr 1917 war nachträglich 1920 nicht nur eine Erstürmung des Winterpalais‘ für den Fotografen, nach Sowjetskoje Foto Iwan Kobosew, aus einer starken Obersicht als Beglaubigung des Ereignisses, das es so nicht gegeben hatte, nachgestellt worden. Der Krieg um die Bilder wird in Paul Jenkins kenntnisreichem Film mit nun erst zugänglichem Bild- und Filmmaterial fortgeführt.

 

Die Macht der Bilder durch die Medien Fotografie und Film für die Geschichtsschreibung wurde im Jahr 1917 mit den russischen Revolutionen zwischen dem 23. Februar bzw. 8. März und dem 25. Oktober bzw. 7. November zum ersten Mal zum Wettstreit über die Deutung der Ereignisse eingesetzt. Bis hin zum „Oktobern“ in Dsiga Wertows Prawda-Film 18 von 1924 ebenso wie Sergeij Eisensteins zensierten und zerschnittenen Doku-Drama 1928 Октябрь entspringt im Jahr 1917 ein Krieg um die Bilder und ihre Geschichte. Lässt sich in ihnen eine historische Wahrheit finden? – Paul Jenkins hat sie mit seinem zunächst auf Französisch erschienenen Film mit Experteninterviews und historischem Bildmaterial in ihrer Widersprüchlichkeit herauskomponiert.

 
Screenshot-Ausschnitt (T.F.): 1917 - Die Russische Revolution

Als Cover für die Besprechung von Paul Jenkins Film wird hier eine Original-Montage aus dem berühmten Foto von 1920 und der Collage Wie kann der Abgrund übersprungen werden? (2016) von Ivan Kulnev verwendet. Das Foto von der Erstürmung des Winterpalais' wurde mehrfach gefälscht. Zunächst wurde es in der sowjetischen Ikonologie zu einer Nachtaufnahme verwandelt, später erschien es wie 1975 Im Blickpunkt Unsere Epoche  „Bilder sowjetischer Meisterfotografen“ als Tagesaufnahme von Iwan Kobosew.[1] 1997 hat Hartmut Kaminski in seinem Film Der Rote Oktober - Die großen und die kleinen Lügen deutlich gemacht, dass beispielsweise die Holzbarrikaden vor dem Palais, die in anderen Dokumentarfilmaufnahmen belegt sind, auf dem Foto fehlen.[2] Die als Wahrheit selbst des „Meisterfotografen“ ließ sich insofern nur mit einer Zensur oder Vernichtung widersprüchlicher Aufnahmen aufrecht erhalten.  

 

 
„Da hat das Kino Geschichte geschrieben...“, Dmitry Bykov. (Screenshot-Aussschnitt (T.F.): 1917 - Die Russische Revolution)

 

Die Fälschung der Bilder und die Manipulation der offiziellen Fotos ist somit aufs Engste mit der Produktion einer fotografischen Wahrheit der Oktoberrevolution verknüpft. Insofern als Paul Jenkins zunächst an der School of Slavonic and East European Studies der University of London studiert hat, bevor er als Forscher Filme für BBC zu machen begann, ähneln seine Arbeitsweisen denen des Slawisten, Historikers und Künstlers Ivan Kulnev. Beide arbeiten mit visuellem Material der russischen Revolutionen von 1917 sowie Literaturen und montieren sie. Bei Kulnev kehrt die Bildlichkeit zerschnitten im Medium der Collage wieder, bei Jenkins wird sie in der Chronologie des Films geschnitten und montiert. Beide bewegt die Suche nach einer historischen Wahrheit, die nicht im Bild sichtbar, doch vielleicht gespeichert ist.

 
Screenshot-Ausschnitt (T.F.): 1917 - Die Russische Revolution

The End of History and the last Man wurde bekanntlich von Francis Fukuyama 1992 als Sieg des „wirtschaftlichen und politischen Liberalismus“ veröffentlicht und löste eine große Debatte aus.[1] Dass der Liberalismus möglicherweise mittelfristig im demokratischen Prozess gewonnen hat, mag angehen. Zwischenzeitlich steht der Liberalismus in Europa mit Ungarn, Polen etc., Russland und den USA sowie der Türkei allenthalben zur Disposition. Doch nicht nur darin gewinnt die kühne These vom Ende der Geschichte einen Bezug zur russischen Revolution. 2002 schob Francis Fukuyama sozusagen als Ergänzung zum „Ende der Geschichte und dem letzten Menschen“ Our Posthuman Future: Consequences of the Biotechnology Revolution nach. Das Cover dieses Buches zum Ende des Menschen präsentiert in der Originalausgabe ein endlos vervielfältigtes Babyporträt.


Screenshot-Ausschnitt (T.F.): 1917 - Die Russische Revolution 
 

Das Ende der Geschichte und das Bild des Menschen bedingen einander. Paul Jenkins Film und Ivan Kulnevs Collagenprojekt Das sowjetische Experiment (2017) kreisen nicht zuletzt um die Frage vom „Neuen Menschen“. Der Mensch, wie er aussehen und leben sollte, ist nicht zuletzt das große Kultur-Projekt der russischen Revolutionen von 1917. Am Ge- und Misslingen dieses Projektes spaltet sich seit über einhundert Jahren die Erzählung von der russischen Revolution und dem Lehrersohn, Vielleser, aktivistischen Autor, Zeitungsgründer und Revolutionär Lenin. Lenin als Autorenname und Selbstbestimmung muss man erst einmal stehen lassen. Denn woher Wladimir Iljitsch Uljanow das Pseudonym und seinen Autorennamen genommen hat, ist nach wie vor ungeklärt.


Screenshot-Ausschnitt (T.F.): 1917 - Die Russische Revolution 

Lenin ist ein singulärer Name. Eine Erfindung und Revolution in und von sich selbst. Ein Name, der keinem andern gleichen will. Ein Name, der aus einem genalogischen Denken, dem Denken einer Herkunft und Geschichte des Namens herausfällt. Diese Namensoperation im Kontext literarischen Schreibens ist bislang kaum berücksichtigt worden. Vielmehr wurde wiederholt und vielfach eine Geschichte für den Namen Lenin zu erzählen versucht, wie es der Oxforder Historiker und Lenin-Biograph Robert Service 2000 mit Lenin: A Biography versucht hat. Service nennt Lenin das berühmteste der 160 Pseudonyme, die er benutzt habe.[2] Man nennt das heute ein Alleinstellungsmerkmal. Wladimir Iljitsch Uljanow verstand es ebenso gewöhnliche als auch verbergende Pseudonyme wie 1901 Meyer in München zu finden und zu benutzen. Lenin allerdings war einzigartig.


Screenshot-Ausschnitt (T.F.): 1917 - Die Russische Revolution 

Lenin sollte, wie Robert Service es einleitend betont, nach seinem Tod 1924 kein normaler Mensch mit einer Biographie sein. Der Leichnam wird nicht nur einbalsamiert, damit ein unveränderliches Bild von Lenin erhalten bleibt, vielmehr noch soll die Biographie das Lenin-Bild als Revolutionär nicht stören. Der Revolutionär wird zur Reliquie und zum Heiligen nicht nur der Sowjetunion, sondern darüber hinaus Russlands bis in die Gegenwart als „Sankt Bolschewik“.[3] Der Historiker Service hatte es nun unternommen, Lenin eine Biographie zu verpassen und gleichzeitig die Ikone zu dekonstruieren. 

Censorship was quickly at work in support of the Lenin cult and the memoirs were heavily edited by the central party leadership before appearing in print. Only now can we examine the original drafts. From this material a picture emerges of a little boy who was energetic, brilliant and charming but also bumptious and not always very kind.[4]    


Screenshot-Ausschnitt (T.F.): 1917 - Die Russische Revolution 

Die Biographie Lenin von Robert Service machte das Monstrum menschlich, was häufig kritisiert wurde. Die wirklich wichtige Frage nach der russischen Revolution ist allerdings nicht, ob man eine sowjetische Heiligenlegende oder eine Biographie schreibt, sondern wie die Bild- und Namenspolitik mit der Fotografie und dem Film bereits um 1917 an der jeweiligen Wahrheit arbeiten. Nicht nur das „material“ aus Notizen, Briefen und Fotografien, das Robert Service für sein „picture“ von Lenin fruchtbar macht, sondern auch die Filmaufnahmen z.B. des russischen Zaren beim Tennisspielen etc., die Paul Jenkins für seinen Revolutionsfilm überwiegend unkommentiert, aber mit Voice-over nutzt, lassen ein Bild jenseits der Lichtbilder erscheinen. Das ist bei Jenkins zwar meistens sehr reizvoll und überraschend, dass es überhaupt das Material gibt, doch prekär ist es ebenfalls. 

Viele dieser Quellen wurden erstmals genutzt und werfen neue Fragen auf: Wer waren die eigentlichen Akteure dieser Revolution? … "1917 – Die Russische Revolution“ legt Material vor, das zu einem neuen Verständnis der Revolution beiträgt.[5]      


Screenshot-Ausschnitt (T.F.): 1917 - Die Russische Revolution 
 

Nicht nur Lenin wird in den historischen Aufnahmen und Kommentaren z. B. des Direktors des Lenin-Museums in Pskov als Experte menschlich, sondern auch der Zar bekommt menschliche Züge, obwohl er wie ein Gott verehrt wird. Die Filmaufnahmen vom Tennisspielen stehen dieser Wahrnehmung entgegen. Das Tennisspielen im engsten Familienkreis passt eher zu einem Selbstverständnis des europäischen Hochadels zwischen London, Berlin, Wien und Den Haag. Wahrscheinlich waren diese Aufnahmen weniger für die russische Öffentlichkeit als vielmehr für die Verwandten in Berlin gedacht. So werden denn auch Filmaufnahmen aus dem Jahr 1913 von den prunkvollen Feierlichkeiten zum 300. Geburtstag der Romanov-Dynastie angefertigt und im Film montiert. Das Bildmaterial unterläuft einerseits eine Historizität, weil es von der Over-voice Erzählung zwar in eine Chronologie gebracht wird, doch nicht chronologisch entstanden ist. Andererseits wird das historisch-fotografische Material zum Faszinosum.


Screenshot-Ausschnitt (T.F.): 1917 - Die Russische Revolution 
 

In den Expertenkommentaren mischen sich die Erzählstränge und Argumentationsweisen, wenn beispielsweise Hélène Carrère d’Encausse, Historikerin und Präsidentin der Académie française, davon spricht, dass Alexander II. kleiner und nicht so gutaussehend wie sein Vater gewesen sei. Carrère d’Encausse entstammte als konservative, französische Historikerin selbst einer Adelsfamilie aus Georgien und wurde 1929 im vornehmen Pariser 16. Arrondissement geboren. Der Größenvergleich des Zaren und seiner Psychologie entstammt somit nicht zuletzt einem Material überwiegend oraler Quellen. Die Wahrnehmung des russischen, nach der Revolution emigrierten Adels wird hier als Kommentar zum tennisspielenden Zar montiert. Anders gesagt, könnte der Kommentar auch heißen, dass bis auf die körperliche Unzulänglichkeit Zar Nikolaus II. im riesigen, imperialistischen Russland alles ganz prima war.


Screenshot-Ausschnitt (T.F.): 1917 - Die Russische Revolution 
 

Paul Jenkins erzeugt in seinem Film eine bisweilen verstörende Vielstimmigkeit, die der Vieldeutigkeit der Fotos und Filmfragmente immer auch ein Sichtbarwerden beigibt. Lässt sich die Geschichte der Russischen Revolution überhaupt erzählen? Zur Erzählung von der Revolution kommt die über den Krieg mit Deutschland, die die vielschichtigen Prozesse nicht vereinfacht. Der I. Weltkrieg und das politische Chaos hatten gewiss ihren Anteil an der Russischen Revolution. Die 11 Kapitel des Films, die im Film selbst eher ineinander greifen – 1 Ursprung und Mythen der Revolution 2 Kultur und Bildung zu Beginn des 20. Jhd. 3 Der erste Weltkrieg 4 Eroberung von Sankt Petersburg 5 Ein Land im Chaos 6 Lenins Rückkehr 7 Machtübernahme der Bolschewiki 8 Entstehung der Roten Armee 9 Errichtung eines totalitären Staates 10 Folgen der Oktoberrevolution 11 Abspann – und sich chronologisch überlagern, ringen immer wieder um eine historische Einordnung, die dennoch nicht gelingen will.

 
Screenshot-Ausschnitt (T.F.): 1917 - Die Russische Revolution

Das neue Material erleichtert nicht die historische Erzählung und Einordnung von 1917, sondern erschwert sie eher. Biographien und Psychologien, Zeitungsmeldungen und mangelnde Kommunikation, Briefwechsel und Anekdoten, Duma-Sitzungen und Romane, Fotografien und Filme lassen trotz einem Zuwachs an Material kein besseres Wissen von der Revolution entstehen. Es gibt kein ursprüngliches Bild für die Revolution, das sich erst nachträglich aus der Geschichtserzählung herstellt. Das ist vielleicht das frappierendste Ergebnis des Films. Die Fülle des überraschend reichen Materials vereitelt geradezu das eine Bild als Wahrheit des revolutionären Prozesses. Es war sicherlich dieser Mangel des Bildes, der die Ikonologie des Sowjets anspringen ließ.

 
Screenshot-Ausschnitt (T.F.): 1917 - Die Russische Revolution

Der kleine Putsch im Winterpalais taugte nicht zur Ikone, die Revolution musste nachträglich einer ikonologischen Dramaturgie der Revolution gehorchen. Diese Ikonologie wurde nur mit dem Foto von 1920 angerissen, um sich in Eisensteins Oktober-Film zu materialisieren und gleichzeitig das Ereignis zu verfehlen. Eines der „zweifelsohne bedeutendsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts“, das sich im Bildgedächtnis eingebrannt hat, und das überraschend gut auf vielfältige Weise fotografiert und gefilmt wurde, ist trotzdem ohne Bild geblieben. Zwar werden unablässig Bilder produziert, um der Revolution eines zu geben, doch werden sie entweder gefälscht oder haarscharf verpasst. Geschichten werden nicht erzählt, weil sie so passiert sind, sondern weil wir trotz all dem Material nicht wissen, wie es passiert ist.

  

Torsten Flüh

 

1917 

Die Russische Revolution 

Ein Film von Paul Jenkins 

Best. Nr.: 2005 

ISBN: 978-3-8488-2005-4  

EAN: 978-3-8488-2005-4  

FSK: Infoprogramm 

Länge: 104 

Bild: PAL, Farbe, s/w, 16:9 

Ton: Dolby Stereo 

Sprache: Deutsch  
€ 14,90          

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[1] Sowjetskoje Foto (Hg.): Im Blickpunkt. Unsere Epoche. Leipzig: VEB Fotokinoverlag, 1974, S. 17.

[2] Hartmut Kaminski: Der Rote Oktober - Die großen und die kleinen Lügen. Lohmar: Circe-Film, 1997. (14:11 bis 15:35) (YouTube)

[3] Siehe Josef Joffe: Ende der Geschichte. Vor 25 Jahren siegten Demokratie und Markt. Die Bilanz? In: DIE ZEIT 12. Juni 2014, 8:00 Uhr/Editiert am 14. Juni 2014, 19:34 Uhr.

[2] Robert Service: Glossary of Names of Lenin and his Family. In: ders.: Lenin: A Biography. London: Macmillan, 2000, S. 13.

[3] Kerstin Holm: Ein Krokodil für Wladimir Iljitsch. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 07.04.2014.

[4] Ebenda S. 50.

[5] 1917 – Die Russische Revolution. Film auf DVD, absolutMEDIEN 2017.