Zum Realismus der Linked Data und des Internets der Dinge - Die dwerft-Konferenz am Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam

Daten – Film – Realismus

 

Zum Realismus der Linked Data und des Internets der Dinge 

Die dwerft-Konferenz am Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam

 

Was macht eigentlich ein Filmproduktionsleiter? Knapp gesagt: er sieht den Film aus der Datenperspektive. Filmproduktionen generieren Daten in unterschiedlichen Formaten. Das wird zum Problem bei der Filmverwertung. Deshalb wünscht sich ein Producer eine Vernetzung aller Daten zu einem Film, die die Verwertung erleichtern. Er wünscht sich eine Datenbank, die alle Daten von den Kameradaten über die Mitwirkenden bis zum Plot sammelt, verlinkt und zugänglich macht. Deshalb hat der Potsdamer Filmproduktionsleiter Peter Effenberg die dwerft-Konferenz The Benefit of Linked Data mitinitiiert und letzte Woche am Hasso-Plattner-Institut eröffnet.

 

Die Datenproduktion und -verlinkung lohnt sich und wird selbst oder gerade für die Öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten von zunehmender Bedeutung. So saß die Geschäftsführerin der ARD Degeto, Christine Strobl, am 2. März 2016 beim Mainzer Medien Disput auf dem Podium im Veranstaltungssaal der Landesvertretung Rheinland-Pfalz.[1] Die ARD Degeto produziert und vermarktet in Kooperationen „fiktionale Programme“ der ARD-Programme und Sendeanstalten. „2015 lieferte die ARD Degeto an die Programme 773.632 Minuten für 10.293 Sendetermine.“ Beim Mainzer Medien Disput ging es um das Thema Wie kommt das Neue in den Journalismus? und darüber in die „fiktionalen Programme“.[2] Denn die zu produzierenden Filme sollen einen aktuellen Bezug haben.

 

Ein schneller Datenzugriff in der Filmproduktion bedeutet für Produzenten Zeitersparnis, also Kostenminderung. Für die Öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten wurden bislang Filme produziert, die sich wegen der Fördergelder und des rechtlichen Auftrags nicht rechnen mussten, was Peter Effenberg in seiner Keynote The Benefit of Production Metadata for Media Business erwähnte.[3] Mit dem Internet und seinen Streaming-Portalen hat sich das geändert. Beispielsweise kann die dwerft-Konferenz auf der Plattform tele-TASK des Hasso-Plattner-Instituts nach Vorträgen unterteilt abgerufen werden. Filme können heute als Download oder im Streaming erhebliche Erlöse bringen. Der Filmmarkt befindet sich daher technologisch im Umbruch. Der Medienunternehmer und Filmrechtehändler Leo Kirch kaufte in „analogen Zeiten“ Filmrollen, lagerte sie und regelte ihren Verleih an Sendeanstalten, womit er sehr reich wurde.

 

Die Lebensdauer von Filmen und ihre Distributionswege haben sich im Zeitalter, d. h. vor allem Markt des Digitalen und der Daten entschieden verändert.[4] Peter Effenberg will im dwerft-Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, diese Veränderungen gewinnbringend erschließen, weil er die neuen Möglichkeiten „sexy“ findet. Als Beispiel für andere Produktionen und Distributionen führte Effenberg den Film Love Steaks von Jakob Lass an, der 2013 nach dem Anti-Konzept FOGMA mit der „starke(n) Narration eines Drehbuchfilms, d(er) Frische und Spielfreude eines Improfilms, und d(er) authentische(n) Absurdität eines Dokumentarfilms“ an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf entwickelt und im Hotel Kurhaus Ahrenshoop gedreht wurde. Love Steaks wurde ohne Fördergelder produziert und konnte ohne Kinoverleih zu einem Überraschungserfolg auf internationalen Festivals und im Internet werden.[5]

 

Filmproduktionsleiter sind ein besonderer Schlag von Organisatoren bei der Filmherstellung. Um das deutlich zu machen zitierte Effenberg Kolleginnen wie den Producer Michael Klick, der die amerikanische Erfolgsserie mit Berlin-Episode Homeland[6] organisiert und sie als ein informationelles Problem beschreibt: „There is so much information, coming so fast… We are not syncing these information…“ Die Synchronisierung der Informationen wird einerseits zum neuartigen Problem der Filmproduktion, wobei syncing als Kurzform von synchronizing selbst ein relativ junger Neologismus ist, der in der Verkürzung das Zeitproblem der Informationsabstimmung selbst formuliert. Andererseits wird die Filmproduktion zum Informationsproduzenten, die nicht mehr nur von den Stars am Set wie seit eh und je handelt, um den Film vor seiner Fertigstellung zu bewerben.

 

Vielmehr geht es heute bei der Filmproduktion darum, eine Community zu bilden und sie mit Informationen zu versorgen, von denen sie lebt. Metadaten werden heute selbst zur Information auf Internetportalen und in Social Media. Gerade große Serien wie die HBO-Serie Game of Thrones, die vor dem Start ihrer sechsten Staffel ab 24. April steht[7], durchlaufen heute nicht nur eine Verwertungskette über Computerspiele, Franchising etc. Vielmehr schließt die amerikanische Pornoindustrie beispielsweise 2014 mit Gay of Thrones gleich an die Weiterverwertung an.[8] Effenberg zitierte für die Aufgabe der Informationsversorgung Melissa Eccles von Immersive Entertainment: 

My job is to feed the community of Game of Thrones during the time, we are not broadcasting but producing. I do need information for that very time from the production process for my community…[9]

 

Zwischen der Daten- und Informationsbewältigung und der Informationsversorgung für die Community klafft eine Schere auf, bei der die Metadaten der Produktion zu einer informationellen Herausforderung werden. Wie lassen sie sich am besten sammeln, ordnen, verwalten und zugänglich machen? Peter Effenberg und sein Team haben dafür einen Produktions- und Verwertungskreislauf entwickelt, der insbesondere nicht linearen Datenaustausch unter den Beteiligten ermöglicht. Die Fragestellung wird dadurch zugespitzt, dass die Daten in unterschiedlichen Datenformaten produziert werden und schwer ausgetauscht werden können. Dafür ist Dr. Harald Sack am Lehrstuhl für Internet-Technologies and Systems von Prof. Christoph Meinel am Hasso-Plattner-Institut zuständig. Sack leitet die Forschungsgruppe Semantic Technologies und ist Experte für Linked Data Engineering and Applications. Das ist genau jener Bereich, der die Producer interessiert.

 

Semantic Technologies und das Semantic Web sind seit geraumer Zeit die Zukunft des Internets. Die Forschung der Gruppe unter Leitung von Sack interessiert sich besonders für die Entwicklung und Verbesserung der „semantically supported multimedia retrieval and search technologies“. Die semantisch unterstützten Multimedia Gewinnungs- und Suchtechnologien betreffen also all jene Überschneidungen von Bildern, Filmen, Klängen und Texten, die bei einer Filmproduktion bereits heute entstehen, wegen ihrer unterschiedlichen Formate aber nicht effizient über eine gemeinsame Datenbank genutzt werden können. Da das Semantic Web auch gern das Internet der Dinge genannt wird, ist es nun natürlich besonders interessant einen Experten dazu zu hören.

Das Internet der Dinge verspricht, wie unlängst anlässlich von EUROPEn diskutiert worden ist, dass sich Dinge im Internet (wieder)finden lassen. Von literatur- und kulturwissenschaftlicher Seite hat die Diskussion um das Semantic Web nicht zuletzt eine breitere Diskussion über die Dinge in Literatur und Kultur ausgelöst.[10] Die Beschreibung und Verdatung von Dingen spielt nun genau für den Benefit of Linked Data in der Filmproduktion die entscheidende Rolle. Auf diese Weise wurde der Vortrag von Harald Sack mit den Praxisbeispielen von Maike Albers quasi zu einem Writing Seminar. Man kann, ja, man muss sogar die neuere Realismus-Diskussion in der Literatur- und Kulturforschung wie sie gerade von Prof. Eva Geulen am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) angestoßen worden ist, mit Semantic Technlogies, Semantic Web und dem Versprechen eines Internets der Dinge kontextualisieren.[11]

 

Semantic Technologies generieren ein sogenanntes Internet der Dinge und darüber einen neuen Realismus nicht nur in belletristischen Genres, sondern in der Wahrnehmung von Wirklichkeit durch das Internet. Zugespitzt formuliert: nicht die schöne oder die wissenschaftliche Literatur wird heute zum Leitmedium, sondern die Schreib- und Verlinkungsarbeit der Semantic Technologies, die Bedeutung generieren. Auch das Fernsehen, wie wir es kannten, ist kein Leitmedium mehr, sondern die Stärken und Schwächen der Semantic Technologies und des Linked Data Engineering generieren, was gesehen wird. Deshalb mag die dwerft-Konferenz für Fachbesucher und Kooperationspartnern vom Filmproduzenten über den Vertreter der WDR mediagroup digital und das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft hinsichtlich juristischer Fragen bzw. Urheberrechtsfragen bis zum Deutschen Filmarchiv im dwerft-Forschungsverbund gewesen sein. Doch über die Praxisanwendung hinaus ging es um das Semantic Web und den Realismus.

Wenn Harald Sack als Forschungsleiter davon spricht, dass er und Maike Albers im Internet als „Dinge“ existierten, dann kann man das auch als puren oder technologischen Realismus bezeichnen.[12] Der Realismus des Internets wird hergestellt durch Benennung, Vermessung und Verlinkung, wie Sack an einem Einzelbild aus einem Filmsegment über den ersten Schritt von Buzz Aldrin auf dem Mond vorführte. Inhaltliche Metadata werden nach Sack im Abschnitt From Linked Data to Linked Production Data durch Codierung, Normierung und Standardisierung für den Austausch produziert. 

Auf dem Bild befindet sich genau dieser Mann… Ich verbinde das einfach mit der URL auf der Wikipedia … Aber wenn das Programm auf diese URL zugreift, kann man wesentlich mehr feststellen. Das Objekt hat genau diesen Namen. Ich kann sein Geburtsdatum feststellen…

 

Die Verlinkung und die Datengewinnung eines Bildes lassen sich über die URL als Uniform Resource Location oder Internetadresse automatisieren. Die genaue Verortung der Datenspeicher erzeugt in automatisierter Weise allererst das Ding, damit es als Ding gefunden werden kann. Sack und sein Team erfinden das Internet und seine Datenressourcen natürlich nicht neu, sondern arbeiten vor allem an der Vernetzung und Konvertierung von Daten. Dadurch werden Bedeutungen generiert. Auf nicht zufällige Weise wird auf die Datensätze der Internet-Enzyklopädie Wikipedia zugegriffen. Denn Wikipedia ist längst für den Journalismus zum Leitmedium und Archiv geworden. In Wikipedia zu schreiben, heißt, an Bedeutung und Sinn mitzuarbeiten. Und zwar so nachhaltig, dass Forschungsergebnisse beispielsweise aus der Praxis der Psychiatrie diskutiert werden.

Semantic Technologies werden zu automatisierten Wirklichkeitskonstrukteuren, die je nach semantischer Oberfläche Wirklichkeiten hervorbringen. Läge eine Verwechslung des „Objektes“ auf dem Foto vor oder würde es schlechthin fehlerhaft verlinked, passiert, was kürzlich durch einen Schreibfehler im Newsletter von NIGHT OUT @ BERLIN passierte: Die Datensätze können nicht gefunden werden. Ohne den Enzyklopädie-Eintrag als sprachlichen Wissensgenerator existierte das Ding im Internet nicht. Der Realismus des Internets funktioniert über die sprachlichen Operationen von Benennung, Beschreibung, Vermessung, was Sack eine Codierung nennt, die für die Automatisierung normiert und standardisiert werden muss.

 

Das Foto mit Buzz Aldrin wird auch für Bing oder Google nur gefunden, wenn es über Semantic Technologies oder – das soll es auch noch geben – Menschen, die z. B. Blogs oder Webseiten lesen oder zumindest scrollen und einzelne Fotos mit Namen versehen, mit Bedeutung markiert worden ist. Derartige Prozesse hat der Berichterstatter für NIGHT OUT @ BERLIN auf „Google Bilder“ und „Bing Bilder“ genauer erforscht. So werden aktuell beispielsweise bei der Suchanfrage „Knut Ebeling“ in Bezug zur letzten Besprechung nicht nur ein Porträt zum Kultur- und Medienforscher Knut Ebeling gezeigt, sondern erstens Namensverwandte und hinsichtlich des Vortrags im Roten Salon ein Foto mit der Volksbühne, eines vom Publikum, zwei von der Bühneninstallation mit Laptop und Film.

 

Knut Ebeling ist als „Objekt“ oder Ding (nicht) auf dem Foto von der Volksbühne und auch nicht auf den anderen. Doch die Benennung der Fotos durch den Tag „Knut Ebling“ bringt auch diese Fotos als „Bilder“ auf die Seiten 2 bis 6 der Bilderliste. Für das Suchergebnis bei Personennamen ist offenbar die Porträtqualität des Fotos, die nur mit dem Namen funktioniert, entscheidend. Durch den relativ regelmäßigen Publikationsrhythmus und die relativ hohe Anzahl von 510 Artikeln generieren Semantic Technologies und die Verlinkung von Metadaten mittlerweile eine Bilder-Wirklichkeit, die bei der Google Suchanfrage „Sir Simon Rattle Tristan und Isolde Berlin“ sogar das Foto einer DDR-Ruine in Trappenfelde als Bild zur Besprechung der Tristan-Aufführung anzeigen.

 

Die Ruinen von Trappenfelde, die der Berichterstatter am Tag vor der Aufführung auf einer Fahrradtour fotografiert hatte, weil er Richard Wagners Tristan und Isolde mit Fotos von Ruinen kontextualisieren wollte, werden so als Bilder bereits ab der dritten Zeile gelistet. Dass dieser konzeptuelle Bildeinfall dann durchaus mit Sir Simon Rattles Interpretation korrespondiert, konnte ich nicht vorher wissen. Ob die Ruinen von Trappenfelde nun in einem realistischen oder surrealen Verhältnis zu Richard Wagners Tristan und Isolde stehen, lässt sich kaum entscheiden. Sie entspringen allerdings – und das lässt sich schon sagen – den Semantic Technologies eines technologischen Realismus.

 

Kurzum: die detaillierte Vorführung von Semantic Technologies und Linked Data Engineering durch Harald Sack gab nicht nur einen Einblick in die anwendungsbezogene Forschung am Hasso-Plattner-Institut für die auf vielfältigen Ebenen vernetzte Filmproduktion. Sie stieß vielmehr weitere Überlegungen zum Internet der Dinge und zur Frage des Realismus an, wie er gegenwärtig nicht nur als literaturwissenschaftliches Epochenkonzept wiederkehrt und bearbeitet wird, sondern wie er auf hochpolitische Weise als Argument in der Diskussion um die Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien, Afrika und z.B. Afghanistan verwendet wird. Realismus ist zum Schlagwort geworden, weil er zur Wirklichkeit des Internets gehört. Zum Realismus der Geschlechter hat die Politikerin Beatrix von Storch ihren Teil unlängst medienwirksam beigetragen. 

 

Torsten Flüh 

 

PS: Die Kirschblüte in der Nähe des Bahnhofs Babelsberg am Ufer des Griebnitzsees ist sozusagen ein Pausenbild, das im Kontext des Realismus von Linked Data und dem Internet der Dinge steht.

PPS: Da für den Berichterstatter zunächst nicht klar war, wie sich die Fachkonferenz für eine blog-wissenschaftliche Besprechung eignen könnte, hat er nur mit der Kamera seines Smartphones fotografiert. Deshalb ist die Bildqualität eingeschränkt. 

 

dwerft-Konferenz: The Benefit of Linked Data! 

auf tele-TASK

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[1] Otto Brenner Stiftung: Mainzer Medien Disput 02.03.2016 „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – Wie kommt das Neue in den Journalismus?

[2] ARD degeto: Über uns.

[3] Siehe den Vortragsteil „Produktionsprozesse vernetzen“ auf tele-TASK.

[4] So wurde 2015 die OmniCam-360, sozusagen die Berliner 360-Grad-Kamera vorgestellt. Nun wird bereits und gerade auf FACEBOOK eine Facebook app für die 360-Grad-Kamera angeboten, die die Einführung der sogenannten Datenbrille mit Samsung orchestriert. Siehe dazu auch: Torsten Flüh: Die Zukunft sehen und hören. Premiere von Playing The Space auf der Fachmesse Avant Première. In: NIGHT OUT @ BERLIN 20. Februar 2015 17:58

[6] Homeland wird mit einem effektvollen Internetauftritt insbesondere über den Streaming- und On-Demand-Service Showtime angeboten. http://www.sho.com/sho/homeland/home

[8] Siehe: GAME OF SEX. PHOTOS: ‘Game Of Thrones’ Actors And Their Gay Porn Counterparts. QueerTV 11.07.2014

[9] Siehe auch: Chris Taylor: 'Game of Thrones' social media team: 'We basically manipulated you'. In: Mashable MAR 18, 2015.

[10] Dazu auch: Torsten Flüh: Von den Dingen und der Literatur. Wie es auf Heinrich von Kleists Grabstein schneite und Marcel Beyer daran schuld war. In: NIGHT OUT @ BERLIN 25. November 2014 21:23

[11] Eva Geulen: Editorial. In: ZfL Interim 14/04/2016