Verkehrte Sicherheit und die Rückkehr der Rasse - Eine kleine Nachlese zum Tag der Deutschen Einheit, Bündnis Berlin und zur Aktion Deutschland spricht

Einheit – AfD – Nachbarschaft 

 

Verkehrte Sicherheit und die Rückkehr der Rasse 

Eine kleine Nachlese zum Tag der Deutschen Einheit, Bündnis Berlin und zur Aktion Deutschland spricht 

 

Die Zeiten haben sich geändert. Es kokelt, brennt und fackelt zum 3. Oktober 2018. Die Sicherheit steht zur Feier des Tags der Einheit auf dem Spiel. Am 3. Oktober 2010 lief ich mit Cenk, Can, Hassan, Hussein, Remzi durch die Hasenheide beim 1. Berliner Integrationslauf. War Bilal auch dabei? Ich weiß es nicht genau. Im September hat er eine Ausbildung als Polizeianwärter bei der Polizei des Landes Berlin begonnen. Bereits im April hatte er mich beim Döner-Imbiss auf der Müllerstraße gefragt, ob ich noch laufe. „Klar.“ „Bin auch gelaufen für die Prüfung bei der Polizei. Musste 2000 Meter in 9:20 laufen. Hab trainiert vorher.“ Klar, kann man schaffen. Bilal und Polizei?!

 

Statt Integrationslauf in der Hasenheide am Tag der Deutschen Einheit bin ich in diesem Jahr zum Pappelplatz, Invaliden- Ecke Ackerstraße, um mit der Anwohnerinitiative für Zivilcourage – gegen den Aufmarsch von ca. 1.000 Nazis in der Rosenthaler Vorstadt zu protestieren. Waren das Nazis? Das waren doch nur besorgte Bürger, die den „Tag der Nation“ feiern wollten. Die Aufmarschroute vom Washingtonplatz am Hauptbahnhof über die Invalidenstraße in die Ackerstraße, um dann über die Tor-, Novalis-, Tieck- und Chausseestraße zurück in die Invalidenstraße und zum Hauptbahnhof zu gelangen, lässt sich mit der Betonung der Invalidenstraße als militaristische Provokation verstehen. Denn die Straße führt sozusagen am von Friedrich II., auch genannt der Große, gegründeten Haus für die Invaliden, also nicht mehr einsatzfähigen Soldaten vorbei.

 

Man muss im Herbst 2018 mit jeder denkbaren Provokation von Nationalsozialisten in der AfD rechnen. Das Geschäft der politischen Grenzüberschreitung als Provokation der Demokratie ist zum Programm der „Alternative für Deutschland“ geworden. Alte, früher hätte man gesagt, uralte neunzigjährige und neue Nazis wählen nicht nur die AfD in den alten wie den neuen Bundesländern. Sie bestimmen deren politische Agenda. Wer provoziert, drängt der Politik und den Parteien die Themen auf. Wer in der schicken, hippen und teuren Ecke zwischen Rosenthaler Straße und Chausseestraße, Invaliden- und Torstraße nationalistische, rassistische Parolen brüllt, will Politiker*innen, Künstler*innen, Kreative, Mitarbeiter*innen in Ministerien und Parteien provozieren. Der Buchhändler Jörg Braunsdorf aus der Tucholskystraße hat deshalb zu einer Anwohnerinitiative aufgerufen.

 

Die Prominenten-Millionärs- und Kreativen-Dichte in und um die Acker-, Berg- und Gartenstraße ist groß. Gute Nachbarschaft mit Geld und/oder Bildung. Ein distinguierter Kiez, mehr Village als Kiez. Ein bisschen wie Paris‘ Saint-Germain in Berlin. Viele Galerien. Mode. American Cheese Cake und Frozen Yoghurt. Jörg Braunsdorf kennt viele durch seinen Tucholsky-Buchladen. Annika von Trier, Ben Becker, Martin Dean & Yoyo Röhm, Pastor Matthias Motter aus der Zionskirche, Bobo and the White Wooden Houses, Flora Camille, Manfred Nowak (AWO Berlin Mitte), Laura Pinnig (DGB/GEW), Auge.blau, Imran Ayata, Bert’z Rache, Raphael Hillebrandt von der HipHop Partei Die Urbane treten beim Protestfest am Pappelplatz auf. Coole Typen zwischen Chanson mit Annika von Trier und Seemannscountry von auge.blau. Wer hierhin zieht, kommt beispielsweise aus Japan und lässt sich die Wohnung vom Vater in Tokyo, der eine Privatklink führt, kaufen. Oder ein älteres Paar verkauft Geschäft und Haus in „Westdeutschland“, um in Wohnungen  auch für Sohn oder Tochter an der Elisabeth-Kirche zu investieren.

 

Es werden Reden geredet und Teilnehmerzahlen durchgegeben. Die sind „500“, wir sind hier am Pappelplatz „1.000“. Der Berlin-gegen-Nazis-Bär verkündet auf seinem Schild: „wir sind viele“. Die Veranstalter „Bündnis Berlin für ein weltoffenes und tolerantes Berlin“ mit Grünen, Die Urbane, Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte, Diakonie, DGB, AWO, Diözese Berlin etc. machen Mut: wir sind mehr.  Ben Becker liest die Todesfuge von Paul Celan, was immer gefährlich ist „der Tod ist ein Meister aus Deutschland …“. Er liest auch Verse aus Brechts Aufstieg und Fall der Stadt Mahagoni von 1930. Und doch sind die 20er Jahre so ganz anders gewesen. Den Menschen ging es schlecht. Hyperinflation, Weltwirtschaftskrise, Armut. Nichts dergleichen herrscht heute in Deutschland. Damals war die Gegend bitterarm, heute leben Millionäre hier.

 

Gerade die Ackerstraße 29, vor der die Bühne auf Anweisung der Polizei aufgebaut worden ist – in den großen Fensterscheiben von BREWDOG spiegeln sich die Pappeln –, wird man kein Armutsquartier nennen können, während doch in den 20er Jahren die Armutsversorgung der „Schrippenkirche“ in der Ackerstraße 136-137 und gleich daneben in der 132 die Arbeiter in der Mietskaserne der Meyerischen Höfe mit 6 Hinterhöfen ihr Leben fristeten. Hinter der Bernauer Straße im ehemaligen „Westen“ gibt es noch Sozialwohnungen. Doch vorne an der Tor- und Invalidenstraße ist es richtig schick und reich geworden. Investments. Im Viertel, im 19. Jahrhundert „Voghtland“ und daneben „Feuerland“ genannt, wurde mit den sogenannten Wülknitzschen Familienhäusern in der Gartenstraße ab 1820 die Armut außerhalb der Stadtmauer historisch bahnbrechend zentralisiert und durch Spekulation wegweisend Geld akquiriert. Schräg gegenüber gibt es jetzt die Luxusimmobilie Secret Garden mit „green electricity“ und viel Geschichte. 

 

Vor drei Jahren zog die AfD vom Wedding-Platz über die Neue Hochstraße Richtung Gesundbrunnen, wo sich verschreckte Menschen mit Migrationshintergrund fragten, ob „es schon wieder soweit“ ist. Sie trauten sich nicht einmal, vom Balkon zu fotografieren. Die Provokation fand mehrfach an einem Montag statt, als ließe sich damit an „die“ Montagsdemonstrationen, die zum Sturz der DDR und zur „Wiedervereinigung“ führten, anknüpfen. In Berlin findet eine rechte, wenigstens AfD-nahe Demonstration jeden(!) Montag um 18:30 Uhr statt, in die ich einmal auf der Friedrichstraße hineingeraten bin. Da läuft eine überschaubare Zahl an „Merkel-muss-weg-Rufern“ unter Polizeischutz mit. Man könnte es fast belächeln. Doch die rechten Demonstrationen haben sich systematisch von den Rändern zu Mitte in die Mitte des Bezirks Mitte verlagert.

 

Laura Pinnig von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Bezirk Mitte, im DGB erzählt auf der Bühne am Pappelplatz, wie die rechten Montagsdemonstranten sie und ihre Familie damit bedroht hätten, dass man nun wisse, wo sie wohne. Man muss der Berliner Polizei durchaus danken, dass sie am Pappelplatz das Protestfest mehr in die Ackerstraße hinein verlagert hat. Der Pappelplatz erstreckt sich auf einer zu großen Länge an der Invalidenstraße. Das hätte ein konkretes Sicherheitsproblem zwischen den Demonstranten und ihren Gegnern verursachen können. Die Polizei gewährleistet als Staatsgewalt die Sicherheit politischer Kundgebungen von beiden Seiten. Das ist demokratisch gut und richtig so. Die Planungsstäbe der Berliner Polizei sind offenbar deeskalierend geschult. Ben Becker dankt zwar auch der Polizei, um sich dann doch über einen Strafzettel für das Parken seines Jaguars vor seiner Einfahrt, wo nur er wohnt, zu beschweren.      

 

Das Protestfest am Pappelplatz dauerte länger als geplant und der „Tag der Nation“-Zug kam später als gedacht. Doch man muss in diesen Zeiten, in denen der ehemalige Polizist und Chef der sächsischen CDU-Landtagsfraktion Christian Hartman fordert, dass sich die CDU der AfD als Koalitionspartner öffnen müsse[1], seismographisch erforschen, wem und was da die Tür geöffnet wird. Jakob Augstein gibt in der Wochenzeitung Der Freitag am 5. August 2018 mit Entsetzen und Erkenntnis ganz den (Martin) Walser von der Paulskirche, wenn er darüber schreibt, man solle die AfD als Experiment doch einfach mal mitregieren lassen, dann werde sie sich schon entzaubern. Eine kleine, intellektuelle Gehirnübung für die Demokratie und Nation sozusagen. Muss man doch noch denken dürfen. Irgendwann muss Schluss sein mit den Grenzen und dem Holocaust wie in Walsers Paulskirchenrede anno 1998. Jens Spahn lässt sich derweil von seinem Busen- und Bizepsfreund Richard Grenell einen Termin bei Trumps Sicherheitsberater John Bolton arrangieren, den dann die Botschaft in Washington doch erst zustande bringen muss. – Hier mal zündeln und da mal kokeln.

Es gibt noch viel feinere Ausschläge auf der politischen Richterskala, die en passant all das bestätigen, was man sich als Demokrat nicht auszusprechen traute. Die neuen Rechten funktionieren ganz genauso wie die uralten Nazis. Am Sonntag, den 23. September um 14:00 Uhr nahm der Berichterstatter an dem algorithmisch aufbereiteten Debatten-Event Deutschland spricht teil. Warum nicht mit einem Politisch-Andersdenkenden sprechen?! Vorgesehen war ein Sonntagstreffen um 15:00 Uhr in Berlin. Doch Termine hatten sich verschoben. Der Berichterstatter war nicht in Berlin und vereinbarte deshalb ein Treffen mit seiner Streitgesprächspartnerin auf Skype, was beiden prima passte. Haben Sie sich schon einmal 120 Minuten auf Skype mit einem wildfremden Menschen unterhalten, der dann auch noch eine andere politische Meinung hat? Kann das überhaupt funktionieren?

Also ich habe mehr als 120 Minuten mit, ich denke es ist besser, hier nicht ihren Chatnamen zu verraten, nennen wir sie, Jenny gesprochen. Unsere politische Meinung wich, Algorithmus sei Dank, von vornherein nur in dem Punkt voneinander ab, dass Jenny angegeben hatte, Deutschland müsse „besser auf seine Grenzen achten“. Das finde ich gar nicht. In dem Punkt bin ich Europäer und Dekonstruktivist. Grenzen werden auf NIGHT OUT @ BERLIN nach ihren Funktionen befragt.[2] Ebenso wie die AfD durch ständige Grenzüberschreitungen provozieren will und sich dies quasi von ihrem Kulturphilosophen Marc Jongen[3] hat patentieren lassen, gibt es andererseits gute Gründe die Funktionen von Grenzen zu befragen. Die neue Rechte hat sich durchaus einige Diskurstrategien von der Linken abgekupfert, um damit das Gegenteil zu betreiben und alte Grenzen wie Rasse, Nation und Klasse zu reinstallieren.[4]

 

Die Frage nach den Grenzen ist also durchaus eine strategisch wichtige. Beispielsweise wollen Horst Seehofer und Jens Spahn und Richard Grenell „Obergrenzen“ und überhaupt Grenzen, die schon mal mit Natodraht und Betonmauern, das neuinstalliert Eigene von Rasse, Nation und Klasse schützen. Mit der Grenze zu Mexiko geht es Donald Trump und den seinen vor allem darum, eine imaginäre Klasse der „Arbeiter“ zu schützen. Reiche profitieren von den billigen Arbeitskräften im Haushalt etc. Soweit geht Jenny gar nicht. Nun, ich würde es einmal so formulieren, Jenny und ich waren uns ziemlich schnell sympathisch. Sie hat beruflich ministeriell mit Innerer Sicherheit als Psychologin zu tun und ist so Mitte 30, farbig, aus einer eher linksalternativen Familie, wenn ich es richtig verstanden habe. Also so richtig Grenzen dichtmachen, will Jenny gar nicht. Sie hat in Psychologie über Korruption promoviert und an Universitäten unterrichtet. Mir geht es immer darum, Grenzen zu öffnen. Psychologisch können Grenzen indessen durchaus wichtig sein.

Jenny ist erst seit kurzer Zeit in Berlin, so dass das Leben in Berlin und meines im ehemaligen Arbeiterbezirk Wedding ein wichtiges Gesprächsthema wurden. Mein Laufprojekt mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Wedding 65 Runners, von 2007 bis 2011, dem der Berliner Integrationspreis 2. Preis 2007 im Rathaus von Berlin verliehen wurde, nahm einen breiteren Raum ein. Denn es ging dabei mehr darum, Grenzen durchlässig zu machen oder gar abzubauen, als man sich das denken sollte. Das wusste ich nicht vorher. Das war gar nicht geplant – eigentlich wollte ich nur einen Halbmarathon oder Marathon als mittelfristiges Ziel mit 10 Jugendlichen aus meinem Kiez laufen – und es hat doch stattgefunden. Ich wurde dadurch zum Weißen Elefanten auf Samers Hochzeit, was nur deshalb erwähnenswert ist, weil Samer eben keinen anderen „deutschen“ Freund auf seiner Hochzeit eingeladen hatte. Da war etwas grundsätzlich falsch gelaufen, schoss es mir durch den Kopf. Und das war nicht Samers Schuld!

Das Laufprojekt wurde mit Mitteln der Stadt und der EU durch das Quartiersmanagement gefördert. Wir brauchten Gelder für die richtigen Laufschuhe nach Fußanalyse und Startgelder zum Beispiel für den Integrationslauf oder den Wettlauf vom Schloss Charlottenburg durch den Zoo und zurück. Hassan und Hussein wussten als Weddinger nicht, was das Schloss ist. Wir haben, glaube ich, drei Jahre nacheinander den Integrationslauf in der Hasenheide gemacht. Serdal machte auch mit und wollte immer zur Polizei, was ich so verstand, dass er dazugehören wollte. Was gibt es an Integrationswunsch stärkeres, als sich mit der Polizei zu identifizieren. Serdal hatte vor ca. 10 Jahren wenig oder gar keine Chance, für eine Polizeianwärterausbildung angenommen zu werden. Ich kenne sozusagen Polizei persönlich und intern aus den 80er Jahren in Kiel. Da gab es Rassismus etc. pur. Bilal hat dann sozusagen sein eigenes Marathonprojekt durchgezogen, obwohl er nicht sehr häufig trainiert hat. In der Polizei hat sich offenbar etwas verändert. Es geht immer um Grenzen. Polizei ist in Berlin offener geworden. So haben Jenny und ich also ziemlich freundlich gestritten und waren gar nicht so uneins. Doch nun kommt die Pointe.

Die Grenze der Bundesrepublik Deutschland und die Überschreitung von Grenzen sollte erst nach dem Streitgespräch richtig zur Geltung kommen. Während Jenny und ich uns „stritten“, trank meine Mutter mit drei gleichaltrigen Paaren (über 70) Kaffee. So kam ich mit meiner Erzählung vom Deutschland-spricht-Streitgespräch an den Kaffeetisch der älteren und wirklich alten Herrschaften. Das Stichwort für Karl Adolfs (Name geändert) war „Grenze“. Karl Adolfs ist Jahrgang 1928. Ein großer, mit Neunzig wirklich gutaussehender Mann im braunen Wildleder-Jackett. Distinguiert. Das Steak zum Mittag im Restaurant am Nord-Ostsee-Kanal hatte er sich „Medium“ bestellt. Getönte Brille. Seine Frau Elsie ist jünger, aber körperlich schon eingeschränkter. Er kümmert sich liebevoll um sie. Die anderen fünf Personen unterstützen beide, seitdem Karl im Frühjahr im Auto einen Herzanfall erlitt. Karl und Elsie werden nun von den Freunden zu gemeinsamen Unternehmungen und regelmäßigen Treffen abgeholt. Er sitzt gern an seinem Flugsimulator, wie erzählt wird. Sie bewohnen ein großes Haus und haben entweder türkische oder russische Haushaltshilfen. Er war leitender Schaufensterwerbegestalter bei einem großen Kaufhaus-Konzern. Soviel weiß man.

Karl hat sein Auto noch nicht abgegeben, weil es keine Altersgrenze gibt. Für kurze Ausflüge mit Elsie geht es noch, sagt er. Sonst könnten sie gar nichts mehr unternehmen. Die Gruppe besucht auch gemeinsam Konzerte usw. Karl und Elsie werden abgeholt und nach Hause gebracht. Clubinterne Weihnachtsfeiern werden wie seit über 30 Jahren gemeinsam gefeiert. Doch „Grenze“ war für Karl das Stichwort. Das Gespräch begann überstürzt mit einer gewissen Hast. In etwa so: „Ja, genau, die Grenzen muss man schützen… Was hätten wir denn 2015 anderes tun sollen, als die AfD wählen… Ayshe habe ich doch gefragt, ob sie nicht einen Deutschen heiraten will… Aber die bleiben lieber unter sich. Das ist eben eine andere Rasse.“ Er benutzte wirklich und allen Ernstes den Begriff Rasse. „Also Torsten, nun hören sie mir doch einmal zu. Meine Großmutter in Daundda hatte schrecklich viele Kinder. Es waren 6 oder 7 Geschwister. Dann war Familientreffen. Und meine Onkel haben sich unterhalten und gesagt: Hitler will keinen Krieg…“

Wie das alles genau zusammengehörte – „Grenze“, „2015“, „AfD“, „Rasse“, „einen Deutschen heiraten“, „Großmutter“, „Onkel“, „Hitler“ und „Krieg“ –, war nicht aus dem plötzlichen Redeschwall zu verstehen. Vielleicht eine Art rechter Privatmythos, keinesfalls Demenz. Kurz zuvor hatte Karl seinen Freunden noch sein neues Smartphone erklärt und war ganz begeistert davon, dass er soziale Medien benutzen könne. Die anderen nutzen die Medien weniger. Die Anderen widersprachen Karl sogleich heftig. Im Nachhinein war man dankbar, dass sich Karl, von dessen konservativer Gesinnung man gewusst habe, nun genau positioniert und von mir Widerspruch erhalten hatte. Der Widerspruch bestand vor allem in meiner großen Freude darüber, dass ich es mit meinem blöden Laufprojekt soweit gebracht hatte, dass ich im Setting von Bilal überhaupt eine derartige Rolle spiele, dass er mir gleich mitteilen wollte, dass er jetzt die Polizeiausbildung macht. Ich sagte in etwa: „Dass ich als Schwuler eine derartige Rolle bei diesen muslimischen Jungs spielen darf, widerlegt alle Rassismen. Es zeigt, was jahrelang versäumt worden ist.“

 

Wie sich herausstellte und nun bewahrheitete, hatte Karl Adolfs meiner Mutter schon einmal eine AfD-Mail geschickt, worüber sie sich doch gewundert hatte. Natürlich kam dann von meiner Mutter noch: „Dass Du auch noch gesagt hast, dass Du schwul bist…“ Erstens: Schaufensterwerbegestalter waren fast alle schwul – früher. Zweitens: Als Schwuler darf man sich schon gar nicht vor Nazis verstecken oder sich ihnen anbiedern wie ein gewisser Botschafter, sondern muss ihnen Paroli bieten. – Gut, Karl Adolfs war 17, als der Krieg 1945 beendet war. Von der russischen Gefangenschaft soll er nur Gutes erzählen. Die Russen mochten ihn oder so. Wenn ich mir Karl als Siebzehnjährigen vorstellen soll, dann war er ein großer, „arischer“ Typ. Wer mit 90 noch so groß und gutgebaut ist, wird mit 17 kein Hänfling gewesen sein.

 

Der entlarvende, politisch relevante Horror besteht darin, dass Adolfs 73 Jahre nach Ende des Dritten Reichs, den gleichen Scheiß erzählt wie 1944, sich in der AfD voll wiederfindet und wahrscheinlich nicht nur per E-Mail, sondern ebenso auf Facebook oder Twitter mit seiner erwiesenermaßen falschen Privatmythologie „engagiert“. Karl Adolfs ist mindestens 75 Jahre ein leidenschaftlicher Nationalsozialist und Adolf-Hitler-Anhänger geblieben, um nun seine (Selbst-)Bestätigungsfeste beim „Tag der Nation“ und ähnlichen Veranstaltungen medial zu feiern. Überlebt hat er vermutlich lange als Wähler der CDU, bis er sich der AfD zuwandte. – Das Kaffeetrinken endete übrigens mit Karls beschwichtigendem Hinweis, dass doch in dieser langjährigen Freundschaftsgruppe Politik nie eine Rolle gespielt habe. Und das solle man nun auch so beibehalten. Es folgte ein schneller Aufbruch der Gäste.

 

Nie ging es einer Generation der Neunzigjährigen ökonomisch, gesundheitlich, sozial besser als heute! Natürlich spielt es für Karl und seine Genossen überhaupt keine Rolle, ob es ihnen schlecht – „Deutschland geht es so schlecht“, sagte er – oder mit Flugsimulator im Wohnzimmer geradezu paradiesisch gut geht. Den Deutschen und Deutschland geht es so Gold, dass die Amerikaner uns um unsere Wirtschaft, Kultur, Infrastruktur und selbst die Deutsche Bahn mit den ICEs schwer beneiden. Von der Siegermacht Russland ganz zu schweigen. Aber wer unbedingt wieder faschistisch herrschen will wie die Enkelin des Reichsfinanzministers Lutz Schwerin von Krosgik – Hitler sind „die Tränen in die Augen getreten“[5] – , wer will, dass man nur ihm oder ihr zuhört und – verdammt noch mal – unterwürfig folgt, dem/der geht es natürlich schlecht, weil er/sie die Macht teilen muss oder ihm/ihr kaum zugehört wird.

 

Doch ganz am Rande soll dann die Politik in einer Freundschaft keine Rolle spielen. Ob das Kaffeetrinken am 23. September 2018 Folgen für die Freundschaft der 7 alten Menschen haben wird, wissen wir nicht. Die Politik auszuklammern, während man AfD-Mails versehentlich(?) an Freunde schickt, muss man als das benennen, was es ist: verlogen. Er will trotzdem bewundert und geliebt werden. Es gibt einen spezifischen, verführerischen Narzissmus im Wesen des Nazis. Karl Adolfs und seine politischen Ansichten wären völlig unerheblich, wenn sie nicht die AfD als rechtsnationale, ja, als Alt-Nazi-Partei entlarven würden. Vor allem enthüllen sie beispielhaft, dass es in der Partei und bei ihren Wählern nicht um die Religion – Christentum, Islam, Judentum – geht, sondern um eine Konstruktion von Rasse und Rassismus. Eine Partei der Gespenster und Poltergeister, die man nicht mehr für möglich gehalten hatte. –  Ich hätte sofort eine unmissverständliche Grenze gezogen und mich von Karl Adolfs abgewandt, weil sein Privatmythos heute, jetzt, ein brandgefährlicher ist. Nicht zuletzt durch Facebook & Co.

 

Torsten Flüh

 

Buchhandlung Tucholsky

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[1] M. Brost u. a.: Macht die CDU blau? Koalieren die Christdemokraten bald mit der AfD? … In: Die Zeit N° 41, 4. Oktober 2018, S. 4 (Print).

[2] Vgl. zur Grenze und der Stimmung am 9. November 2014 Torsten Flüh: Verflüchtigt. Was in der Berichterstattung zur Lichtgrenze von 25 Jahre Mauerfall nicht vorkam. In: NIGHT OUT @ BERLIN 17. November 2014 18:29.
Und: ders.: Todesstreifen, Narbe und Natur als Lebenslinie. Zur Grenze und „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“ im Museum für Kommunikation Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 12. November 2015 20:27.

[3] Vgl. zu Marc Jongen und die kulturpolitische wie politisch-kulturelle Agenda der AfD: Torsten Flüh: Das Nachleben der Diskursfriedhöfe. Falk Richters Fear an der Schaubühne am Lehniner Platz. In: NIGHT OUT @ BERLIN 31. Mai 2016 18:48.

[4] Dazu: Torsten Flüh: Über den neuen Rassismus in der Politik. Gefährliche Konjunkturen liest Étienne Balibars und Immanuel Wallersteins Race, nation, classe von 1988 wieder. In: NIGHT OUT @ BERLIN 10. April 2018 22:53.

[5] Volker Ulrich: Seine letzte Rolle. Hitler inszenierte den Kollaps des »Dritten Reiches« als heroischen Untergang – mit sich selbst als Wiedergänger des Preußenkönigs Friedrich des Großen. In: Die Zeit N° 41, 4. Oktober 2018, S. 19.