Die Gewalt der Geschichte und das Wissen - Carolin Emcke unterhält sich im Streitraum über Gewalt und Gerechtigkeit mit Édouard Louis

Gewalt – Geschichte – Sprechen 

 

Die Gewalt der Geschichte und das Wissen 

Carolin Emcke unterhält sich in der Reihe Streitraum über Gewalt und Gerechtigkeit mit Édouard Louis 

 

Wenn man etwas über die Macht der Sprache erfahren möchte, muss man nur für einen Moment die Übersetzungsoperation von Histoire de la violence (2016) ins Deutsche zu Im Herzen der Gewalt (2017) bedenken. Der Begriff der Geschichte ist im deutschen Buchhandel nahezu für Geschichte als Wissen und Wissenschaft monopolisiert. Geschichte verspricht ein Sachbuch, das sich dann nicht mehr als belletristischer Roman verkaufen lässt. Beim Herzen – belle et triste – dagegen fühlt sich das deutsche Lesepublikum sogleich emotional angesprochen. Édouard Louis‘ Roman allerdings heißt Histoire und nicht Coeur de la violence. Im Französischen hat histoire einen elastischeren Bedeutungsrahmen als Buchtitel. Tatsächlich geht es dem jungen, intellektuellen Romanautor aus der „class populaire“ genau darum.

 

Carolin Emcke unterhielt sich am Sonntag in ihrer Reihe Streitraum, Sonntagsmatinee für Diskursfreudige, in der Schaubühne am Lehniner Platz über Gewalt und Gerechtigkeit mit dem jungen Star der französischen Literatur, Édouard Louis. Ein Glücksfall. Ehrlich gesagt, der Titel Im Herzen der Gewalt hatte mich als Leser nicht angesprochen. Manchmal muss man an einem Übersetzungstitel vorbeilesen. Denn es geht zwar auch um Emotionen, doch vielmehr noch darum, welche histoire und wie von Gewalt erzählt werden kann. Édouard Louis weiß nicht nur wovon er schreibt, weil er brutale, gleichwohl ambivalente Gewalt in Paris nahe dem Place de la République erlebt hat, sondern weil er davon in der Sprache der Polizei erzählen musste. Histoire de la violence ist ein brillant komponierter, politischer Roman über Gewalt und Sprache.

 

Verlagsdiskurse sind gerade dann, wenn es um Titelübersetzungen geht, ungeheuer mächtig. Sie verschieben im Namen eines Wissens vom Markt ganze Bedeutungsrahmen. Das kann von Vorteil und von Nachteil sein. Für Édouard Louis verlief die Rahmung im deutschen Buchmarkt eher weitgehend erfolgreich. Titel müssen plakativ sein, wie gerade erst ein journalistischer Freund sagte. Plakativ heißt, dass der aktuelle Bedeutungsrahmen, das Wissen von einem Wort, wie es gegenwärtig zirkuliert, geradezu seismographisch eingeschätzt und kombiniert werden muss. Es geht damit um ein floatendes Wissen in den Medien. Verlage und Redakteure haben oder sollten dafür ein feines Gespür haben. In „meinem“ Wissen – nicht zuletzt als Blog – erinnerte mich der Titel Im Herzen der Gewalt allenfalls an Wolfram Lotz‘ Die lächerliche Finsternis, was ich 2015 im Deutschen Theater gesehen wie besprochen hatte, und das eine kluge Adaption von Josef Conrads Das Herz der Finsternis gewesen war.[1] Diese Form meines Blog-Wissens war einerseits richtig, doch auch ganz falsch.

 

Dieser Blog als Schreibplattform greift nicht nur Wissen auf, um es zu zitieren. Er stellt in einer Mischung aus Tagebuch und Roman oder Tagebuchroman auch Wissen her, das sich mit jedem Link verschiebt. Bloggen heißt, an einem Gesellschafts- und Ich-Roman schreiben.[2] Mit mehr als 629 Posts bzw. Besprechungen ist das Wissen des Blogs indessen als Ganzes kaum noch einholbar. Es ließe sich als eine Haltung zur Frage des Wissens beschreiben. Anders formuliert: Was ich in 629 Posts geschrieben habe, kann ich gar nicht mehr wissen, obwohl und weil ich es geschrieben habe. Carolin Emcke fragt in ihrer aktuellen Streitraum-Reihe nach dem Verhältnis von „Wissen und Macht“ in Zeiten eines grassierenden „Anti-Intellektualismus“. 

… Der explizite Anti-Intellektualismus verschiedener populistischer Bewegungen probt den systematischen Angriff auf Institutionen der Wissensvermittlung wie Universitäten, Kultureinrichtungen und Theater. In einer Zeit, in der durch digitale Medien der Zugang zu Wissen schneller und breiter als je zuvor ermöglicht wird, sind sie nur eines der Konfliktfelder, in denen Wissen und Unwissen sowie Macht und Ohnmacht verhandelt werden. Wie ungleich oder ungerecht wird Wissen verteilt? […] Welche technischen, welche ästhetischen Gegenstrategien kann es gegen die Verbreitung von Lügen, Diffamierungen und Hass geben? Verschieben sich die gewalttätigen Konflikte zunehmend in die Sphäre von Cyber-Wars? …[3]

 

Der eher harmlos-emotionale Titel Im Herzen der Gewalt täuscht. Er lügt vielleicht sogar. Édouard Louis erzählt alles andere als harmlos. Und der Roman ist keinesfalls nur eine emotionale Geschichte der Gewalt, die, welch eine Koinzidenz von Leben als Pariser Intellektueller und Gewaltausbruch, aus einem Mitteilungsbedürfnis entspringt. Didier, Geoffroy und Édouard, die gerade noch am 24. Dezember ein Weihnachtsessen gefeiert haben, bevor Édouard sein Fahrrad am weltbekannten Place de la République abstellt – warum eigentlich? - um sich von einem anderen Mann leichter einholen lassen zu können – ist nicht irgendeiner. Didier, Geoffroy und Édouard sind die weltberühmtesten Pariser Intellektuellen Eribon, de Lagasnerie und Louis, die sich zu Weihnachten, sagen wir, 2015 zuvor natürlich über Gewalt unterhalten haben. Die traumatischen Pariser Anschläge vom 13. November 2015 – Stade de France, Bataclan, Boulevard Voltaire etc. – liegen kaum 6 Wochen zurück. Terrorismus und Gewalt als Gesprächsthema beherrschen Paris geradewegs.

Die Terroranschläge von Paris kommen in Histoire de la violence nicht vor. Sie werden nicht benannt. Doch es geht im Roman genau darum, wie Terror, Gewalt und Vergewaltigung erzählt werden können. Édouard Louis spricht mit Carolin Emcke in der Streitraum-Veranstaltung durchaus über die Gewalt und den Terror in Frankreich. In Frankreich wird der Titel seit 2016, sagen wir, schneller in diesem Kontext gelesen. Mit dem deutschen Titel verschwindet er komplett. Der Autor Édouard Louis ist mit seinen beiden prominenten Freunden zutiefst in die politischen und intellektuellen Diskussionen seit 2015 involviert. 2015 verfasste er, geboren 1992, zusammen mit Geoffroy de Lagasnerie ein „Manifest für eine intellektuelle und politische Gegenoffensive“ – Manifeste pour une contre-offensive intellectuelle et politique[4] – das am 26. September auf dem Blog von Geoffroy de Lagasnerie und am 27. und 28. in Le Monde erschien, um schon am 25. Oktober 2015 als „Manifesto for an Intellectual and Political Counteroffensive“ online im Los Angeles Review of Books veröffentlicht zu werden.[5] 

3. Finally, some of the responsibility lies in the internal workings of the literary and academic fields. Writers, sociologists and philosophers do not dare to engage: for the writers, to intervene would constitute a violation of the purity of literature; for the others, it would call into question the validity of their knowledge. An injunction of depoliticization reigns over the literary and scholarly worlds (the ideology of literature: “l’amour-des-mots,” and academic research for its own sake, etc). Politics is seen as a risk, a stigma — when it’s the political disengagement that should really be seen as the problem.[6]

 

Als Zweiundzwanzigjähriger ein Manifest mit einem Dreißigjährigen Juniorprofessor zu schreiben, das sich zudem als ein intellektuelles und politisches gegen „dépolitisation“ positioniert, ist, sagen wir mal, ein gewisses Alleinstellungsmerkmal, das vielleicht nur in Paris funktionieren kann. Die Position des Intellektuellen in der französischen Gesellschaft bzw. in Paris ist eine andere als in Deutschland. Das gilt umso mehr als Louis und de Lagasnerie an den Soziologen Pierre Bourdieu anknüpfen. Pierre Bourdieu hat wiederholt und nicht zuletzt im Anschluss an ein schwieriges Gespräch mit dem Zentralkomitee der SED am 26. Oktober 1989, also knapp zwei Wochen vor den Ereignissen des 9. November 1989, als die DDR bereits Auflösungserscheinungen zeigte, im Gespräch mit Jeanne Paschnicke vor allem das politische Engagement der Intellektuellen eingefordert.

Diese spezifische Autorität basiert auf der Kompetenz, die die Intellektuellen in ihrem ureigenen Tätigkeitsfeld erringen müssen – in der Wissenschaft, der Kultur, der Kunst. In diesem autonomen Feld müssen die Intellektuellen unabhängig von religiöser, ökonomischer und politischer Macht produzieren können, um dann aus diesem herausgehen und ihre Kompetenz im politischen Feld einbringen zu können. Ansonsten hat ihr Wort kein Gewicht. Zolas J‘accuse ist die Erfindung einer neuen Definition des politischen Engagements. [7]

 

Die Frage der Funktion von Literatur und Wissenschaft in der Gesellschaft und politischen Öffentlichkeit wird im Manifest sehr deutlich formuliert. Schriftsteller, Soziologen und Philosophen sollen sich engagieren und intervenieren. Doch sind Wissenschaft und Literatur heute noch ein autonomes Feld, wie Bourdieu 1989 formulierte? Louis und de Lagasnerie wenden sich gegen eine Ideologie der Literatur als „l’amour-des-mots“ und wissenschaftliche Forschung zu ihrem eigenen Zweck. Von fern klingt darin Georg Lukács Theorie des Romans von 1916 an. Das Manifest trägt theoretische Züge, funktioniert genau wie die klassische Manifest-Literatur, wie sie Julian Rosefeldt im Manifesto-Film[8] dekonstruiert, ironisiert vielleicht unfreiwillig das Genre und macht vor allem Im Herzen der Gewalt zu einem theoretisch konzipierten, politischen Roman. Es richtet sich indessen konkret gegen Autoren wie Éric Zemmour und Michel Houellebecq. 

But we cannot just lament the situation without questioning the means of creating new structures. In fact, all hope is not lost: the Zemmours and Houellebecqs are bent on denying what they really are, and lying. The left continues to dominate symbolically. In France, “intellectual right” remains an oxymoron, better still: an impossibility. We must at least rejoice in that.[9]

Im Herzen der Gewalt wird als Roman unterschätzt. Nicht zuletzt mit einer gewissen Experimentier- und Anschlussfreude hat Louis eine histoire über Gewalt und die Macht der Sprache komponiert. Selbst Carolin Emcke fragt im Streitraum mehrfach nach, was das Sprechen über die „Vergewaltigung“ mit ihm gemacht habe. Vergewaltigung heißt im Französischen ebenfalls violence oder kurz viol. Louis schreibt literarisch im Titel eben nicht nur von Gewalt, sondern gleichfalls von Ver-gewalt-igung. Die Geschichte einer Vergewaltigung wäre als Titel im Deutschen allerdings auch verkürzend und nichtzutreffend gewesen. Es geht in Im Herzen der Gewalt die Verschiebungen des Wissens werden geradezu lesbar – um eine „redistribution de la honte“ im Doppelsinn von Scham und Schande. Schon in der Übersetzung des Manifestes vom Französischen ins Englische entstehen Interferenzen, wenn „l'espace du dicible“[10] mit „the space of the speakable“ übersetzt wird. Doch genau davon erzählt Im Herzen der Gewalt, mit dem Problem wer spricht und wer stumm bleibt.  

3. Principle of redistribution of shame: to transform the scene is to change the space of the speakable. The “silence of the intellectuals,” in the end, is not the problem. The problem is who speaks and who remains silent. There are the individuals who we would prefer to remain silent, not by force, as we will surely be accused of advocating, but, on the contrary, by making them understand that their remarks are worthy of nothing but contempt. The ideologues of the extreme right can think what they want, the main thing is that they do not dare say it without incurring disrepute. “The civilization of morals” referred to by Norbert Elias is not the total disappearance of the ugliest thoughts, it is a society where those who wish to formulate them are led to control their impulses. 

4. Principle of intervention: as often as possible, to intervene, to occupy space. In short, to bring the left to life.[11]

Es geht um eine vielleicht auch revoltierende Belebung der Linken/“faire vivre la gauche“. Im Passagen Verlag ist gerade von Geffroy de Lagasnerie Michel Foucaults letzte Lektion erschienen. Doch die Belebung der Linken findet nicht einfach als eine Rettung der „Institutionen der Wissensvermittlung wie Universitäten, Kultureinrichtungen und Theater“ (Carolin Emcke) statt. Im Roman geht es Édouard Louis vor allem darum, einen Raum der Vielstimmigkeit zu schaffen. Im französischen Original wird vermutlich die Stimme der Schwester als Stimme der „class populaire“ im Unterschied zur Sprache der Polizei oder auch der Stimme des Körpers noch deutlicher sein. Wenn der Roman mit einer wilden, manischen Putzszene eröffnet wird – „in Wirklichkeit schnüffelte ich, schnüffelte wie ein Tier, ich war zum Tier geworden bei der Suche nach diesem Geruch, der nicht verschwinden zu wollen schien“[12] –, dann geht es vielleicht eher um einen oder den Körper, der ein Ich terrorisiert. 

Sein Kopf, der hat Ja sagen wollen, aber dann hört er, wie sein Körper Nein sagt. So sehr, dass er selbst gestaunt hat, aus seinem eigenen Mund ein Nein zu hören, und dann hat er seinem Körper zugehört, […] und sein Kopf schimpfte aus seinen Körper (ich hasste meinen Körper), aber alles Schimpfen hat nichts genutzt …[13]  

Im Gespräch mit Carolin Emcke kommt Édouard Louis schließlich auch auf die Frage „Wer spricht?“ zu sprechen.[14] Scheinbar mühelos knüpft er an Michel Foucault an, erwähnt Derrida, Bourdieu. Die Schwester – „Und ich hab gefunden, dass er wieder mal übertreibt.“[15] – findet die Trennung zwischen Kopf und Körper durchaus übertrieben, selbst dann, wenn sie erzählt, was Édouard ihr erzählt hat bzw. haben soll. Die verdrehte oder queere Konstruktion, dass das erzählende Ich durch einen Spalt in der Tür hört, wie die Schwester ihrem Mann erzählt, was Édouard ihr erzählt hat, macht vor allem Verschiebungen im Erzählen deutlich. Wer spricht, wenn ich spreche? Spricht das „Subjekt-Objekt-Satzgefüge“, wie es Oskar Pastior in seiner Dankrede zum Büchner-Preis 2006 formuliert hat? Werde ich gar gesprochen? Der auch kryptische „l’espace du dicible“ wird in Im Herzen der Gewalt ständig gewechselt und gedreht. Man wird wohl eher nicht davon ausgehen können, dass Louis seinen Roman hintereinander weg geschrieben, sondern die Parenthesen auch montiert hat. Der Ich-Erzähler im Erstlingsroman Das Ende von Eddy (En finir avec Eddy Bellegueule, 2014) funktioniert anders. Im Herzen der Gewalt ist derart durchkomponiert und durchaus theoretisch reflektiert, dass das Ich ständig in Frage gestellt wird. 

Ich erkannte nicht wieder, was ich selber sagte. Ich erkannte meine eigenen Erinnerungen nicht wieder, als ich sie schilderte; die Fragen der beiden Beamten zwangen mich, die Nacht mit Reda anders darzustellen, als ich es gewollt hätte, und in der Form, die sie meinem Bericht aufzwangen, erkannte ich das Erlebte nicht wieder, ich verlor die Orientierung, ich wusste, wenn es mit dem Bericht so weitergehen würde, dann würde es wegen ihrer Fragen oder der Richtung, die sie mir aufdrängten, unmöglich, noch einmal zurückspulen…[16]

Man kann sich durch die Sprache selbst vergessen beim Erzählen. Natürlich kann man in der Literatur nie wissen, was stimmt. Erzählt Édouard die Histoire de la violence in ihrer ganzen Ambivalenz, weil er vergewaltigt worden ist oder weil er den Missbrauch einer Geschichte erzählen will? Oder beides? Wir wissen es nicht. So bringt Édouard Reda vor allem als Kabylen in Stellung gegen den „Polizeijargon“ gegen eine rassistische Typisierung. Dabei ist es fast schon unerheblich, ob Reda wirklich ein Kabyle ist oder war. Denn es ist nicht zuletzt der Soziologe Pierre Bourdieu, der 1972 den Entwurf einer Theorie der Praxis. Auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft geschrieben hat. Wenn Édouard also einige Brocken Kabylisch spricht[17], dann hat er sehr wahrscheinlich Bourdieu gelesen. 

… Auf der Kopie der Anzeige, die ich zu Hause aufbewahre, heißt es im Polizeijargon: Maghrebinischer Typus. Jedes Mal, wenn ich mir das Blatt anschaue, ärgere ich mich über dieses Wort, denn ich kann daraus den Rassismus der Beamten während der Befragung heraushören, die später am 25. Dezember erfolgte, dieser reflexartige Rassismus, der alles in allem das Einzige war, was sie in ihrer engen Uniform verband, auf dem ihre Einigkeit an jenem Abend beruhte, denn für sie implizierte maghrebinischer Typus keine geographische Information, sondern bedeutete schlicht Schurke, Übeltäter, Krimineller. […] »Ah, Sie meinen, maghrebinischer Typus.« Er triumphierte, …[18]

Der Rassismus wird als eine schematische Wissensformation formuliert. „Maghrebinischer Typus“ kann, ja, muss in der Sprache der Polizei gesagt werden – „l’espace du dicible“. Polizisten haben eher nicht Bourdieu gelesen. Aber wenn über ein paar gesprochene Worte – „»Ich sagte ein paar Wörter auf Kabylisch, und er verstand sie.«“[19] – Verständnis hergestellt wird, dann wird auch ein vages Feld des Wissens hergestellt. Wenn das Kabylisch tatsächlich eine Rolle in der Histoire de la violence gespielt haben sollte, dann ist vor allem in der Opposition zum schematischen „Polizeijargon“. Es sind die Geschichten, die fast in einem Plauderton erzählt und vermengt werden. Man könnte eventuell „den Sinnspruch Azka d Azqa“ bei Bourdieu finden. Bourdieu ist wieder im Schwange. Der Entwurf einer Theorie der Praxis wird offenbar im Soziologie-Seminar an der Humboldt-Universität gerade gelesen. Vor allem erzählt Édouard unerzählte Geschichten, die auch darüber hinausgehen, was ihm Reda über den Vater erzählt haben könnte. So erzählt der die Geschichte des Hasses an „der Figur der Hexe“[20] als „Frucht einer enormen Halluzination“.[21] Und das „Heim“ macht „Redas Vater“ wie die Anderen allererst zu sexuell Degradierten. 

… man hatte ihn gewarnt, hatte darauf hingewiesen, dass Frauen auf dem Zimmer untersagt waren, ebenso Männer von außerhalb, zum Beispiel Arbeitskollegen, denn der Heimleiter befürchtete, ohne Frauen würden die Männer sich eben damit behelfen, was sie zur Verfügung hatten…[22]

Durch die Mehrstimmigkeit erzeugt Édouard Louis eine Geschichte der Paradoxien, so dass sich nicht wissen lässt, wer was weiß oder wusste. Stellenweise widerspricht sich das erzählende Ich mehrfach, um dann auch noch von der „Schwester“ korrigiert zu werden. Wer weiß was? Und wie entstehen Indizien? Ist das Ich in Automatismen gefangen? Oder geht es um paradoxe Empathie-Effekte? Im Gespräch mit Carolin Emcke sagt Édouard Louis ungefähr, er müsse und wolle die Entscheidungen über Gerechtigkeit nach einer Vergewaltigung nicht treffen. Wahrscheinlich treibt er die Paradoxien in der Geschichte auf die Spitze, um sich nicht auf ein Sagbares als Rechtsposition festlegen zu müssen. Was gesagt und gedacht wurde, wird durch Parenthesen, mehrfache Klammern und Konzessivsätzen ins Paradoxe gewendet. 

Er sagte, er müsste gehen – also […] dass er gehen musste (das glaube ich nicht. […] Ich glaube, dass jede Entscheidung, die in jener Nacht getroffen wurde, […] andere mögliche Alternativen zerstörte und er mit jeder Entscheidung unfreier wurde, genauso wie ich bei der Vernehmung auf dem Polizeirevier) (Clara hat dir neulich entgegengehalten […]) 

Er hat ihm angeboten, … Édouard findet nicht, aber er irrt sich…[23]

 

Die Geschichte der Vergewaltigung wird zugleich als eine des Rassismus erzählt. Wie wird man zum Rassisten, wenn zunächst davon erzählt wird, wie rassistisch der Heimleiter war? Wird Édouard zum Rassisten? Im fünfzehnten und vorletzten Teil der histoire fällt die Formulierung „Ich war zum Rassisten geworden“. Ist Édouard wegen der Vergewaltigung durch Reda zum Rassisten geworden? Die Ambivalenz der Nacht mit Reda wird zunehmend mit den Erzählungen auf den Polizeirevieren, im Krankenhaus und in der Gerichtsmedizin, mit den Medikamenten für eine antivirale „Behandlung“ und den „Probebohrungen“ abgelöst. Das wiederholte Erzählen, die histoire, bringt eine Realität hervor, die letztlich als „Traum“ (S. 207) gebrochen wird. Das erzählende Ich bekommt sozusagen ein Neben-Ich. Die mehrdeutige violence rechtfertigt keinesfalls den Rassismus, vielmehr zieht alptraumartig eine „zweite Person“ in den Körper ein, die ebenso ein psychiatrischer Effekt sein könnte. Denn gegen Schluss der Erzählung wird wiederholt ein Termin mit dem Psychiater empfohlen.

Eine zweite Person war in meinen Körper eingezogen; sie dachte an meiner Stelle, redete an meiner Stelle, zitterte an meiner Stelle, sie hatte Angst um meinetwillen und zwang mir ihre Angst auf, zwang mir auf, mit ihrem Zittern zu zittern. Im Bus, in der Metro senkte ich den Blick, wenn ein Schwarzer oder Araber oder möglicher Kabyle mir näher kam - ausschließlich Männer, das war eine weitere Absurdität, in der rassistischen Besessenheit, die in mir siedelte, hatte die Gefahr immer ein Männergesicht. [24] 

 

Wann was wirklich stattgefunden hat, wissen wir nicht. Das Politische in der Literatur von Édouard Louis ist noch nicht so sehr was, sondern wie erzählt wird. Was der Polizei gegenüber erzählt werden kann und was nicht, wird unablässig, abgewogen. Wie entsteht Glaubwürdigkeit? Müssen Tränen fließen? Carolin Emcke stellt beiläufig gar den Kontext zu #MeToo her. Aber geht es bei #MeToo wirklich um eine Pluralisierung von Opfererzählungen? Plötzlich wird etwas sagbar und reißt eine unendliche Erzählung in Wiederholungen mit sich. Wird dann nicht die eigene Geschichte enteignet? Ist das dann nicht auch ein gewisser Automatismus? Und ist es nicht noch einmal etwas Anderes, wenn Louis erklärt, dass es für seinen Vater unmöglich sei, zu sagen, dass sein Sohn vergewaltigt worden ist. Eine Tochter lässt sich in der Histoire vergewaltigen, aber ein Sohn nicht. Die Soziologie bei Édouard Louis ist vor allem eine virtuose der Sprache. Und es ist fast schon erschreckend in welch konsequenter, geradezu meisterhafter Weise er dies in Literatur nicht um der Literatur, sondern der Politik willen verwandelt. 

 

Torsten Flüh 

 

Nächster Streitraum:
Wissen und Macht
14. Januar 2018 12 Uhr
>Radikalisierung und De-Radikalisierung<
Carolin Emcke
im Gespräch mit Julian Junk, Heike Kleffner und Behnam T. Said
Schaubühne am Lehniner Platz

 

Édouard Louis 

Im Herzen der Gewalt 

Hardcover     

Originalsprache: Französisch 

Übersetzer: Hinrich Schmidt-Henkel 

Preis € (D) 20,00 | € (A) 20,60     

ISBN: 978-3-10-397242-9   

Geoffroy de Lagasnerie
Michel Foucaults letzte Lektion
Über Neoliberalismus, Theorie und Politik
Erschienen 2017, Aufl. 1
ISBN 9783709202913
208 x 122 mm
152 Seiten
Preis € 21,60

 

Julian Rosefeldt 

Manifesto 

mit Cate Blanchett 

in Programmkinos 

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[1] Siehe Torsten Flüh: Irrsinnig witziger Ritt auf dem Plastikplanen-Floss. Zu Daniela Löffners Inszenierung von Wolfram Lotz‘ Die lächerliche Finsternis. In: NIGHT OUT @ BERLIN 1. März 2015 20:40.

[2] Siehe Torsten Flüh: Ich beim Schreiben des Romans. Dein Name und die Kleist-Preis-Rede von Navid Kermani. In: NIGHT OUT @ BERLIN 18. Dezember 2012 19:39. Aber auch, vielleicht stärker noch: ders.: Zeitung und Blog als „Literarisierung der Lebensverhältnisse“. Zu Walter Benjamins Buch EINBAHNSTRASSE und dem Nachtrag Die Zeitung. In: NIGHT OUT @ BERLIN 7. Januar 2015 19:22.

[3] Carolin Emcke: Streitraum 2017/18: »Wissen und Macht«. In: https://www.schaubuehne.de/de/seiten/streitraum-aktuell.html

[4] Geoffrey de Lagasnerie, Édouard Louis: Manifeste pour une contre-offensive intellectuelle et politique. 26 sept. 2015. Par Geoffroy de Lagasnerie. Blog : Le blog de Geoffroy de Lagasnerie.

[5] Geoffroy de Lagasnerie, Édouard Louis: Manifesto for an Intellectual and Political Counteroffensive. In: Los Angeles Review of Books OCTOBER 25, 2015.

[6] Ebenda.

[7] Piere Bourdieu: Ich bin dazu da, die Intellektuellen nicht in Ruhe zu lassen. Jeanne Pachnicke im Gespräch mit Pierre Bourdieu. In: der.: Die Intellektuellen und die Macht. Herausgegeben von Irene Dölling. Hamburg: VSA, 1991, S. 13-31. (26. Oktober 1989 beim Zentralkomitee der SED S. 14) 

[8] Manifesto von Julian Rosefeldt läuft gerade als Film in verschiedenen Programmkinos in Berlin. Siehe auch Torsten Flüh: Die Wiederkehr des Manifests als Fake. Zur grandiosen Filminstallation Manifesto mit Cate Blanchett von Julian Rosefeldt im Hamburger Bahnhof. In: NIGHT OUT @ BERLIN 10. Februar 2016 22:22 

[9]Geoffrey de Lagasnerie, Édouard Louis: Manifesto … [wie Anm. 5]

[10] Geoffrey de Lagasnerie, Édouard Louis: Manifeste … [wie Anm. 4]

[11] Geoffrey de Lagasnerie, Édouard Louis: Manifesto … [wie Anm. 5]

[12]Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2017, S. 9.

[13] Ebenda S. 79.

[14] Das Streitraum-Gespräch wird vermutlich früher oder später auch unter Aktuell und im Archiv veröffentlicht werden.

[15] Édouard Louis: Im … [wie Anm. 11] S. 79.

[16] Ebenda S. 92.

[17] Ebenda S. 74.

[18] Ebenda S. 17-18.

[19] Ebenda S. 74.

[20] Ebenda S. 64.

[21] Ebenda S. 65.

[22] Ebenda S. 70.

[23] Ebenda S. 94-95. 

[24] Ebenda S. 104.