Diskrete Operationen am Schädel - Zur Intervention Kopfarbeit von Eva Wandeler im Medizinhistorischen Museum

Schädel – Wissen – Operation 

 

Diskrete Operationen am Schädel 

Zur Intervention Kopfarbeit von Eva Wandeler im Medizinhistorischen Museum der Charité 

 

Das, was sich später ein Leben lang nicht mehr sehen lässt, nicht sichtbar werden soll, nicht am Schädel auffällig wird, ist ein operatives Ergebnis der Pädiatrischen Neurochirurgie an der Charité. In der spektakulären Ruine des ehemaligen Rudolf-Virchow-Hörsaales fand am 11. September die Vorstellung einer neuen Intervention statt. Die Schweizer Performance- und Medienkünstlerin Eva Wandeler zeigt im Präparatesaal des Medizinhistorischen Museums der Charité „Loops“ mit verschiedenen „Tools“ auf kleinen, gerahmten Bildschirmen zwischen den von und seit Rudolf Virchow in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert gesammelten und konservierten Körpern, Körperteilen und Schädeln. Ihre Intervention heißt Kopfarbeit: Form und Charakter. Denn was Innen und Außen am Schädel als Schnittstelle passiert, hat immer auch mit Krankheitsbildern und einem kaum formulierbarem Wissen zu tun.  

Die Intervention von Eva Wandeler ist von größter Tragweite, was und wie wir unseren Schädel und das Gesicht in den Medien und ─ sagen wir ─ auf der Straße sehen. Und was wir vor allem nicht zu sehen bekommen. Die Pädiatrische Neurochirurgie der Charité in Berlin kooperiert international mit weltweit führenden Abteilungen in Paris, New York, Baltimore, St. Louis und Tallinn. Es geht, anders gesagt, um eine medizinisch-chirurgische Abteilung, die ein weltweit leitendes, medizinisches Wissen über die Erkennung und Behandlung von Fehlbildungen des Schädels von Säuglingen und Kleinstkindern herausbildet und operativ anwendet. Doch was ist ein normaler Schädel? ─ In das Wissen vom Wachstum und Ausformen des Säuglings- und Kleinkindschädels interveniert Eva Wandeler als Künstlerin per Video-Performances von ihrem Schädel und Gesicht, die sich ständig wiederholen. 

Kopfarbeit ist eine andere Kooperation der Pädiatrischen Neurochirurgie mit dem Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin (ZfL). Die künstlerische Arbeit von Eva Wandeler ist ihrerseits in das Projekt SchädelBasisWissen. Kulturelle Implikationen der plastischen Chirurgie des Schädels unter der Leitung von Prof. Sigrid Weigel eingebunden. Seit der Zeit um 1800 beschäftigt Künstler und Mediziner in der Moderne das Wissen vom Schädel und seiner Ausformung über das Gesicht. Auf unterschiedliche Weisen wird in Bildern, Medien und in der Literatur unterschiedlicher Genre am Kopf gearbeitet. Johann Caspar Lavater beispielsweise produziert bis zu seinem Tod 1801 ganze Serien an gezeichneten, beschriebenen und benannten Charakterköpfen, indem er ein Zeichenverhältnis des Gesichtes für den Charakter formuliert. Es wirkt, ebenfalls nur beispielsweise, über den Kriminologen Caesare Lombroso Ende des 19. Jahrhunderts fort bis in jüngste kriminologische Wissenschaftsparadigmen. Wandeler geht es nicht zuletzt darum, die Arbeit am Kopf, die ebensolche im Kopf der Betrachter auslöst, vorzuführen. 

Das Medizinhistorische Museum der Charité gehört zu den führenden seiner Art. Es wurde 1899 eröffnet und bis 1901 versammelte der bedeutende Berliner Mediziner, Gesundheits- und Sozialpolitiker Rudolf Virchow in dem zunächst Pathologisches Museum genannten Gebäude 23.066 Präparate. Diese umfangreiche, enzyklopädisch zu nennende Sammlung generierte Pathologien, womit vor allem schmerzhafte Fehlbildungen und körperlich innen und/oder außen sichtbare Krankheiten in Nass- und Trockenpräparaten gemeint waren. Weniger die Geschichte der Medizin als Wissen vom Körper stand damit im Vordergrund, als vielmehr eine Sammlung von unterschiedlichsten Abnormitäten, die Virchow nicht zuletzt in der Prosektur der Charité gesammelt hatte.  

In die Prosektur gelangten all jene toten Körper, die im Verlauf einer Krankheit an der Charité verstorben waren. Auf der Suche nach den Ursachen der Erkrankung und des Todes sezierten Virchow und seine Mitarbeiter die Körper, entnahmen Auffälligkeiten und beschrieben diese mit griechisch-lateinischen Begriffen, die fortan zum Krankheitswissen der Pathologie werden sollten. Das durch Schnitte in den Körper[1] generierte Wissen stellte andernorts einen pathologischen Körper oder den Sammlungscorpus der Pathologie her.   

Rudolf Virchow gilt als Begründer der modernen Pathologie. Neben dem Nobelpreisträger Robert Koch gehört er zu den, heute würde man sagen, weltweit führenden Grundlagenforschern und -medizinern um 1900 in Berlin. Auf Virchow geht nicht zuletzt die Lehre von der menschlichen Zelle als Zellbiologie zurück, die weiterhin die Grundlagen für das Wissen u. a. des vielfältigen Krankheitsbildes Krebs bildet. Begründet wurde also das Wissen vom menschlichen Körper und der Zelle als modernes Modell von Leben in der Prosektur mit jenem Raum, in dem der Schmerz bereits ein Ende gehabt hatte. Nachträglich stellt sich das Wissen vom Schmerz und Leben in der Pathologie her. Die heute durch Kriegsverluste nur noch rudimentär existierende Sammlung des Pathologischen Museums im Präparatesaal des Medizinhistorischen Museums, das eher für die Fachwelt und mit dem benachbarten Hörsaal zur Ausbildung(!) der Mediziner an der Charité gedacht war, ist heute in modifizierter Weise der Öffentlichkeit zugänglich. 

Die Geschichte des Medizinhistorischen Museums lässt sich auf unterschiedliche Weise formulieren. Indessen soll an dieser Stelle nicht versäumt werden, dass die, es geht leider nicht ohne diesen Doppelsinn, Schnittstelle von Leben und Tod bei Rudolf Virchow beispielhaft in der Prosektur als Leichenschau und Herausbildung des medizinischen Blicks liegt.[2] Bei früheren Besuchen des Berichterstatters im Medizinhistorischen Museum war über dem musealisierten Schreibtisch Rudolf Virchows durchaus altarartig, könnte man es nennen, ein Zitat angebracht, das Prof. Dr. Thomas Schnalke als Direktor des Museums und seine Mitarbeiter mittlerweile haben entfernen lassen, weil sich die Briefstelle nicht einwandfrei belegen lasse. In der Geschichte des Museums wird sie allerdings weiterhin im Abschnitt „Virchows Präparate“ zitiert. Nämlich, dass die Sammlung für Virchow „mein liebstes Kind“ gewesen sei.  

Was noch vor wenigen Jahren als unanfechtbares Gelehrtenwissen ebenso wie Zeugnis und Erzeugnis gegolten hat und ausgestellt wurde, hat sich verändert. Denn die Formulierung „mein liebstes Kind“ für die Sammlung von menschlichen Präparten ist nicht zuletzt seit 1996 mit der Wanderausstellung Körperwelten von Günther von Hagens und deren Verbot in Berlin 2014 nicht unumstritten. Doch im Medizinhistorischen Museum, das bei weitem nicht die Besucherströme von Körperwelten entfacht, geht es um etwas anderes. Denn es geht nun darum, die Geschichte der Medizin in ihrer Widersprüchlichkeit zwischen gesellschaftlichem Nutzen und ethischem Verbrechen zu entfalten. Das medizinische Wissen, das sich in der stolzen und missverständlichen Formulierung „mein liebstes Kind“ artikuliert, ist immer auch kulturell-sprachlichen Umbrüchen und der Anschlussfähigkeit von Diskursen geschuldet.[3] 

An der Schnittstelle von Kinderneurochirurgie der Charité und Wissen, das bei 80 bis 90 operativen Eingriffen pro Jahr von Priv. Doz. Dr. med. Ernst-Johannes Haberle kaum formulierbar zum Zuge kommt, hat dieser das Projekt SchädelBasisWissen im ZfL angeregt. Haberle ist auf operative Eingriffe bei Fehlentwicklungen der Kraniosynostosen spezialisiert. Synostosen sind die knöchernen Verbindungen, die das Wachstum und die Ausbildung des Schädels gewährleisten oder eben auch auf fehlerhafte Weise dies nicht tun. Die Formulierung der „Krankheitsbilder“ funktioniert dabei über Paradigmen beispielweise von Nähten, Größen und Symmetrien. Wie beispielsweise bei der Koronarnahtsynostose: 

Durch eine einseitige Koronarnahtsynostose (Verknöcherung der rechten oder linken seitlich im Haaransatz verlaufenden Koronarnaht) entwickelt sich eine Asymmetrie der Stirn, mit einer Abflachung auf der betroffenen Seite (anteriore Plagiocephalie). Die Asymmetrie wird oft durch eine betonte Stirnvorwölbung auf der Gegenseite verstärkt. Die seitliche knöcherne Abdeckung der Augenhöhle auf der betroffenen Seite ist unvollständig ausgebildet und die betroffene Augenhöhle abgeflacht und zur Seite ausgezogen, das betroffene Auge wirkt größer. Hinter der Naht im Ohrbereich kann eine leichte knöcherne Vorwölbung der Schläfenregion entstehen, die ebenfalls als Ausgleichswachstum zu verstehen ist. Die Nasenspitze kann leicht zur Gegenseite abweichen…  

Das Projekt SchädelBasisWissen am ZfL, das sich kulturwissenschaftlich mit der Sprache und den Bildern befasst, hat sich seit 2011 mit dem Zusammenspiel von Sprache, Bildern, visuellen Medien, Werkzeugen und Patientenbefragungen auf diesen Bereich eingelassen. Einerseits bieten neue Medien und medizinische Werkzeuge ─ tools ─ immer bessere Operationsmöglichkeiten an Fehlbildungen oder Pathologien, unter denen bislang Menschen von Kindheit an lebenslang leiden mussten. Denn die Fehlbildungen führten und führen nicht nur in modernen Sozialsystemen zur Stigmatisierung und brutalen sozialen Ausgrenzung. Andererseits wirft die Beseitigung des Leidens in Richtung einer Normierung des Menschenbildes drängende Fragen auf. Mit der Projektbeschreibung des ZfL gesprochen: 

Ausgangspunkt des Projekts ist die Diskrepanz zwischen den technisch avancierten Operationsverfahren in der plastischen Chirurgie und der vagen Begrifflichkeit in der wertenden, den Eingriff motivierenden Beschreibung ihrer ›Objekte‹. Untersucht wird die kultur- und wissenschaftsgeschichtliche Herkunft der impliziten kulturellen Norm- und Idealvorstellungen zum körperlichen Erscheinungsbild (und dessen Funktion als Indikator der Persönlichkeit), wie sie gegenwärtig im medizinischen Diskurs, in visuellen Darstellungen und in der medizinischen Praxis und Therapie zum Tragen kommen. Im Zentrum steht dabei der menschliche Schädel als Körperteil, das für Selbst- und Fremdwahrnehmung von zentraler Bedeutung ist. 

Das Verhältnis von Bild und Selbstbild, wie ich mich sehe, zu sehen wünsche oder auch gerade nicht zu sehen wünsche, spielt nicht zuletzt deshalb eine große Rolle, weil sich das Carniofaziale Zentrum der Charité „fächerübergreifend“ formuliert. Die Unterscheidung, was im Schädel und an ihm passiert, lässt sich gerade nicht immer eindeutig formulieren oder muss aus einzelnen „Fächern“ zusammengeführt werden. Das Selbstbild und seine Störungen oder ein Leiden daran, wird bei Kindern und Jugendlichen am Schädel diskutiert, ließe sich sagen. 

Unser Craniofaziales Zentrum gründet sich auf einer fächerübergreifenden Zusammenarbeit der verschiedenen medizinischen Fachdisziplinen der Kinderneurochirurgie, der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, der Kieferorthopädie, der Kinderchirurgie, der Kinderanästhesie, der Pädiatrischen Intensivmedizin und Neuropädiatrie, der Augenheilkunde, der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, der Kinderradiologie, der Geburts- und Neugeborenenmedizin, der Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters und der Humangenetik. 

Die operative Behandlung von craniofazialen Auffälligkeiten, die überwiegend die Stirn und den Schädel betreffen wird durch die Ärzte der Kinderneurochirurgie gewährleistet; ist auch das Gesicht betroffen, erfolgt die operative Behandlung durch Ärzte der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und der Kinderneurochirurgie. (Zitat aus der Einleitung)   


Intervention - Kopfarbeit tool# 38

Das Gesicht und seine Züge setzen unablässig Erzählungen von mir und den Anderen in Gang, bei denen längst nicht immer eindeutig ist, ob sie von dem Anderen oder mir ausgehen. Das ist der Bereich der Intervention Kopfarbeit von Eva Wandeler. Eva Wandelers Gesichtszüge zerschmelzen, zerfließen, lösen sich unter ihren Masken aus gefrorenem Wasser, gefrorener Milch, brauner und/oder weißer Schokolade, Gelatine und schwarzer Farbe auf. Das Entscheidende an ihren auf Video aufgezeichneten Performances im Zeitraffer von wenigen Minuten ist nämlich, dass sich „das“ Gesicht unter der Maske allererst herstellt und mit den „tools“ genannten auch witzigen Materialien unterschiedlich zerfällt oder zerfließt. Das ist durchaus unheimlich. Oder: „In dieser Auseinandersetzung über die Wandelbarkeit zeigt sich, dass wir menschliche Gefühle und Eigenschaften vor dem Hintergrund der eigenen kulturellen Erfahrungen in die Gesichter hineinlesen“, sagt Prof. Dr. Thomas Schnalke, Direktor des Medizinhistorischen Museums der Charité. 

Wann wird das Gesicht bzw. die Maske unheimlich? Das Unheimliche an der Performance wird während der Eröffnung der Intervention von einzelnen Besucherinnen durchaus deutlich damit formuliert, dass sie „damit ja nun gar nichts anfangen“ könnten. Was in den Loops vorgeführt wird, stößt auf Ablehnung im Modus und Namen eines Eigenen. Offenbar passieren die Loops an den Wänden zwischen den gläsernen Präparateschränken nicht nur da draußen. Der Eine amüsiert sich über das Entgleiten der Gesichtszüge der Gelatinemaske oder dem Spiel mit der Farbe von weißer und brauner Schokolade oder auch nur weißer oder brauner Schokolade und fühlt sich an den Umgang mit Rassismen erinnert. Die Andere kann das Schmelzen der Maske aus gefrorener Milch kaum aushalten. Wieder ein Anderer verzweifelt geradezu an der „Asymmetrie der Stirn“ und der „Abflachung“ der Gelatinemaske. Lesen wir etwas ab oder hinein? Und was macht das Lesen mit dem/der Lesenden?

Intelligenz oder Dummheit, Freundlichkeit oder Gemeinheit, Gefühl und Charakter ─ all das sind Eigenschaften, von denen wir glauben, dass wir sie im Gesicht und am Schädel anderer ablesen können. Doch was wir tatsächlich sehen, sind Formen und Proportionen, Eigenschaften „lesen“ wir darin nur aufgrund unserer kulturellen Erfahrungen… (Uta Kornmeier und Dirk Naguschewski, ZfL) 

Die Gegenüberstellung der Pathologien in den Präparateschränken mit der Performance in den Loops ruft noch weiteres in Erinnerung. Die wie gefroren in Kunstharz gegossenen oder in Gläsern aufbewahrten Präparate sind nämlich mit kleinen, beschrifteten Schildchen versehen, die das Pathologische allererst z. B. nach Alter und Geschlecht ordnen und sichtbar machen. In den Performances, die eben nicht in einem bestimm- und beschreibbaren Bild stehen bleiben, entzieht sich die Fehlbildung auch dem Zugriff des Namens und der Kategorie.  

Pachymeningeosis hämorrhagica interna 

1956 | Inv.-Nr. 525/1956 | 71 Jahre | ♀  

Blutung unter der harten Hirnhaut. Bei der Bezeichnung handelt es sich um einen früher gebräuchlichen Ausdruck für das subdurale Hämatom.


Intervention - Kopfarbeit tool# 35

Zwischen den Loops und den Präparaten in ihren unterschiedlichen Modi von Bewegung und Stillstand entsteht auf diese Weise eine Erinnerung an die Medialität des medizinischen wie kulturellen Wissens. Die Loops in ihrer Polysemantik von Schleifen, nicht zuletzt für kurze Schmalfilme, Kringel, Krümmung, Loch, Luke, Masche, Öse, Spalte und auch Zyklus rufen sozusagen „unser“ kulturelles Wissen ab und unterlaufen es. Die herausgeschnittenen Präparate mit den Schildchen erstellen medizinisches Wissen, das sich vermeintlich anhalten und wie in einer Momentaufnahme bestimmen lässt. Eva Wandeler setzt in ihrer Kunst die Medialität von tools, von Stillstand und Bewegung gezielt ein. Sie interveniert damit auch in das visuelle und psychologische Denken der Symmetrie. 

 

Torsten Flüh 

 

Eva Wandeler 

Kopfarbeit: Form und Charakter 

Bis 11. Januar 2015

 

Medizinhistorisches Museum der Charité 

Charitéplatz 1 

10117 Berlin 

Di, Do, Fr, So 10 - 17 Uhr 

Mi und Sa 10 - 19 Uhr  

Mo geschlossen

 

Führungen zur Geschichte der Charité
und zu Robert Koch in Berlin

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[2] Vgl. Foucault, Michel: Naissance de la clinique : une archéologie du regard médical. Paris 1963.

[3] Anm.: Virchows Formulierung „mein liebstes Kind“ beschäftigt den Berichterstatter schon länger. Sie ist nicht zuletzt literarisch in dem Roman Feuerland bearbeitet worden.   

 


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