Dublin hören - Donncha Dennehys Crane und das Freitagskonzert von Raidió Telifis Éireann

Musik – Stadt – Industrie

 

Dublin hören 

Donncha Dennehys Crane und das Freitagskonzert von Raidió Teilifís Éireann 

 

In Donncha Dennehys Stück Crane von 2009 wird ein Dublin hörbar, das es nicht mehr gibt. Am Freitagabend fand in der National Concert Hall von Dublin unweit des legendären St. Stephen’s Green eine weitere Aufführung des vom Symphonieorchester des öffentlich-rechtlichen Senders Raidió Teilifís Éireann (RTE) in Auftrag gegebenen Stücks statt. Crane ist neue Musik, insofern es 2009 in Zusammenhang mit einer Ballettarbeit des Komponisten entstanden ist. Paul Harriett kündigt am Freitagabend im Livestream für RTE lyric fm als Musik an, die das Industriezeitalter in Erinnerung rufe und die „was inspired by the cranes on Dublin's skyline“.   

 
© Ivan Kulnev

Die Docklands von Dublin sind allerdings seit der Jahrtausendwende Finanzdistrikt mit Offshore-Modellen. Cranes gibt es daher nicht mehr. Microsoft hat gerade in Aussicht gestellt, das European Headquarter mit 600 Arbeitsplätzen in Dublin anzusiedeln, schrieb der Irish Independent am 17. Februar in seiner Papierausgabe und online. Im zweiten Teil des Programms spielte der junge russische Pianist Nikolay Khozyainov mit dem Orchester das Klavierkonzert Nr. 3 von Sergej Rachmaninow und wurde vom Publikum gefeiert. Das Konzert wird im Internet global von RTE lyric und auf YouTube vorgehalten.

 
© Ivan Kulnev

Die späte Erinnerung an das Zeitalter der Industrialisierung – „The composer calls it a work of ‘industrial strength’“[1] – fällt paradox aus. Dublin als Industriestandort hört sich bei Donncha Dennehy mit intensiven Anklängen an die Eisenhämmer, Dampfmaschinen wie Dampfkräne und in einzelnen Passagen wie George Gershwin symphonische Jazzkompositionen an. Massive, gusseiserne Tore gibt es auch vor der National Concert Hall. Krähne sind, wenn überhaupt nur noch musealisiert am Hafen von Dublin zu finden. Gusseisenzäune verrotten unter Lagen von 200 Jahren Farbe meist malerisch und unbeachtet.

 
© Ivan Kulnev

Crane lässt sich unter der Leitung des jungen, schwedischen Dirigenten Daniel Beldulf, der sich gerade vom Spitzen-Cellisten zum Dirigenten entwickelt, sehr angenehm hören. Das RTE-Symphonieorchester arbeitet die Klangfarben der Komposition luzide heraus. Die Kräne, die um die Jahrtausendwende noch vereinzelt verrottend am Hafen standen, werden nicht als widersprüchliche Relikte einer für „die Iren“ keinesfalls besseren Zeit musikalisch inszeniert, obwohl sich 2016 der legendäre Osteraufstand gegen das Britische Empire zum einhundertsten Mal jährte.

 
© Ivan Kulnev

Die musikalisch schöne Bruchlosigkeit von Crane überrascht. Sie hat ganz gewiss einiges mit einem durchaus nationalen Wunsch nach Harmonie zu tun. Crane ist unbedingt ein Zeitstück von Donncha Dennehy, der am Trinity College Dublin und derzeit in Princeton lehrt. 2009 als er Crane komponierte, war gerade die Finanz- und Immobilienkrise auch durch Dublin und Irland gefräst. Ganze Kleinhaussiedlungen waren plötzlich ohne Wasser und Strom. Aktuell gehen die Immobilienpreise im Großraum Dublin wiederum durch die Decke. Der Immobilienmarkt boomt. Die finanzkapitalistische Blase wächst. Greystones hat beispielsweise am Hafen eine große Fläche für ein Marina Village freigegeben. Es wird gebaut und besichtigt.

 
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Dublin auf dem Liffey Walk zwischen Sean O’Casey Bridge an der Tara DART-Station und Phoenix Park bzw. O’Donnovan Rossa Bridge am Dublin City Council unterhalb von St. Patrick’s Cathedrale hört sich an Werktagen nach Bus und BMW, Stau und Einsatzwagen an. Es ist trotz romantisch bröckelnder Fassaden, die ganz bestimmt nicht wegen fehlender, finanzieller Mittel abblättern, kaum vergleichbar mit Cranes als „Skyline“ in einem neo-impressionistischen Sound. Die Ha’penny Bridge aus Gusseisen strahlt bunt vor dem Merchant’s Arche, aber die Musik dazu macht die Bank of Ireland im Zukunftsprotz der 80er Jahre dahinter.

 
© Ivan Kulnev

Die traumhaft schöne Strecke durch die Hintergärten und an der Dublin Bay vom City Centre beispielsweise der Tara Street mit dem Dublin Area Rapid Transit (DART) dauert nach Bray 41 Minuten. Zu Verkehrsspitzenzeiten sind die 38 Minuten über die Stillorgan Road pure Phantasie. Der Sound der Stadt Dublin ist ausgesprochen widersprüchlich, gespalten. Die Stadt bekommt im DART den romantischen Sound einer Schmalspurbahn mit Oberleitung. Ratatata... Der Sound der Entschleunigung im globalen Hochfrequenzfinanzmarkt und Streaming-Diensten von Microsoft, Google, Apple etc. Und die Deutsche Bank hat ein größeres Bürohaus im Hafenbereich. 

 

  
© Ivan Kulnev

 

Dublin ist eine spürbare Entschleunigung mit Hochfrequenzkapitalismus. Andererseits wird permanent im DART über das offene WiFi oder WLan von Ianród Éireann online telefoniert. Das hat viel Charme, ist fast schon ein wenig irre und fehlt doch so ganz und gar bei Donncha Dennehy. Neue oder aktuelle Musik wie beispielsweise jüngst beim ultraschall festival von der irischen Komponistin und Performerin Jennifer Walshe kann auch so ganz andere Ebenen freilegen. Dennehy schönt stattdessen Skyline und Industrialisierung, die mit einer geradezu tendenziellen Versklavung der irischen Arbeiter in den Fabriken Englands einherging, woran derzeit Le jeune Karl Marx von Raoul Peck im Kino erinnert. 

  
© Ivan Kulnev

Guinness Beer, was als Marke natürlich längst einem globalen Finanzkonzern gehört, Guinness und Gigabyte funktionieren in Dublin und Irland offenbar prächtig, wenn es im Irish Independent heißt: „Microsoft invites graduates and experienced staff to apply as firm creates 600 new jobs in Dublin. Enterprise Minister hails a 'great week' for investment“. Währenddessen weigert sich Irland die Steuernachzahlungen in Milliardenhöhe von Apple einzufordern. Es geht, wie die FAZ am 5. Februar berichtet um 13 Milliarden Euro Steuern für die Europäische Union: „EU-Kommission besteht auf Milliarden-Nachzahlung von Apple 13 Milliarden Euro soll Apple an Steuern nachzahlen. Doch Irland will diesen Beschluss nicht vollziehen. Deshalb geht der Streit mit Brüssel in die nächste Runde.“ Der DART von Ianród Éireann wurde mit EU-Milliarden modernisiert. 

  
© Ivan Kulnev

Im Kontext dieses Sounds wirkt Crane fast schon befremdlich. Die Skyline mit den Krähnen wird Musik in einer seltsam verspäteten Romantisierung der industriellen Epoche, während der Finanzkapitalismus in Dublin Harbour fröhliche Urständ feiert. Es passt allerdings zum Klavierkonzert Nr. 3 und der abschließenden Sinfonie in D-Moll von César Franck. Schöne Musik. Nikolay Khozyainov spielt hoch virtuos und das 3. Klavierkonzert von Sergei Rachmaninow von 1909 verknüpft Schönheit mit Virtuosität. Der Unterschied zu Daniil Trifonov in der interpretatorischen Durcharbeitung ist allerdings recht groß.[2]

 

 

Der Sinfonie in D-Moll von César Francke aus dem Jahr 1888 fehlte es leider an Strahlkraft. In Richard Wagners Walküre aus dem Ring des Nibelungen gibt es 1870 hörbare Eisenhämmer und Dampfmaschinen, die musikalisch und narrativ mit dem Problem des Kapitalismus verknüpft werden. César Franck war nicht zuletzt ein tief religiöser Komponist und in der Phase des Hochindustrialisierung ein wenig rückwärts gewandt. In seiner Spätphase wird er allerdings gar psychologisch in seiner Musik. Das war in der National Concert Hall nicht zu hören.

 

Torsten Flüh

 

RTÉ Lyric Fm
Friday Concert February 17th 2017 (Soloist)

RTÉ - IRELAND’S NATIONAL PUBLIC SERVICE MEDIA  

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[1] Siehe Website des Abends: Friday Concert 17. Februar 2017. (RTE lyrics)

[2] Siehe Torsten Flüh: Extremisten am Flügel: Christoph Grund und Daniil Trifonov. Zu zwei unterschiedlichen Pianisten und ihren Konzerten im Radialsystem V und in der Philharmonie. In: NIGHT OUT @ BERLIN 31. Januar 2016 17:53.