Der Literaturkanon als Crux der Geschichte - Zur Buchvorstellung August von Kotzebue Ein streitbarer und umstrittener Autor

Literatur – Geschichte – Kanon

 

Der Literaturkanon als Crux der Geschichte 

Zur Buchvorstellung August von Kotzebue Ein streitbarer und umstrittener Autor in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften 

 

Der Sonnenuntergang neben dem Turm des Französischen Doms, von der Dachterrasse der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gesehen, verleitete dann doch zu dem Gedanken, dass August von Kotzebue (1761-1819) in seinen 3 Berliner Jahren wenn schon nicht den Sonnenuntergang, so doch den Turm gesehen haben musste. Der Name August von Kotzebue geistert durch die deutsche Geschichte, doch weniger durch Literaturgeschichte. Immerhin berief ihn am 29. Januar 1803 Friedrich Wilhelm III. zum Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften. Mit dem nun vorgestellten Buch als Band 25 der Reihe Berliner Klassik. Eine Großstadtkultur um 1800, herausgegeben von der Akademie und betreut von Conrad Wiedemann, wird von Berlin und Tallinn aus eine „fachwissenschaftliche Revision des Kotzebue-Bildes“ (Wiedemann) unternommen.

 

Wie kommt es zu einer Revision des in der deutschen Literaturgeschichte marginalisierten Autors August von Kotzebue? Erstens braucht es eines Anstoßes und zweitens Forschungsmittel. Den Anstoß gab nicht die deutsche Literaturwissenschaft, sondern 2012 der Kulturattaché der Estnischen Botschaft Berlin, Harry Liivrand, der sich an die Akademie der Wissenschaften mit der Idee eines binationalen „Forschungs- und Erinnerungsprojekts über August von Kotzebue“ wandte. Denn dessen internationale Erfolge als Theaterautor verdankten sich seiner Produktivität im um 1800 russischen Reval, heute Tallinn, wo als Amtssprache Deutsch gesprochen wurde. Kotzebue ließ nicht zuletzt auf dem von ihm gegründeten Laientheater 1788 das erste Theaterstück in Estnisch aufführen. Der mittlerweile zweite Band der Kotzebue-Revision lässt aufhören. Es gilt einen in Weimar geborenen Autor zu entdecken, dessen Theaterliteratur von Friedrich Schiller und Johann Wolfgang Goethe verworfen wurde.

 

Die Verwerfung der Prosa-, Theater- und Zeitschriften-Literatur des Autors August von Kotzebue wirkt so nachhaltig, dass Sandra Richter in Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur (2017) die Übersetzungen des zu seiner Zeit weltberühmten und meistgespielten Theaterautors in Deutschland nicht untersucht. Stattdessen hält sie an dem Verdikt der kanonisierten Weimarer Klassiker fest, um wiederholt „August von Kotzebues Rührstücke“ lediglich zu streifen. „Theatermacher, Schauspieler und Publikum interessierten sich bis ungefähr 1800 vornehmlich für August von Kotzebues Rührstücke und später auch für die Weimarer Autoren.“[1] Richter macht August von Kotzebue in ihrer Weltgeschichte schließlich zum Paradebeispiel für „die allermeisten Texte“, auf die „sich der Staub der Geschichte“[2] gelegt habe. Das Naturereignis – „Staub der Geschichte“ – wird selbst oder gerade unter Literaturhistorikern bis heute nicht als konzeptuelle Verwerfung von Literaturen durch kanonisierte Literaturkonzepte thematisiert. Deshalb schreibt Conrad Wiedemann in seinem Vorwort zu Recht von einer „Revision eines literaturgeschichtlichen »Falls«“.[3] 

 

Die Buchvorstellung im Einstein-Saal der Akademie der Wissenschaften eröffnete der Akademiepräsident Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Martin Grötschel am Donnerstagabend, während der estnische Botschafter in Berlin Mart Laanemäe in letzter Minute verhindert war. Die kulturelle, literaturhistorische Revision findet auf politischem wie transnationalem Terrain statt. Conrad Wiedemann als Akademiemitglied der Geisteswissenschaften und Prof. emeritus für Neuere deutsche Philologie an der Technischen Universität Berlin bezog in seiner Vorrede engagiert Position für August von Kotzebue, indem er vor allem mit Ironie gegen Schiller und Goethe argumentierte. 

Bekannt ist, dass die intellektuell und formkritisch weit überlegenen Weimarer Dioskuren den in Paris, London und New York gefeierten Meister des Effekttheaters nicht mochten. Und zwar mit Gründen. Musste Goethe doch hinnehmen, dass unter seiner Intendanz mehr als 600 Kotzebue-Aufführungen über die Weimarer Bühne gingen, und Schiller, dass sein theoretisches Lustspiel-Verdikt dabei in nichts zerstob. Völlig unverständlich bleibt freilich, dass die deutschen Literaturhistoriker bis weit ins 20. Jahrhundert hinein das berühmte »Nullitäts«-Urteil der beiden Klassiker übernahmen und den im Grunde nur noch als politisches Mordopfer bekannten Kotzebue ihren Lesern als ein Hauptexempel nationalkultureller Peinlichkeit präsentierten.[4]   

Der »Fall« August von Kotzebue wird nicht nur als politischer Mordfall, heute müsste man vielleicht gar von einem terroristischen Attentat sprechen, sondern als nachhaltiger und im 19. Jahrhundert von der Literaturgeschichte kanonisierter Rufmord ein ungemein politischer für das Verständnis von Literatur. Das gibt nebenbei einen Wink auf die Literaturgeschichte und Nationalkultur. Wiedemann konstatiert eingangs, dass „Literaturgeschichte … nicht en vogue“ sei und „mancher Germanistikstudent ohne sie auszukommen versucht“.[5] Trotzdem gibt es nach wie vor Literaturgeschichte in all ihren Verzweigungen und Umschreibungsbemühungen an deutschen Universitäten. Kotzebue und Weimar sind u. a. ein gutes Beispiel, weil sie die Frage nach dem Begriff der Literatur radikal aufwerfen. Jede Literaturgeschichte gerät unweigerlichen unter Druck, einen Literaturbegriff formulieren zu müssen. Literaturgeschichtlich ist August von Kotzebue kein Einzelfall. Vielmehr reiht er sich ein in diejenigen, die bei Schiller und vor allem Goethe schlecht wegkamen. Doch er ist ein besonders nachhaltiger und prominenter, was sich insbesondere an Richters datenbasierter Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur bestätigt. Für Salomon Gessners Der Tod Abels (1758), Lessings Nathan der Weise (1779), Goethes Die Leiden des jungen Werthers (1774/1787), Faust Der Tragödie erster (1808) und zweiter Teil (1832) gibt es Daten und Schaubilder, für Kotzebue nicht.[6]  

 

Die jüngere Kotzebue-Forschung hat sich vor allem um den Literaturhistoriker Alexander Košenina in Hannover mit Kotzebues Dramen. Ein Lexikon (2011) herausgebildet. Er gehört auch mit Harry Liivrand und Kristel Pappel sowie Klaus Gerlach für den ersten Band zu den Herausgebern der beiden bislang veröffentlichten Kotzebue-Bände der Berliner Klassik. Mit 230 Dramen wie Die Indianer in England (1790), Bruder Moritz, der Sonderling, oder, die Colonie für die Pelew-Inseln (1791) oder Der arme Poet (1812), Romanen wie Die Leiden der Ortenbergischen Familie (1785) oder dem Briefroman Leontine (1808), den Journalen Die Biene (1808-1810) und Die Grille (1812-1813) sowie Autobiographica wie Meine Flucht nach Paris im Winter 1790 (1791) und gar dem Geschichtswerk Preußens ältere Geschichte (1811)[7] schreibt Kotzebue nicht nur im Genre Theater und Lustspiel, mit denen er berühmt wurde, vielmehr deckt er alle gängigen zeitgenössischen literarischen Genres offenbar bis auf die Lyrik ab. Die Gesamtausgabe Theater von August v. Kotzebue bringt es 1843 auf 40 Bände und August von Kotzebues ausgewählte prosaische Schriften werden ebenfalls 1843 mit dem 45ten Band abgeschlossen.[8] Die Gesamtausgabe bringt es also auf 85 Bände, die sich kaum in Gänze lesen lassen.

 

Die literarische Produktion ist bei August von Kotzebue durch ständige Lektüren und Gespräche hoch vernetzt. Im „Vorbericht“ zu Preußens ältere Geschichte zeichnet er sich beispielsweise als „Geschichtsforscher“ dadurch aus, dass er „zum ersten Mal an Ort und Stelle“ in Königsberg „1800 Urkunden aus dem dreyzehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderte in lateinischer und deutscher Sprache“ las, exzerpierte und kompilierte.[9] Zum ersten Berliner „Bändchen“ des Journals Die Biene ziert 1809 nicht nur ein Kupfer von J. Blaschke à la mode mit einem jungen Paar vor einem Gartentempel im Vordergrund und ziemlich großen Bienenstock unter Zypressen im Hintergrund die literarische Szene einer Unterhaltung. Parallel erscheint eine textidentische Ausgabe des Journals mit anderen eher ländlichen Kupfern in Königsberg. Kotzebue kündigt das Programm der Biene mit „An die Leser“ auch witzig an, denn der „Herausg.“ formuliert sich selbst allegorisch als Biene. 

Wer dieß Büchlein kaufen und lesen will, muß eben nicht glauben, daß er lauter H o n i g darinn finden werde. Die Biene sammelt auch Wachs und selten gelingt es ihr, den Bienenkorb ganz vom Schimmel rein zu erhalten.

Ohne Allegorie! dieses Allerley enthält: was ich in Nebenstunden gedacht, gelesen, gedichtet, umgeschmolzen, erzählt und nacherzählt habe…[10]


Titelkupfer Die Biene. Erstes Bändchen. Berlin 1809. (Ausschnitt) 

Der hohe Grad der Vernetzung in Kotzebues Schreiben kündigt sich auch damit an, dass die Biene fast schon programmatisch mit einer weltläufigen Szene als einem Briefe eines reisenden Lübeckers (Geschrieben aus den westlichen Hebriden im Jahr 1807) eröffnet wird.[11] Die Allegorie der Biene läuft vor allem auf eine Arbeitsbiene hinaus, die sammelt, was sie „in Nebenstunden gedacht, gelesen, gedichtet, umgeschmolzen, erzählt und nacherzählt“ hat. Die Autorschaft der „Sammlung kleiner Erzählungen, Geschichten, Anekdoten und Miszellen“ ist nicht zuletzt mit Hinweis auf den „Wachs“, sagen wir, als Bindemittel und den „Schimmel“ eine auch unreine, um nicht gleich zu sagen, eine hybride. Als Literaturkonzept unterscheiden sich Kotzebues Literaturen durchaus von konzeptuellen Reinheitsphantasien der Weimarer Klassik.


Titelkupfer Die Biene. Erstes Bändchen. Königsberg 1809. (Ausschnitt) 

Es ist nicht zuletzt das Genre der Miszelle als Kurztext und Gemischtes, das Kotzebues „Sammlung“ der Biene auszeichnet. Die Miszelle kann auf unterschiedliche Wissensbereiche anspielen. Das vierte und offenbar letzte Bändchen der Berliner Biene endet vielleicht nicht ganz zufällig mit einer Miszelle als witzige Anekdote und Replik auf den Arzt, Physiognomen und Phrenologen Franz Joseph Gall (1758-1828), der im 19. und  20. Jahrhundert folgenreich an der Schädelform das Denken und die Denkkapazitäten ablesen und sichtbar machen wollte. Kotzebue gibt die Quelle seiner „Fälle“ aus einer englischen Schrift wieder, übersetzt und formt sie um. Bereits 1783 hatte James Beattie die Dissertations moral and critical on memory and imagination, on dreaming etc. in London veröffentlicht.[12] Ende 1809 kehren sie nun fast als Neuheit wieder. 

Einem Gelehrten fiel ein Foliant auf den Kopf. Sogleich vergaß er alles, was er wußte, und mußte von neuem das Alphabet lernen. Dieses Factum ließe sich allenfalls noch aus Gall’s Theorie erklären, nicht aber folgendes: ein anderer Gelehrter wurde durch einen ähnlichen Zufall blos seines Gedächtnisses für das Griechische beraubt; Alles übrige wußte er nach wie vor. – Auch folgende Erfahrung möchte sich schwerlich mit Gall’s Theorie vereinigen lassen: Ein Geistlicher, den der Schlag gerührt, vergaß plötzlich alles, was in den letzten vier Jahren mit ihm vorgegangen war, allein nichts von dem was vor dieser Zeit geschehen. – (Die angeführten Fälle berichtet Beattie in seiner Dissertations moral and critical etc.)[13]   


Tallinn Rathaus (1402-1404) CC Ivar Leidus (Ausschnitt)

Wir wissen nicht, ob Kotzebue Beattie im Original gelesen oder ob er nur vom Hörensagen von den Fällen erfahren hatte, um sie in einer Miszelle witzig zu verarbeiten. Wie Michael Hertl in Goethe in seiner Lebendmaske versucht hat zu rekonstruieren, traf Goethe Gall vermutlich im Juli 1805 in Halle.[14] Er bekannte sich bei der Herausgabe der Tag- und Jahreshefte 1817, die 1830 in der Ausgabe letzter Hand erstmals gedruckt wurden, zur Theorie Franz Joseph Galls so ausdrücklich, dass er nach Hertle seine „Lebendmaske“ nach dessen Regeln abformen ließ. Das „Gehirn" wird für Goethe am Schädel sichtbar.

Ich war gewohnt, das Gehirn von der vergleichenden Anatomie her zu betrachten, wo schon dem Auge kein Geheimnis bleibt, daß die verschiedenen Sinne als Zweige des Rückenmarks ausfließen und erst einfach, einzeln zu erkennen, nach und nach aber schwerer zu beobachten sind, bis allmählich die angeschwollene Masse Unterschied und Ursprung völlig verbirgt. Da nun ebendiese organische Operation sich in allen Systemen des Tiers von unten auf wiederholt und sich vom Greiflichen bis zum Unbemerkbaren steigert, so war mir der Hauptbegriff keineswegs fremd, und sollte Gall, wie man vernahm, auch, durch seinen Scharfblick verleitet, zu sehr ins Spezifische gehen, so hing es ja nur von uns ab, ein scheinbar paradoxes Absondern in ein faßlicher Allgemeines hinüberzuheben…[15]

 

Hertl erwähnt gleichfalls August von Kotzebues „Lustspiel in drey Acten“ Die Organe des Gehirns, das 1806 in Leipzig herausgekommen und am 23. Februar 1807 „auch in Weimar aufgeführt“ worden war.[16] Die Miszelle aus den „Nebenstunden“ ist ihrerseits mit dem Lustspiel verknüpft. Die Hauptperson des Lustspiels heißt, ganz so wie Goethe vom „Rückenmark“ schreibt, „Herr von Rücken“, der mit dem phrenologischen Wissen schon zu Beginn bei der Einstellung eines Dieners operiert und darauf besteht, „sich zuvor den Kopf von mir befühlen (zu) lassen“.[17] Ließe sich das Lustspiel noch als genrebedingter Spaß verbuchen, den sogar Gall selbst nach Hertl genießen konnte, spitzt die Miszelle den Spaß als Kritik nicht zuletzt deshalb zu, weil Goethe im „Gespräch“ mit Gall zwar ironisch gefärbt, doch emphatisch an die physiognomisch-phrenologische Theorie andockt. 

Dr. Gall war in der Gesellschaft, die mich so freundlich aufgenommen hatte, gleichfalls mit eingeschlossen, und so sahen wir uns täglich, fast stündlich, und das Gespräch hielt sich immer in dem Kreise seiner bewündernswürdigen Beobachtung; er scherzte über uns alle und behauptete meinem Stirnbau zufolge: ich könne den Mund nicht auftun, ohne einen Tropus auszusprechen; worauf er mich denn freilich jeden Augenblick ertappen konnte. Mein ganzes Wesen betrachtet, versicherte er ganz ernstlich, daß ich eigentlich zum Volksredner geboren sei. Dergleichen gab nun zu allerlei scherzhaften Bezügen Gelegenheit, und ich mußte es gelten lassen, daß man mich mit Chrysostomus in eine Reihe zu setzen beliebte.[18]

 

Schon 1774 setzte Goethe im Lied eines physiognomischen Zeichners, das später auf Künstlers Abendlied als Titel verkürzt wurde, auf eine Zeichenlogik von Signifikant, Kunst, und Signifikat, „Natur“. Dagegen zitiert und transformiert Kotzebue die Zeichenlogik im Lustspiel ins Witzige und im letzten Text der Biene diese zumindest kritisch. Goethes Künstlers Abendlied lässt sich gewiss auch ironisch lesen. Doch die Umschreibung des Titels vom spezifischen Lied eines physiognomischen Zeichners zu Künstlers Abendlied formuliert eine nachträglich generalisierbare Hoffnung des Künstlers auf die „Natur“, wenn es heißt: „Wie sehn ich mich, Natur, nach dir,/Dich treu und lieb zu fühlen!/Ein lust’ger Springbrunn, wirst du mir/Aus tausend Röhren spielen.“[19] Die „Natur“ und das heißt die physiognomische und phrenologische Zeichenlogik an Gesicht und Schädel des Menschen seit Johann Caspar Lavaters Von der Physiognomik (1772) wird zum Quell und „Springbrunn“ der Kunst.


Stadtmauer, Tallinn, CC Hajotthu (Ausschnitt)

Die von Kotzebue „angeführten Fälle“ unterlaufen nicht nur die durch die „Natur“ vorbestimmte, deterministische Theorie Galls, sie exemplifizieren ebenso auf witzige Weise an den beiden „Gelehrten“ und dem „Geistlichen“, dass Denkfähigkeit und Gedächtnis vom „Zufall“ abhängen. Denn dem ersten Gelehrten fällt der, sagen wir, Wissensspeicher „Foliant“ auf den Kopf, woraufhin er „von neuem das Alphabet lernen“ muss. Der witzige „Zufall“ des Gedächtnisverlusts durch ein großes Buch wird nicht nur zitiert, vielmehr wird er, den Sinn des Buches und der Wissenschaft verkehrend, gewendet. Lustspiel und Miszelle eignen sich als Literaturen zwar nicht zur Theorie, wie sie von Goethe als Wissensform favorisiert wird, aber sie ermöglichen es Kotzebue zumindest, das Wissen der Theorie im Verkehr zu hinterfragen. Das geschieht allerdings auf eine Weise von der kolportiert werden kann, dass der Theoretiker Gall darüber „herzlich gelacht haben soll“.[20] Da die Phrenologie quasi zur Ursprungswissenschaft der Rassentheorie im 19. und 20. Jahrhundert werden konnte, deren Rückkehr sich gegenwärtig im Populismus beobachten lässt, geht es mit Kotzebues literarischen Operationen nicht um nichts. Der rassistisch-phrenologische Vergleich zwischen Menschen- und Affenschädeln, wie ihn jüngst eine amerikanische Seriendarstellerin bemühte, hat eben bei Gall ihren Ursprung, wie es Kotzebue spaßig im Lustspiel wendet:

R ü c k e n. Ich sage Dir aber, daß hier nicht von Herzen sondern von Köpfen die Rede ist. Du weißt, ich liebe die Musik leidenschaftlich. Ich will nun einmal keinen Schwiegersohn, dem der Sinn für diese herrliche Gottesgabe mangelt. Auch keine Schwiegertochter. Unglücks genug, daß meine eigenen Kinder solche Affenschädel haben. Drum habe ich Deinem Bruder Eduard ein Mädchen ausgesucht, das einen Kopf hat, wie ein Triangel. Das sind die echten musikalischen Genies, und für Dich werd' ich mit Gottes Hülfe auch noch ein solches finden. 


Katharinenpalast, Tallinn, CC Eva Maria Moistlik (Ausschnitt)

Bereits nach dieser kurzen und eher zufälligen Sichtung und Kontextualisierung von Literaturen August von Kotzebues lassen sich die Verdikte der „Nullität“ wie des „Rührstück(s)“ revidieren. Um ein Lustspiel oder eine Miszelle aus einer folgenreichen Theorie zu machen, musste Kotzebue vielleicht nicht ihre Problematik ganz ermessen können. Doch erweist sich das literarische Verfahren des Witzes im Nachhinein als geradezu vorausschauend. In diesen Tagen, in denen die Katastrophe des Nationalsozialismus zum „Vogelschiss“ von einem Parteivorsitzenden einer im Deutschen Bundestag stark vertretenen Partei erklärt wird, muss man daran erinnern, dass Galls Theorie direkt in die Verbrechen im Name von Rasse, Geschlecht und Nation mündeten. Lustspiel und Miszelle vermögen es nicht zuletzt, „Gall’s Theorie“ zu dekonstruieren. Die 12 Jahre „Tausendjähriges Reich“ haben sehr wohl eine viel längere Genese als ein „Vogelschiss“. August von Kotzebue lässt sich wegen der „Versatilität“[21] seines Schreibens nicht einfach vereinnahmen. Das geht vielleicht mit dem Attentat, doch nicht mit dem lebenden, witzigen Schriftsteller.    

 

Harry Liivrand hob in seinem Kurzvortrag zur Buchvorstellung vor allem August von Kotzebues Bedeutung für Reval bzw. Tallinn hervor. Als Mitarbeiter der Akademischen Bibliothek der Universität rückte Liivrand die besondere soziokulturelle Situation der früh durch die Hanse geprägten Seestadt mit einem starken, deutsch geprägten Bürgertum hervor. Vielleicht muss man es so formulieren, dass Kotzebue als 20jähriger 1781 in einer Modernisierungskampagne der russischen Administration von Katharina II. nach Sankt Petersburg berufen wird. 1783 wird er Assessor am Obersten Gerichtshof in Reval. 1718 hatte Peter der Große für seine zweite Frau Katharina I. in Reval den Katharinenpalast erbauen lassen, der heute von der Stadt Tallinn als Kunstmuseum genutzt wird. 1785 wurde August Kotzebue aus Weimar in den russischen Adelsstand erhoben. Durch ihn wurde Reval zu einem Teil der europäischen Theatergeschichte. Viele seiner Stücke wurden zunächst in Reval teilweise mit eigener Beteiligung im Laientheater in Deutsch aufgeführt. Im März 1812 übernahm Kotzebue „die Leitung des im Jahre 1809 eröffneten Theaters“[22]. Im Dezember 1813 zog er nach Königsberg. Doch „Reval blieb … stets sein Flucht- und Rekreationsort“[23].  

 

Alexander Košenina betonte in seinem Kurzvortrag die Rolle des Theatermachers Kotzebue im Kontrast zu Weimar als „Inbegriff der Kleinstadt“. Er sieht Kotzebue als einen Protagonisten der „Demokratisierung des Denkens“ und schätzt seine Theaterproduktionen als „bodenständig“ und „wirklichkeitsnah“ ein. Im Kontrast dazu erinnerte er an Heinrich Heines Formulierung aus dem Kapitel II der Reisebilder: „Berlin ist gar keine Stadt, sondern Berlin gibt bloß den Ort dazu her, wo sich eine Menge Menschen, und zwar darunter viele Menschen von Geist, versammeln, denen der Ort ganz gleichgültig ist; diese bilden das geistige Berlin.“ Nicht zuletzt habe auch Humboldt über das Schicksal Gurlis in Die Indianer in England geweint. Das Stück wurde am 26. März 1789 im Liebhabertheater in Reval aufgeführt. Im neuen Kotzebue-Band der Berliner Klassik schreibt Košenina über Kotzebues 770seitigen Briefroman Leontine (Riga und Leipzig 1808) unter dem Zitattitel »In Ehstland, dem Schauplatze der Begebenheiten«. Denn obwohl und weil Kotzebue extra betont, dass „(a)lle handelnden Personen (…) bloß Geschöpfe meiner Einbildungskraft (sind)“[24], stellt Košenina die These auf, dass der Schauplatz des Romans Estland und Livland sind: 

Allzu sehr scheint die Handlung an den estnischen und livländischen Kulturraum unter russischer Herrschaft, die Stellung der deutsch-baltischen Adelsschicht und die allmähliche Befreiung der Landbevölkerung aus der Leibeigenschaft gebunden zu sein. Kotzebues Kenntnisse und Erfahrungen als Gutsbesitzer – auf den Erwerb des kleinen Landguts Koppelmann bei Reval 1792 folgte 1793 der Aufbau des Höfchens Friedenthal auf dem Gut Jewe in Wierland, 1803 die Übersiedlung auf das krusensternsche Familiengut Jerlep mit ersten Interessen für die Landwirtschaft und ab 1807 schließlich die Verantwortung über eigene Bauern auf dem größeren Gut Schwarzen – habe in dem Roman unverkennbare Spuren hinterlassen.[25]      

 
Titelkupfer Bruder Moritz, der Sonderling, oder, die Colonie für die Pelew-Inseln, Leipzig 1791.

Doch August von Kotzebues literarischer Horizont reicht weit über Livland, Russland und Deutschland hinaus. In einem der nächsten Bände wird sicher der Vortrag von Chunjie Zhang zu Bruder Moritz, der Sonderling, oder, die Colonie für die Pelew-Inseln(1791) unter dem Titel The New World: Kotzebues Beitrag zur interkulturellen Verständigung veröffentlicht werden. Zhang ist Professorin für Deutsch an der University of California Davis und forscht zu German Transcultural: Travel, Literature and Philosophy around 1800 und German Colonialism. Sie liest in dem Lustspiel in drei Aufzügen mit dem Schauplatz „in einer Seestadt“ eine neue Ordnung von utopischer Qualität. Denn schon der Eröffnungsauftritt beginnt als eine Schreibszene des „Schriftstellers unsrer Zeit“ namens Karg. 

(Er sitzt auf einer Rasenbank mit Schreibtafel und Bleyfeder in der Hand. Er sinnt, schreibt nieder, schüttelt den Kopf, streicht aus, sinnt wieder). 

Nur erst den Titel! das Buch soll wohl nachkommen. Ein Buch schreiben ist keine Kunst. Auf drey, vierhundert Seiten allerley zu Markte tragen was den Käufer reitzt, ey wer kann das nicht? Aber einen Titel erfinden, der ohne alle fremde Beyhülfe das Buch verkaufe, einen Titel der die Eßlust wecke, wenn man gleich noch nicht weiß, ob Kartoffeln oder Fasanen auf dem Tische stehen werden, einen Titel der aus einem, höchstens zwey Worten bestehe, und doch zu hundert Büchern passt, das ist das Meisterstück der heutigen Schriftstellerkunst, und sey Dank! in Titeln nehm ich es mit jedem auf, meine Verleger stehn sich gut dabey…[26]

 

Gleichviel wie sehr August von Kotzebue im „Schriftsteller unserer Zeit“ mit dem auch komisch-unpassenden Namen Karg wiederfinden mochte, vor aller „interkulturellen Verständigung“ ist es seine wiederholte Thematisierung eines Verständnisses von Literaturproduktion als Praxis und Ware, die sich durch seine Schriften zieht. Die Bücher sollen gekauft werden. Das Schreiben geht ausgerechnet nach Karg auf drei-, vierhundert Seiten fast wie von selbst. Leontine bringt es 18 Jahre später auf 770 Seiten. Die Mühelosigkeit des Schreibens bei gleichzeitiger Einträglichkeit ist zugleich ein Affront gegen die scheinbar interesselosen Literaturproduzenten in Weimar, wenn er nicht auch einen komischen Zug mit dem Namen Karg bekäme. Und vielleicht generiert sich dann auch wieder das Lustspiel mit dem ganz und gar regelwidrig komplizierten Titel Bruder Moritz, der Sonderling, oder, die Colonie für die Pelew-Inseln aus einer lustigen Kombination von Handel, Kolonialismuskritik, Eheversprechen, sexueller Praxis und außerehelichem Kind. Immerhin besteht das Personal aus Moritz Eldingen, Euphrosine, seine Tante, den Schwestern Julchen und Nettchen, Omar, einem jungen Araber, der „sein Freund und Bedienter“ ist, dem Kammermädchen Marie, dem Assessor bey einem Justiz-Collegium, anderen mehr und eben Karg, dem „Schriftsteller unsrer Zeit“.[27] Omar ist als „Freund und Bedienter“ um 1800 in der estnisch-russischen „Seestadt" Reval natürlich ein Regelverstoß.  

 

Ähnlich wie Alexander Košenina für Leontine identifiziert Chunjie Zhang für Bruder Moritz mehrere Themen wie die Abschaffung der Sklaverei, Grundbesitz, Heiratspolitiken und Leibeigenschaft als hoch politische, die unauflösbar mit der Biographie August von Kotzebues und seinen politischen Aktionen verknüpft sind.[28] Ob Lustspiel, Briefroman oder Flugblätter, Kotzebue verarbeitet und kontextualisiert Themen, die in Estland und Reval ebenso wie in den Kolonien im Pazifik, London oder Paris verhandelt werden. Zhang sieht Kotzebue in einem „globalen Netzwerk im 18. Jahrhundert“. Erfahrungswissen vermischt sich bei Kotzebue mit Lektüren, Theaterarbeit und juristischen Diskussionen. Das macht ihn tatsächlich zu einem „streitbaren und umstrittenen Autor“, der durch Kanonisierung im lang, teilweise bis heute andauernden 19. Jahrhundert aus dem Blickfeld gedrängt worden ist. Nicht nur der Erfolg als Theaterautor spricht als Maßstab für ihn, vielmehr werden in den vermeintlichen „Rührstücken“ entscheidende literatur- und gesellschaftspolitische Themen witzig und kritisch verhandelt. 

 

Torsten Flüh

Alexander Košenina, Harry Liivrand, Kristel Pappel (Hrsg.): 

August von Kotzebue. 

Ein streitbarer und umstrittener Autor. 

Hannover: Wehrhahn, 2017. 

€ 29,50   

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[1] Sandra Richter: Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur. München: C. Bertelsmann, 2017, S. 109.

[2] Ebenda S. 467.

[3] Conrad Wiedemann: Vorwort – Oder: Gedanken zur Revision eines literaturgeschichtlichen »Falls«. In: Alexander Košenina, Harry Liivrand, Kristel Pappel (Hrsg.): August von Kotzebue. Ein streitbarer und umstrittener Autor. Hannover: Wehrhahn, 2017, S. 7.

[4] Ebenda.

[5] Ebenda.

[6] Sandra Richter: Eine Weltgeschichte … [wie Anm. 1] S. 493-497.

[7] August von Kotzebue: Preußens ältere Geschichte. In: Bibliothek der vorzüglichen historischen Werke über die europäischen Staaten, seit ihrer Entstehung bis auf gegenwärtige Zeiten. Ein und dreyßigster Theil. Hamburg 1811. (books.google.de)

[8] Siehe August von Kotzebue (wikisource.org)

[9] August von Kotzebue: Preußens … [wie Anm. 7] S. V-VI.

[10] August von Kotzebue: Die Biene. Erstes Bändchen. Berlin 1809, S. III-IV. (books.google.de)

[11] Ebenda S. 5.

[12] James Beattie: Dissertations moral and critical. London: W. Strahan, 1783. (books.google.de)

[13] August von Kotzebue: Die Biene. Viertes Bändchen. Berlin 1809, S. 159. (books.google.de)

[14] Michael Hertl: Goethe in seiner Lebendmaske. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2008, S. 30.

[15] Johann Wolfgang Goethe: 1805. In: Tages- und Jahreshefte. In: Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 16, Berlin 1960 ff, S. 143.

[16] Michael Hertl: Goethe … [wie Anm. 14] S. 33.

[17] August von Kotzebue: Die Organe des Gehirns. Leipzig: Paul Gotthelf Kummer, 1806, S. 5. (Digitalisat)

[18] Johann Wolfgang Goethe: 1805… [wie Anm. 15] S. 143-144.

[19] Johann Wolfgang Goethe: Künstlers Abendlied. In: Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 1, Berlin 1960 ff, S. 401-402. (Gedichte. Ausgabe letzter Hand. Stuttgart und Tübingen: Cotta, 1827)

[20] Michael Hertl: Goethe … [wie Anm. 14] S. 33.

[21] Conrad Wiedemann: Vorwort … [wie Anm. 3] S. 9.

[22] Harry Liivrand, Kristel Pappel: Musik im Alltag Kotzebues. In: Alexander Košenina, Harry Liivrand, Kristel Pappel (Hrsg.): August … [wie Anm. 3] S. 181.

[23] Conrad Wiedemann: Vorwort … [wie Anm. 3] S. 9.

[24] Alexander Košenina: »In Ehstland, dem Schauplatze der Begebenheiten« August von Kotzebues Briefroman Leontine (1808). In: Alexander Košenina, Harry Liivrand, Kristel Pappel (Hrsg.): August … [wie Anm. 3] S. 89.

[25] Ebenda.

[26] August von Kotzebue: Bruder Moritz, der Sonderling, oder, die Colonie für die Pelew-Inseln. Leipzig: Kummer, 1791, S. 1-2. (Digitalisat)

[27] Ebenda Personen.

[28] Alexander Košenina: »In Ehstland, … [wie Anm. 24] S. 91.