Japanisches Feuer und die Leere - Zum Auftakt der Europatournee des Yomiuri Nippon Symphony Orchestra unter der Leitung von Sylvain Cambreling und Sayako Kusaka

Kulturaustausch – Japan – Konzertmeisterin 

 

Japanisches Feuer und die Leere 

Zum Auftakt der Europatournee des Yomiuri Nippon Symphony Orchestra unter der Leitung von Sylvain Cambreling und Sayako Kusaka 

 

Sylvain Cambreling und Sayako Kusaka nehmen aktuell Schlüsselpositionen im internationalen Kultur- und Musikaustausch zwischen Europa und Japan, insbesondere Deutschland und Japan ein. Der französische Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart und die japanische 1. Konzertmeisterin des Berliner Konzerthausorchesters bekleiden zugleich die Positionen des Chefdirigenten und der Konzertmeisterin des Yomiuri Nippon Symphony Orchestra, Tokyo, eines der führenden Orchester nicht nur Japans, sondern Asiens. Am Montagabend spielten sie ein die Kontinente Asien, Europa und Amerika übergreifendes Konzertprogramm zum Auftakt der Europatournee des Orchesters in der Philharmonie mit Nils Mönkemeyer als Solist auf der Viola. Sie wurden gefeiert. 

Kulturaustausch ist keine einfache Aufgabe von Übersetzungen, Kompetenzen und Kreativität. Sayako Kusaka erhielt am Freitag, den 27. Februar, in der Residenz des Botschafters von Japan, seine Exzellenz Takeshi Nakane, die „Auszeichnung durch den Botschafter“ überreicht. In eher kleinem Rahmen wurde die Überreichung nach japanischer Tradition regelrecht zelebriert. Eine Überreichung funktioniert nach japanischer Art durchaus anders als im europäischen Rahmen. Der Zeremonie, die kammermusikalisch mit einem Divertimento und einem Flötenquartett von Mozart gerahmt wurde, galt den kulturvermittelnden Kompetenzen von Sayako Kusaka, die als Frau die weithin von Männern in Spitzenorchestern besetzte Mittlerposition zwischen Dirigent, Solist und Orchester der 1. Konzertmeisterin im Konzerthausorchester einnimmt. Nur wenige Frauen wie Alice Harnoncourt für Concentus Musicus Wien übernehmen die ebenso solistische wie leitende und vermittelnde Funktion des Konzertmeisters. 

Erst 1926 wurde in Japan das erste kontinuierlich arbeitende Orchester gegründet. 1962 kam das YNSO hinzu, das von der Yomiuri Verlagsgruppe und der Nippon Television Corporation gegründet wurde. Die Verlagsgruppe unterhält die auflagenstärkste Tageszeitung Japans Yomiuri Shimbun, die mit 13.257.770 Exemplaren im Oktober 2014 wohl auch weltweit als auflagenstärkste Tageszeitung gelten darf. Yomiuri Shimbun bringt ebenso die englisch-sprachige The Japan News heraus. Anders als die staatlichen, städtischen oder öffentlich-rechtlichen Orchester in Deutschland gingen die japanischen Orchester zumeist nach 1945 aus unternehmerischen Gründungen hervor. Als Komponist nahm Toru Takemitsu ebenfalls seit den 50er Jahren eine wichtige Vermittlerrolle ein, indem er symphonische Werke zu komponieren begann. 

Der Kontakt mit europäischer Opern- und Symphoniemusik ist mit dem Modernisierungsprozess Japans im 19. Jahrhundert und insbesondere der deutschen Medizin verknüpft, zu deren wichtigsten kulturellen wie literarischen Vermittlern die Schüler des Mikrobiologen Robert Koch Mori Ôgai und Kitazato Shibasaburo gehörten.[1] Am 16. Juni 1908 um 2 Uhr erklang im großen Saal der Akademie für Musik in Tokio die Akademische Festouvertüre von Johannes Brahms als Robert Koch höchste Ehren und Auszeichnungen verliehen wurden. Es wurde allerdings auch wichtiger Vortrag von ihm erwartet. Am Abend des gleichen Tages fanden zu Ehren Robert Kochs in einem Kabuki-Theater japanisch-deutsche Festspiele statt, bei denen das Toyama-Gakko-Orchester, die Kapelle der Militärakademie, Musik von Wagner spielte.[2] Das Militär und die Medizin stehen Pate beim Einzug der Opern- und Symphoniemusik in Japan.    

Sylvain Cambreling hatte für den Tourneeauftakt in der Philharmonie ein äußerst durchdachtes Konzertprogramm mit Werken von Toru Takemitsu, Béla Bartók, Charles Edward Ives und Antonín Dvořák ausgearbeitet. Er hatte es zunächst mit dem Orchester in der 2006 Sitze bietenden Suntory Hall[3] in Tokio mit Konzerten am 13. und 15. Februar aufgeführt,[4] um es nun in Berlin zu präsentieren. Ein besonderer Clou lag darin, dass er im Programmheft darum bitten ließ, nach The Unanswered Question von Ives auf den Applaus zu verzichten, um gleich darauf mit der Sinfonie Nr. 9 e-Moll op. 95 »Aus der Neuen Welt« von Dvořák zu beginnen bzw. fortzufahren. Kann ein derartiger Übergang glücken? Und worauf wollte der Dirigent damit aufmerksam machen? Was passiert vor allem in Ives‘ Komposition, dass Cambreling auf den Gedanken kommen konnte? Es wird auf das geradezu programmatische Konzertprogramm zurückzukommen sein. 

Zunächst soll genauer auf die Ehrung von Sayako Kusaka durch den Botschafter eingegangen werden, denn Konzertmeisterinnen stehen eher nur für Musikexperten im Fokus des Interesses. Was macht überhaupt eine gute Konzertmeisterin aus? Üblicherweise sind Konzertmeisterinnen zurückhaltend. Sie stimmen das Orchester auf den Kammerton a ein, werden bisweilen stellvertretenden vom Dirigenten begrüßt oder bedankt und übernehmen in einigen größeren Kompositionen auch einmal solistische Passagen. Sie sind künstlerische Leiterinnen ebenso wie Stellvertreterinnen des Orchesters. Doch eigentlich macht sie sich ihren Namen dadurch, dass sie im Klang des Orchesters verschwindet, um diesen allerdings zu prägen und zu führen. Die Konzertmeisterin ist daher eine äußerst vielschichtige Schnittstelle des Orchesters, der üblicherweise nicht allzu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Auch der Berichterstatter hatte sich bisher nicht viel Gedanken über Konzertmeisterinnen gemacht.  

Durch das Programm zur Überreichung der „Auszeichnung durch den Botschafter“ wurden nun einmal Funktion, Aufgaben und Qualitäten einer Konzertmeisterin ins Interesse gerückt. Sie ist kein Star wie der Dirigent oder die Solisten. Doch wenn zwischen ihr und dem Solisten wie Nils Mönkemeyer im Konzert für Viola und Orchester Sz 120 von Béla Bartók die Kommunikation nicht klappt, kann der Starsolist gleich nach Hause gehen. Es geht, anders gesagt, um ein komplexes, durchaus sinnliches Zusammenspiel. Im Divertimento KV 138 F-Dur von W. A. Mozart, einem Quartett, musizierte Sayako Kusaka mit Andreas Finsterbusch (Violine), Yasuhiro Suzuki (Viola) und Felix Nickel (Violoncello) außerordentlich geistreich. Man kann nicht unbedingt sagen, dass die Mitwirkenden in einem Quartett alle eine Meinung hätten oder einer Meinung wären. Aber vielleicht lässt sich sagen, dass vier Musiker einen Notentext durchaus unterschiedlich lesen, um (dennoch) hörenswerte Musik, die sich nachdenken lässt, hervorzubringen. Ein Quartett ist keine Talkshow. Es sollte dies jedenfalls niemals werden. Aber es ist so etwas Ähnliches. 

Der Botschafter hob in seinem Grußwort anlässlich der Überreichung der Urkunde „Auszeichnung durch den Botschafter“ hervor, dass Sayako Kusaka, die seit 2008 Erste Konzertmeisterin des Konzerthausorchesters Berlin ist, mehrmals in der Botschaft konzertiert habe. So habe sie, wie es durchaus diplomatisch in dem vom Botschafter auf Deutsch gehaltenem Grußwort hieß, „ihr Mitgefühl für die Opfer der Dreifachkatastrophe im Norden Japans veranlasst() … im April des Jahres 2011 ein Benefizkonzert im Konzerthaus Berlin zu organisieren“. Sayako Kusaka sei „eine wunderbare Botschafterin der Kultur, die mit ihrer Kunst und ihrem Herzen“ Japan alle Ehre mache. Auf besondere Weise kommt bei der Konzertmeisterin eine ganze Reihe von vielfältigen Fähigkeiten zusammen. Natürlich hielt sie ihre Ansprache denn auch auf Deutsch.              

Überschneidung, Vermischung und akzentuierte Unterscheidung kann man als die Modi formulieren, in denen Sayako Kusaka ihren Kulturaustausch praktiziert. Dazu gehörte nicht nur der traditionelle Kimono, mit auf das Emblem des japanische Kaiserhauses anspielenden Chrysanthemen-Stickereien oder die traditionelle Haartracht, vielmehr noch war es die rituelle Überreichung eines Geschenkes zur vorher überreichten Urkunde, die so praktiziert wurde, wie sie Roland Barthes einmal für seine Zeichentheorie formuliert hat. Was das „Paket“, die Schatulle, die der Botschafter Sayako Kusaka überreichte, enthielt, blieb komplett verborgen und ungesagt. Fast stand das „Paket“ für einen Moment im Raum, als der Botschafter es mit schlagartig nach hinten geschwungenen Händen in die Hände der Beschenkten gab. 

… Man könnte letztlich durchaus sagen, die Schachtel sei der Geschenkgegenstand und nicht das, was sie enthält: Wolken von Schülern, die einen Tagesausflug unternehmen, bringen ihren Eltern ein schönes Paket mit, das wer weiß was enthält, als wären sie sehr weit fort gewesen und es hätte sich so die Gelegenheit geboten, sich in ganzen Banden der Wollust des Pakets hinzugeben. So spielt die Schachtel Zeichen: als Hülle, Schirm, Maske steht sie für das, was sie verbirgt oder schützt und gleichwohl bezeichnet: sie tauscht und täuscht. Aber was sie da umschließt und bezeichnet wird sehr lange auf später verschoben, als läge die Funktion des Pakets nicht in einem räumlichen Schutz, sondern in einem zeitlichen Aufschub.[5]  

 

… On dirait en somme que c’est la boîte qui est l’objet du cadeau, non ce qu’elle continent : des nuées d’écoliers, en excursion d’un jour, ramènent à leurs parents un beau paquet contenant on ne sait quoi, comme s’ils étaient partis très loin et que ce leur fut une occasion de s’adonner par bandes à la volupté du paquet. Ainsi la boîte joue au signe : comme enveloppe, écran, masque, elle vaut pour ce qu’elle cache, protège, et cependant désigne : elle donne le change, si l’on veut bien prendre cette expression dans son double sens, monétaire et psychologique ; mais cela même qu’elle renferme et signifie, est très longtemps remis à plus tard, …[6]      

Leere und Stille, die in der japanischen Kultur, zumindest zen-buddhistischer Variante, eine eminente Rolle spielen, kamen denn auch im Musikprogramm von Sylvain Cambreling zum Zuge. Die Bitte, nicht nach The Unanswered Question zu applaudieren, mag diesem Aspekt zu verdanken sein. Denn mit der Eröffnungskomposition von Toru Takemitsu, A Flock Descends into the Pentagonal Garden (1977), die kompositorisch als Auftragsarbeit des San Francisco Symphony Orchestra klanglich an Debussy erinnert, komponiert er insbesondere die Stille als Leere. Das Kompositionsschema, das sich auf die Fünf bezieht, lässt, anders gesagt, allererst einen Pentagonal Garden entstehen. Der fünfeckige Garten wird nicht etwa als typisch japanischer dargestellt oder vom Optischen ins Akustische verwandelt, vielmehr bringt das pentagonale Kompositionsschema einen akustischen Garten hervor. Gleichwohl sind Zen-Gärten leer und still. Toru Takemitsu knüpft auf diese Weise an die symphonische Musiktradition an und komponiert sie zugleich um. So ließe sich Cambrelings durchdachte Programmeröffnung hören. Keine Folklore, sondern scharf akzentuierter Kulturaustausch.

Es ergeben sich durchaus Korrespondenzen zwischen Roland Barthes‘ Zeichentheorie und Toru Takemitsus symphonischer Komposition. Allerdings kommt bei dem japanischen Komponisten der für Barthes wichtige Aspekt oder Begriff der „volupté“ („Wollust“) weniger vor. Barthes gebraucht „la volupté du paquet“ als eine Wollust am Zeichen oder auch des Zeichens durchaus vieldeutig. Denn „la volupté“ ist seit Voltaire und daraufhin Friedrich II. von Preußen aufs Engste mit dem Denken und der durchaus politischen Macht des Subjekts verknüpft.[7] A Flock Descends into the Pentagonal Garden komponiert indessen allenfalls einen Traum von einem Garten, in dem das träumende Subjekt zu einem Schwarm oder Vogelschwarm oder Schar oder auch einer einzelnen Flocke wird, die in einen fünfeckigen Garten fällt. Einzeln und vielzählig zugleich wird, was sich in der „volupté“ noch seiner Einzigartigkeit versichert.

Nils Mönkemeyer brillierte mit dem Orchester in dem Konzert für Viola, das auch den Aspekt bereithält, dass Béla Bartók bei seinem Tod am 25. September 1945 in New York lediglich eine Skizze dafür hinterlassen hatte. Der ebenfalls ungarische Komponist und Vertraute Bartóks Tibor Serly erhielt von dessen Musikverlag den Auftrag das Bratschenkonzert zu vollenden.[8] Hinter dem Konzert verbergen sich, sozusagen, zwei Komponisten. Die Urheberschaft der Komposition, die ebenso sehr die Solobratsche zu einem Virtuoseninstrument werden lässt, wie die Bratsche sonst bei den Streichern für einen voluminösen Streicherklang eingesetzt wird, bleibt durchaus aufgeschoben. Allerdings wird die Komposition vereinfachend unter dem vielversprechenden und bekannten Namen Béla Bartók angekündigt. 

Mit The Unanswered Question von Charles Edward Ives von 1946 erzeugten Sylvain Cambreling und das Yomiuri Nippon Symphony Orchestra eine derartige Intensität und Spannung, eine Stille und Leere im Klang, dass es für den Berichterstatter kaum auszuhalten war. Und natürlich war es für andere Konzertbesucher gar nicht auszuhalten, und in der Philharmonie wurden Frage, Stille und Leere von vielerlei Seiten mit Husten zerrissen. Anders gesagt, es war natürlich ein ganz großer Moment des Konzertabends von äußerster Konzentration zwischen Dirigent und Orchester. Das muss man erst einmal mit einem Orchester hinbekommen. Und welch eine Selbst-Disziplin nach dem vierten oder fünften Hüstler, das Stück nicht abzubrechen und die Hüstler hinauszuschicken! Besser noch als der Berichterstatter müssen sich der Dirigent, die Konzertmeisterin und das Orchester konzentriert haben können. 

Nach dem ersten ja durchaus folkloristischen Satz der Sinfonie Nr. 9 e-Moll von Antonín  Dvořák gab es dann für einen Großteil des Konzertpublikums kein Halten mehr und der durch das Fortissimo hervorgerufene Enthusiasmus entlud sich in Applaus. Aus der Neuen Welt ist, sozusagen, eine Hitmaschine, die der tschechische Komponist mit amerikanischer Folklore während seines Aufenthaltes in Amerika produzierte, um damit am 16. Dezember 1893 in der New Yorker Carnegie Hall einen nie dagewesenen Erfolg zu landen. Es lässt sich natürlich nicht sagen, ob das Publikum schon damals nach jedem Satz enthusiasmiert applaudierte.

Dvořáks Neunte ist für das Orchester äußerst anspruchsvoll innerhalb der Sätze bereits auf Spannungsbögen und Steigerungen angelegt, um sich dann im vierten und letzten in einem Allegro con fuoco, also einem doch eher italienischen Lebhaft mit Feuer zu entladen. Der Spannungsbogen vom langsamen Adagio, bequem, behaglich zu Beginn des ersten Satzes bis zum sehr schnellen Allegro con fuoco wurde also auch herzhaft vom Applaus zwischen den Sätzen unterbrochen. Allerdings war wohl so italienisch feurig die amerikanische Folklore niemals zuvor gewesen. Sylvain Cambreling und sein Orchester mit Sayako Kusaka als Konzertmeisterin lieferten dann, sozusagen, alles orchestral aufbietbare Feuer, was dem Japanischen eher fremd, doch durch das es sich vielleicht gern anstecken lässt.

 

Torsten Flüh

 

Yomiuri Nippon Symphony Orchestra Tokyo 

Sylvain Cambreling 

5. März 2015 Kölner Philhamonie 

7. März 2015 Tivoli Vredenburg, Utrecht 

8. März 2015 Palais des Beaux Arts, Brüssel
_____________________________________



[1] Vgl. Medizin und Literatur - Der japanische Autor Mori Ôgai und das bad Girl Kanehara Hitomi 22. April 2010

[2] Anm.: Für den Roman Beriberi (Kindle Edition 2012) wurden entsprechende Quellen im Zeitungsarchiv der Staatsbibliothek Berlin und im RKI erforscht und literarisch verarbeitet. Im Robert-Koch-Nachlass der Bibliothek des Robert Koch Instituts (RKI) in Berlin sind entsprechende Schriftstücke erhalten. 

[3] Anm.: Die Konzerthalle für philharmonische Musik ist nach dem japanischen, weltweit operierenden Getränkekonzern Suntory, u.a. mit der Orangina Schweppes Group, benannt und wird auch von diesem aus japanischer Tradition betrieben.

[4] Vgl. Kalender 2015 von Sylvain Cambreling

[5] Barthes, Roland: Im Reich der Zeichen. (Aus dem Französischen von Michael Bischoff) Frankfurt am Main 1981. S. 64/65

[6] Anm. : Eine genauere Kommentierung der Abweichung in der Übersetzung hinsichtlich der Auslassung von „monétaire et psychologique“, sprengt den Rahmen dieser Besprechung. Barthes, Roland: L’empire des Signes. (Paris 1970) In: ders.: Œuvres conplètes. Tome II. Paris 1994. S. 780.  

[8] Vgl. Sakar, Peter: Einführung. Im Programmheft zum Konzert, 2. März 2015. S. 14/15