Das Versprechen der Geschichte - Barbara Naumann und Peter Geimer zum Semesterthema non finito ... der Mosse-Lectures

Geschichte – Unfertig – Paris 

 

Das Versprechen der Geschichte 

Barbara Naumann und Peter Geimer zum Semesterthema non finito … der Mosse-Lectures 

 

Peter Geimer fährt auf der Métro Linie 12 – douze - in Paris und liest auf der Station Rue du Bac eine Formulierung auf einem Werbeplakat: L’HISTOIRE N’ATTEND QUE VOUS. Die Geschichte wartet nur auf Sie. Puy du Fou. Auf der Station Alma – Marceau der Linie 9 das gleiche Plakat für den Themenpark mit der Szene eines römischen Gladiatorenkampfes inklusive zwei Löwen, Pferden, einem Adler und drei nach dem 17. Jahrhundert gekleideten Akteuren. D’Artagnan. Rom und Paris. „Douce France“. Der Kunsthistoriker Peter Geimer fotografiert mit dem Smartphone das Plakat, das ihm zum wiederholten Male in den Blick kommt, so könnte es zumindest erzählt werden. Es gehört im Sommer 2017 zu einer großangelegten Werbekampagne für eine neue Geschichtsshow. Le Puy du Fou als Freizeitpark in Les Epesses südwestlich von Paris lässt sich als „Der Berg des Narren“ übersetzen.

Barbara Naumann folgte Peter Geimer letzten Donnerstag auf den Spuren der Geschichte ebenfalls nach Paris in die Salons der Jahrhundertwende und die Manuskripte zu Marcel Prousts À la recherche du temps perdu. Zufällig oder nicht streifte das Semesterthema der Mosse-Lectures non finito, unfinished, unfertig. Fluchtlinien des Kreativen in Kunst, Literatur und Wissenschaft mit den beiden ersten Vorträgen Paris, als begegne den Kunst- und Literaturwissenschaftler*innen in dieser Stadt besonders intensiv Geschichte, was vielleicht nicht einmal falsch ist. Denn die siegreiche Schlacht an der Alma im Krimkrieg am 20. September 1854 gehört ebenso zur nationalgeschichtlichen Pariser Topographie wie der General François Séverin Desgraviers-Marceau im 18. Jahrhundert.

Der Videomitschnitt der Mosse-Lecture von Peter Geimer unter dem mehrdeutigen Titel Unvollendete Vergangenheit. Geschichte und ihre Nachbilder ist zwischenzeitlich über die Homepage der Veranstaltungsreihe und auf YouTube verfügbar[1], womit sich eine Besprechung fast erledigt hat. „Die Geschichte wartet nur auf Sie.“ Der Vortrag samt einführender Worte von Ethel Matala de Mazza liegt in der Vergangenheit, aber ist da in Echtzeit, ließe sich sagen. Man kann ihn sich anschauen wie anhören und das ist natürlich gut so. Medial ist der Vortrag in allerbester Bild- und Tonqualität vorhanden. Da muss der Berichterstatter dann auch nicht ausführlicher referieren. 1 Stunde 41 Minuten und 23 Sekunden sind aufgezeichnet, fertig geschnitten und jederzeit an fast jedem Ort der Welt abrufbar. Ist das non finito, unfinished, unfertige in Zeiten des Internets noch ein Thema? Generiert der Videomitschnitt „Nachbilder“?


Plakat-Bild auf Facebook (Screenshot T.F.) 

Vielleicht ist es heute wie mit Puy du Fou und dessen trickreichen Versprechen wie „Bild einer vollständig erhaltenen Geschichte“ (Peter Geimer). Historienmalerei, doch anders. Statt Ruinen, die die Imagination ansprechen, ist im Digitalismus der Plakate[2] wie des Videomitschnitts das fertige, totale Material überliefert. Gibt es noch einen „Widerstand von etwas, das nicht mehr vorhanden ist“ (Peter Geimer)? Für die um 1980 beispielsweise von Roland Barthes mit La chambre claire (1980) und Jacques Derrida mit Les morts de Roland Barthes (1981)[3] vor allem aber mit Droits du regards (1985) engagiert diskutierte (analoge) Photographie gab es wohl noch den Widerstand eines »ça a été«, eine Bestätigung, dass es gewesen und damit vergangen, ja, tot ist.[4] Wie ist das jetzt mit den Videomitschnitten im Internet der lebenden Toten, der Zombies, Bots, Fakes und Gespenster auf Facebook, YouTube und Co.?

 

Die Mosse-Lectures kündigen das Semesterprogramm mit einem vehementen Einsatz für das Unfertige an. Ethel Matala de Mazza erinnert in ihrer Einführung an Adalbert Stifters Novelle Nachkommenschaften, in der ein Maler alle Zeichnungen des Bergs „Dachstein“ verbrennt, weil sie ihm nicht gut genug sind.[5] Doch es geht nach Ankündigung des Programms nicht nur darum, dass etwas nicht fertig wird, weil es den Ideen nicht genügt. Mehr oder weniger genau formulierte Ideen verwandeln sich vielmehr in Maßstäbe, Normen. Es geht nicht nur in der Musik um einen Abschied von der „ultimative(n) Geltung des vollendeten Werks“.[6] Nicht nur im Deutschen, vielmehr noch im Französischen verweist histoire/Geschichte auf zweierlei: die wissenschaftliche Lehre von der Vergangenheit und die Erzählung in der Literatur. Nicht zuletzt nach dem Anfang 2017 in Paris verstorbenen Schriftsteller und Wissenschaftler Tzvetan Todorov bezeichnet der literaturwissenschaftliche Begriff l’histoire im Unterschied zum discours, was erzählt wird.[7] Auch ist l’histoire nach Todorov zur menschlichen mémoire als unpersönlich, kalt, trocken, abstrakt zu unterscheiden und ignoriert das menschlich Erlebte. 

La mémoire est la faculté humaine de retenir des éléments du passé; à ce titre, tout rapport au passé repose sur la mémoire. Le mot a cependant pris un sens plus restrictif, depuis quelques dizaines d'années, pour s'opposer à « histoire »; il se réfère alors, de manière un peu vague, au rapport que l'individu entretient avec un passé personnel, alors que l'histoire se voit décrite (et parfois dédaignée) comme un discours impersonnel, froid, sec, abstrait, qui ignore le vécu humain.[8]

 

Die Frage des Unfertigen hat mit selbst gesetzten oder allgemein herrschenden Normen in der Malerei, der Literatur und der Wissenschaft wie Technik zu tun. Sie ist eine Frage des Wissens und unterschiedlicher Wissensmodi. Damit soll an dieser Stelle durchaus einmal daran erinnert werden, dass der Flughafen BER zwar fertig war, als fertig galt, doch wegen technischer Verordnungen und Überprüfungen nicht eröffnet wurde. Es wurde sozusagen im allerletzten Moment eine Genehmigung wegen der Normen für den Brandschutz in Deutschland nicht erteilt. Seither entfaltet sich ein öffentlicher Diskurs, in dem der Flughafen immer unfertiger wird. 

2000 Tage nach der geplatzten BER-Eröffnung 2012 drohen am unvollendeten Berliner Hauptstadtflughafen erneut Verzögerungen. Drei Wochen vor der geplanten Bekanntgabe eines neuen Eröffnungstermins, den Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup am 15. Dezember dem Aufsichtsrat vorschlagen will, ist die Lage auf der Baustelle dramatischer als bisher bekannt. Das geht aus einem aktuellen Lagebericht für die oberste Bauaufsicht Brandenburgs und aus einem Statusbericht des Tüv Rheinland vom 2. November 2017 hervor, die dem Tagesspiegel vorliegen. Es gibt danach gravierende Defizite bei den technischen Systemen, vor allem erneut beim Brandschutz.[9]

 

Für den „unvollendeten Berliner Hauptstadtflughafen“ geht es nicht nur um die Idee einer Vollendung, sondern um die technischen Normen, die die Idee quasi materialisieren, sich unterdessen zweifellos wandeln können. Das Unfertige folgt Normen, entspricht ihnen nicht und stellt sie zugleich in Frage. Vielleicht auch deshalb lautet der letzte Satz in der Ankündigung der Mosse-Lectures: „Es spricht vieles dafür, das Unfertige gewähren zu lassen und das Perfekte zu meiden.“[10] Peter Geimer hat 2002 mit seinem Buch Die Vergangenheit der Kunst. Strategien der Nachträglichkeit im 18. Jahrhundert insbesondere an Johann Joachim Winckelmannn und seiner Geschichte der Kunst des Altertums angeknüpft, um im Unterschied zu Hegels Formulierung von der „Vergangenheit der Kunst“ als „Gründungsakt einer neuen Disziplin“, der Kunstgeschichte, aufzuzeigen, dass die Ruine bei Winckelmann allererst zur Bedingung der Einbildungskraft wurde. 

Erst was vergangen, deformiert oder verwüstet war, ließ sich im Namen der Einbildungskraft überschreiben.[11]

 

Die Ruine und das Internet, das nicht einfach nur Gegenwart ist, um Vergangenheit zu erzeugen, sondern als Digitalisierung und Open Source das Vergangene zugänglich machen soll, lassen sich heute als das Unfertige par excellence formulieren.  Weil der Torso von Belvedere nur noch ein „Überrest“, eine Ruine, mehr denn Fragment ist, weil er in der Vergangenheit einmal ein vollendetes Kunstwerk gewesen sein mag, lässt er sich von Winckelmann allererst in seiner „Schönheit“ imaginieren, die zwischen einem Erfahrungswissen und Regel- oder Normwissen in der Schwebe bleibt.[12] Das Internet in seiner unendlichen Prozessualität lässt sich nicht mehr als ein Fertiges denken, wobei es besonders stark Wünsche nach dem Fertigen und Greifbaren weckt. Peter Geimer unterscheidet drei „Modi des Vergangenen … erstens Vergangenheit als Entzogenes, als Verlust, Abwesenheit, historiographisches Rauschen, zweitens das Vergangene als Störung, als Latenz, als Überrest oder Widergänger, der die Gegenwart in Unruhe versetzt, drittens das Vergangene als Reservoir abgelegter Ereignisse oder Objekte, das nicht einfach noch da ist oder zurückkehrt, sondern das man bewusst und aktiv befragt, ausgräbt, präsentiert“.[13]

 
Foto der Wandprojektion (T.F.)

Geimers Beispiele des Plakats mit dem Versprechen L’HISTOIRE N’ATTEND QUE VOUS, des Historiengemäldes Krönung König Wilhelms I. zu Königsberg[14] (1865) von Adolf von Menzel, das heute noch im Neuen Palais in Potsdam aufgehängt ist, mehr aber noch die Serie der Gouache von den historischen Rüstungen, die sich Menzel für das Gemälde hatte kommen lassen, sowie ein Foto von Heinrich Hoffmann vom 2. August 1914, auf dem Adolf Hitler bei der ersten Veröffentlichung am 12. März 1932 sichtbar wurde, illustrierten die unvollendete Vergangenheit. Das Gemälde der Krönung am 2. Januar 1861 in der Schlosskirche in Königsberg, wo seit 1701 mit der Krönung Friedrich I. die preußischen Könige gekrönt wurden, ist bereits auf vielfache und widersprüchliche Weise in das Medium Photographie und seiner Effekte verwickelt. Für die 132 Porträts arbeitete Menzel mit Photos der Beteiligten.[15] Nachdem Menzel die Arbeit an dem Gemälde in Öl abgeschlossen hatte, fertigte er eine Serie als Gouache an, in der die hohlen Rüstungen zu tanzen beginnen.[16]  


(Screenshot T.F.) 

Die Vergangenheit als „unfertiges Projekt“ bringt nach Geimer immer wieder neue Objekte und Materialien für die Geschichte hervor. Ein zufälliges Foto von einer Menschenmenge auf dem Münchner Odeonsplatz lässt mit fast 18jähriger Verspätung das Gesicht eines Mannes sichtbar werden, der sich anschickt, Reichskanzler zu werden. Sollte das Gesicht einer Retusche Heinrich Hoffmanns zu verdanken sein, worüber unter Historikern kontrovers diskutiert wird[17], wäre es keinesfalls die erste Fälschung in der politischen oder gar revolutionären Geschichte der Photographie. Die Erstürmung des Winterpalais‘ zur Oktoberrevolution 1917 von Iwan Kobosew dürfte vielmehr eine frühere Fälschung im Begehren der Politik nach Evidenz aus der Vergangenheit sein.[18] Dass zu Stalins Zeiten nach und nach revolutionäre Weggefährten aus Photos verschwanden, dreht das Verhältnis der Geschichte zur Photographie nur um. Die Zeugenschaft des Photos und der Bilder, um nicht zu sagen „Nachbilder“ war immerschon vage.

 

Barbara Naumann schlug mit ihrem Vortrag Das unvollständige Ganze. Die unendliche Rede in Marcel Prousts >Recherche< vor allem mit den Autographen und „eingeklebten „Paperoles““ eine Lesart des endlosen Romans bzw. in Deutsch bei Suhrkamp erstmals 1955 in 10 Bänden veröffentlichten Werks vor. Ein Großteil der handschriftlichen Manuskripte ist seit 2009 von der Bibliothèque nationale de France mit dem Digitalisierungsprojekt Gallica in ca. 159 Datensätzen aus ebenso vielen Heften zugänglich gemacht worden.[19] Der Umfang der Autographen wie die bereits bei der ersten Niederschrift unterteilten und meist links freigelassenen, dann später mit Ergänzungen, mehrfachen Parenthesen, Durchstreichungen und Umstellungen, gar Zeichnungen versehenen Manuskripte geben einen Wink darauf, dass die Edition der À la Recherche du temps perdu eine Herausforderung bedeutete. Die Autographen erfordern, nach Barbara Naumann einen neuartigen Text- und Editionsbegriff. Beim Tod Marcel Prousts am 18. November 1922 bleibt das in einer „strengen Schließung“ und mit einem Schluss, der lange vorher im „Bauplan“ beschlossen worden war, trotzdem unfertig.


Autograph Marcel Proust À la recherche du temps perdu (Gallica, Screenshot T.F.) 

Mit Marcel Prousts Recherche rückt nicht nur ein unablässiges Geplauder der Salons ins Interesse, worauf Barbara Naumann mit den paradoxen Formulierungen „je n’avais rien à dire“ – ich habe nichts zu sagen – und „les tartes étaient bavardes“ – die Törtchen waren geradezu schwatzhaft, wie sie übersetzt, - hinweist. Das unverbindlich, nichtssagende Plaudern wird zum Modus des literarischen Schreibens. Auf die Praxis der unablässigen Ergänzung scheint die Einteilung der Hefte oder Kladden angelegt. – Es ist übrigens nicht ganz unwahrscheinlich, dass Walter Benjamin seine Ankündigung der „Methode“ für sein Passagen-Werk, er „habe nichts zu sagen, nur zu zeigen“, an die Karl Schlögel kürzlich für sein Großwerk Das sowjetische Jahrhundert (2017) methodologisch angeknüpft hat, ein mehr oder weniger offenes Proust-Zitat ist.[20] Schlögel wendet die Formulierung indessen geradezu ins Positivistische. Benjamin wendet Prousts Schreibweise dagegen mehr in ein unabschließbares Montageverfahren, während jener es mehr in eine wuchernde Schwatzhaftigkeit treibt.


Autograph Marcel Proust À la recherche du temps perdu (Gallica, Screenshot T.F.) 

Nicht zuletzt weil Barbara Naumann Walter Benjamin als Leser und Kommentator Marcel Prousts und der Recherche ins Gespräch bringt, kann daran erinnert werden, dass das „Passagen-Werk“ wenigstens ein anderes, unfertiges Werk zwischen Plauderei und Wissenschaft ist. Die Proustsche Wissensakkumulation sucht nicht nur die vergangene oder verlorene Zeit erinnernd herzustellen, vielmehr knüpft sie auch an das Bedeutungsspektrum der Recherche seit dem Artikel von Jaucourt, Boucher d’Argis, Rousseau und d’Argenville in der ersten Ausgabe von L’Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers, par une société de gens de lettres von 1751 an. Auffällig ist beim Artikel der Enzyklopädie oder dem durchdachten Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Handwerke, dass gleich vier Enzyklopädisten den Begriff beschreiben. Louis de Jaucourt war Redakteur der Enzyklopädie und Mediziner, Antoine-Gaspard Boucher d’Argis Jurist und Anwalt, Jean-Jacques Rousseau bekanntlich Philosoph, Komponist und Musikkritiker, Antoine Joseph Dezallier d’Argenville Kunsthistoriker und Naturwissenschaftler. Anders gesagt: Recherche bietet als mot stärker als Suche im Deutschen eine Bedeutungsvielfalt zwischen naturwissenschaftlicher Forschung, Jurisprudenz, Philosophie und unsystematischer, sagen wir, literarischer Suche.

 

Marcel Prousts Projekt der Recherche will nach Barbara Naumann „alles zur Kunst werden lassen, was einmal war“.  „Er will das Leben in Kunst verwandeln“, was sich mehrdeutig verstehen lässt. Denn in der unendlichen Akkumulation von Wissen der Kunst und Kunstwissenschaft beispielsweise als Leser und Übersetzer von John Ruskins The Seven Lamps of Architecture (1846), worauf u. a. Georges Didi-Huberman 2015 hingewiesen hat, geht es schlechthin auch um eine Schreibpraxis, die das Leben beim Schreiben (schließlich im Bett) stattfinden lässt. Das Leben wird in eine Lebenspraxis verwandelt, die den Schreiber im Bett zur Schaltstelle des nichtssagenden Geplappers macht, das unablässig en passant in den Modi der Übersetzungen und der Wiederholungen auf Wissen und Schon-längst-gewusstes anspielt, um Details im Autograph wuchern zu lassen. Daran konnten und können Editions- und Übersetzungsvorhaben nur scheitern, wenn sie z.B. in den deutschen Übersetzungen von Eva Rechel-Mertens und Luzius Keller im Bestreben des Fertigen die Mehrdeutigkeiten – „je n’avais rien à dire ... les tartes étaient bavardes“ – als Wissensgeneratoren auf eine Aussage zuschneiden. 

 

Torsten Flüh 

 

Nächste Mosse-Lecture: 

Ulrich Peltzer
mit Joseph Vogl 

Ein Ende finden oder: 

Wann kam die Marquise nach Haus 

Donnerstag, 07. Dezember 2017, 19 Uhr c.t. 

Veranstaltungsort: Senatssaal der HU, Unter den Linden 6

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[1] Peter Geimer: Unvollendete Vergangenheit. Geschichte und ihre Nachbilder. (Mosse Lectures Am 18.11.2017 veröffentlicht)

[2] Die Genese des Plakats bzw. der Plakate für Puy du Fou sollte nicht übersehen. Was auf den ersten Blick wie ein Farbfoto aus einer römischen Arena aussieht, verdankt sich digitaler Bildbearbeitungsprogramme. Insbesondere die großformatige Plakatwerbung bedient sich heute graphischer Bildbearbeitungsprogramme, in denen sich Fotografie und Malerei überschneiden. Zudem nutzt dieses Plakat die Ästhetik des Stills, indem alle Akteure in einer Bewegung eingefroren sind. So ist ein „Römer“ im Kampf in die Luft gesprungen, um dort stillzustehen. Die Natürlichkeit der Geste erinnert dabei erstens an Eadweard Muybridge und seine Chronofotografie, die beispielsweise die Stellung der Hufe im Galopp eines Pferdes allererst sichtbar machte, sowie zweitens den Einsatz der Zeitlupe in aktuellen Actionfilmen.   

[3] Jacques Derridas Nachruf in der Zeitschrift Poétique vom Semptember 1981 wurde von ihm als Lektüre von La chambre claire, Barthes‘ letztem Buch, formuliert. Der Tod und die Photographie werden von Derrida noch stärker als bei Barthes selbst aufeinander bezogen. Beispielsweise in der Formulierung: „Zumindest in dem Augenblick aber, wo das punctum den Raum zerreißt, machen die Referenz und der Tod gemeinsame Sache mit der Photographie.“ S. 34 und „Es ist eine »Wiederkehr des Toten«, dessen gespenstisch-spektrales Erscheinen im Bereich selbst des Photogramms einer Emission oder Emanation ähnelt.“ (S. 35) Jacques Derrida: Die Tode von Roland Barthes. Berlin: Nishen, 1987.

[4] Roland Barthes: La chambre claire. Note sur la photographie. Paris: Gallimard, Le Seuil, 1980, S. 124.

[5] Adalbert Stifter: Nachkommenschaften. (1864) (Gutenberg)

[6] Mosse-Lecture: non finito, unfinished, unfertig. Fluchtlinien des Kreativen in Kunst, Literatur und Wissenschaft. (Programm)

[7] Tzvetan Todorov: La mémoire devan l’histoire. In: Terrain 25. September 1995.

[8] Ebenda S. 101.

[9] Thorsten Metzner: Geheimer Tüv-Bericht zum BER offenbart bisher unbekannte Mängel. In: Der Tagesspiegel 23.11.2017 08:43 Uhr.

[10] Mosse-Lectures: non finito … [wie Anm. 6]

[11] Peter Geimer: Die Vergangenheit der Kunst Strategien der Nachträglichkeit. Weimar: VDG, 2002, S. 7-8.

[12] Siehe auch Torsten Flüh: Die Geburt der Muckibude aus dem Altertum. 300 Jahre Johann Joachim Winckelmann mit Winckelmann – Das göttliche Geschlecht im Schwulen Museum*. In: NIGHT OUT @ BERLIN 2. Juli 2017 22:24.

[13] Peter Geimer: Unvollendete … [wie Anm. 1].

[14] Vgl. dazu die Skizze in der Alten Nationalgalerie in der Deutschen Digitalen Bibliothek.

[15] Ebenda Claude Keisch.

[16] Eine weitere Gouache dieser Serie befindet sich im Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Hier ist vielleicht noch stärker als bei Peter Geimers Beispielen der Effekt des Unfertigen mit der Bewegung zu erkennen. (SMB-digital)

[17] A young Hitler cheers the start of World War One, 1914. In: Rare Historical Photos 3. Dezember 2013.

[18] Vgl. dazu auch: Torsten Flüh: Neues Material und kein Ende der Geschichten. Zum Film 1917 – Die Russische Revolution von Paul Jenkins in der arteEDITION. In: NIGHT OUT @ BERLIN 20. April 2017 18:18.

[19] Recherche simple : Marcel Proust Recherche. Type de document -manuscrit Supprimer le critère -manuscrit. 27.11.2017.

[20] Siehe u.a. Torsten Flüh: Kontroverse Erinnerungskünste der Sowjetmacht. Zu Karl Schlögels Schmöker Das sowjetische Jahrhundert und einer Ausstellung im Haus Zukunft. In: NIGHT OUT @ BERLIN 6. November 2017 17:55.