Die Katastrophe akzeptieren - Slavoj Zizek eröffnet die Reihe Populismus und Politik der Mosse-Lectures

Populismus – Katastrophe – Politik 

 

Die Katastrophe akzeptieren 

Slavoj Žižek eröffnet mit Rage, Rebellion, New Power die Vorlesungsreihe Populismus und Politik der Mosse-Lectures 

 

Slavoj Žižek zieht. Er füllt die Vorlesungssäle und Auditorien. Am Donnerstag war schon um 18:30 Uhr das Audimax der Humboldt-Universität für den Auftakt der Mosse-Lectures im Wintersemester um 19 Uhr c.t. voll besetzt. An den Saaltüren drängten Studentinnen und Fans auf Einlass. Der Identitätszertrümmerer könnte Aufmerksamkeit und Protest von Anhängern der Identitären Bewegung erregen, war das Organisationsteam vom benachbarten Gorki Theater gewarnt worden. Berlin, Deutschland im Herbst 2016! Morgens war im Feuilleton der ZEIT Die schlimme Wohlfühlwahl mit einem kräftigen Hieb gegen Hillary Clinton von Žižek erschienen. Kann Trump die Lösung sein, ein Populist?

 

Eine Kritik der Identität zieht sich als eine Art Subtext durch die Schriften von Slavoj Žižek. Im Zeit-Artikel wie in seiner Mosse-Lecture wurde sie zu einem schwierigen Kritikpunkt am Kapitalismus und der Politik Hillary Clintons. Damit zeigt er eine überaus antagonistische Haltung nicht zuletzt zur Diskussion der gleichen Rechte für LGBTI*-Aktivistinnen in den USA, Europa und Deutschland. So bestehe das „strategische Ziel des Clinton-Konsenses … darin, all diese Kämpfe von der linken Forderung nach Gerechtigkeit abzutrennen – weshalb das lebende Symbol dieses Konsenses Tim Cook ist, der Apple-Chef, der stolz einen offenen Brief gegen die Diskriminierung von LGBT-Personen unterzeichnet und jetzt problemlos Hunderttausende Foxcom-Arbeiter in China vergessen kann“.[1]

 

Žižek macht mit der Kritik am Clinton-Konsens ein Verhältnis auf zwischen gleichen, aus Identitäten begründeten Rechten und moralisch-kapitalistischer Entschuldung. Seine Mosse-Lecture zum Thema Populismus und Politik unter dem Titel Rage, Rebellion, New Power, die wie es seine Praxis ist, bis zum letzten Moment vor dem Vortrag geschrieben wurde, um dann über weite Passagen frei gehalten zu werden[2], entfaltete sich auf ähnliche Weise. Was im aktuellen Diskurs einer Wahl mit dem Unterhaltungswert populärer Fernsehserien wie House of Cards – „Emmy- und Golden-Globe-prämiertes Politdrama über einen skrupellosen Kongressabgeordneten, dem jedes Mittel recht ist, um die Macht in Washington an sich zu reißen.“[3] – durch Donald Trump mühelos überboten wird, erhält vom Psychoanalytiker-Philosophen, Lacan-Hegelianer eine philosophische Zuspitzung. Nicht Donald Trump, der die Demokratie gerade zertrümmert, sei das Problem, sondern der „Clinton-Konsens“, der die Demokratie am Laufen hält. Was heißt das für den Populismus?

 

Bereits 2005 hatten sich Alain Badiou und Slavoj Žižek über Philosophie und Aktualität in einem „Streitgespräch“ auseinandergesetzt.[4] Badiou hatte eröffnend die Philosophie im Sinne von „Denken als eine Wahl, das Denken als Entscheidung“[5] formuliert und darauf hingewiesen, dass „eine Wahl meist von der kleinen Gruppe der Zögernden, die keine vorgefasste Meinung haben“, entschieden werde.[6] Die aktuelle Situation fast nur noch eine Woche vor der Wahl in den Vereinigten Staaten von Amerika macht Badious Analyse aktueller, als Badiou-Leser es sich hätten wünschen wollen. Žižek zitiert seinen Freund Badiou mit der „ethical substance“ eröffnend in seinem Vortrag. Denn, was Badiou über die Wahl als Nichtwahl schon damals formuliert hat, trifft die Situation heute genauer denn je, was nicht zuletzt für Žižeks „Wahl“ gegen den „Clinton-Konsens“ in Anschlag zu bringen ist. 

In der Mitte steht dann die kleine Gruppe, die sich mal in die eine, mal in die andere Richtung bewegt. (Swing-States, nennt man das bei den US-Wahlen. T.F.) Eine Entscheidung aber, die von Leuten getroffen wird, deren Hauptmerkmal die Zögerlichkeit ist, ist eine ganz besondere Entscheidung; keine Entscheidung entschlossener Menschen, sondern eine Entscheidung Unentschiedener und Unentschlossener, die sich aus Opportunitätsgründen und Augenblickslaunen entscheiden. Das ist keine Wahl in ihrer ganzen Weite: die Nähe ist an die Stelle der Distanz getreten. Die Wahl führt nicht zum Abstand, sondern zur Norm.[7]

 

Welche Rolle spielt nun der Populismus nicht nur für die Wahl, sondern die Politik? Joseph Vogl, Humboldt-Universität zu Berlin, führte in das Semesterthema ein, indem er dem Begriff des Populismus auf auch widersprüchliche Weise nachspürte. Es darf allerdings an dieser Stelle durchaus vorweggenommen werden, dass sich einige akademische Zuhörerinnen und Joseph Vogl durchaus von Žižeks Vortrag strapaziert fühlten, um es einmal so zu formulieren. Er bricht wiederholt in seinem Vortrag ab, gestikuliert und assoziiert in seiner Rede frei. Passagenweise schrammt die Rede gerade noch an einer political correctness vorbei. Es lohnt sich die Konstellation noch einmal genauer zu rekapitulieren: Vertreter der Identitären Bewegung seien zu erwarten, die ganz „normal“ erschienen. Populisten zumindest, wie sie allenthalben Zulauf finden.

 

Identitätskonzepte und Populismus bilden eine bedenkenswerte Allianz. Die offizielle Website - www.identitaere-bewegung.de[8] - spult Bildmaterial mit gelben (Vereins-)Fahnen ab. Erstens übernehmen und besetzen sie damit in der Politik das Gelb der Liberalen, der FDP. Zweitens funktioniert das Bildmaterial als Inszenierung von Identität, und zwar in nationalistischer und rassistischer Weise. Das abgespulte Bildmaterial rastet ausgerechnet im Durchgang des Brandenburger Tores auf den Pariser Platz ein. Das Brandenburger Tor, das nicht zuletzt am höchsten Punkt das Eiserne Kreuz in der Standarte der Quadriga ziert, wird zum Eingangsmotiv! Wie kann Žižek sich dann auf die Seite der Populisten schlagen, die ständig mit dem Ressentiment operieren? Tut er das?

 

Die Grenze wird in den meisten Medien diskursiv zwischen Populisten und Demokraten gezogen. Der Karikaturist David Parkins stellt Donald Trump, Marine Le Pen und Viktor Orbán in eine Reihe. Joseph Vogl und die Mosse-Lectures gehen von einer antagonistischen Bedeutungsvielfalt des Begriffs „Populismus“ aus. Der Populismus wird nicht einfach „als Kampfbegriff“ genutzt, sondern ebenfalls und widersprüchlich im Verhältnis zum „angloamerikanischen Sprachgebrauch“ als positiv „im Sinne gemeinschaftlicher Selbstorganisation“ verstanden. „Populismus“ wird dann zum Symptom eines Versagens der Politik bzw. des Politikapparates. 

Massendemokratien stehen seit jeher vor dem Dilemma, dass das Volk seine Souveränität nur in periodischen Wahlakten ausübt und das Tagesgeschäft sonst an Abgeordnete delegiert. Das bringt Regierende und Regierte in ein zwiespältiges Verhältnis und sorgt dafür, dass das „Politische“ als Quellgrund von Selbsterfahrungen und kollektiven Selbstbildern - dem „Anteil der Anteilslosen“ wie Jacques Rancière gesagt hat - von der Politik nie gänzlich monopolisiert werden kann. Populistischen Bewegungen ist, bei aller Heterogenität, gemeinsam, dass sie Fragen des Politischen aufwerfen – als Begehren auf Teilhabe oder als Forderung nach Abgrenzung –, die von der offiziellen Politik kaum gestellt werden.[9]

 

Joseph Vogl erinnerte in seiner Einführung daran, dass dem Populismus häufig die Trennschärfe zum Ressentiment fehle. Andererseits formuliere sich der Populismus als eine Art Anspruch der Teilhabe an der Politik. Vogl identifizierte für den Begriff wie das Phänomen ein Lokalisierungsproblem. Schließlich sei der Populismus informell organisiert und verstehe sich selbst oft als ein Recht auf die unmittelbare Äußerung von Zorn und Wut. Für Partei-Politiker und organisierte Medien bleibt der Populismus von Wutbürgern meist völlig unverständlich und gerät leicht in die Nähe des Unfugs. Das Ressentiment bezeichnet gegenwärtig eine dauerhaft negative Einstellung gegenüber Personen und Prozessen, gegen welche man sich abgrenzen möchte. Auf diese Weise kann sich das Ressentiment leicht in Identität verwandeln, insofern es eine „Besonderheit“ verherrlicht, wie es sich mit Badiou formulieren ließe.[10] Die Besonderheit, deutsch zu sein, wird auf der Website der Identitären Bewegung Bild im Brandenburger Tor, das andererseits auf Instagram zum für alle verfügbaren Selfie-Motiv gerät.     

 

Slavoj Žižek hakte in seinem Vortrag Rage, Rebellion, New Power nun bei der „ethical substance“ seines Freundes Alain Badiou ein. Die ethische Substanz ist damit verknüpft, dass alle Bürger bzw. Angehörigen eines Staates gleich teilhaben an der Politik. Diese gleiche Teilhabe wird allerdings durch unterschiedliche Mechanismen versprochen und gleichzeitig verhindert, indem Frauen beispielsweise unsichtbar zu sein haben. Die dialektische Triade von Wut, Rebellion und neuer Macht ist nach Žižek, in auch psychoanalytischer Weise mit Adoleszenz verknüpft, wie sie bei Donald Trump zur Praxis einer permanenten Grenzüberschreitung wird. Trump imaginiere Hillary Clinton als Meister(in), die die Regeln des Gesetzes verkörpere, gegen das er rebelliere. Doch die dialektische Triade stellt den aus Wut generierten Rebellen auch vor ein Problem der Macht. Was wird er nämlich mit der Macht beginnen? 

Wenn am Ende die Rebellion erfolgreich war, so sind die neuen Machthaber mit der gewaltigen Aufgabe konfrontiert, die neue Gesellschaft zu organisieren – man denke an die Anekdote, die vom Gedankenaustausch zwischen Lenin und Trotzki am Vorabend der Oktoberrevolution erzählt wird. Lenin sagt: »Was passiert mit uns, wenn wir scheitern?« Darauf Trotzki: »Und was passiert mit uns, wenn wir erfolgreich sind?« Das Problem ist, dass wir die Triade von Wut, Rebellion und neuer Macht kaum jemals in die Ordnung eines logisch-schlüssigen Voranschreitens bringen können. Die chaotische Wut breitet sich beliebig und diffus aus oder sie schlägt um in den Populismus der Rechten; die erfolgreiche Rebellion verliert an Kraft und verliert sich in mancherlei Kompromissen.[11]

 

Donald Trump bricht in den Debatten ständig geschriebene und ungeschriebene Gesetze der Politik, um nachgerade mit der Ankündigung einer Nichtanerkennung des Wahlergebnisses an der Grenze zum Verfassungsbruch das Gesetz in Frage zu stellen. Während ein Wahlsieg für Trump tatsächlich eine Herausforderung wäre, weil er dann eine andere Ordnung herzustellen hätte, erlaubt ihm eine Niederlage gerade weiterhin das Gesetz in Frage zu stellen. Clinton andererseits verspreche, die Einlösung und Anerkennung aller partikularen Identitäten. Der ökonomische Kampf wird durch die Anerkennungspolitik der Identitäten von Homosexuellen und Transgender quasi aufgehoben. Insbesondere in der Transgender-Identität sieht Žižek eine Tragik. Wie er die Frage hinsichtlich intersexuellen Menschen sieht, kam nicht zu Sprache. Grundsätzlich kann man Žižek wohl darin folgen, dass er die partikulare Identität, welcher Geschlechtung auch immer als ein Problem sieht, das dem kapitalistischen System Vorschub leistet.[12]  

 

Žižek sieht die Aufgabe der Philosophie darin, Antagonismen aufzuführen. In dieser Weise sieht und benennt er sich nahezu unablässig als „sceptical pessimist“[13] und vor allem nicht als Optimist, der irgendwelche Hoffnungen und Diskurs am Laufen hält. Sein Katastrophen-Diskurs auch im Vortrag knüpft beispielsweise an On Death and Dying von Elisabeth Kübler-Ross von 1969 an. Erst wenn die Katastrophe einer unheilbaren, tödlichen Krankheit unausweichlich erscheint und akzeptiert werde, kann sich etwas ändern. Er überträgt in seinem jüngsten Buch die fünfstufige Reaktionsweise auf den Flüchtlingsstrom aus Afrika und dem Mittleren Osten, um zu diagnostizieren, dass die Akzeptanz bislang fehle. 

There is – less and less – denial: `It’s not so serious, let’s just ignore it.’ There is anger: ‘Refugees are a threat to our way of life – and besides, radical Islamists hide among them. They should be stopped at all costs!’ There is bargaining: ‘OK, let’s establish quotas and support refugee camps in their own countries!’ There is depression: ‘We are lost, Europe is turning into Europastan!’ What is entirely lacking among these responses, though, is the last of Kübler-Ross’s stages: acceptance, which, in this case, means a consistent Europe-wide plan of how to deal with the refugee issue.[14]

 

Die Katastrophe führt erst zur Akzeptanz und Veränderung der Handlungsweisen, darin liegt die Pointe des Philosophierens, wie es Slavoj Žižek mit seiner Mosse-Lecture aufgeführt hat. Die Antagonismen müssen bis an die Grenze des Abgrunds geführt werden, um den Kapitalismus zu dekonstruieren und zu bekämpfen, damit der Kommunismus versprochen werden kann. Natürlich ist der Populismus Donald Trumps nicht kommunistisch. Er wüsste schwerlich, was er tun sollte, wenn er siegen würde. Da ist die Anekdote zur Oktoberrevolution gut gewählt. Doch die erste experimentelle Phase der Revolution mit ihren Diskussionen in allen Lebensbereichen, wie es Ivan Kulnev in seinen Collagen bearbeitet[15], schlägt in den 30er Jahren in den stalinistischen Terror um, der die russische Gesellschaft bis heute auf unterschiedliche Weise nachhaltig traumatisiert hat.   

 

 

 

Die Katastrophe führt den Bruch herbei. Darauf läuft es in der hoch performativen Vortragsrede von Žižek hinaus. Sie muss immer wieder abgebrochen und unterbrochen werden, um eine weitere Volte schlagen zu können. Nachdem er seine Vortragsrede mehr abgebrochen, denn abgeschlossen hatte, — „get out of capitalism ...“ —, setzte sich Joseph Vogl zu ihm auf das Podium. Eine Diskussion sollte eröffnet werden. Doch das Format der Diskussion oder die Debatte als formalisierte Redeweisen eher gegeneinander als miteinander wird von Žižek bereits unterlaufen. Verknüpfungen werden für einmal im Reden weiter hergestellt. Natürlich sollen keine Wahrheiten produziert werden, eher schon für den Filmfan und Hitchcock-Analytiker suspence - siehe: The Pervert's Guide to Cinema. Haltung, keine Position. Vogl möchte dem Redefluss Einhalt gebieten. Die akademische Vortragsveranstaltung verlangt ihr Recht. Vogl legt Žižek die Hand freundschaftlich auf die Schulter, der sagt: „Ah, the big Other!“ Beide lachen.

 

Torsten Flüh 

 

Nächste Woche: 

Mosse-Lectures 

Jan-Werner Müller 

(Princeton) mit Jens Bisky (SZ) 

»Populismus. Gefahr für die Demokratie« 

Donnerstag, 03.11.2016, 19 Uhr c.t., 

Unter den Linden 6, Senatssaal

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[1] Slavoj Žižek: Die schlimme Wohlfühlwahl. In: Die Zeit, Nr. 45, S. 37, 27. Oktober 2016. Der Text erschien am 12. August 2016 bereits in Newsweek: http://www.newsweek.com/slavoj-zizek-hillary-clinton-donald-trump-us-presidential-election-bernie-489993

[2] Vgl. Torsten Flüh: Hegel-Lecture IV – Gefährliches Denken. Slavoj Žižeks Hegel-Lecture an der Freien Universität Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 5. April 2011 20:10.

[3] Offizielle Website der Serie House of Cards bei Netflix.

[4] Alain Badiou, Slavoj Žižek: Philosophie und Aktualität. Wien: Passagen, 2005/2012.

[5] Ebenda S. 18.

[6] Ebenda S. 27.

[7] Ebenda S. 27/28.

[8] Aus Sicherheitsbedenken wird hier kein Link gelegt, der sich mühelos von den Betreibern rückverfolgen ließe. Leserinnen können die Adresse kopieren und aufrufen.

[9] Mosse-Lectures: Populismus und Politik. Herausforderungen der Politik. Wintersemester 2016/17.

[10] Alain Badiou … [wie Anm. 4] S. 36.

[11] Slavoj Žižek: Ankündigung des Vortrags. In: Programm. Populismus und Politik.

[12] Vgl. auch Torsten Flüh: Jenseits von HOMOLULU. Zur Geschichtlichkeit und Visualität der HOMOSEXUALITÄT_EN im Deutschen Historischen Museum und dem Schwulen Museum. In: NIGHT OUT @ BERLIN 1. Juli 2015 18:09.

[13] Vgl. auch Slavoj Žižek: A Descent into the Maelstrom. In: ders.: Against the Double Blackmail. Refugees, Terror and Other Troubles with the Neighbours. London: Allen Lane, 2016, S. 10.

[14] Slavoj Žižek: Against the Double Blackmail. In: ebenda, S. 1/2.

[15] Torsten Flüh: Verschnittene Organisatoren. Zu Ivan Kulnevs Russland-Collagen im Boeckh-Haus der Humboldt-Universität. In: NIGHT OUT @ BERLIN 13. Mai 2015 18:15.