In den Sternen lesen - Zum Silvesterkonzert des Konzerthausorchesters unter Michael Sanderling

Sterne – Silvester – Regel 

 

In den Sternen lesen 

Zum Silvesterkonzert des Konzerthausorchesters unter Michael Sanderling 

 

Das Silvesterkonzert 2015 fand mit dem Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung von Michael Sanderling unter dem Titel Sonne, Mond und Sterne statt. Das erschien dem Berichterstatter vielversprechend, nachdem das Silvesterkonzert 2012 im Tempodrom mit dem Deutschen Sinfonie-Orchester Berlin und 2013 in der Philharmonie mit den Berliner Philharmonikern nicht nur zu einem Tag auf NIGHT OUT @ BERLIN geworden ist. Vielmehr regt das Format selbst zur Kultur-Forschung an. Das Silvesterkonzert lädt nicht nur alljährlich und in Berlin in besonders großer Zahl und Bandbreite zum Feiern ein, es zeichnet sich auch dadurch aus, dass es regelmäßig die Regeln des Orchesterkonzerts überschreitet.

 

In diesem Jahr gab es allein im Tempodrom, in der Philharmonie und im Konzerthaus 7 Silvesterkonzerte von 5 klassischen Orchestern mit einem breiten Spektrum zwischen Beethovens Neunter und Sonne, Mond und Sterne-Programm des Konzerthausorchesters. Die Überschreitung der Regel findet bei den Berliner Philharmonikern, die in diesem Jahr Anne-Sophie Mutter als Stargast verpflichtet hatten, eher ansatzweise statt. Das Konzerthausorchester hatte sich den brillanten Solo-Trompeter Gábor Boldoczki eingeladen. Und es überschritt geradezu drastisch die Regeln des Orchesterkonzerts. Die Solo-Harfenistin Ronith Mues, der Hornist Andreas Böhlke und der Bratschist Felix Korinth begannen im Konzert zu sprechen. Sogar das ganze Orchester sang schließlich wie entfesselt zu Joseph Lanners Walzer Abendsterne wiederholt La, La, La.   

 

Michael Sanderling hatte das Programm durchaus als eine Herausforderung an das Orchester zusammengestellt, denn zwischen Jerry Goldsmiths Filmmusik zu Star Trek – The Motion Picture von 1979 und Wolfgang Amadeus Mozarts sogenannter Jupiter-Sinfonie vom Sommer 1788, seiner 41. Sinfonie, lag viel stilistisch und chronologisch Trennendes und doch auch thematisch Ähnliches. Während Jerry Goldsmith an eine romantische Musik-Tradition von Raum, Zeit und Tiefe[1] anknüpfte, folgt der 4. Satz der Sinfonie C-Dur von Mozart, die erst nachträglich und nach divergierenden Legenden den Namen Jupiter-Sinfonie erhielt, einem klassischen Kompositionsschema. Doch auch Goldsmiths Verweis auf die Romantik unterliegt einer entschiedenen Nachträglichkeit, weil er erst mit der Director’s Cut Edition 2001 formuliert wurde. 

When you stop and think about it, space is a very romantic thought. It is, to me, like the Old West, we’re up in the universe. It’s about discovery and new life [...] it’s really the basic premise of Star Trek …[2]

 

Das Versprechen, ein Konzertprogramm mit Sonne, Mond und Sterne zu bestreiten, knüpft nicht zuletzt an die Erzählungen von der Zukunft an, die insbesondere zum Jahreswechsel als zyklischem Ende und Anfang begehrt werden. Denn die Erzählung von den Sternen wechselte immer schon zwischen dem Lesen der Sterne als Prognostik und der Materialisierung von Mythen in Sternenbildern als kulturelle Prozesse. Die Vergangenheit der Sterne wird erst im 20. Jahrhundert mit der Relativitätstheorie Albert Einsteins relevant. Die Garantie ihrer nächtlichen Präsenz wird quasi aufgehoben. Die Sterne erhalten durch mathematische Berechnungen eine Art Eigenleben. Schwarze Löcher und andere Phänomene beginnen das Weltall zu bevölkern, um sie nicht zuletzt mit dem Film Interstellar zu bedenken und in Bilder zu verwandeln.

Die Sterne im weiteren Sinne auch als Planeten und ihre Trabanten gelten als Garanten der Regelhaftigkeit im Modus der Wiederkehr von Tag und Nacht sowie den Jahreszeiten. Eine Abweichung von der Regel beispielsweise durch Kometen stößt bis auf den heutigen Tag Erzählungen von einem Neubeginn oder einer Auslöschung durch die Apokalypse an. Einerseits ermöglichen die Sterne, insbesondere Fixsterne, sich seit frühen Kulturen an ihnen im Raum zu orientieren, indem sie sich zu Koordinatensystemen verbinden lassen. Insofern betreibt das Lesen eine Verknüpfungsarbeit unter Sternen. Andererseits können plötzlich oder blitzartig Bilder als Konstellationen auftauchen und die bewährten, regelhaften Verknüpfungen in den Hintergrund treten lassen. Bei Walter Benjamin wird die blitzartig eintretende Konstellation zu einer „bildliche(n) Erkenntnistheorie“, wie Sigrid Weigel es formuliert hat. 

Sie ist (…) das Ergebnis seiner Arbeit an einer achronologischen Konzeption von Geschichte und Kultur. Diese Arbeit reicht bis in seine frühe Faszination für Bilder und Malerei zurück und ist später durch die Analyse der Medienthechnologien hindurchgegangen.[3]

 

Am Firmament werden durch Übertragung nicht allein die Mythen der europäischen Kulturen in Sternenbildern materialisiert, wie sie zum Statuen- und Bilderinterieur des Schinkelschen Schauspielhauses gehören. Vielmehr treffen in ihnen lesend unterschiedliche Kulturen aufeinander. Die Sternenbilder und ihre Konstellationen zu einander unterscheiden sich von Kultur zu Kultur und bleiben in ständiger Bewegung. Sie gehören nicht nur zum gleichsam mechanischen Weltbild, wie es seit 2013 mit dem Planetarium als Weltinnenraum am Institut für Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Berlin erforscht und diskutiert wird, vielmehr werden sie mit Gustav Holsts Orchestersuite The Planets zwischen 1914 und 1916 zum charakterologischen Klangatlas.

Astrologie und Astronomie als Wissensformationen überschneiden einander bei Holst in einer zeitlichen Nähe zur Publikation der Relativitätstheorie 1915. Das hat klangliche bzw. kompositorische Folgen. Nicht um 1800, sondern verspätet um 1900 werden Sonne, Mond und Sterne in der Musik zur ultimativen Schnittstelle der Erzählungen von der Moderne. Die Konzeption von außerirdischem Leben setzte zwar schon im 18. Jahrhundert ein, hatte aber für die Erzählung in der Musik so gut wie keine Folgen, worüber Mozarts Jupiter-Sinfonie, wenn man sie astronomisch liest, hinwegtäuscht. Bei Holst wird Jupiter ein ganz anderer. Das Konzerthausorchester spielte die Suite Jupiter, der Bringer der Fröhlichkeit und verknüpfte über die Stimmung der Fröhlichkeit die Komposition mit Silvester.

 

 

Die Astronomie wirkt auf die Anordnung der Planeten und ihre Unterscheidung in der Orchestersuite ein. Sie wird von Holst seriell angelegt, um damit das Kompositionsprinzip der Symphonie hinter sich zu lassen. Mit der animierten Partitur wird eine räumliche und zeitliche Visualisierung vorgeführt, die sich ihrerseits über das astronomische Bild vom Planeten legt. Die hörnergewaltige Instrumentation und Rhythmisierung überträgt eine tänzerische Wiederholung auf die Erzählung vom Planeten. Die Astronomie kehrt bei Holst insbesondere in der Bewegung wieder, die zugleich mit einer heiter, hymnisch ansteigenden Melodie verknüpft wird. Erzählt wird somit vom Planeten zu einer Zeit, als Arnold Schönberg die Verknüpfung von Erzählung und Musik zum Problem wird.[4]

 

Claude Debussys Komposition Claire de Lune, die 1905 veröffentlicht wurde, gelangte in ihrer heiter-melancholischen Art ebenfalls über eine literarische Vermittlung durch das gleichnamige Gedicht von Paul Verlaine von 1869 in die kosmologische Musikwelt. Das Konzerthausorchester spielte die Orchesterfassung mit ihren nur angedeuteten Trillern eines Musikeinfalls. In Verlaines Gedicht wird die Musik als „chanson“ selbst mit dem Mondlicht vermischt, womit ein entschieden anderes Verhältnis von Mondlicht und Musik als bei Holsts Planeten konzipiert wird. Denn nun geht es nicht mehr um eine Darstellung des Planeten durch Übertragung einer Mythologie und einer kompositorischen Ausformung des Raums, sondern um die Musik als Chanson, die sich mit dem Mondlicht vermischt (mêle). 

Tout en chantant sur le mode mineur 

L'amour vainqueur et la vie opportune 

Ils n'ont pas l'air de croire à leur bonheur 

Et leur chanson se mêle au clair de lune,

 

Das Schneeflockenballett aus Jacques Offenbachs opéra féerie, also Feen- oder Zauberoper, La Voyge dans la Lune, die man auch eine fantastische oder frühe Science-Fiction-Oper nennen könnte, kam 1875 in einer grandiosen und witzigen Vermischung unterschiedlicher Bereiche auf die Bühne des Théâtre de la Gaîté in Paris. In der Stadt der Wissenschaften wird im Zeitalter der Industrialisierung und des Kapitalismus das dramatische Personal der Reise mit dem König von Vlan (Le roi Vlan), dessen Phantasiename diskret phonetisch an vian nämlich König Unnütz erinnert, in der Hauptrolle, sowie den Herren Cosinus, Cactus, Microscope, Cosmos, Parabase etc. gleichsam zu einer Gegenwelt. Der biologische Cactus tritt wie selbstverständlich neben dem hier eher astronomischen Cosmos und mathematischen Cosinus auf. Da ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass im „Quinzième tableau“, also fünfzehntem Bild bei „Cinquante degrés au-dessous de zéro“, Fünfzig Grad unter Null, ein „Grand ballet des flocons de neige“ auftritt. Die Reise zum Mond, die 1902 von Georges Miliès mit der Produktionsfirma „Star film“ zu einem vierzehnminütigen Stummfilm verarbeitet wurde, vermischt auf dem Erdtrabanten Mond Wissensbereiche auf unnütze, aber effektvolle Weise.

 

Die Reise zum Mond inszeniert auf beispielhaft entlarvende Weise das Lesen in den Sternen. Denn statt mit einem Teleskops oder „longue-vue“ wird Microscope ins Observatorium eingeladen, um den Mond zu beobachten und die Reise zu planen. Im Stummfilm wird dann das Mondgesicht trickfilmartig wirklich zum Gesicht, in dem die Rakete mit den Besuchern landet. Für die Operette Frau Luna wird dann ab 1899 das großstädtische Treiben Berlins gleichsam auf den Mond transferiert, wo die Reisenden nun abermals erkennen müssen, dass es auf ihm genauso wie auf der Erde zugeht. Die Operette wurde bis 1922 immer wieder um Lieder erweitert, was nicht zuletzt der Dynamik der Kulturen des Wahnsinns zwischen preußischem Militär, „Die Jacke sitzt, die Litze blitzt“, Expressballon und Prostitution, „Ich bin Madame Venus“, geschuldet war. Das Konzerthausorchester spielte denn auch die Ouvertüre zur Operette Frau Luna.           

 

Das Spektrum von der Klassik über die Romantik bis zur Operette und zu Henry Mancinis Moon River in der Bearbeitung für Trompete und Orchester von Péter Erdélyi hätte durchaus mit einem geringeren Orchester misslingen können. Doch Michael Sanderling holte mit großer Präzision alle Facetten aus dem Orchester heraus, das in seiner Flexibilität faszinierte. Das Konzerthausorchester mit seiner Konzertmeisterin Sayako Kusaka, die im März vom Botschafter Japans ausgezeichnet worden war, zeigte die ganze Bandbreite seines Könnens. Die Verjüngung des Orchesters hat ganz entschieden zu einer Qualitätssteigerung geführt.

 

Die Kommentare und Moderation durch die drei Konzerthausorchestermitglieder, die auf witzige Weise verknüpften, was sich eigentlich nur spaßeshalber unter dem Titel Sonne, Mond und Sterne zusammenbringen lässt, trugen sehr zum Gelingen des Abends bei. Denn es ist eben doch gar nicht so leicht in den „Sternen“ sozusagen selbst zu lesen, was der Titel in gewisser Weise nahelegte. Doch die Moderation als lockere, also auch lose und erzählerische Weise ein Konzertprogramm zu verbinden, hat vielleicht bei keinem anderem Thema als den „Sternen“ seine Berechtigung, weil sie eben fast nichts sind und alles bedeuten können.

Als Solist brillierte Gábor Boldoczki mit dem 3. Satz aus Johann Nepomuk Hummels Trompetenkonzert Es-Dur, Henry Mancinis Moon River für Trompete und Orchester sowie den besagten Arien aus Norma von Vincenzo Bellini. Anders gesagt: Gábor Boldoczki gehört zu einer neuen Generation technisch absolut perfekter Trompeter, die zwischen Trompetenkonzert, Belcanto und Song mühelos auf unterschiedlichen Trompeten wechseln können. Technik und Flexibilität ließen das Silvesterkonzert weit über die Erwartungen gelingen. 

 

Torsten Flüh

 

PS: Als abweichende Praxis lasse ich es mir schon seit mehreren Jahren nicht nehmen, den Anderen Jahreswechsel von 23:00 bis 01:00 Uhr in der St. Marien-Kirche mit Superintendent Bertold Höcker zu feiern. 

 

Konzerthausorchester Berlin/Iván Fischer 

nächstes Konzert am 15. Januar 2016 19:00 Uhr

______________________________________



[1] Siehe auch: „The ominous, ethereal strains of his V'ger themes enhance the sense that the Enterprise is penetrating ever deeper into a wondrous and dangerous realm as it moves deeper into the aliens' vessel.“ James Berardinelli: Star Trek: The Motion Picture (Director's Cut) (United States, 2001)

[2] Jerry Goldsmith: Star Trek: The Motion Picture Directors Edition [Disc 2]. Special features: Commentary. 2001.

[3] Sigrid Weigel: Grammatologie der Bilder. Berlin: Suhrkamp, 2015. S. 417.

[4] Das hymnische Thema der Jupiter-Suite von Holst, kehrt indessen nicht nur in der Filmmusik zu Star Trek von Jerry Goldsmith als spezifisch kosmische wieder, sondern auch im Themensong zu James Horners Musik für den schottischen Sagenfilm Braveheart (1995).