"Rassige, nirgendwo versagende Musik" - Paul Abrahams Operette Ball im Savoy in der Komischen Oper

Witz – Jazz – Welt

 

„Rassige, nirgendwo versagende Musik“

Paul Abrahams Operette Ball im Savoy in der Komischen Oper

 

Am 23. Dezember 1932 feierte die Operette Ball im Savoy im Großen Schauspielhaus „Welt-Uraufführung“, wie Max Marschalk, selbst Komponist und seit 1895 Musikkritiker der Vossischen Zeitung, bereits in der „Morgen-Ausgabe“ am 24. schreibt. Marschalk ist begeistert. Berlin und die Leser der Vossischen Zeitung denken im Weltformat. Wenn eine „große Operette“ im Großen Schauspielhaus mit großem Orchester Premiere hat und das „nicht ohne Geist, nicht ohne Witz gemachte Buch, die überaus rassige Musik“ von Paul Abraham ankommen, dann verspricht es, ein Welterfolg zu werden. Weihnachten 1932. — Am 31. Januar 1933 ist mit Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am Vortag und der Machtergreifung der Nationalsozialisten Schluss damit.

 

Die Welt in Berlin, wie sie es für M. M. gab, wird ausgelöscht. Max Marschalk, geb. 1863, wird 1933 seine Chronistenarbeit für die Vossische Zeitung beenden, wahrscheinlich müssen. Paul Abraham, die Librettisten, Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda, sowie die „beliebtesten „Stars“ am Operettenhimmel“, die zuvor die Rollen des Marquis Aristide de Faublas und seiner Frau Madeleine, den türkischen Gesandten Mustafa Bey und die Jazzkomponistin Daisy Darlington gesungen haben, müssen emigrieren. Fritz Löhner-Beda wird am 4. Dezember 1942 in Auschwitz ermordet. Paul Abraham dirigiert mit weißen Handschuhen verarmt 1946 in New York den Straßenverkehr als Jazz-Orchester. Er wird verhaftet und kommt in Amerikas größte psychiatrische Anstalt auf Long Island. Alfred Grünwald wird 1951 in New York im Exil sterben.

 

Paul Abraham, Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda suchen mit Geist und Witz auf der Bühne im Großen Schauspielhaus sprachlich und musikalisch weltweiten Anschluss. Im Großen Schauspielhaus und in der Kochstraße im Berliner Zeitungsviertel sind alle mit allen verkabelt. Auf M. M.s Kritik wird zurückzukommen sein. Am Sonntag nun haben Barrie Kosky als Intendant wie Regisseur der Komischen Oper und Adam Benzwi dafür gesorgt, dass überhaupt wieder so etwas wie die Originalfassung von Ball im Savoy zu hören und zu spüren war. Nicht der Operetten-Harmonie-Schmelz der 50er und 60er Jahre regiert, sondern die nahezu unmögliche Polyglottolalie von 1932 gibt den Ton an. Riesenerfolg!

 

Bekanntlich ist es immer falsch, wenn man versucht, „Handlung“ zu erzählen. Das gilt insbesondere für Ball im Savoy. Entscheidend ist vielmehr, welche Vielfalt Komponist und Librettisten 1932 auf die Bühne und in den Ballsaal, sei er in New York, Nizza oder Berlin, zaubern. Im Vorspiel sind Aristide de Faublas (Christoph Schön) und seine frisch angetraute Madeleine (Dagmar Manzel) tanzend und mit Scherenschnitt-Video (Klaus Grünberg, Anne Kuhn) per Auto, Eisenbahn, Schiff, Fallschirm und Flugzeug um die ganze Welt gereist. Sie landen in Nizza und der türkische Gesandte Mustafa Bey (Helmut Baumann) kommt aus Paris. Daisy Darlington (Katherine Mehrling) fliegt aus New York ein, sollte man meinen, und hat einen umwerfenden Känguruu-Jazz-Auftritt. Dann gibt es noch Gorillas und eine Ex-Geliebte des Marquis aus Argentinien, die vielsagend Tangolita (Agnes Zwierka) heißt. Ebenfalls spielt noch ein Jazzkomponist namens Jose Paso Doble eine Rolle, obwohl der gleichnamige Tanz aus Spanien kommt. Polyglotter geht es kaum. Nix deutsch. Aber alles Berlin.


Foto: Iko Freese/drama-Berlin.de
Das Französisch, „Toujours l’amour“, Türkisch, „Wenn wir Türken küssen“, Englisch, „Good Night“ – „My Little Boy“, Italienisch, „Es träumt Venezia“, Berlinisch, „Es ist so schön, am Abend bummeln zu gehen“, wird durchweg Deutsch gesprochen und gesungen. Allenfalls Denglisch, Dürkisch und Dranzösisch. Das Ensemble der Komischen Oper und die Gaststars beherrschen das mühelos. Im Programmheft der „Welt-Uraufführung“ schrieb Alfred Grünwald:

FARBEN, TÖNE, LICHT UND LIEBE,

TANGOSEUFZER, WALZERTRÄUME,

TEILS MIT GIRLS, TEILS MIT PROSA

AUSGEFÜLLTE ZWISCHENRÄUME.   

Scheinbar mühelos funktionieren der Tango neben dem Walzer und die Girls mit der Prosa. Solange es nicht ohne Sprachwitz geschieht, ist noch einmal Ende 1932 alles möglich. Heute sowieso.     

 

(Foto gelöscht wegen Honorarforderungen) 

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Ball im Savoy ist sich der Krise durchaus bewusst. Auch wenn es um eine leichte Operette geht, werden die jüdisch-ungarisch-österreichischen Macher im Dezember 1932 sehr genau die politische, wirtschaftliche, finanzielle Krise im Land und der Welt im Blick gehabt haben. Aber Krise ist, wenn man trotzdem lacht. Noch einmal Alfred Grünwalds Selbstbeschreibung:

MÄRCHENHAFTE PERLENKETTEN,

JAUCHZENDE CHAMPAGNERCHÖRE:

VOR DEM LÄCHELN DER SOUBRETTEN

SCHMILZT DIE GANZE WELTMISERE.

Und schließlich, doch nicht endlich:

ES BEGIBT SICH WUNDERBARES:

VOR DEM TRILLERN EINES STARES

IST DIE KRISE ÜBERWUNDEN;

WENN AUCH NUR FÜR KURZE STUNDEN. 

 

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Der Sprachwitz in den Schlager(n), wie M.M. sie nennt, ist doppelbödig und böse. Auf „Champagnerchöre“ reimt sich „Weltmisere“ und auf „überwunden“ „kurze Stunden“, was eben auch in Erinnerung ruft, dass gar nichts überwunden sein wird. So kurz sind die Stunden übrigens gar nicht. In der Komischen Oper, die 1932 als Metropol-Theater  firmierte, wird die Spieldauer samt Pause mit 3 ¼ Stunden angegeben. Gesprochen wird schnell. Die Dialoge flitzen meistens durch den Raum. Und es sind ganze artistische Schnellsprechsequenzen beispielsweise für Katherine Mehrling eingebaut. Im Schauspielhaus wird es wohl noch ein wenig länger gedauert haben. Ständiger Wechsel der Sprachen, der Reime, der Musikstile bis zum Langsamen Walzer entfachen einen schwindelerregenden Rausch, der im Lach-Schlager „Warum bin ich verliebt in dich“ gipfelt. Im Lach-Schlager wird das Lachen zum Gesang, was durchaus die Logik angreift. Weil es so schön ist noch einmal Grünwald:

FRAU VERNUNFT MAG MANCHMAL LÄCHELN

VOR DEN GLITZERNDEN PARADEN,

AUCH DAS STEIFE FRÄULEIN LOGIK

IST NICHT IMMER EINGELADEN.    

 

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Der Lach-Schlager, das Lachen wird noch einmal 1938 in dem österreichisch-ungarischen Fußball-Film Roxy und ihr Wunderteam mit Paul Abrahams „Star“, dem Mustafa Bey der Berliner „Welt-Uraufführung“, Oskar Denes, und dem Schlager „Ich lach’ jede Stunde“ wiederkehren. Das Lachen ist ein „Familien-Fehler“. Denn Rosy Barsony, die ehemalige Daisy Darlington, hat gerade gesagt, dass sie ihn verlassen und sich umbringen werde, „so wie (sie) Zeit“ habe.

Du lachst?!

Nein, ich schluchte …

Wenn wir schluchzen, klingt das wie lachen.  

 

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Das Lachen/Schluchzen, das Zum-Heulen-Lachen des ungarischen Künstlers Oskar Denes entspricht dem Selbstmordversprecher seiner Frau Rosy Barsony, geb. als Róza Sonnenschein. 1938 ist den „beliebtesten „Stars“ am Operettenhimmel“ mit jüdisch-ungarischer Herkunft auch in Wien bestimmt nur noch zum Heulen zu Mute. Mit anderen Worten: der Lach-Schlager, der schon 1932 in Berlin zum Erfolg wird, ist auch zum Heulen. Auf YouTube kann man den Filmausschnitt mit „Ich lach’ jede Stunde“ sehen. Und es gehört natürlich eine ordentliche Portion Chuzpe dazu, den Lach-Schlager als Revue-Nummer im Film zu präsentieren.

 

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An die Stelle der jüdisch-ungarischen Rosy Barsony wird die bis ins hohe Alter unverwüstliche Marika Rökk im gesäuberten, deutschen Film- und Operettengenre treten. Die Zerstörung der Berliner Vielfalt von 1932 wird sehr viel länger andauern und bis weit in die Bundesrepublik Deutschland hinein wirken. Dank Hormocenta bleibt Marika Rökk noch in den 70er Jahren nicht nur der Operette, sondern dem flächendeckenden Medium Fernsehen erhalten. Rosy Barsony und Oskar Denes sind da lange vergessen oder verstorben.

 

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Natürlich soll diese Besprechung von der Premiere in der Komischen Oper berichten. Doch weil Ball im Savoy und die ganzen Doppel- und Mehrdeutigkeiten, die Vieldeutigkeit der Operette zu ihrem Wesen als solchem gehören, das quasi 80 Jahre lang so gut wie vergessen war, muss hier eben auch ausführlicher auf den historischen Hintergrund von „Welt-Uraufführung“ und Auslöschung, von Lachen und Heulen, von „überaus rassige(r) Musik“ und „Rassegesetzen“ eingegangen werden. Die Vielfalt ist in Ball im Savoy an eine Vieldeutigkeit gekoppelt. Der Sinn lässt sich nicht zentralisieren, normalisieren oder arisieren. Gerade darin, dass M. M. die „rassige Musik“ noch am 24. Dezember 1932 feiert, lässt sich auch eine Gegenhaltung zur Kategorie „Rasse“ als Markierung auszugrenzender Musik und zu vernichtender Menschen lesen. Barrie Kosky hat in seiner aufgedrehten, bunten, queeren Inszenierung genau diesen Hintergrund im Blick. Belehren will er nicht. Vielleicht an den Schrecken hinter dem Lachen erinnern.

 

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Den unmittelbarsten Zugang zur Zeitstimmung vermittelt immer noch das Print-Papier-Medium Zeitung. Die Vossische Zeitung ist zu einem guten Teil durch die Zeitungssammlung der Staatsbibliothek Berlin bereits online. Zu Weihnachten 1932 gibt es auf Seite 1 ein „Sofort-Programm“ für „Arbeitsbeschaffung“ in Höhe von 500 Millionen Reichsmark. Die Rede des Reichskommissars für Arbeitsbeschaffung Dr. Günter Gereke in der schwankenden Regierung des parteilosen Kurt von Schleicher, die am Abend zuvor, als Ball im Savoy Premiere feierte, im Rundfunk lief, wird in Teilen auf Seite 2 abgedruckt. „Die Bulgaren verließen die Bukarest Konferenz“ auf Seite 4. Auf Seite 5 gibt es „Organisierte Plünderungen“ in Lebensmittelgeschäften wie der „Butterhandlung von Hoffmann in der Boyenstraße“ und mittendrin sozusagen singen und tanzen auf Seite 3 die Savoy Boys in der „Morgen-Ausgabe“.   

„Ball im Savoy“

Großes Schauspielhaus

Gestern begann das Rotter-Gastspiel im Großen Schauspielhaus mit einer „Welt-Uraufführung“. „Ball im Savoy“ heißt die große Operette in drei Akten und einem Vorspiel von Paul Abraham, die einer glanzvollen Aufführung einen so stürmischen Erfolg hatte, dass das Große Schauspielhaus für längere Zeit ausgesorgt haben wird. Das gut disponierte, nicht ohne Geist, nicht ohne Witz gemachte Buch, die überaus rassige Musik gaben einer Reihe der beliebtesten „Stars“ am Operettenhimmel die Möglichkeit zu strahlen: Gitta Alpar, Rosy Barkony, Arthur Schröder, Oskars Denes – werden Kräfte ihrer Qualität ins Treffen geführt, so ist die Schlacht gewonnen, wenn das Werk Stich hält…

Im Publikum dieser für den Verein Berliner Presse veranstalteten Welt-Uraufführung befand sich alles, was Berlin an Prominenten auf allen Gebieten aufzuweisen hat. 

M. M.

Vossische Zeitung, 24. Dezember 1932, Morgen-Ausgabe Seite 3

 

(Foto gelöscht wegen Honorarforderungen)

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In der Zeitung, auf der Welt und in der Operette Ball im Savoy passiert soviel fast gleichzeitig, dass sich in all dem Stimmengewirr und den vielen Zeitungen in Berlin kaum noch Sinn herstellen lassen will. Auch dafür ist die „große Sache, ganz große Sache“, von der der türkische Gesandte in der Operette ständig spricht, eine Zeitkapsel. Es müssen große Sachen, ganz große Sachen versprochen werden, damit überhaupt jemand hinhört. Und letztlich lösen sie sich operettenhaft oder auch nicht in Nichts auf. Man weiß ja nicht einmal, warum man ausgerechnet in jemanden verliebt ist. Doch die „große Sache, ganz große Sache“ kann auch im Handumdreh oder an der Schreibmaschine zum Lob umgemünzt werden, wie es M. M. in der Abend-Ausgabe der Vossischen Zeitung macht.  

„Ball im Savoy“

Großes Schauspielhaus

„Große Sache, ganz große Sache“ ruft bei jeder passenden Gelegenheit Mustapha-Bey, Attaché bei der türkischen Gesandtschaft in Paris aus. Er ist eine der Hauptfiguren der figurenreichen Operette, der großen Operette „Ball im Savoy“ von Paul Abraham, die gestern im Großen Schauspielhaus ihre Welt-Uraufführung erlebte. Es kostet den Chronisten keinerlei Ueberwindung, den Ausruf Mustapha-Beys auf das Werk anzuwenden, auf das Werk und auf die Aufführung. Es hat manch eine glänzende Aufführung im Großen Schauspielhaus gegeben: eine glänzendere jedenfalls nicht.

Vossische Zeitung, 24. Dezember 1932, Abend-Ausgabe Seite 5

 

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Foto: Iko Freese/drama-Berlin.de

 

Wer vom Ball in Savoy Handlung und Sinn erwartet, hat falsche Erwartungen. Das sprühende Feuerwerk an „hübschen Einfällen“, „Exotismen“ der Musik, die Schlager, „die einschlugen“, lassen sich alle gar nicht aufzählen. Das gilt nach der Premiere 2013 wie nach der Premiere 1932. Man kriegt sie einfach nicht zu fassen all die Anspielungen und Doppeldeutigkeiten. Dass das Ganze, dann Frauen wie Madeleine, die im Separée ihren Mann gleichfalls betrügen will, wie Daisy Darlington, die sich zur Emanzipation den Jazz-Komponisten-Namen Paso Doble zugelegt hat und selbstverständlich in Hosen, Frack und Zylinder auftritt, auch die 6 multiethnischen, geschiedenen Frauen des Mustafa Bey Rosita, Lucia, Cheryl, Sirka, Ilonka, Trude gebiert, mag kaum noch erstaunen, wenn man bedenkt, dass die Journalistin und Autorin Vicki Baum in Berlin dem Boxsport frönte und Erika Mann gerade noch über den Ku’damm im Cabrio raste.

… Es gibt der hübschen Einfälle in diesem Operettenbuch so viele, dass es unmöglich ist, näher auf sie einzugehen. Die Vorzüge des Buches werden gehoben durch die rassige, nirgendwo versagende Musik. Paul Abraham hat sich wieder einmal als einer der erfinderischesten Köpfe unter den Komponisten unserer Zeit gezeigt. Er versteht sich überdies auf das Handwerkliche seiner Kunst, … Aus den modernen Tanzformen saugt er seine Nahrung; aber er sucht sie durch Aufpfropfung von Exotismen und von allerlei national gefärbten Klängen zu veredeln. Sie schillert in tausend Farben; und sie hat vor allem ein Glühen, das auf die Hörer überspringt und sie glühen macht. Soll ich alle Schlager aufzählen, die einschlugen? Der Komponist selbst saß am Kapellmeisterpult. Er hat eine eigene, interessante Weise zu dirigieren. Daß ihm stürmische Ehrungen dargebracht wurden, ist selbstverständlich…

Max Marschalk. 

Weihnachten 1932 in Berlin ist erstaunlich abwechslungsreich. Auch das gehört zur Vielfalt. Im Schwedter Tageblatt, in Die Rote Fahne, dem Reichswart, der Fehrbelliner Zeitung etc. sieht die Welt am 24. Dezember 1932 ganz anders aus (siehe Digitalisierte Ausgaben). Ein Werbecoup, dass Ball im Savoy am 23. Dezember Premiere hat? Am 24. und über die Weihnachtsfeiertage werden die Menschen Zeitung lesen. Zum Jahreswechsel womöglich eine Aufführung im Schauspielhaus planen und buchen. Die Leser der Vossischen Zeitung finden unter der emphatischen Theaterkritik von M. M. einen „Weihnachtsengel“ von Walter Benjamin. Auch das geht 1932 zusammen: Ball im Savoy und Weihnachtsengel. Theaterpremieren am 23. Dezember dürften 2013 für das Unternehmen dagegen tödlich sein.  

Ein Weihnachtsengel

Von

WALTER BENJAMIN

… Es war von allen Augenblicken, die das Dasein des Weihnachtsbaumes hat, der bänglichste, in dem er Nadeln und Geäst dem Dunkel opfert, um nichts zu sein als nur ein unnahbares und doch nahes Sternbild im trüben Fenster einer Hinterwohnung. Doch wie ein solches Sternbild hin und wieder eins der verlassenen Fenster begnadete, indessen viele weiter dunkel bleiben und noch trauriger im Gaslicht der früheren Abende verkümmerten, schien mir, daß diese weihnachtlichen Fenster die Einsamkeit, das Alter und das Darben — all das, wovon die armen Leute schwiegen — in sich faßten.

 

Soll man, muss man mitklatschen, wenn es heißt „Es ist so schön, am Abend bummeln zu gehen“? Mitklatschen ist immer so eine Sache. Kommt im Musikantenstadl oder so immer vor. Ist nicht unbelastet. Und überhaupt: Wer geht heute noch bummeln, um schöne Frauen oder Männer zu treffen? Es gibt ja schließlich Chatrooms und Facebook. Es lässt sich nicht alles wiederbeleben. Ball im Savoy ist eben trotz bunter Kostüme und Queerness doch aus einer anderen Zeit. Die Inszenierung ist wichtig und wird sicher wie Kiss me, Kate ein Dauererfolg der Komischen Oper. In der Inszenierung jetzt funktioniert vieles von dem, woran man schon gar nicht mehr geglaubt hat, dass es überhaupt noch funktionieren könnte. Das ist der Verdienst von Barrie Kosky und Adam Benzwi wie dem Ensemble und dem Orchester der Komischen Oper. Adam Benzwi reißt alle mit. Es werden mehr als „tausend Farben“ angespielt. Das setzt eine enorme Wandlungsfähigkeit und höchstes Handwerk voraus. Und genau diese Anforderung stellt Ball im Savoy.

 

Natürlich ist die Rolle der Daisy Darlington besonders farbig. Daran kann eine Künstlerin allerdings auch scheitern, weil sie so enorm viel abverlangt. Katherine Mehrling, die bereits im letzten Jahr in End of the Rainbow brillierte, explodiert als Daisy Darlington alias Paso Doble. Die Königinnen der neuen Berliner Musical-Operette heißen nun Dagmar Manzel und Katherine Mehrling. Sie können sich den Glitzer-, Triller- und Jodelthron schwesterlich teilen, weil sie so verschieden sind. Daisy mit Zigarre und Madeleine beim Ball mit Männerschritt sind urkomisch und hocherotisch. Dass in dieser Vieleck-Geschichte jede mit jeder und jedem etwas haben könnte, gehört zur queeren Erotik der Inszenierung.

 

Und dann ist da natürlich noch der Attaché bei der türkischen Botschaft in Paris Mustafa Bey besetzt mit Helmut Baumann (74). Baumann tanzt, wiegt sich muselmanisch in den Hüften, singt und kalauert als gebe es kein Alter für einen Künstler wie ihn. Chapeau! Natürlich ist Christoph Späth als Marquis Aristide de Faublas blendend. Und weil er eine Stütze des Hauses ist, wird er sogleich noch auf der Premierenfeier vom Staatssekretär für Kultur, André Schmitz, zum Berliner Kammersänger ernannt. Denn nicht zuletzt gehört die Inszenierung ins Berliner Themenjahr Zerstörte Vielfalt.

 

Selbst der Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, war gekommen. Gitte Henning, Irm Hermann, Thomas Herrmanns und Ulrich Matthes sowie einige andere Prominente mehr feierten Ball im Savoy. Doch heilen geht nicht. Aber es ist gut, dass in der Berliner Kultur heute vor allem die Vielfalt eine Rolle spielt. Dazu gehört auch, dass die Übersetzungsanlage in der Komischen Oper den Text in Deutsch, Englisch, Französisch und Türkisch anbietet. Russisch und Ungarisch, Chinesisch und Arabisch, Hebräisch wären eigentlich auch noch gut. Doch Ball im Savoy führt eben auch eine Polyglottolalie ganz eigener Art vor.

 

Torsten Flüh

 

Komische Oper

Ball im Savoy     

weitere Vorstellungen im Juni, Juli, September und Oktober 2013