Kann man das Bild benutzen? - Zum Artist Talk mit Kerstin Drechsel in der Ausstellung Wie wenn...

Tisch – Gespräch – Palimpsest 

 

Kann man das Bild benutzen? 

Zum Artist Talk mit Kerstin Drechsel in der Ausstellung Wie wenn am Feiertage/If we took a holiday 

 

Es wird nicht der letzte Artist Talk in der Ausstellung If we took a holiday/Wie wenn am Feiertage gewesen sein. Vielmehr folgen noch Gespräche mit der Künstlerin am 8. mit Nancy Jones und am 22. August um 18:00 Uhr mit Tabea Blumenschein in der ZWINGER Galerie auf der Mansteinstraße in Schöneberg. Der Artist Talk mit Kerstin Drechsel und Birgit Effinger am letzten Samstag eröffnete indessen die Reihe. Ein Artist Talk ist keine Talkshow vorne auf der Bühne. Mit ein wenig Glück wie am Samstag wird der Talk vielmehr zu einer Art Salongespräch, an dem das Publikum, die Galeriebesucherinnen beteiligt werden. Das Format Artist Talk funktioniert anders als die Vernissage oder die Finissage, wo Galerist und Kurator sprechen.  

Laurence A. Rickels hat die Gemeinschaftsausstellung mit Tabea Blumenschein, Kerstin Drechsel und Nancy Jones kuratiert und den literarischen Titel zwischen Hölderlin und Madonna gefunden. Wobei man heute natürlich nicht mehr so genau sagen kann, ob der Titel erst Wie wenn am Feiertage mit Hölderlin oder erst mit Madonnas Song If we took a holiday gelesen wird.  Es ist ein poetischer Titel, ja ein literarischer, insofern als Rickels, der an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe Kunst und Theorie lehrt, bis 2011 Deutsche Literatur und Komparatistik an der University of California, Santa Barbara, gelehrt hat. Vielleicht kann man den Titel im Sommer in Berlin auch ganz anders lesen: Bloß nicht in den Urlaub fahren. In Berlin kann beim sommerlich entspannten Artist Talk viel mehr Urlaub stattfinden, als wenn wir zur Hochsaison in den Urlaub gefahren wären. 

Feiertage oder holiday sind zu Urlaubsspitzenzeiten immer schwierig. Bleiben Sie zuhause oder in Berlin, sonst werden Sie schwadronierenden Junggesellenreisegruppen im Flieger ausgesetzt! Sie müssen dann Chinesenwitze und Lästereien über mitfliegende Chinesen durch urlaubende Jungengesellen, die das wahnsinnig lustig finden, auf dem Flug von Rom nach Berlin ertragen, wie ich gerade von einem Freund auf Facebook las.  Die können das halt nicht anders. Hölderlin und Wie wenn am Feiertage ist für sie ganz, ganz fern. Also lieber in die Mansteinstraße, wo praktisch zwischen Yorkstraße und Altem St. Matthäus-Kirchhof neben dem historischen E. & M. Leydecke von 1877 die ZWINGER Galerie sozusagen Frauensbilder, Hölderlin und Madonna bietet. 

Nancy Jones interessiert vor allem das Bild von Frau, wie es in der Serialität und Anonymisierung der Revuefilme von Busby Berkeley erfunden und mit geradezu militär-technologischer Perfektion ausgeführt worden ist. Nancy Jones transformiert die Serialität, die diesem Frauenbild zugrunde liegt, wiederum in serielle Bild-Produktionen, auf denen beispielweise eine sogenannte Mädchenreihe der Revue auf einer Brücke über einem See bzw. Wasserspiegel aufgereiht ist. Die Frau als Mädchenreihe oder aus ihr wird auf den Bildern in drei unterschiedlichen Farbkompositionen wiederholt. In einer anderen seriellen Arbeit von Jones werden die Frauen maskiert. Sicher wird man zu den konzeptuellen Arbeiten am 8. August mehr erfahren oder einfach nur mit der Malerin ins Gespräch kommen können.  

Die Bilder von Tabea Blumenschein wie Merry X-Mas, Happy Halloween, Frohe Ostern oder Hofbräuhaus sind von plakativer Buntheit und Flächigkeit. Insofern sie das Medium Plakat anrufen oder auch an überdimensionale Postkarten oder Holiday Greetings erinnern, allerdings ein wenig zu bunt dafür wären, vielleicht auch eher an flächige Kindermalereien erinnern, durchkreuzen sie das Medium zugleich. In der Malerei ist es möglich, Osterhasenohren aus dem Kopf wachsen zu lassen. Das ist ebenso lustig-naiv wie ein wenig unheimlich. Auf merkwürdige Weise lassen sich die Köpfe oder Gesichter nicht nur wegen den fleischfarbenen Osterhasenohren geschlechtlich zwischen Tier und Mensch, Frau und Mann nicht eindeutig verorten. Ist das noch ein Mensch, Frau oder Mann? Tabea Blumenschein, die in Madame X – Eine absolute Herrscherin 1978 die Titelrolle in Filmen von Ulrike Ottinger spielte, könnte in den plakativ-runden Gesichtern ebenso gut Selbstportraits gemalt haben. Am 22. August wird man vielleicht auch dazu mehr erfahren. 

Der Artist Talk mit Kerstin Drechsel am Samstag kreiste ab einem bestimmten Punkt vor allem um das Material. Sie arbeite aus dem Material heraus, sagte sie. Und dieses Material, von dem sie sprach, hatte sehr viel mit der Malerei zu tun. Doch es ist immer auch schwierig zu formulieren, was das Material genau ist. Sind Material nur unterschiedliche Farben, Pinsel, Malflächen von Leinwand über Holz bis Papier für die Aquarelle? Für die Umschlagsabbildungen von Wärmespeichersysteme wählte sie 2012 2 Arbeiten, Aquarell auf Papier, aus der Serie NEIN Daily Vol. 3 2011 aus, weil Aquarell und Papier einen wichtigen Teil ihres Œuvre ausmachen. Oft arbeitet sie mit unterschiedlich groben Leinwänden, wenn es nicht täuscht. 

Die Materialfrage ist eine wichtige in der Kunst und der Malerei überhaupt. Aktuell spielt sie in den sogenannten Digital Humanities oder auch für Materialität und Schriftlichkeit in der Wissenswerkstatt der Staatsbibliothek zu Berlin sowie bei Digitalisierungsprogrammen von Bücher und Manuskripten wie beispielsweise bei den Amerikanischen Tagebüchern von Alexander von Humboldt, aber natürlich auch in den Digital Arts eine wichtige Rolle. In der Ausstellung sind sieben kleinformatige Arbeiten aus der Serie If you close the door zu sehen, die, Öl und Bleistift auf Leinwand, in den Unschärfe-Effekten durchaus an Aquarelle erinnern können. Das Material, das für Kerstin Drechsel eine wichtige Rolle spielt, hat sehr viel mit den Bildern zu tun. Doch verweist das Material selbst vertrackter Weise immer wieder auf andere Materialien. 

Mit dem Material, was sicher in der Kunstwissenschaft als Wissensgegenstand eine zunehmend wichtige Rolle spielt, aber eben auch in der Literatur-, Geistes- und Naturwissenschaft wie bei Alexander von Humboldt, wird nicht nur ein wichtiger Bereich der Praxis und der Produktion angesprochen, vielmehr ─ und dafür ist Kerstin Drechsel ein besonders treffendes Beispiel ─ spielt es in das Wissen vom Bild hinein. So kann man beispielsweise wissen, dass die Serie If you close the door auf ein Fotoshooting in einem Berliner Club zurückgeht, was die Malerin am Samstag im Artist Talk mit Birgit Effinger durchaus verriet. Doch die Bilder in Öl sind eben nicht die Fotos und sollten es schon gar nicht sein. Trotzdem sind die Bilder, wenn man auf dieser, sagen wir, rein materialistischen Ebene bleibt, nicht die Fotos, obwohl es sie ohne Fotos auf Papier oder auf dem Bildschirm nicht gäbe. 

Eine weitere Drehung erhält die Materialfrage für die Malerei bei Kerstin Drechsel mit ihrer Serie Zusammen, aus der sie bereits im November 2013 zwei Arbeiten in der Galerie September gezeigt hatte. Zusammen hat sie auch 2014 in Frankreich in einer Installation gezeigt, wo sie alle 12 Tische aufgebaut hatte. Bereits 2013 vermochten diese Bilder ganz besonders zu faszinieren. Und so war es denn auch am Samstag, dass ein Bild aus der Serie nicht nur waagerecht mitten im Raum stand, sondern das Gespräch sich mehr oder weniger an den Tisch verlagerte. Das Bild in der Waagerechten fasziniert und verrückt die Wahrnehmung des Materials entschieden. Kann man auf den Fotos von der Vernissage im November 2013 sehen, wie das Bild in der Waagerechten fast übersehen wird, die Besucherinnen beinahe dazu geneigt sind, etwas auf ihm abzustellen, so verlagerte sich diesmal das Gespräch geradezu um das Bild herum und lud die Besucherinnen zum Mitreden ein.

Bekanntlich geht es mit Zusammen Drechsel darum, Gespräche über Mütter um einen Tisch herum, Bild werden zu lassen. Anders gesagt: es geht um die Übersetzung eines oralen, mehr oder weniger spontanen Vorgangs in der Sprache, der Bild qua Malerei geworden ist. Das ist schon materiell ein höchst bedenkenswerter Vorgang. Orale Sprache wird nicht nur in ausgesprochene Formulierungen auf- und umgeschrieben, vielmehr noch werden die Texte mit Schablonen, wie sie Architekten benutzen, im Bild eingetragen. Die Texte lassen sich nicht nur nicht im Überblick eines betrachtenden Subjekts mit einem Blick lesen, weil sie u.a. in unterschiedliche Richtungen angeordnet sind, sie sind teilweise gar überschrieben und verwischt, so dass sie sich kaum noch lesen lassen, sehr wohl aber auf darunter oder darüber geschriebenes verweisen. Die Abwesenheit des Gesprächs wird insofern im Bild malerisch vorgeführt. Die Bilder tragen unter anderem jenen Zug des abwesenden Gesprächs im Salon, um das beispielsweise Rahel Levin-Varnhagen und Karl August Varnhagen von Ense mit der Veröffentlichung von Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde gemeinsam literarisch gerungen haben. Für Varnhagen wurde das gemeinsam mit Rahel, die mit Friederike oft unterschrieb, begonnene Buchprojekt nach ihrem Tod zu einem Erinnerungsbuch vor allem an die Verstorbene. Doch viel stärker ging es um eine literarische Aufzeichnung der Salongespräche.

Das Bild als Tisch oder auch der Tisch als Bild für die Gespräche, was etwas ganz anderes ist, verkehrt nicht nur die bildliche Darstellung des Gesprächs als Abendmahl und Stiftung von Gemeinschaft, die ihren Verräter miteinbezieht, sondern er wird somit zum Ort der Kommunikation selbst. Und wenn mehrere Menschen um einen Tisch herum sitzen, dann spricht nicht nur immer eine oder einer, sondern andere wollen ebenso sehr etwas sagen. An einem Tisch, an dem gesprochen wird, zu schweigen, tendiert fast schon zum Verrat. Der Tisch lädt nicht nur zum Sprechen ein, er übt auch einen leichten Zwang zum Sprechen aus. Und sofern an einem Tisch der Vorsitz nicht machtvoll geregelt worden ist, wollen alle sprechen. Das Bild auf Tischbeinen ist so gesehen durchaus ein verzwicktes. Beim Artist Talk hat natürlich die Künstlerin den Vorrang im Sprechen.  

Das Bild tendiert in der Serie Zusammen zum Palimpsest. Das lässt sich einerseits damit formulieren, dass beispielsweise die Schrift in einer Ecke teilweise durch eine weitere Schicht Farbe kaum lesbar durchschimmert. Und bekanntlich gehört Sigmund Freuds Notiz über den Wunderblock (1925) zu jenen medientechnischen „Apparat(en)“ in der Moderne, die die Funktionsweise des Palimpsests bezüglich der Schrift genauer besprochen haben.  

Man gebraucht diesen Wunderblock, indem man die Aufschreibung auf der Zelluloidplatte des die Wachstafel deckenden Blattes ausführt. Dazu bedarf es keines Bleistifts oder einer Kreide, denn das Schreiben beruht nicht darauf, daß Material an die aufnehmende Fläche abgegeben wird. Es ist eine Rückkehr zur Art, wie die Alten auf Ton- und Wachstäfelchen schrieben. Ein spitzer Stilus ritzt die Oberfläche, deren Vertiefungen die »Schrift« ergeben. (Notiz über den Wunderblock)

 

Freud betont in seiner Notiz, die eben auch als Notiz betitelt wird, weil sie zeitlich ebenso nachträglich wie vorläufig aufgeschrieben wurde und damit zugleich einen Wink auf den Wunderblock und seine Materialität gibt. Freud insistiert darauf, dass „das Schreiben … nicht darauf“ beruhe, „daß Material an die aufnehmende Fläche abgegeben wird“. Statt der Abgabe von Material geht es vielmehr um ein Ritzen, der Oberfläche, die gleichzeitig von einem Zelluloidblatt geschützt wird. Freud kommt es sehr darauf an, dass kein „Material an die aufnehmende Fläche abgegeben wird“. Warum? Von hier aus wäre das Bild bei Kerstin Drechsel gerade kein Palimpsest, weil es ihr sehr auf die Material ankommt, das auch auf die Leinwand bzw. hier Tischplatte abgegeben wird und werden soll.

 

Der vorsichtige Umgang mit dem Material, der es Freud allererst möglich macht, den Wunderblock zum Modell der Schrift zu machen, verlagert die Schrift nicht einfach auf eine Immaterialität, wehrt sich allerdings gegen eine Repräsentationslogik, nach welcher behauptet werden könnte, z. B. bei Zusammen das Gespräch mit dem Bild vorliegen zu haben. Stattdessen wird bei Drechsel Bild, was sich gerade nicht repräsentieren lässt. Und die Unübersichtlichkeit wie schwankende Lesbarkeit verhindern gerade, dass das Bild als ein geschlossenes erfasst werden kann. Das heißt auch, dass das Material – Öl auf Tischplatte – bereits in ganz andere Materialitäten wie Rotwein hineingezogen werden kann.

 

Das Bild als Bild hat in der Serie Zusammen einen durchaus instabilen, geradezu flüchtigen Status, was wiederum mit dem Tisch zu tun hat. So berichtete Drechsel davon, dass die Käuferin eines Bildes aus der Serie sie gefragt habe, ob sie das Bild auch benutzen dürfe. Den Gebrauch des Bildes als Tisch, der mit der Frage angesprochen wurde, will Drechsel nicht ausschließen. Das fächert das Bild in weitere Bereiche auf. Erstens wäre damit nämlich das Bild, wie es Drechsel gemalt hat, nicht einfach abgeschlossen und beendet, sondern könnte sich nachträglich verändern. Das setzt eine gewisse in der Kunstszene und auch im Kunstmarkt nicht gerade übliche Großzügigkeit voraus. Denn zum Werterhalt und zur Wertsteigerung beispielsweise auf Auktionen sollte das Bild nicht mehr verändert bzw. benutzt werden. Versicherungstechnisch wäre die Benutzung des Bildes als Tisch nicht zu regulieren. Die Hinzufügung von Material beispielsweise durch einen zusätzlichen Fleck oder Rotweinrand müsste eine Entwertung des materiellen Bildes als handelbare Kunst zur Folge haben.

 

Kerstin Drechsel wusste nicht, wie das Bild nun genutzt wird. Wir wissen es auch nicht. Was sich allerdings zur Serie Zusammen sagen lässt, ist, dass die Arbeiten, die vielleicht auch in Richtung einer sozialen Skulptur gehen, überraschender Weise mit einer queeren Praxis wichtige Fragen zur Malerei und zum Bild aufwerfen. Queer ist die Praxis nicht nur, weil es um Töchter-Mutter-Verhältnisse von lesbischen Frauen oder eine Darstellung des Lesbischen geht, sondern weil der andere Umgang mit dem Gemälde, entscheidende Fragen zur wie von selbst laufenden Praxis des Bildes aufwirft.

 

Torsten Flüh

 

Wie wenn am Feiertage/ 

If we took a holiday 

Tabea Blumenschein 

Kerstin Drechsel 

Nancy Jones 

bis 22. August 2015

Artist Talk am 8. und 22. August 2015, 18:00 Uhr

 

Kurator: Laurence Rickels

 

ZWINGER Galerie  

Mansteinstraße 5 

10783 Berlin