Frauen und das Versprechen der Freiheit - La Religieuse und Gloria im Wettbewerb der Berlinale 2013

Frau – System – Freiheit

 

Frauen und das Versprechen der Freiheit

La Religieuse und Gloria im Wettbewerb der Berlinale 2013

 

Guillaume Nicloux verfilmt Denis Diderots Roman La Religieuse aus dem 18. Jahrhundertund setzt die Brutalität sozialer Systeme, gegen die eine junge Frau kämpft, dramatisch in Szene. Der Chilene Sebastián Lelio feiert mit einer spanischen Coverversion des Van-Morrison-Songs Gloria die Selbstbehauptung einer 58jährigen Frau gleichen Namens. La Religieuse hatte am Sonntagabend Weltpremiere im Berlinale Palast. Gloria lockte am Montagmorgen um 9:30 Uhr in den Friedrichstadt-Palast.

Beide Regisseure greifen mit ihren Frauen das Versprechen der Befreiung aus gesellschaftlichen Zwängen auf. Bei Diderot stehen die Gegner der Aufklärung klar auf der Seite des Ancien Régime, die Susan Simonin in die Rolle der Nonne zwingen. In Lelios Gloria muss sich seine Protagonistin in einer Gesellschaft behaupten, in der Rollenmodelle erodieren.

Die 17jährige Susan Simonin setzt sich in Diderots Roman gegen die Gesellschaftszwänge mit Hilfe eines Rechtsanwalts durch und befreit sich schließlich durch Flucht aus dem Kloster. Das Versprechen der Moderne funktioniert bei Diderot zumindest bis zum Punkt der Befreiung. Das war ihm wichtig. Die geschiedene Gloria stürzt sich in eine Liebesgeschichte mit einem älteren Mann, lässt sich von ihm nicht hinhalten und nimmt schließlich das Paintball-Gewehr in die Hand, um die Beziehung bunt und effektvoll zu beenden.   

Susan Simonin (Pauline Etienne) weiß bei Diderot und Nicloux nur soviel, dass sie nicht im Kloster eingeschlossen sein will, wie es die gesellschaftlichen Regeln des Ancien Régime für sie vorsehen. Denn sie ist die jüngste Tochter eines Advokaten, der sich bereits durch Verheiratung zweier Töchter finanziell ruinieren musste. Und Susan ist nicht die leibliche Tochter des Gatten ihrer deutschstämmigen Mutter (Martina Gedeck). Das wird zum Fluch und Versprechen ihrer Existenz zugleich. Denn ihr leiblicher Vater ist vermögend und Marquis, wie ihr die Mutter zwar mitteilt, doch zu ihrer eigenen Ehrenrettung umso dringlicher bittet, ins Kloster zu gehen.

Das Kloster hat bei Denis Diderot eine klare, soziale Funktion als Ort der gesellschaftlichen Absicherung adliger Frauen, die keine standesgemäße Ehe eingehen können. Doch als geschlossenes System verlangt das Kloster die unbedingte Unterwerfung der Frau unter die Regeln der Kirche im Namen Gottes. Der Roman La Religieuse ist als Memoiren in der ersten Person Singular abgefasst. Wie erzählt sich die junge Frau infolgedessen ihre Geschichte selbst?

Guillaume Nicloux hält sich offenbar streng an die Romanvorlage und inszeniert den Modus der Selbsterzählung durch die Stimme der Susan Simonin im Off. Ebenso setzt er das Schreiben und Lesen der Memoiren wiederholt ins Bild. Der Film wie der Roman handeln deshalb auch vom Schreiben und Lesen. Es wird zur entscheidenden, dramatischen Handlung der Geschichte selbst. 

Das Schreiben der Memoiren im Kloster wird dabei nicht zuletzt zu einem Akt der Selbstbehauptung, der von der Oberin Christine (Louise Bourgoin) mit strengen Befragungen, Folter und Ausschluss auf der Gemeinschaft der Klosterschwestern verfolgt wird. Damit erhalten die Schreib- und Leseszenen im Film wie im Roman eine Schlüsselfunktion. Susan nimmt sich die Freiheit zum Schreiben, was als Angriff auf das Klosterleben verstanden wird.

Die Schreib-Lese-Szenen sind nicht allein Vermittlungspraxis. Vielmehr werden sie unauflösbar mit der Ich-Erzählung verknüpft. Susan kann schreiben, weil sie die Tochter eines Advokaten ist. Was sie anderes als das Klosterleben will, kann sie nicht formulieren und es wird auch kein anderes Szenarium mitgeteilt. Das Leben in einer Ehe mit einem liebenden Mann wird nicht einmal als Alternative entworfen. Darum geht es nicht. Sexualität spielt für Susan ebenfalls keine Rolle als Gegenargument zum Leben als Nonne. Es geht quasi um die nackte Selbstbehauptung des Ich aus dem Schreiben in einer Position des Rechts.

Das Ich, das in La Religieuse schreibt und als junge Frau von sich selbst erzählt, entscheidet sich nicht für oder gegen Rollenmodelle, sondern erzählt von sich selbst allein im Modus der Tochter und der Herkunft eines Rechtsvertreters, eines Advokaten. Nicht nur im Roman beginnt die Erzählung mit der Erinnerung an den Vater als Advokat, sondern auch Guillaume Nicloux eröffnet mit dieser Szene seinen Film:

Mon père était avocat. Il avait épousé ma mère dans un âge assez avancé ; il en eut trois filles... (La Religieuse, Wikisource)  

Im Szenarium der Aufklärung als Emanzipationsbewegung ist La Religieuse, die Denis Diderot vermutlich nach 1760 schrieb und die erst posthum zunächst 1792 von Friedrich Melchior Grimm in Deutschland veröffentlicht wurde, um dann 1796 in Frankreich zu erscheinen, nicht zuletzt deshalb interessant, weil Susan sich nicht über Lust oder Begehren definiert. Für Voltaire nehmen diese in der Philosophie der Aufklärung eine entscheidende Funktion ein. Das Ich legitimiert sich beispielsweise über La Jouissance wie bei Friedrich II. 1740. Doch Diderots Susan ist auch keine Julie (1761) wie bei Rousseau.

Guillaume Nicloux fokussiert seinen Film entschieden auf den Anspruch der Entscheidungsfreiheit der jungen Susan Simonin über ihr Leben. Historisch gesehen artikuliert sich in diesem modernen Anspruch vor allem der Widerspruch gegen die (katholische) Kirche, die einen derartigen Anspruch weder kennt noch toleriert. Der Mensch hat keinen Anspruch auf Entscheidungsfreiheit vor Gott. 

Aktuell lässt sich der theologisch skandalöse Anspruch an dem Rücktritt des Papstes, Benedict XVI., in Erinnerung rufen. Jahrhunderte war es insbesondere im Kampf gegen die Moderne für die Glaubenskongregation der Kirche in Rom undenkbar, dass ein Papst zurücktritt. Im Rücktritt schimmert vor allem Josef Ratzinger hinter dem Papst durch. Doch genau dies hat die katholische Kirche in ihrer Theologie spätestens seit der Gegenreformation im Barock vehement bekämpft. Benedicts Abdankung oder Rücktritt ist und bleibt beispiellos, obwohl ein mittelalterlicher Papst vor gänzlich anderem Hintergrund zurückgetreten ist.  

Selbst der Anwalt kann Susan Simonin nicht aus dem System des Klosters befreien. Dabei geht es weniger um eine unmenschliche Härte der Kirche, sondern um eine grundlegend andere theologische Definition des Menschen vor Gott, als deren Vertreter sich die Kirche in Rom sieht. Der Anwalt kann ihr zur Flucht verhelfen, aber er vermag nichts gegen das Kirchenrecht auszurichten. Deshalb ist Susans Abfassung ihrer Memoiren in der Wahrnehmung der Oberin Christine ein kirchenrechtliches Verbrechen, das dämonisiert wird und beinahe zur Vernichtung der Schreiberin führt. Nicloux hat das deutlich zugespitzt. Ihn interessiert nicht nur eine Verurteilung der Kirche, sondern der Kampf der Systeme.

Natürlich wird La Religieuse mit Pauline Etienne, Isabelle Huppert, Louise Bourgoin, Françoise Lebrun und Martina Gedeck zu einem ganz großen Schauspielerinnen-Film. Das Begehren und die Liebe der Oberin von St. Eutrope (Isabelle Huppert), das von ihr selbst im Modus des Religiösen formuliert wird, entsetzt Susan vor allem deshalb, weil sie ihren Wunsch nach Entscheidungsfreiheit vereiteln. Die Oberin kennt in ihrem lesbischen Begehren keine Rücksicht. Das Genießen der Schönheit Susans wird deutlich zu einem Problem der Freiheit. Die Oberin setzt in ihrer Liebe alles daran, sich Susans zu bemächtigen. 

Das Thema der Freiheit wird von Guillaume Nicloux entschieden als Problem der Moderne herausgearbeitet. Das wird insbesondere in dem Regime der Liebe im Kloster St. Eutrope deutlich. Susan in ihrem Freiheitsbegehren kann sich nur in Opposition zum anderen Regime in St. Eutrope sehen. Isabelle Huppert spielt die Oberin äußerst subtil mit ihrer Utopie einer alternativen Gesellschaft von Frauen, die sich im Schutze der Kirche den vorgeschriebenen Rollen entziehen. Doch genau diese Utopie des Klosters, Michel Foucault hätte es wahrscheinlich eine Heterotopie genannt, erweist sich als trügerisch und im Widerspruch zum Versprechen der modernen Freiheit.

Der systemimanente Wechsel der zunächst fürsorglichen Liebe der Oberin von St. Eutrope zum durchaus selbstzerstörerischen Liebesterror wird von Isabelle Huppert nicht nur beeindruckend, sondern äußerst präzise in Szene gesetzt. Die Utopie des Klosters als Ort der Liebenden wird von Guillaume Nicloux nachhaltig in Frage gestellt. Das ist nicht nur hinsichtlich des Systems Katholische Kirche, sondern ebenso des Versprechens der Moderne als Erfüllung persönlicher Freiheit in der Liebe bemerkenswert radikal.


Mag La Religieuse zunächst als Historien- und Kostümfilm daherkommen, so gelingt es, wenn man genauer hinsieht, Guillaume Nicloux mit den von Denis Diderot abgefassten Memoiren der Susan Simonin eine höchst aktuelle Fragestellung nach der Freiheit durchzuspielen. Eine derart genaue Lektüre eines bereits mehrfach verfilmten Romans, der das Versprechen der Freiheit früher gefeiert haben mag, kann man durchaus als Dekonstruktion benennen. Sie trifft genau in die aktuelle Problematik der Suche nach Freiheit. Denn das tief in der Moderne eingeschriebene Versprechen der Freiheit, bleibt in La Religieuse am Schluss offen. Susan ist zwar befreit, doch sie friert auch in der Freiheit auf der Terrasse des Schlosses des Marquis de Croismare.        

Gloria trennen ca. 250 Jahre von Susan. Das Versprechen der Freiheit scheint für sie (Paulina Garciá) auf mehrfache Weise eingelöst. Sie ist selbständig, arbeitet und singt Poplieder aus dem Radio am Steuer im Auto mit. Sie ist 58 und sucht sich im Single-Club selbstbewusst ihre Partner. Gloria ist eine moderne Frau. Die Scheidung hat sie eher selbständiger gemacht, als dass sie darin einen Verlust sehen müsste. Insofern ist Chile, zumindest Santiago de Chile, längst mitten in der globalisierten Welt der kleinen Freiheiten angekommen.


Sebastián Lelio, der 2012 Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD war, hat ein Feel-Good-Movie mit Gloria gedreht, das auch Gesellschaftssatire ist. Die Widersprüche und Versprechen des Pop gelten in Santiago de Chile ziemlich genau so viel wie in Paris, Berlin oder Neckarwestheim. Die spanischen Popsongs sind nicht nur Tonspur, sondern sie strukturieren durchaus das Leben, die Geschichte von Gloria. Und das Mobiltelefon wird zur langen Leinen der familiären Beziehungen. Es hält die Verbindung und zerstört zugleich die Verbindlichkeit von Beziehungen.

 

Gloria und Rodolfo (Sergio Hernández) sind ans Meer gefahren, gerade im Hotel angekommen. Gloria putzt sich im Bad die Zähne, weil sie sich auf den Sex mit Rodolfo freut und im Hotelzimmer klingelt Rodolfos Handy. Rodolfo ist immer an der langen Leine seiner Töchter. Gloria packt beherzt die Koffer, um das Zimmer zu verlassen und bleibt dann doch vor der Tür stehen, um sich die Bluse zu öffnen. Rodolfo dürfte um die 70 sein und trägt eine Leibbinde, um schlanker zu sein. Ratsch, ein Leibbindenstriptease. Gloria und Rodolfo machen es im Hotelzimmersessel.


Die Körperlichkeit der Liebe unter Menschen über 60 ist im Kino kein Tabu mehr. Was vor 10 oder 20 Jahre auf der Kinoleinwand kaum zu zeigen gewesen wäre, wird in Gloria mit Witz und großer Selbstverständlichkeit vorgeführt. Die Darstellung von Alter hat sich deutlich verändert. Natürlich altert die Gesellschaft heute anders und das Alter erfährt wie das Geschlecht und die Geschlechtlichkeit heute eine andere Aufmerksamkeit.

 

Nicht nur zufällig beendet Rodolfo die Beziehung zu Gloria, als sie abends beim Diner im Restaurant sein Mobiltelefon in die Zwiebelsuppe fallen lässt. Rodolfo verschwindet einfach. Das ist wahrscheinlich weniger eine Frage nach der Ehrlichkeit seiner Zuneigung für Gloria als vielmehr einer zutiefst technologischen Freiheit und Unfreiheit zugleich. Rodolfos Dilemma besteht in der Freiheit, die er sich nimmt, und die dennoch nur unter den Bedingungen ständiger Erreichbarkeit als Unfreiheit stattfinden kann. Er formuliert sein Dilemma durchaus ernst und glaubhaft gegenüber Gloria.

Gloria muss nicht mehr gegen Rollenmuster kämpfen. Sie kommen nur noch am Rande vor. Ihr Sohn ist offenbar alleinerziehender Vater. Ihre Tochter geht ins Ausland. Und der durchgeknallte Nachbar hat einen Sphynx-Kater, der es sich ständig in Glorias Bett gemütlich macht. Gloria mag das Tier nicht. Doch ihre alte Haushälterin erzählt ihr die Geschichte, wie Gott die Katzen für die Arche Noah schuf, damit sie die Mäuse jagen. - Es ist vielleicht nicht ganz zufällig, dass die religiöse, alte Haushälterin die einzige Person in Glorias Leben ist, die ihr so etwas wie mütterlichen Halt gibt.


Paulina Garciá spielt Gloria in all ihren Widersprüchen durch. Das ist eine breit angelegte schauspielerische Leistung, die den Berichterstatter beispielsweise an Charlotte Rampling erinnert. Sicherheiten gibt es in Glorias Leben kaum noch. Stattdessen wird sie ständig auf sich selbst zurückgeworfen. Sie trauert den trügerischen Sicherheiten einer Ehe oder einer dauerhaften Beziehung allerdings auch nicht nach. Da nimmt sie lieber das Paintball-Gewehr. Das ist eine ziemlich gute Pointe.

 

Torsten Flüh

 

PS: Die Fotos wurden am Sonntagabend vor der Weltpremiere von La Religieuse gemacht. Das Filmteam traf allerdings erst später ein.

 

La Religieuse

Sonntag, 17.02. im Friedrichstadt-Palast, 18:30 Uhr

ab 31. Oktober 2013 im Kino

 

 

Gloria

Sonntag, 17.02. im Haus der Berliner Festspiele, 19:30 Uhr