Der Sound und die Zeit des Krieges - Mazen Kerbajs Klanginstallation zum Krieg in einer Wohnung der Bundesallee 53

Trompete – Krieg – Improvisation 

 

Der Sound und die Zeit des Krieges 

Mazen Kerbajs Klanginstallation zum Krieg in einer Wohnung der Bundesallee 53 

 

Das Haus Nummer 53 an der Bundesallee liegt schon fast am Bundesplatz, der früher Kaiserplatz hieß. Es stammt aus jener Zeit. Fast eine Idylle an der vielbefahrenen Bundesallee zwischen Wilmersdorfer Volkspark und Bundesplatz. In der Erdgeschosswohnung links nicht nur das Rauschen des Großstadtverkehrs am Sonntag. Gespräche, Fernseher läuft, libanesisches Arabisch wird gesprochen, eine Detonation. Eine Trompete, eine Bombe, Kampfjets. „Before the war, it was the war. After the war, it is still the war.“ So nennt der Musiker und Zeichner Mazen Kerbaj, der 1973 in Beirut geboren wurde, seine in situ Klanginstallation. Eine Uraufführung im Rahmen von MAERZMUSIK, Festival für Zeitfragen. Lässt sich die Nähe des Krieges aushalten?

  

Wie lässt sich der Krieg aushalten? Akustisch ist der Krieg in der Berliner Wohnung da. Es lässt sich ihm nicht entkommen. Es ist ein konkreter Krieg an einem konkreten Ort: Beirut, Libanon. Der Krieg der israelischen Armee im Juli 2006, der ja eigentlich schon vergessen ist. Kriege werden in globalen Zeiten schnell vergessen. Gestern noch Syrien, vorgestern Irak, zwischendurch immer mal wieder Beirut, Libanon, Pakistan, Afghanistan, Ukraine. Lässt sich das überhaupt aushalten, wenn die israelische Luftwaffe Bomben abwirft und Mazen Kerbaj Trompete spielt? Gespräche, Geräusche, das Rauschen des Verkehrs auf der Bundesalllee, Nachrichtenmeldungen auf Arabisch. Zunächst einmal stellt sich im Wohnzimmer eine nachhaltige Desorientierung ein.

 

Die Räume der Wohnung haben ihre eigene Akustik. Schlafzimmer, Balkon, Wohnzimmer. Mazen Kerbaj spielt seine Trompete mit extended technics. Das ist wichtig. Wenn er spielt, hört es sich nicht an wie Till Brönner mit sinatraartigem Blue Eyed Soul, vielmehr lässt sich die Trompete von Mazen Kerbaj aus dem Sound der Stadt und des Krieges nicht so leicht heraushören, identifizieren, verorten. Manchmal klingt die Trompete, als flöge ein Geschoss durch die Luft. Das ist beabsichtigt. Ein Kampfjet über dem Haus oder Trompete?

 

Auf dem Balkon nimmt man die Kopfhörer, setzt sie auf und hört Beirut vom Balkon in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2006. Sonic Journalism und Konzert überschneiden einander. Mazen Kerbaj hat 6,31 Minuten seiner Aufnahmen aus dieser Nacht zuerst als Audiodatei auf seinen Blog KERBLOG hochgeladen. Man kann die Datei noch auf http://www.muniak.com/mazenkerbaj.html und seit dem 1. Januar 2013 mit einer comicartigen Zeichnung aus der gleichen Zeit auf YouTube hören und sehen. „Starry Night (Auszug) 6,31 Min. eine minimalistische improvisation von: mazen kerbaj trompete, der israelischen Armee bomben“. Die Zeichnungen aus dem Moment heraus in Cafés etc. wären ein weiteres Thema.

 

Seit September 2015 ist Mazen Kerbaj Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. In der Bundesallee 53 waren nun seine Aufnahmen als in situ Klanginstallation aus dem 34 Tage dauernden „Julikrieg“ zu hören. Die Besucherinnen in der Wohnung schweigen und hören. Erst denkt der Berichterstatter, als er die Situation noch nicht erfasst hat: Können Sie bitte einmal ruhig sein. Doch dann stellt er fest, dass die Unruhe zur Installation gehört. Im Wohnzimmer laufen mehrere Aufnahmen gleichzeitig. Oder nicht? Die unterschiedlichen Stimmen und Mitteilungsformate überschneiden einander. Einzelne Sprachfetzen springen heraus. Nachrichtenmeldungen. Gespräche. Pausen.

  

Der Krieg hört sich nicht an wie Film- oder Fernsehkriege, was zunächst einmal auffällt. Mazen Kerbajs Improvisationen mit der Trompete aus dem Moment heraus reagieren auf die Bomben, die Detonationen, die Kampfjets und die Stille. Sie bauen Stimmungen und Spannungen auf. Aber sie funktionieren nicht wie Schreie. Vielleicht sind sie Schreie, aber auf eine andere Art und Weise. In der Wohnung liegen Transkriptionen von 12 Stunden der Minidisc-Aufnahmen aus. Wenn man die Transkriptionen liest, verändert sich die Wahrnehmung abermals. Der Krieg wird nun eher zum Hörspiel.

0.00 Silence
0.02 Birds
0.04 Microphone moving while birds continue
0.09 Dog barking in the distance
0.14 Ojects moving 
0.25 Mircophone moging
0.30 Birds
0.48 Airplanes
0.54 Bomb explodes in the disance
0.57 Birds ...

 

Der Musiker und Klangforscher Peter Cusack nannte 2012 in Field Recordings as Sonic Journalism Kerbajs Starry Night „one of the most stunning field recordings“ des letzten Jahrzehnts.[1] Starry Night gilt ihm als ein besonders gelungenes Beispiel für den akustischen Journalismus. Dieser wird von Cusack ausführlich formuliert und erzählt, was für den Berichterstatter in der Klanginstallation indessen weitaus schwieriger zugänglicher war und wenigstens der Hilfe der Transkription bedurfte. 

The recording starts with small breathy sounds made on the trumpet. They are quiet, but seem very close. One listens attentively. Suddenly an explosion shatters the stillness. The sound instantly lights up the city as it reverberates off buildings and hillsides briefly revealing the panorama, as would a lightening flash. Simultaneously the blast triggers car alarms and sets dogs barking pin-pointing their positions near and far before they fade to a tense quiet waiting for the next bomb to fall. It is one of those rare recordings where sound exhibits the same power of illumination as light.

  

Zeigt Klang die gleiche Kraft der Erhellung wie Licht? Wann und wie wird Klang erhellend? Für die Konzeption des Sonic Journalism wird die analogisierende Kombination des Akustischen mit dem Visuellen zur entscheidenden literarischen Operation. Die Kombination der Sinne produziert den Sinn der Wahrheit. Die Funktion des Lichts als platonisches Wahrheitsmodul wird auf den Klang, der sich eindeutig identifizieren lässt, übertragen. Die Improvisation wird zur dramatischen Vereinigung von Klangpanorama und minimalistischem Trompetenspiel. 

Throughout, Mazen continues to play minimal trumpet, quietly creative against the violence. His recording not only documents the events taking place, but is an act of imaginative defiance in its own right. For a listener the impact is powerful. The perspective reveals the city’s geography, a major aspect of its current political context and a very personal response to the situation. It is the dramatic conjunction of these elements within a single recording that makes it so memorable.

Die narrative Funktion des Journalismus, die häufig bestritten wird, unterdessen bereits von Walter Benjamin in seinem kurzen Text Die Zeitung 1934 als „Literarisierung der Lebensverhältnisse“ luzide formuliert worden war, kommt allererst durch die Versprachlichung der feldforschungsartigen Aufzeichnungen zustande. Denn die „small breathy sounds made on the trumpet“ muss man erst einmal als mit einer Trompete gemachte erkennen. Genau diese Operation erfordert allerdings eine literarische Verschaltung der „breathy sounds“ mit einer Trompete. Peter Cusacks Erzählung von der minimalistischen Improvisation übersetzt scheinbar mühelos den Klang in Bilder, wenn das Panorama der Stadt enthüllt (revealing) wird. Die Übersetzung des Klangs in Sprachbilder ist weitaus schwieriger, als sie von Cusack mit der plötzlichen Erhellung der Stadt durch den Klang formuliert wird – „the sound instantly lights up the city“.

Peter Cusack wechselt scheinbar mühelos zwischen dem Akustischen und dem Visuellen und verknüpft es in seiner Erzählung. Doch der akustische Journalismus, der sich bei Mazen Kerbaj mit seiner Improvisation an der Schnittstelle von Kunst, Musik, Wissen und Journalismus situiert, bedarf einer sinnlich imaginären Transformation, um die Klangereignisse der Stadt im Bombenangriff in ein Panorama des Krieges zu verwandeln. Erst die Elastizität generiert aus Hörereignissen ein sinnliches Panorama und eine Geographie der Stadt. Die „small breathy sounds“ lassen sich ebenso berechtigt als Fluggeräusche der Kampfjets in gewisser Höhe hören. Denn anders als im Genre Hörspiel, Tonfilm oder selbst aktuell bei der Vertonung von Filmen wie im Tatort Tonstudio Die Arbeit des Geräuschemachers (2014), wo signifikante Geräusche oft mit ganz anderen Mittel erzeugt wurden, bleibt der Klang ambivalent.

Die akustische Ambivalenz und Mehrdeutigkeit durch die erweiterte Spielpraxis der Trompete machen gerade einen besonderen Reiz der Improvisation aus. Anders als Fernsehbilder von Bombeneinschlägen muss man in der Klanginstallation die Augen schließen, um besser zu hören, was sich wo ereignet. Hören soll gelernt sein oder bedarf der Transkription in Sprache, wie sie für „Before the war, it was the war. After the war, it is still the war.“ vorgenommen worden ist. Die Höroperation kann dann auch – und das ist als Wahrnehmungspraxis durchaus bemerkenswert – derart verlaufen, dass erst die Transkription gelesen und dann gehört wird. So wie es offenbar das ältere Ehepaar auf dem Sofa im Wohnzimmer tat. Die Bomben und die Vögel in einer Echtzeitaufnahme muss man erst einmal hören können.

 

 

 

Mazen Kerbajs Improvisationen entspringen nicht zuletzt einer musikalischen Ausbildung und Praxis, die Klangereignisse und Klangräume für einen Akt der Selbstermächtigung schaffen. Die Ohnmacht gegenüber der militärischen Übermacht und Willkür wird in einen künstlerischen Prozess umgewandelt. Die Klangereignisse des Krieges werden zu Trompetenimprovisationen, die gleichzeitig aufgenommen, im Blog zunächst veröffentlicht und schließlich in einer Klanginstallation in Berlin inszeniert werden. Auf diese Weise wird der Krieg seinem journalistischen Vergessen entrissen, um auf kraftvolle Weise wiederzukehren.

But there is also a will to live, well-schooled in improvisation and geared towards the here and now - and in the case of Mazen Kerbaj, a creative strength. It manifests itself in his drawings and his tape recordings, in a strong will that will not give in to the powerlessness but will rather develop an individual path of resistance or defiance.[2]  

  

Die besondere Faszination der Klanginstallation in der Bundesallee 53 macht auch aus, dass die field recordings, ein Begriff, der an die empirischen Feldforschungen der Soziologie erinnert, auf eine verstörende andere Visualität treffen. Die Bilder und Panoramen sind gerade nicht sofort da, wie es Cusack in einem Wahrheitsmodus der Enthüllung und Kraft der Erhellung wie Belichtung (illumination) die Akustik ins Imaginäre transformiert. Denn darin verbirgt sich dann nicht zuletzt ein Erschrecken, was sich anhört und aussieht wie Wohnzimmer wird als field recordings aus dem Krieg hörbar.

  

Die Ordnung der Räume an der Bundesallee 53 wird zum Szenarium des Krieges. Das, sagen wir, Unspektakuläre des Krieges mit gelegentlichen Bombeneinschlägen, an die man sich fast so wie man sich an die Feuerwehrsirene gewöhnen kann, wenn man in der Nähe einer Feuerwache wohnt, bekommt eine empörende Normalität so wie sie mit dem Titel „Before the war, it was the war. After the war, it is still the war.“ Weil der Berichterstatter kaum mit dem Bloggen hinterherkommt, ist nun auch dies Installation schon wieder vorbei. Doch vielleicht findet das Berliner Künstlerprogramm des DAAD eine Möglichkeit, die Installation zu verlängern oder zu wiederholen. Mazen Kerbajs Installation wünscht sich der Berichterstatter gar permanent in einer Berliner Sammlung!

 

Torsten Flüh

 

Mazen Kerbaj

 

MAERZMUSIK 2016
Festival für Zeitfragen

noch bis 20. März 2016

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[1] Peter Cusack: Field Recording as Sonic Journalism. In: Sounds from dangerous places. http://sounds-from-dangerous-places.org/sonic_journalism.html

[2] Julia Gerlach: Transcription. In: Berliner Künstlerprogramm des DAAD: Mazen Kerbaj: Before the war, it was the war. After the war, it is still the war. Berlin, 2016, S. 3.