Flucht und Identitäten im Berliner Dom - Zum Berliner Weihnachtskonzert des Rundfunkchors Berlin

Identität – Flucht – Dom 

 

Flucht und Identitäten im Berliner Dom

Zum Weihnachtskonzert des Rundfunkchors Berlin

 

Am Dienstag veranstaltete der exzellente Rundfunkchor Berlin sein Weihnachtskonzert im Berliner Dom. Und es war keinesfalls nur die farbige Beleuchtung der Säulen mit korinthischen Kapitellen, die den Berliner Dom als ehemalige Oberpfarr- und Schlosskirche aus der Jahrhundertwende in Szene setzte. Was soll ein Berliner Spitzenchor als Konzert zu Weihnachten anbieten? Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach funktioniert immer. Doch der Rundfunkchor Berlin plante vor eineinhalb Jahren sein Weihnachtskonzert anders und ahnte nicht, welche Aktualität das Themen Flucht und Flüchtlinge, Identität und Islam bekommen sollte. Das Konzert wird in der Mediathek von Deutschlandradio Kultur noch vorgehalten.

 

Das musikalische Chorprogramm wurde kombiniert mit Texten von Flüchtlingen, SAID und Navid Kermani. Mit Teilen aus der Chrysosthomos-Lithurgie von Sergei Rachmaninow, einem Lied von Thomas Adès, Gesängen von Rainer Schnös nach Texten von Monzer Masri und Hafis sowie einer Bearbeitung von Franz Xaver Grubers Stille Nacht durch Reiko Füting bewies der Chor unter der Leitung von Nicolas Fink a capella seine außerordentliche Qualität und schlug einen Bogen zur persischen und islamischen Literatur. Die Kombination von szenischem Yalda-Nacht-Fest als persischem Fest zur Sonnenwende am 21. und 22. Dezember und Chorgesängen mit Lesungen von Flüchtlingstexten brachte unter dem Titel »Fürchtet euch nicht!« Ein lichter Abend in dunkler Zeit eine vielstimmige Verheißungskultur für das Weihnachtsfest hervor. 


Foto: Lovis Dengler 

Welch ein Zusammentreffen unterschiedlichster Bilder und Diskurse im Berliner Dom zum Weihnachtskonzert! - Der Berliner Dom ist nicht unbedingt ideal für ein Chorkonzert. Der Kirchenraum ist, weil er sich nach den Wünschen Kaiser Wilhelm II. am Petersdom in Rom orientieren sollte und nach den Plänen von Julius Raschdorff von 1894 bis 1905 erbaut wurde, sehr groß und eine akustische Herausforderung. Der Rundfunkchor Berlin unter Nicolas Fink wusste indessen den Nachteil zum Vorteil zu nutzen. Doch nicht nur die prekäre Architektur und die problematische Akustik machen den Berliner Dom zu einem besonderen Ort. Vielmehr ist er selbst als Personalgemeinde ohne bestimmten Pfarrbezirk seit jeher eine Schnittstelle der Identitäten, Wünsche, Träume und Diskurse, die eher kontrastiv als harmonisierend auf ihn übertragen wurden.

 

Die Superlative des Berliner Doms zu nennen und aufzuzählen, wäre mehr als wohlfeil, weil er auf den Superlativ hin konzipiert wurde. Am Ende des 19. Jahrhundert sollte sich nicht nur des Kaisers Macht, das Adelsgeschlecht der Hohenzollern und Preußen in ihm materialisieren. Der ökonomische, technologische und politische Aufstieg des Deutschen Kaiserreichs mit Berlin als Hauptstadt sollte in ihm nach den Kontroversen der Reichsgründung gleichsam verkörpert werden. Das musste auch ästhetisch schiefgehen. Anstelle des kleineren Berliner Doms nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel, der St. Elisabeth-Kirche vor dem Rosenthaler Stadttor nicht unähnlich, mehr griechischer Tempel als Kirchenbau, musste aus mancherlei Gründen ersetzt werden.

Der wichtigste Grund wurde in der Kombination des gegenreformerischen Barock als Neo-Barock in Kombination mit der humanistischen Hochrenaissance als Neo-Renaissance in Gold und Größe manifestiert: die Homogenisierung der politischen Widersprüche in einer Oberpfarr- und Domkirche für die evangelischen Christen des Deutschen Kaiserreichs repräsentiert im Hof und Beamtentum. Um den Berliner Dom heute in seiner Dysfunktionalität als ein Raum von Kirche, Nation, Kunst, Kultur und Tourismus zu würdigen, genügt es nicht, seine rein materielle Pracht zu bestaunen. Das sogenannte kaiserliche Treppenhaus mit Kandelabern, Marmortreppe, Marmorbalustraden, nazarenischen Fresken und Bibelzitaten, wie „Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“ Johannes 4:24, sollte selbstverständlich besonders prachtvoll ausfallen, da es für den Kaiser gebaut wurde. Ästhetisch ist es eine Katastrophe.   

 

Im Bildprogramm des Doms treten u.a. die Reformatoren Melanchton, Zwingli, Calvin und Luther gewandet nach Lucas Cranach neben die Evangelisten Matthäus und Johannes. Ständig überschneiden sich Neo-Barock und -Renaissance. Angeglichen wird in Kleidung und Gestik, was bei Melanchton, Zwingli, Calvin und Luther durchaus verschieden war. Es ist diese Bildpraxis aus Kombinatorik und Vereinheitlichung, die im Berliner Dom zum politischen wie ästhetischen Programm wird, während gleichzeitig die Unvereinbarkeit von Barock und Renaissance im Historismus unablässig den kunsthistorischen Blick irritiert. Die Engel in der Apsis ersetzen überaus schlank im Modus der Nazarener gestaltet wohlgenährte Barockengel. Die stilistische Invention kratzt ständig am Stilbruch, um ihn zu vertuschen.

Der Berliner Dom konstruiert über Bilder nicht zuletzt eine Identität der Deutschen. Das war durchaus der Auftrag, der ihm durch den Kaiser zugeschrieben wurde. Deshalb gehört die Eisentreppe für die Beamten des Hofes ebenso zur technologischen Errungenschaft wie die Marmortreppe zur Inszenierung der Macht. Die Eisentreppe war ebenso fortschrittlich wie bescheiden dienstlich. Der Fahrstuhl der ebenfalls um 1905 für die Kaiser-Mutter eingebaut wurde, war technologisch der letzte Schrei von Flohr aus der Chausseestraße, der allerdings gleichzeitig zum Standard des Bürgertums in Schöneberg und auf dem Kurfürstendamm gehörte. Die Zerstörung des Berliner Doms im Zweiten Weltkrieg traf nicht nur die Evangelische Kirche in Deutschland, sondern einen Teil der brüchigen, deutschen Identität.

 

Um das kluge und exzellente Weihnachtskonzert des Rundfunkchors Berlin deutlich zu kontextualisieren, sei nur daran erinnert, dass der Dom nach 1945, bald gegenüber dem Palast der Republik gelegen, zu einem Symbol der Evangelischen Kirche in der DDR wurde. Die Domkirchenruine wurde zum Streitfall und Politikum nicht nur der Evangelischen Kirche in Deutschland. Im Politbüro wurde entschieden, den Dom als Devisenbringer wieder aufbauen zu lassen. Das Geld kam aus dem Westen. Nach 1989 war zunächst nicht entschieden, ob überhaupt und wie weit der Berliner Dom wiederaufgebaut werden sollte. Ihn hätte, wenn man streng historisch vorgegangen wäre, auch ein anderes Schicksal ereilen können. Doch selbst die Hohenzollern Gruft unter dem Dom wurde wiederaufgebaut, der Dom nicht nur für die Evangelische Kirche, sondern für die Nation zum kulturellen Erbe erklärt. Dem Domkirchenkollegium als Personalgemeinde gehören auch Vertreter der Bundesregierung, des Senats von Berlin und der EKD an. 


Foto: Lovis Dengler

Der Berliner Dom, um es anders zu sagen, unterscheidet sich von anderen Kirchen in Deutschland dadurch, dass er immer schon und nach 1989 keinesfalls zu einer geringeren Schnittstelle politischer, ökonomischer, technologischer, gesellschaftlicher Bilder und Erzählungen geworden ist. Deshalb dürfen einerseits die Erwartungen an „Das Berliner Weihnachtskonzert“ des Rundfunkchors Berlin hoch und besonders sein, andererseits können es selbst die Tontechniker des Deutschlandradio Kultur nicht bewerkstelligen, wegen der Akustik das szenische Konzert live aus dem Dom zu übertragen. Das ist okay, unterstreicht aber einmal mehr die Schnittstellenfunktion des Berliner Doms. Ohne eine institutionelle Unterstützung auf Bundesebene wären der Dom und seine Gemeinde um die Existenz gebracht.


Foto: Lovis Dengler

Die Formulierung der Verkündigung »Fürchtet euch nicht!« soll und kann nicht nur für die Flüchtlinge aus Syrien gelten, sie sollte auch von den Bundesbürgern und Bürgern Europas  gehört werden. Es fürchtet sich nicht nur, wer auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung ist, vielmehr sind es, wenn nicht pure Aggression, doch auch Ängste, die Argwohn gegenüber Flüchtlingen generieren. Das Chor- und Textprogramm des Konzertes spricht die Ängste an, indem es die Angst vor dem Islam durch andere Töne zumindest überdenken lässt. 

Ausgehend von der christlichen Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium, das berichtet, wie Joseph und die hochschwangere Maria keinen Platz in einer Herberge finden und schließlich im Stall bei den Tieren unterkommen müssen, wollten wir von Menschen erzählen, die heute auf der Flucht sind und bei uns Schutz suchen. Dass die aus Krieg, Terror und Not flüchtenden Menschen nicht nur unsere Hilfe benötigen, sondern umgekehrt mit ihrer Kultur, ihren Festen und Geschichten auch uns bereichern, war Ausgangspunkt der Überlegungen zu diesem inszenierten Konzert.[1] H        


Foto: Lovis Dengler

Susi Wirth und Jürgen Haug lasen und sprachen Texte u.a. von Flüchtlingen, SAID und Navid Kermani. Die Flucht von Homosexuellen wurde ebenso dokumentiert, wie die Vergewaltigungen einer Frau durch Mitglieder des IS. Was im Namen des Islam verbrochen wird, darf nicht auf Flüchtlinge übertragen werden! Gelesen wurde beispielsweise aus »Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime« von Navid Kermani, der im September den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hatte. In seinem schon 2009 erstmals erschienen Band, der in diesem Jahr um seine Kölner Rede am 14. Januar 2015 zum Attentat auf Charlie Hebdo erweitert worden ist, thematisiert Kermani unablässig die Fragen nach dem Wir, dem Islam, der Identität und dem Fremdsein. 

Ich bin Muslim, ja – aber ich bin auch vieles andere. Der Satz »Ich bin Muslim« wird also in dem Augenblick falsch, ja geradezu ideologisch, wo ich mich ausschließlich als Muslim definiere – oder definiert werde. Deshalb stört es mich auch, daß die gesamte Integrationsdebatte sich häufig auf ein Für und Wider des Islam reduziert – als ob die Einwanderer nichts anderes seien als Muslime. Damit werden alle anderen Eigenschaften und Faktoren ausgeblendet, die ebenfalls wichtig sind: woher sie stammen, wo sie aufgewachsen sind, wie sie erzogen wurden, was sie gelernt haben. [2]   


Foto: Lovis Dengler

Fremdsein, sich selbst als fremd wahrnehmen und aushalten zu können, könnte auch der Beginn einer ethischen Haltung sein. Im Berliner Dom nicht Geborgenheit, sondern eine Fremdheit gegenüber dem Bildprogramm, wie der überschwänglichen Verwendung des Goldes zu verspüren, kann auch vor dem gewaltsamen Wunsch nach Homogenisierung schützen. Anlässlich der Ernennung Barack Obamas zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika hat Navid Kermani auch zu bedenken gegeben, dass es in „Europa mit seinem Homogenisierungswahn, von dem es sich auch sechzig Jahre nach seinem großen Kolletkivierungskriegen  nur mühsam befreit, (…) noch lange Zeit benötigen (werde)“, bis eine vergleichbare Karriere möglich werden könnte.[3] Insofern soll das Weihnachtskonzert auch ein Anstoß zum Nachdenken über Weihnachten, Deutschland und Europa sowie Vielfalt statt Homogenität sein.

Sich mit diesem oder jenem zu identifizieren ist also ein normaler Vorgang. Gefährlich wird es, sobald eine einzige Identität bestimmend wird, sobald man nur noch Muslim ist, Christ, Deutscher, Iraner oder meinetwegen Anhänger eines bestimmten Fußballclubs oder eines Popstars. Dann wird aus der pragmatischen Einschränkung, die jede Art von Identifizierung bedeutet, eine reale Verstümmelung der Persönlichkeit. (Kermani, S. 26)

»Fürchtet euch nicht!« ist nicht nur ein Versprechen. Es ist auch ein Auftrag, die als eigene empfundenen Ängste zu überdenken. Nicht aus Angst zu handeln oder Maßnahmen zu fordern, verlangt zuallererst, sich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen. »Fürchtet euch nicht!« als Befehl nimmt die Angst. Das ist allenthalben unbequem. Die Verkündigung der Engel verlangt nach dem Evangelium auch, sich von Ängsten als Wissensformationen zu verabschieden. Fürchtet Euch nicht! 

 

Ein frohes Fest

 

Torsten Flüh

 

»Fürchtet euch nicht!«      
Ein lichter Abend in dunkler Zeit
 

Weihnachtskonzert 

Rundfunkchor Berlin 

Mediathek Deutschlandradio Kultur

 


[1] Bettina Auer: »Fürchtet euch nicht!« In: Rundfunkchor Berlin: Das Berliner Weihnachtskonzert. Berlin 2015, S. 11.

[2] Navid Kermani: »Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime« München: C. H. Beck, 2015, S. 19.

[3]Ebd. S. 145.