Die Bloggerin, das Model, der Weltstar und die Königin - Ein Bericht vom Roten Teppich zur Weltpremiere von THE ONE

Roter Teppich – Prominenz – Dramaturgie

 

Die Bloggerin, das Model, der Weltstar und die Königin 

Ein Bericht vom Roten Teppich zur Weltpremiere von The One im Friedrichstadt-Palast

 

Der Rote Teppich -  Red Carpet –, war bei der Weltpremiere zur neuen Show – The One – im Palast, www.palast.berlin, diesmal grün. Vor der Grand Show kommt die Show auf dem Teppich, der die Welt bedeutet. Oft hat der Berichterstatter ein paar Fotos von den Roten Teppichen in Berlin geschossen, um die Atmosphäre des Events aufzunehmen und Bildmaterial für den Blog zu generieren. Bild wird immer wichtiger für das Internet-Medium Blog. Bild ist Illustrierte, Traummaterial und Business. Das Medien-Format Roter Teppich materialisiert in mehrfacher Hinsicht den Umbruch vom Text zum Bild im Internet.

 
„Foto? Ihr Platz. Photo? Your Place. Glamour Girls! Palast Berlin.“

Dutzende Fotografinnen und Kamerafrauenmänner stehen hinter der Abgrenzung, kämpfen um die vorderen Plätze am Roten Teppich. Promishooting. Celebrities. Die Augen der Öffentlichkeit und der Medien – RBB Abendschau, BILD, EVENTPRESS, GOTCELEB, RTL Explosiv, die von „Mass Injection Website 19“ kontaminierte Website redcarpetsreports etc. – zielen auf die Gesichter und Körper. Der grüne Rote Teppich zu THE ONE bietet nicht nur 7 DINa4-Seiten illustre Namen aus Showbiz, Sport, Wirtschaft und Politik, sondern ebenso etliche Models, einen (Ex-)RTL-Bachelor, Drag Queens, YouTuber und Bloggerinnen. Die Medien und der Rote Teppich befinden sich spürbar im Umbruch. Aber wer war bei der Weltpremiere am Donnerstagabend die unbestrittene Königin?

 
Leonore Bartsch auf dem grünen Roten Teppich.

All right name-dropping 1, also gleich die Namen, denen in der Liste nur der Name steht: Mia, Maren Gilzer, Amanda Lear, Nana Mouskouri, McFitti, Jean Paul Gaultier. Name-dropping 2, fett gedruckte Namen: Arthur Abraham - Boxsportler, Ingo Appelt - Comedian, Marcia Barrett - Boney M., Katrin Bauernfeind - Moderatorin, Michi Beck - Die Fantastischen Vier, Caroline Beil - Moderatorin, Iris Berben - Schauspielerin, Nina Hagen - Sängerin & Schauspielerin, Michael Müller - Regierender Bürgermeister, Klaus Wowereit - ehem. Regierender Bürgermeister, Eberhard Diepgen - Regierender Bürgermeister a. D., Monica Ivancan - Model, Conchita Wurst - Sängerin(!), … Name-dropping 3, keine fetten Namen: Bernhard Blümel (Ben) - Sänger, Björn Casapietra - Opernsänger, Julian Claßen (Julienco) - YouTuber, Andrée Deissenberg - Le Crazy Horse Paris, Vincent de La Tour - Twentieth Century Fox Deutschland, Jonas Ems (JONAS) - YouTuber, Sarah Feingold - Bloggerin, Vreni Frost - Bloggerin, Julia Haupt - Bloggerin, Charlott Tornow - Bloggerin …

 

Andy Warhol nannte das Spiel mit den Namen der Prominenten für sein New Yorker Fotoprojekt von 1979 Exposures [1] wie Publicity, Enthüllungen, Darstellungen mit Christopher Makos name-dropping. Die Fotos vom Roten Teppich und von den Premierenfeiern erhalten allererst ihren Wert mit den Namen der Prominenten. Name-dropping gilt als inhaltsleer, sinnlos und generiert doch gerade Bedeutung. Wer die bekannten, berühmten Namen fast wie nebenbei fallen lässt, wird interessant. Was weiß sie oder er? Es braucht nur das Foto und den Namen so wie es neuerdings im Internet GOTCELEB praktiziert: „Get your daily fix of the hottest celebrity photos on red carpet, in bikini, on vacation and fashion photos from the red carpet, awards shows, events and more.“[2] Foto und Namen drunter. Die Suchmaschinen listen die celebrity photos in den ersten Rängen. Die Verschränkung des Namens mit dem Foto und allenfalls noch Ort bzw. Event reicht als Geschäftsmodell aus. GOTCELEB praktiziert das aktuelle Geschäftsmodell.

  
Julia Wulf, Model (GNTM)

Das Fotoshooting am RT ist das Gegenteil von Paparazziism.[3] Der Paparazzi jagt sein Wild mit der Kamera, um es im Moment der Entstellung zu erlegen. Relativ kurz nach dem Schlussapplaus kam es tatsächlich im Foyer des Friedrichstadt-Palasts zu einer zumindest paparazziartigen Szene. Und weil der Berichterstatter noch nicht die ganze Show sehen, sondern sie nur im Pressezentrum auf der Leinwand verfolgen durfte, war die Paparazzi-Szene als Side-Show so ziemlich der Höhepunkt der Weltpremiere. Ein Foto von dieser Szene mit mehreren Fotografen und Salvador Dalís Muse Amanda Lear gibt es nicht. Der Surrealist Dali malte sie großformatig nackt. Nun rannten die Fotografen rufend wie Paparazzi hinter Amanda Lear her.  Das war dem Berichterstatter zu peinlich, um ebenfalls noch einmal die Kamera zu zücken.

 
Rosa von Praunheim mit Freund.

Die Paparazzi-Szene: Amanda Lear bewegte sich schnellen Schrittes in Begleitung eines wohl 40 Jahre jüngeren Mannes in rustikalem Schick in Richtung Ausgang, als ihr wenigstens 10 Fotografen, Männer, um Posen bettelnd aufdringlich folgten. „Nein, ich will nicht,“ meint der Berichterstatter, der zufällig ebenfalls die gleiche Richtung eingeschlagen hatte, Madame Lear rufen gehört zu haben. Gefühl: peinlich. Kurz vor dem Ausgang aber, blieb die aufreizend gestylte Dame abrupt stehen, stellte sich widerwillig vor ein blödes Plakat und ließ es die Fotografen machen. Grandios!!! Eine ganz große Paparazzi-Szene, obwohl Amanda Lear sich bereits auf dem grünen Teppich hatte fotografieren lassen. Auf dem Roten Teppich ist fast alles erlaubt. Der Paparazzi muss eine Grenze zur Verletzung durch die Kamera überschreiten. Es geht darum sichtbar zu machen, was nicht gesehen werden soll. In Zeiten von Instagram, Twitter und Facebook ist das allerdings auch ein Anachronismus, der trotzdem funktioniert.

 

Seit ihrer Zeit an der Seite von Salvador Dalí und dem fast schon ikonischen Paparazzi-Foto vom 1. April 1969, als einer der originalen Paparazzi, Giancarlo Botti, Salvador Dalí mit Mia Farrow und Amanda Lear in einem, sagen wir, größeren Auto, vermutlich einem Rolls Royce oder Bentley irgendwo in Frankreich oder gar in Paris fotografierte[4], versteht sich die Künstlerin auf den Paparazziismus. Der Medienkünstler, Collageur und Surrealist Salvador Dali sitzt zwischen den beiden Frauen im geräumigen Fond des Wagens. Giancarlo Botti, geb. 1931 und eine Fotografenlegende, gehörte gar zu der Paparazziclique um Tazio Secchiaroli, die in Rom die Berühmtheiten mit ihren Vespas verfolgten und Fellinis La dolce vita (1960) inspirierten. Insofern ist das Foto von Gotti mit Salvador Dalí, Mia Farrow und Amanda Lear aus dem Jahr 1969 natürlich ein inszeniertes.    

 
Yvonne Wölke und Bloggerin.

Das Foto von Amanda Lear mit Jean Paul Gaultier auf dem Roten Teppich wurde sozusagen das Cover für die Weltpremiere von The One auf dem BILD-Promi-Blog: „Premiere der Mega-Show „The One“ in Berlin. Promis feiern Jean Paul Gaultier.“ Und bei BILD kann man sich dann einfach sicher sein, dass das Wording stimmt: „Hoch das Bein und... huch! Designer Jean Paul Gaultier macht Haxen-Faxen mit Sängerin Amanda Lear“.[5] Respekt geht anders.  „Haxen-Faxen“ ist natürlich eine Unverschämtheit sondergleichen. Madame ist mit einiger Sicherheit 1939 geboren, seit über 45 Jahren im Showgeschäft und war die spektakuläre Muse Salvador Dalís. Die Beine und überhaupt sind also für eine Frau im 77. Lebensjahr absolut göttlich und/oder wie das Kleid die Haute Couture von Monsieur Gaultier.

 
Eveline Hall (Model) und Model-Partner.

Der Rote Teppich dient nicht etwa dazu, dass prominente und für göttlich, weil erfolgreich gehaltene Menschen sich mit YouTubern und Bloggerinnen sowie Bürgermeistern etc. vermischen. Vielmehr ist der Rote Teppich selbst ein Showformat mit einer eigenen Dramaturgie. Die großen Roten Teppiche der Oscar Preisverleihung, Grammy, Music Awards, Filmfestspielpremieren wie der Berlinale[6] etc. sind Modenschauen, die dann auf den Online-Ausgaben der Tageszeitungen oder auch schon mal beim SPIEGEL landen können. Dann dürfen die Leserinnen im Ja-Nein-Auswahlverfahren das beste Kleid, den besten Dress und schlechten Geschmack wählen.

 
Kim Hnizdo fotografiert sich und Freundin Elena Carrière mit Fata Hasanovic.

Die Dramaturgie des Roten Teppichs im Friedrichstadt-Palast hat also sehr viel mit einer Modenschau zu tun, weshalb Models, Schauspielerinnen und Sängerinnen wohl den größten Teil seines Personals oder seiner Darstellerinnen ausmachen. Die Modenschau ihrerseits wird seit der Show Yma – zu schön, um wahr zu sein, für die Michael Michalsky 2010 Kostüme entwarf[7], mit dem Revue-Format verknüpft. 2012 folgte Show Me – Glamour is back mit Kostümen von Christian Lacroix[8] und 2014 The Wyld mit Thierry Mugler Couture.[9] Allerdings erreichte der Rote Teppich und seine Dramaturgie im Foyer dieses Mal eine Perfektion und Eigendynamik, die vor dem Revuetheater nicht annähernd erreicht werden konnte. Der Rote Teppich als Modenschau und Schau der Models tritt somit in ein fast zirkuläres Verhältnis.

 
Nina Hagen im beherzten Marsch unter Pfiffen auch an Leonard Frank (Ex-Bachelor) vorbei.

Am Roten Teppich geht es laut und ruppig zu vor allem auf Seiten der Fotografen und Fotografinnen. Zum Fotografieren am Roten Teppich gehört das Rufen. Je lauter die Fotografen rufen, fast schreien, desto größer die Prominenz. Wenn es nicht laut zugeht, sind wir noch beim Warming up oder es gibt eine Länge und fast schon Langeweile. Die Fotografinnen rufen den Darstellerinnen auf dem Roten Teppich Anweisungen zu, um das beste Bild zu bekommen. „Schau hier nach oben!“ „Hier zur Seite!“ „Frecher!“ … Die Anweisungen, die die Fotografinnen geben, als seien sie Regisseure, werden mit dem Klick in Ausdruck verwandelt.

 
Smartphone und Minicam mit Prominenten.

Das Medien-Format Roter Teppich produziert quasi über 60 bis 90 Minuten Ausdruck und Ausdrücke der Darstellerinnen. In den Bildunterschriften oder Textzeilen wird der Ausdruck genuin den Menschen zugeschrieben. Vielleicht überschneiden sich an keinem anderen Ort der Welt der Bilder der Wunsch nach Ausdruck und die Prominenz so sehr wie auf dem Roten Teppich. Natürlich reagieren die Menschen auf dem Roten Teppich auf unterschiedliche Weise. Die einen mehr die anderen weniger sympathisch. Aber im Rattern der Kameras, die heute im Zeitalter des Digitalen keine Negativfilme mehr belichten, wird fast unablässig Ausdruck produziert, der im Nachhinein ausgewählt und meistens auch fototechnisch nachbearbeitet wird.

 
Wolfgang Lippert gibt seiner Frau einen Kuss.

Ausdruck macht Prominenz. Kommt es zu einem besonders starken Ausdruck, dann werden „Haxen-Faxen“ daraus. Die Lautstärke der Zurufe war bei Amanda Lear und Jean Paul Gaultier extrem hoch. Die Zurufe hört man auf dem Foto natürlich nicht. Die seltsame Logik des Schnappschusses vom Roten Teppich mit dem Ausdruck funktioniert erstens mit einer Verzögerung und zweitens auf befehlsartige Zurufe. Daraus wird Prominenz gemacht. Und die Darstellerinnen auf dem RT sind sich dessen bewusst. So kann es sich denn nur eine Ikone(!) wie Nina Hagen leisten, kaum eingetroffen in einem trotzigen Schritttempo an den meisten Fotografinnen vorbeizumarschieren. Sie erhielt dafür ziemlich deutliche Pfiffe, was auch wieder klasse war. Iris Berben verhielt sich ähnlich aber mit der Geste der Grand Dame. Wer nun die Königin war, wird sich noch herausstellen.

 
Roman Lob und Mutter Brigitte Oelke.

Es gibt erstaunlicher Weise keine ausführlichere Kulturgeschichte des Roten Teppichs. Woraus ist der Stoff des RTs gemacht? Selbst die Auskünfte bei Wikipedia in Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch sind sehr schmal. Wiederholt wird der Hinweis auf das antike Drama Agamemnon von Aischylos bemüht. Ein genauerer Hinweis allerdings, wann es zum ersten Mal den RT bei der Oscar-Verleihung gab oder ob es ihn dort schon immer gegeben hat, lässt sich nicht finden. Gab es ihn dort schon immer? Oder wann verwandelte sich die Ankunft der Leinwandstars im Premierenkino zur eigenen Show? Ist der RT gar eine Reaktion auf den Paparazziismus der 50er, 60er und 70er Jahre, als es keine Regeln gab und die prominenten Gäste einfach „abgeschossen“ wurden? Der RT schickt mit den Namen Erzählungen, Gerüchte, Klatsch voraus, um ihn in Bilder zu verwandeln.

 
Barbara Meier, Jean Paul Gaultier, Conchita Wurst mit Managerin im Blitzlichtgewitter.

Das Format Roter Teppich mit einer Art Drehbuch hat sich vermutlich mehrfach gewandelt. Am ausführlichsten ist der englische Wikipedia-Artikel mit dem Hinweis auf einen Besuch des amerikanischen Präsidenten James Monroe im Jahr 1821, bei dem ein roter Teppich ausgerollt wurde. Das knüpfte an die Formulierung im antiken Drama an. Doch offenbar bleibt er mit langer Unterbrechung bis zu den Roten Teppichen bei Staatsbesuchen eher unauffällig. Hermann Robolsky erwähnt wohl einen roten Teppich in seinem Buch Hofleben unter Kaiser Wilhelm II. von 1892, doch diesem wird keine größere Bedeutung beigemessen.[10] Er liegt einfach in der „elektrischen Beleuchtung“, die „sich über die Halle ergießt“ auf einer Treppe. Es ist eben ein roter im Unterschied zu einem anderen dunkelblauen Teppich.        

 
Conchita Wurst nach dem Selfie im Blitzlichtgewitter.

Der Rote Teppich lässt sich medienwissenschaftlich als eine ebenso flüchtige wie stark reglementierte Bild-Text-Praxis formulieren. Er ist ein Vorspiel und der Hauptteil der Bedeutungsgenerierung nicht zuletzt im Filmgeschäft, wenn man an die Live-Schaltungen und Daueraufzeichnungen vom Oscar Red Carpet denkt: „The red carpet is just kicking off at the 2016 Academy Awards and you can watch the live video of all the celebrity arrivals right here!“[11] Im Oscar Red Carpet Video bei YouTube passiert alles und absolut nichts zugleich. Das Agence France-Press (AFP) TV-Video vom Roten Teppich verrät nicht zuletzt deshalb viel über die Praxis, weil nicht gesprochen, nicht gerufen und befohlen wird. Doch gerade dadurch wird das Ereignis als Event-Video zu einer Art Rohmaterial für die Erzählung vom Roten Teppich. Im AFP-Kommentar werden die „celebrity arrivals right here“ versprochen. Doch man muss die Gesichter, Körper und Kleider den Namen und den Erzählungen zuordnen können.

 
Burlesque-Blick mit Bart und Brusthaar.

Bei Staatsbesuchen gehört der Rote Teppich zum Protokoll. Und natürlich überschneiden sich am RT des Showbiz‘ Protokoll und Drehbuch. Das Protokoll lässt sich vor allem als ein Regelwerk der Rangfolge beschreiben. Im Bundesministerium des Inneren gibt es offenbar eine ganze Abteilung, die das Protokoll bei Staatsbesuchen bezüglich der Beflaggung regelt.[12] Der Rote Teppich erfährt entgegen der Beflaggung keine gesonderte Erwähnung. Hinsichtlich protokollarischer Rangfragen gibt das Ministerium allerdings zu bedenken, dass die „Anwendung starrer Rangordnungen … der Vielfalt staatlicher Veranstaltungen nicht gerecht werden“ würde. Und „im übrigen … auch andere große Nationen nicht über offizielle Ranglisten“ verfügten.[13] Der Rang generiert sich somit auf eher elastisch narrative Weise.

 
Conchita Wurst gibt ein Interview für RTL-Explosiv.

Das Protokoll besitzt wegen der „Vielfalt staatlicher Veranstaltungen“ und womöglich auch der Vielfalt der Gäste eine gewisse Elastizität. Der Regierende Bürgermeister von Berlin sowie Kultursenator, Michael Müller und seine Gattin, werden eben durchaus nach Protokoll vom Intendanten des Hauses, Dr. Bernd Schmidt, auf dem RT begrüßt. Im Friedrichstadt-Palast treten dann wegen den Colours of Respect als politisches Statement zwei Drag Queens, Nina Queer und Gloria Viagra, hinzu, um das protokollarische Bild zu rahmen. Erst indem der protokollarische Rang leicht unterlaufen wird, kommt das protokollarisch und politisch korrekte Bild der Vielfalt zustande. 

 
Amanda Lear in Pose.

Die Colours of Respect, die in gewisser Weise in den Farben des Federschmucks auf dem Plakat zu THE ONE wiederkehren, sind ein politisches Statement, das nicht politisch ausgelegt werden will. In Zeiten von AfD und Pegida formulieren sie allerdings seit August 2016 eine klare Haltung. „Die Colours of Respect sind keiner bestimmten gesellschaftlichen, politischen oder sexuellen Richtung verpflichtet. Sie sind ein unabhängiges, politisch neutrales Statement für alle, die sich gegenseitigem Respekt verpflichtet fühlen.“ Ein „politisch neutrales Statement“ ist allerdings eine paradoxe Formulierung, weil ein Statement niemals politisch neutral sein kann. Insofern sind die Revue THE ONE und die Dramaturgie des Roten Teppichs sehr wohl politisch. „Und das ist gut so.“ Es kann und darf gar nicht anders sein.

 
Amanda Lear spricht.

Nun, wer war die Königin? Conchita Wurst schaffte es mit Jean Paul Gaultier nicht auf das Cover der BILD online. Dabei war Conchita Wurst 2014 für Jean Paul Gaultiers Haute-Couture-Kollektion über den Catwalk gelaufen. In einer Art Diner Jackett mit Leggins auf extremen High-Heals reizte Conchita Wurst das ambivalente Geschlechterbild maximal aus. Das Makeup und die Haare erinnerten stark an die Burlesque-Darstellerin Ditta von Teese. Indessen mit männlichem Bartwuchs. Conchita Wurst, die zugleich provozierend mit dem Smartphone Selfies machte, bekommt im nächsten Augenblick einen perfekten Burlesque-Blick hin. Im wiederum nächsten Augenblick am RTL Explosiv-Mikrophone schaltet sie mühelos auf den netten Burschen aus Gmunden in Oberösterreich um. Das war mit Sicherheit die abwechslungsreichste und subtilste Show des Roten Teppichs.

  
Nana Mouskouri und Tochter Hélène Petislas.

Nana Mouskouri kehrte quasi zurück in den Friedrichstadt-Palast. Sie hatte am 24. Juni 1989(!) einen Auftritt im Fernsehen der DDR bei der 99. Ausgabe von Ein Kessel Buntes aus dem Friedrichstadt-Palast. Die Legende Friedrichstadt-Palast wurde mit anderen Worten vom Weltstar Nana Mouskouri verkörpert. Legenden rufen Legenden als vages Wissensformat auf. Nana Mouskouri kommt aus einer Zeit als das Fernsehen war, wie es nicht mehr ist. Der Auftritt im Staatsfernsehen galt als Karrierehöhepunkt. Der Rote Teppich und seine Dramaturgie bot insofern mit Nana Mouskouri als wenigstens einen Höhepunkt gegen Schluss eine vielfältige Erzählung. Nana Mouskouri ließ sich dann auch bereitwillig und freundlich neben ihrer Tochter fotografieren. In ihrer dezenten Freundlichkeit brachte sie durchaus einen Hauch Elisabeth II. auf den RT für die PR.

 
Nina Queer, Frau Müller mit Michael Müller, Berndt Schmidt und Gloria Viagra.

Die Dramaturgie des Roten Teppichs für THE ONE war erstens eine gut ausgefeilte und zweitens facettenreiche zwischen Legenden, Top-Models und Bloggerinnen, deren Prominenz sich nach Clicks bemisst. Jean Paul Gaultier, Amanda Lear und Nana Mouskouri rufen eben auch Erzählungen auf, die wie Legenden funktionieren. Legenden berichten von Ereignissen, die lange zurückliegen, manchmal fast schon vergessen sind, um dann mit einem Schlag wiederzukehren. Sie sind ein Erinnerungsformat. Häufig lässt sich im Moment der Erinnerung nicht genau sagen, woran sie erinnern. Doch im Erinnern steigt die Bedeutung der Legende. Legendenbildung macht, um es einmal so zu sagen, Königinnen. 

 


Horacio und Beata Cifuentes während der Pause.

 

Männer gibt es natürlich auch auf dem roten Teppich wie Sebastian Koch, Leonard Frank, Wolfgang Lippert oder Max Schautzer etc. In der Pause traf der Berichterstatter unter anderem den Tänzer Horacio Cifuentes, der Frauenmann, der für seine bezaubernde Frau Beata nicht nur traumhafte Bauchtanz-Roben stickt, sondern als Mann selbst mit Bauchtanz im eigenen Studio und auf Festivals auftritt. Aber eigentlich ist der Rote Teppich doch ein weibliches Format, für das es eine Königin geben muss. Mit Nana Mouskouri, Amanda Lear, Iris Berben, Conchita Wurst, Nina Hagen und anderen mehr, aber doch vor allem unter diesen gab es eine gewisse Bandbreite bei der Wahl der Königin. Jede war auf ihre Weise eine. Indessen war es vielleicht doch für das deutsche Fernsehpublikum Iris Berben.

 


Iris Berben beim Schlussapplaus, fast schon ein Paparazzi-Foto.

 

Was die internationale Geschichte der Medien und des Paparazziism anbetrifft, war Amanda Lear einfach göttlich. Mit ihr lächelten nicht zuletzt Salvador Dalí und Andy Warhol aus dem Himmel der Medienkünste. – Außerdem: Besser als Oscar Red Carpet! 

 

Torsten Flüh 

 

PS: Eine Besprechung der Grand Show THE ONE folgt in Kürze. 

 

THE ONE 

Friedrichstadt-Palast 

Friedrichstraße 107 

Berlin-Mitte    

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[1] Bob Colacello: Andy Warhol's Exposures. (warholstars.og) 

[2] Leonore Bartsch – The One Grand Show Friedrichstadtpalast Premiere in Berlin. October 7, 2016. In: gotceleb.

[3] Siehe auch: Torsten Flüh: Photographie als Schrift. Literaturwissenschaftliche Anmerkungen zu einem vielfältigen Medium. Saarbrücken: VD Verlag Dr. Müller, 2007, S. 131-148.

[4] Siehe gettyimages Giancarlo Botti „Mia Farrow, le peintre surréaliste Salvador Dalí et Amanda Lear assis à l’arrière de la voiture, en avril 1969, en France.” gettyimages

[6] Vgl. Torsten Flüh: Grandiose Schauspielerexperimente. Aujourd’hui und Cesare Deve Morire auf der Berlinale 2012. In: NIGHT OUT @ BERLIN 12. Februar 2012 21:44. Oder: Torsten Flüh: Das Freiheitsexperiment. Night Train to Lisbon im Wettbewerb der Berlinale 2013. In: NIGHT OUT @ BERLIN 25. Februar 2013 21:37.

[7] Torsten Flüh: Wow! Yma – zu schön, um wahr zu sein im Friedrichstadt-Palast. In: NIGHT OUT @ BERLIN 2. September 2010 23:38.

[8] Torsten Flüh: Unfassbar! SHOW ME mit Oscar Loya im Friedrichstadt-Palast. In: NIGHT OUT @ BERLIN19. Oktober 2012 21:37.

[9] Torsten Flüh: Nofi goes Gaga. Zum Wirbelsturm der Körper-Bilder in THE WYLD im Friedrichstadt-Palast. In: NIGHT OUT @ BERLIN 28. Oktober 2014 19:43.   

[10] Hermann Robolsky: Hofleben unter Kaiser Wilhelm II.. Berlin : Steinitz, 1892, S. 3 und 8.

[11] OSCAR 2016 RED CARPET FULL VIDEO (YouTube)

[12] Protokoll Inland der Bundesregierung: Beflaggung: Staatsbesuch.

[13] Protokoll Inland der Bundesregierung: Protokollarische Rangfragen