Der andere Islam der türkischen Nation - Berliner Cappella führte das Oratorium Yunus Emre zum Deutschen Evangelischen Kirchentag auf

Religion – Türkei – Sterben 

 

Der andere Islam der türkischen Nation 

Berliner Cappella führte das Oratorium Yunus Emre zum Deutschen Evangelischen Kirchentag auf 

 

Eine kurze Nachlese zum 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin hält der Berichterstatter für angebracht, zumal er eine Kirchentagsbesuchergruppe am Donnerstagabend im Ortsteil Gesundbrunnen des Bezirkes Wedding in Mitte zunächst zu einem deutschsprachigen Moscheeverein, zur Synagoge im Jüdischen Krankenhaus und zur evangelischen St. Pauls-Kirche führte. Am Freitagabend hörte er das Oratorium Yunus Emre von Ahmed Adnan Saygun in Türkisch mit der Berliner Cappella, Mitgliedern des Städtischen Konzertchores Winfridia Fulda, ihrem Leiter Carsten Rupp, der Kammersymphonie Berlin und 4 namhaften Solisten unter der Leitung von Kerstin Behnke im Konzerthaus. Der Evangelische Kirchentag vermittelt insofern „das gemeinsame Grundverständnis der großen monotheistischen Religionen“ und „Toleranz“ wie es die Botschafterin des Rates der EKD, Margot Käßmann, im Grußwort zum Konzert formulierte.

 

Was unterscheidet den Evangelischen Kirchentag 1977 in Berlin, an dem der Berichterstatter als Jugendlicher teilnahm, von dem des Jahres 2017? Fast zaghaft und zugleich mutig spendete er 1977 einen Backstein der Aktion Sühnezeichen für ein Dokumentationszentrum in Auschwitz. – Seither hat sich viel verändert, wozu nicht zuletzt gehört, dass 2003 die kleine Synagoge im Jüdischen Krankenhaus Berlin nach einer Restaurierung wiedereröffnet worden ist, die evangelische Pfarrerin Christine Franke als Seelsorgerin der Einrichtung mittwochs einen Psalm liest und den Segen spricht. Denn Judentum und Christentum teilen die Psalme als gesungene Texte. Doch auch Yunus Emres Gedichte erinnern an Klage-, Bitt-, Lob- und Dankpsalme.

 

Im Jüdischen Krankenhaus Berlin, das sich schon im 19. Jahrhundert nicht allein auf Patienten jüdischen Glaubens beschränkte, steht zur Seelsorge muslimischen Patienten ein Geistlicher der DITIB-Yunus Emre Moschee zur Verfügung. Auch ein katholischer Pfarrer und ein orthodoxer Rabbiner können um Beistand gebeten werden. Denn auf die eine oder andere Weise stellen sich Menschen im Krankenhaus dann doch Fragen nach ihrem Leben. Deutschland ist in den letzten 40 Jahren religionsferner geworden. Das gilt auch für die türkische Freundin Nadje, für Remzi und Kati im Wedding und andere muslimische Menschen in Berlin. Doch in den Krankenhäusern und Hospizen des multikonfessionellen Staates haben sich andere, interkonfessionelle Formen der Seelsorge und Sterbebegleitung herausgebildet. Ganz ohne Begleitung will doch niemand sterben. Doch sind deshalb die Kosten für den Kirchentag gerechtfertigt?

 

Die Kosten für einen Kirchentag sind Peanut-Krümmel gegen den wöchentlichen, nein, fast täglichen Polizeieinsatz für die mächtigste, europäische Religion und deren Fußballspiele der ersten und zweiten Bundesliga sowie der 3. (überregionalen) Liga. Schon bei den Spielen von Holstein Kiel in der 3. Liga gab es einen polizeigesicherten Shuttle Service, einen Polizeihubschrauber, der mehrere Stunden über Kiel kreiste und Hundertschaften, die den Hauptbahnhof sicherten. Jetzt ist Holstein Kiel in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Ab jetzt wird’s lustig mit dem führenden Handballverein THW und Holstein Kiel. Fußball – und das heißt börsennotierter Hochkapitalismus mit Optionsscheinen bei Kursverfall[1], wie es der Attentäter von Dortmund in Erinnerung gerufen hat – ist ganz gewiss die mächtigste, wohl auch gnadenlose Religion, die vom Staat subventioniert wird. Die Kathedralen des Kapitalismus in Europa sind Fußballstadien.

 

Selbst die Kunst wie sie sich im 19. Jahrhundert als säkulare Religion insbesondere mit Victorien Sardous Melodram Tosca und Richard Wagners Parsifal herausbildet, um in Giacomo Puccinis Oper Tosca dauerhaft verwirklicht zu werden, wie sich kürzlich mit der Besprechung der Aufführung durch die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle entfalten ließ, bleibt heute vom Finanzvolumen weit hinter dem Fußball zurück. Die Funktion der Religion in der Moderne nach der Französischen Revolution und im säkularen Staat, wie ihn Hegel formuliert, wird eine andere als im konfessionellen Staat. In den eher aufgeschobenen als abgeschlossenen Vorlesungen über die Philosophie der Religion, die Philipp Konrad Marheineke nach Hegels Tod 1831 postum 1832 aus Mitschriften veröffentlicht, wird die Religion einleitend dem Wissen der Völker zugeschrieben, bleibt aber bezüglich der Funktion im Staat undeutlich. 

Alle Völker wissen, daß das religiöse Bewußtsein das ist, worin sie Wahrheit besitzen und sie haben die Religion immer als ihre Würde und als den Sonntag ihres Lebens angesehen. Was uns Zweifel und Angst erweckt, aller Kummer, alle Sorge, alle beschränkten Interessen der Endlichkeit lassen wir zurück auf der Sandbank der Zeitlichkeit, und wie wir auf der höchsten Spitze eines Gebirges, von allem bestimmten Anblick des Irdischen entfernt, mit Ruhe alle Beschränkungen der Landschaft und der Welt übersehen, so ist es mit dem geistigen Auge, daß der Mensch, enthoben der Härte dieser Wirklichkeit, sie nur als einen Schein betrachtet, der in dieser reinen Region nur im Strahl der geistigen Sonne seine Schattirungen, Unterschied und Lichter, zur ewigen Ruhe gemildert, abspiegelt.[2] 

 

Die Funktion der Religion im säkularen Staat bleibt selbst in den von Marheinecke herausgegebenen Vorlesungen eine kaum ausgestaltete. Stattdessen wird sie für das Wissen der Völker von sich selbst als „ihre Würde“ und „Sonntag ihres Lebens“ formuliert, um sogleich aus einer metaphorischen „Landschaft“ heraus, auf die „höchste() Spitze eines Gebirges“ gesetzt zu werden. Das Problem der Religion im säkularen Staat wird insbesondere von Marheineke in das Wissen der Völker von sich selbst verlegt. Mit dieser Formulierung wird gleichsam das Volkswissen zur Religion für die Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts. Zugespitzt: Weil sich das Problem der Religion im modernen Staat nicht lösen lässt, wird es auf säkulare Weise zum Nationalismus verschoben. Fußball konnte Marheineke noch nicht denken.

 

Die interreligiöse Führung durch den Wedding anlässlich des Kirchentages begann mit einem Hinweis auf das Wandbild mit den Gebrüdern Boateng gegenüber der evangelischen St. Pauls-Kirche an der Ecke Pank- und Badstraße. Die Fußballmillionäre Jérôme, Kevin-Prince und George Boateng haben ganz in der Nähe im sogenannten Käfig an der Panke gebolzt. „3 United Gewachsen auf Beton“ steht seit 2013 mit dem dezenten Nike-Logo auf der Brandwand. Man könnte das ein Volkswissen des Gesundbrunnens nennen, das als Guerilla-Marketing aufgeht, um mindestens so effektvoll wie die von Karl Friedrich Schinkel 1834 entworfene Dorfkirche St. Pauls für den Gesundbrunnen zu werden. Fußball als Wissen der Völker und „religiöse(s) Bewußtsein“ an den durch Körpereinsatz beglückenden Kapitalismus generiert seine eigenen Mythologien und großflächige Bilder. Er wird derart respektiert, wenn nicht gar verehrt, dass die Portraits der kapitalistischen Heiligen nicht mit Graffiti verletzt werden.

 

Man könnte Fußball die (un)sichtbare Religion nennen, die wenigstens für ihre Fans oft genug Lebensinhalt oder -sinn ist und religiöse Rituale wie die Schmähung von Sündern annimmt. Vor diesem Hintergrund stellen die Rituale und Veranstaltungen des Deutschen Evangelischen Kirchentages eher ein friedvolles, gesellschaftliches Gegengewicht dar, das sich in vielen Bereichen gesellschaftlich engagiert. Während die bundesdeutsche Gesellschaft in einem hohen Maße säkularisiert ist, sind es doch gerade jene Teile, die den Islam als feindliche Religion schmähen und durchaus bekämpfen. Dass bestimmte islamische Reaktionen durchaus als antikapitalistische Bewegungen begonnen haben, soll nur zu bedenken gegeben werden. Doch auch die Diskussion einer Teilnehmerin der Kirchentagsgruppe mit einem Angehörigen des deutschsprachigen Moscheevereins mündete schnell in einen Streit, ob muslimische Lehrerinnen mit Kopftuch unterrichten dürfen sollten. In dem Moment wird dann Deutschland immer zu einer christlichen Kultur selbst für diejenige Überzahl, die wegen der Kirchensteuer längst ausgetreten sind, was zu denken geben sollte.

 

In diese gesellschaftliche Situation zwischen Kapitalismus, Christentum und Islam bricht dann das Oratorium, fast schon ein Requiem, des türkischen Komponisten Ahmed Adnan Saygun als eine ganz andere Möglichkeit des interkulturellen und in gewisser Weise interreligiösen Austausches als Modernisierungsbestreben ein. Saygun begann sein Oratorium in drei Teilen 1942 zu komponieren. Am 21. Mai 1946 wurde es in Ankara uraufgeführt und am 25. November 1958 erklang es unter der Leitung des amerikanischen Stardirigenten Leopold Stokowski im Saal der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Am 4. September 1991 wurde es vom Chor und Orchester der Ankara Staatsoper und Ballett beim Papst Johannes Paul II in Castel Gandolfo aufgeführt. Das Oratorium mit Versen des islamischen Mystikers Yunus Emre, der im Mittelalter in der Türkei lebte, machte insofern eine gewisse Karriere und regte wiederholt einen interreligiösen Dialog an, obwohl es heute kaum aufgeführt wird. Umso mehr ist es der Berliner Cappella, deren Vorstandsmitglied Berkan Zerafet die Einstudierung und Aufführung nicht zuletzt als Kommentar zu aktuellen Entwicklungen in der Türkei vorschlug,  und ihrer künstlerischen Leiterin Kerstin Behnke zu danken, dass sich am letzten Freitag im Konzerthaus erstaunliches in Türkisch hören ließ.

 

Die Quellen des Oratoriums in drei Teilen entspringen den anatolischen Volksmelodien ebenso wie den Gedichten Yunus Emres und der europäischen, ja, man muss schon sagen, deutschen Kirchenmusiktradition bzw. ihren Kompositionsschemata. Der türkische Musikhistoriker und Experte für Ahmed Adnan Saygun, Emre Araci, war für die Aufführung und das Einführungsgespräch mit Kerstin Behnke extra aus Großbritannien angereist, wo er seit 1987 lebt und arbeitet. Kerstin Behnke erwähnte gar in ihrem Gespräch, dass Araci mit großer Freude bei Proben habe mitsingen wollen und dürfen. Emre Araci erklärte das Oratorium eher in einer musikhistorisch-biographischen Weise. Doch es lässt sich auch in einem größeren kulturgeschichtlichen Kontext thematisieren. Es geht nach dem endgültigen Untergang des Osmanischen Reiches 1922 und der Entstehung der Republik Türkei durch Kemal Atatürk um die Formulierung einer türkischen Identität.

  

Ahmed Adnan Saygun begründet, protegiert seit 1934 durch Atatürk als Präsidenten, nicht zuletzt mit dem Oratorium Yunus Emre in gewisser Verspätung musikalisch die türkische Identität, die nicht zuletzt mit einer „Philosophie der Religion“ korrespondiert. Die Identitätsbildung verfährt dabei nach den Programmen der Moderne, wie sie sich im 19. Jahrhundert in Europa herausgebildet haben und in der Musik von Béla Bartók ab ca. 1900 für eine nationale Volksmusik durch Feldforschungen und Aufzeichnungen mit dem Phonographen genutzt wurden. 1936 reiste Bartók durch Anatolien und wurde von Saygun begleitet. So sind es denn insbesondere anatolische Melodien, die Saygun leitmotivisch in seinem Oratorium als Wissen des Volkes verwendet. Yunus Emre wird ganz nach Marheinekes Hegellektüre als türkischer Mystiker des Mittelalters zum Volks- und Textdichter der modernen, säkularen Türkei.

 

In seiner Einführung schreibt Emre Araci die hegelianische Musikprogrammatik Sayguns detailliert fort. Es geht nämlich um einen Prozess der Harmonisierung oder auch Homogenisierung von Moderne, Regionalismen und Geschichte der Türkei als Erbe des Osmanischen Reichs. Wo die Grenzen der türkischen Nation gezogen werden können, hängt auch davon ab, was sich als Volk harmonisieren lässt. Araci führt dafür den Philosophen Ziya Gökalp (1875?-1924) an, der „eine(n) starke(n) Nationalismus“ gepredigt habe, den Saygun seinerseits mit seiner Kompositionsweise folge. 

In seinem Buch The Principles of Turkism, das einen Entwurf für die Revolution darstellt und Atatürk wesentlich beeinflusste, schreibt Gökalp: „Wir dürfen nicht die Werke europäischer Komponisten kopieren, sondern müssen Methoden und Techniken moderner Musik erlernen, mit deren Hilfe wir die Melodien harmonisieren müssen, die unser Volk singt. …“[3]      

  

Die Voraussetzung eines Volkes, die von Hegel/Marheineke für die Moderne formuliert wird, das eine „Wahrheit besitz(t)“, ist bei Gökalp keinesfalls gesichert. Vielmehr braucht es „Methoden und Techniken …, mit deren Hilfe … die Melodien harmonisier(t)“ werden „müssen“. Selbst die anatolischen Melodien aus dem Volk und den Dörfern müssen harmonisiert werden, damit sie zu einer Religion des türkischen Nationalismus gemacht werden können. Anatolien zwischen Izmir an der Ägäis, wo Saygun geboren wurde, Antalya, Ankara, den Bergdörfern und Samsun im Norden wird im Oratorium Yunus Emre nach Emre Araci mehr als „eine() Art oberflächliche Collage“ aus türkischen Melodien und westlicher Tonsprache.[4] 

Die Art und Weise, in der er dieses Gleichgewicht erreichte, bestand darin, jede exakte Reproduktion von Material der Volksmusik zu vermeiden; stattdessen schuf er seine eigene melodische Linie, die deren Eigentümlichkeit widerspiegelt.[5]

 

Im Kontext des Zweiten Weltkrieges, in dem sich die Türkei neutral verhielt, nehmen die mystischen Texte von Yunus Emre für Ahmed Adnan Saygun einen anderen Klang an. In der Übersetzung von Max Meinecke wird der erste Abschnitt des ersten Teils zu einer Klage über den Krieg und die Kriegstoten. Das heißt auch, dass die islamische Mystik zum Wahrnehmungsmodus in der Moderne unter den Bedingungen der Nation wird. 

Als die zarte graue Dämmerung heraufstieg, Gräber sah ich. 

In der schweren dunklen Erde hingestreckt leblos, Körper sah ich. 

Verlassen sind Sommerhügel, 

Die Feuerstellen leer und kalt, 

In Ihren nun stummen Mündern verfault, die Zungen sah ich. 

Blicklos sind die schönen Augen, die glänzende Stirn matt und kalt, 

In der schweren dunklen Erde ausgestreckt hilflos, Hände sah ich.[6]

 

Mit dieser Eröffnung und der musikalischen Ausarbeitung als islamische Mystik stellt sich unvermittelt für die Chor- und Orchesterpartie durch Hören der Gedanke an Johannes Brahms‘ Deutsches Requiem ein. Das Ich formuliert sich durch die Wahrnehmung des Todes und der Toten in der Abenddämmerung. Es wird mit seiner eigenen Endlichkeit konfrontiert. In den Bildern der Leblosigkeit, der Leere und der Kälte ist das Ich, das sah, auch ein verlassenes und einsames. Gleich Psalmen der Klage artikuliert sich ein Ich in seiner Endlichkeit von Kummer, Sorge, Hilflosigkeit und Angst, um dem Grauen der Zeitlichkeit zu entkommen. Die „Welt“ und „Wirklichkeit“ kann kaum denn in Gott verbessert werden. Gott bzw. Allah wird in einer Welt, die sich im vormodernen Denken keinesfalls verbessern lässt, zum Adressaten und Zukunftsversprechen.  

Yalnci dunyaya konup göçemler

Ne söylerler ne bir haber verirler; …

Die diese schnöde Welt für immer verließen,

Sie sagen kein Wort, geben kein Zeichen; …[7]

 

 

Die Mystik hat nicht zuletzt ihren Ursprung darin, dass die „Welt“ stumm und zeichenlos bleibt oder wird. Die Welt und Wirklichkeit wird dem Mystiker zum Schrecken und zur Dunkelheit. Sehr salopp formuliert: sterbenslangweilig. Ahmed Adnan Saygun hat diesen Ausgangspunkt der islamischen Mystik bei Yunus Emre in einer symphonischen Klangbreite entfaltet. Im Wechsel von Chorälen einer musikalisch-protestantischen Herkunft mit Arien wird eine „mystische Reise“ (Emre Araci) vom trostlosen Diesseits in ein mystisch-vielversprechendes Jenseits angetreten. Einerseits entspricht diese „Reise“ zum „Lux aeterane“, zum ewigen Licht, dem Kompositionsschema des Requiems[8], andererseits findet sich darin die islamische Mystik des Sufismus wieder. Sie wird im dritten Teil des Oratoriums mit dem Einbruch des Lichts und dem größten Aufwand von Solisten, Chor und Orchester ausgestaltet. 

Allah! Allah! Allah!

Varlik çün seber kildi,

Dost andan bize geldi,

Viran gönnül nur doldu,

Cihanim yağma olsun!

Mein Herr! Mein Herr! Mein Herr!

Heil hat sich zu mir gebreit‘,

Freund, mein Freund ist kommen zu uns,

Zerstörtes Herz ist Lichtes voll,

Davon getragen sei’n alle Dunkel![9]

 

Die Gemeinschaft in „Allah“ wird erst im Jenseits gewonnen, weshalb im fast hymnischen zwölften Abschnitt Solisten, Chor und Orchester in Harmonie aufgehen. Die Gemeinschaft mit dem Volk findet der Einzelne nur in seiner Freundschaft zu Allah. Es ist nicht nur ein Versprechen an den Einzelnen, vielmehr vollendet sich die türkische Nation als Gemeinschaft allererst in ihrer Freundschaft mit Allah. Indem Saygun mit der europäischen Musiksprache im zwölften Abschnitt das mystische Heilsversprechen quasi transponiert, wird es säkularisiert und nationalisiert. Obwohl – und dieser Trick ist durchaus beabsichtigt – die internationalen Zuhörer die türkischen Verse nicht verstehen, können sie in der Verknüpfung mit der fast brahmschen Musiksprache, der musikalischen Dynamik und ihrem Höhepunkt sehr wohl folgen.

 

Natürlich dürfte die Besetzung der Solostimmen mit einem Bass (Stephen Bronk) und einem Tenor (Kerem Kürkçüoğlu) sowie Alt (Dorothe Ingenfeld) und Sopran (Jilkin Alpay) weder einem strengen Sufismus, noch einem fundamentalistischen Islam entsprechen. Doch gerade darin, wie in der Behandlung der Frauen- und Männerstimmen im Chor, liegt eine entscheidende kompositorische Operation des Komponisten Saygun in der Moderne. Die Aufführung unter der Leitung von Kerstin Behnke wurde zu Recht im Konzerthaus gefeiert. Die Solisten waren ebenso überzeugend wie der Chor und das Orchester. In der Berliner Chorlandschaft und darüber hinaus haben die Berliner Cappella als Laienchor und die Kammersymphonie Berlin ihre Qualität im Bereich der großen Chorsymphonik von Brahmschen Format brillant unter Beweis gestellt. Und das auf Türkisch zum 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag und dem Reformationsjubiläum! 

 

Torsten Flüh 

 

Nächstes Konzert: 

Berliner Cappella 

Über die Zeiten 

Henryk Mikolyj Górecki: Sanktus Adalbertus op. 71 (Deutsche Erstaufführung) 

Maurice Duruflé: Requiem op. 9 

15. September 2017 

Konzerthausorchester 

Leitung: Kerstin Behnke 

Konzerthaus Berlin    

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[1] stk: Attentat auf BVB-Bus. So funktionieren Optionsscheine. In: Der Spiegel Freitag, 21.04.2017 11:55 Uhr.

[2] D. Philipp Marheineke (Hg.): Georg Friedrich Wilhelm Hegel’s Vorlesungen über die Philosophie der Religion. Erster Teil. Berlin: Duncker und Humblot, 1840, S. 5.

[3] Emre Araci: Ahmed Adnan Saygun und sein mystisches Oratorium Yunus Emre. In: Berliner Cappella: DEMLICHTENTGEGEN Yunus Emre op. 26. Berlin, 2017, S. 9.

[4] Ebenda S. 10.

[5] Ebenda.

[6] Ahmed Adnan Saygun: Yunus Emre. In: Berliner Cappella … [wie Anm. 3] S. 12.

[7] Ebenda.

[8] Siehe auch Torsten Flüh: Requiem für einen Atheisten. Claudio Abbado dirigiert Das Lied von der Erde und spricht über Politik. In: NIGHT OUT @ BERLIN 20. Mai 2011 22:55.

[9] Ahmed Adnan Saygun: Yunus … [wie Anm. 6] S. 17.