Ordnung hacken - Zum Kultur-Hackathon COD1NG DA V1NC1

Hacker – Daten – Ordnung  

 

Ordnung hacken 

Zum Kultur-Hackathon {COD1NG DA V1NC1} 

 

Lockere Stimmung am Knotenpunkt. Mehr Leute sind zum „Auftakt der Daten, Institutionen und Hacker“ gekommen, als es Stühle im Raum Mosaik gibt. „HEREINSPAZIERT“ steht über dem Eingang in den Räumen von WIKIMEDIA Deutschland am Tempelhofer Ufer. Barbara Fischer von Wikimedia begrüßt die Vertreterinnen der 33 Institutionen aus ganz Deutschland mit 45 Datensets auf den USB-Sticks, Tablets und Notebooks. In schneller Taktung stellt sie die Mitarbeiterinnen und Kooperationspartnerinnen vor. Aus der Senatskanzlei Kulturelle Angelegenheiten und der Senatsverwaltung Wirtschaft, Technologie und Forschung sind die Mitarbeiterinnen in erfreulicher Stärke erschienen. Barbara Fischer lässt Tim Renner, Staatssekretär für Kultur, ein kurzes Grußwort sprechen.

Die Taktung der Zeitfenster ist hoch. Zeit ist nicht zu verlieren. Vielleicht ist das schon der deutlichste Wink auf den Modus der Veranstaltung. Hacker müssen vor allem schnell sein, schneller als Sicherheitsanbieter im Netz. Hacker müssen immer vorneweg sein. Hacker sind Datenjunkies. Und hier wird ein Hackathon als Kombination aus englisch schnellem Hacken und langem Marathon veranstaltet. Es geht um viel Holz, könnte man sprichwörtlich sagen. Viel Holz sind 42 Datensätze mit sehr viel Bits aus dem Bereich Kultur an der Schnittstelle von Kultur, Wissenschaft und Literatur. Die Stoppuhr auf den Seiten von {COD1NG DA V1NC1} läuft. Start am 25. April, Ende am 5. Juli. Oder ist es doch eher eine Taschenuhr? Entwickler-, Designer- und Gamescommunity dürfen und sollen Kulturdaten hacken, anders ordnen.

 

Mit dem Kultur-Hackathon soll nutz- und verwertbar gemacht werden, worüber andernorts heftige Diskussionen zum Urheberrecht stattfinden. Die Urheberechte sind hier weitestgehend geklärt. Die Daten, die zur Verfügung gestellt werden, sind gemeinfrei, CC-BY, CC-BY-SA, CCO oder Public Domain lizensiert. {COD1NG DA V1NC1} greift praktisch auf, was bereits mit der Nachhaltigkeit in der Digitalen Welt (Juni 2013) und der Konferenz Zugang gestalten (Dezember 2013) diskutiert wurde. So gehört denn auch das Jüdische Museum Berlin mit einem Datenset von Hermann Struck (1876-1944) mit 516 Grafiken zu den Themenbereichen Erster Weltkrieg, Zionismus, Reisen, Porträts zu den Kooperationspartnern.

Museen, Datenbanken, Archive, Bibliotheken gelten für das Projekt als Kulturträger und Hüter von Datensets. Die Kulturträger haben fleißig digitalisiert. Die digitalen Archive quellen mehr oder weniger über. Aber: Wie können Daten anders verknüpft werden, als sie es bereits sind? Es geht mit anderen Worten beim Hackathon nicht um Datenklau oder Zerstörung durch Viren, sondern um literarische Prozesse des Umschreibens. Welche anderen Verknüpfungen und Sequenzierungen lassen sich aus den Datensets generieren? Das ist eine wichtige Frage für das Wissen im Zeitalter des Digitalen.

  

Selbst wenn es für das Format Hackathon, das mit semantischen Verweisen des Hackers auf die Grenzen zur Illegalität und zum Abenteuer spielt, fast ein wenig brav klingt, geht es doch entschieden darum, Erzählungen anders herzustellen, andere Verknüpfungstechniken zu erproben. Die Daten der Archive wie beispielweise der „Fotonachlass von Karl Lutz“ in der „Abteilung kulturelles Erbe“ des Stadtarchivs Speyer lassen sich im Bildformat von flickr mit 4.423 Elementen auf 45 Seiten einsehen. Die für {COD1NG DA V1NC1} zugänglich gemachten Daten sind umfangreich und in gewisser Weise auch ungeordnet, obwohl Karl Lutz sich als Archivar verstand. Wie ließe sich dieses ebenso persönliche wie zeitgeschichtliche Archiv anders ordnen? 

Bemerkenswert an diesem Bestand ist die Sichtweise eines Fotografen, der von Beruf Archivar ist. So hatte Karl Lutz kein Interesse daran, Bilder zu Propagandazwecken aufzunehmen, sondern fotografierte aus der Sicht des aufmerksamen Beobachters. Davon zeugen auch spezielle Bildmotive, wie zum Beispiel eine Serie von Straßen-­ und Hinweisschildern. Auch die professionelle Beschriftung der Bilder ist eher ungewöhnlich. Die Bilder sind datiert, weitere Informationen konnten teilweise durch Vermerke und Recherchen der Bearbeiter erschlossen werden.  

Im Minutentakt stellten die Institutionen von der Abteilung Kulturelles Erbe des Stadtarchivs Speyer über das GRIPSTheater Berlin mit einem Datenset der monatlichen Coverzeichnungen im Format der Karikatur zwischen 1975 und 2000 von Rainer Hachfeld bis zum Datenset der 43.000 Siegelmarken aus der Zeit von 1850-1945 des veikkos-archivs vor. Ordnung und Unordnung bzw. bisweilen irritierende Ordnungen der Archivierung bilden sozusagen das Material eines kulturellen Erbes in bereits digitalisierter Form, das im Kultur-Hackathon nach Ordnung ruft. So heißt es zum veikkos-archiv: „Erstmalig besteht die Möglichkeit einen Gesamtkatalog dieser Marken zu erstellen und die vielen Fragen rund um die Thematik der Siegelmarken durch die Gemeinschaft zu lösen.“  

Es ist die schiere Masse des Archivierten, die ebenso in staunende Bewunderung versetzt, wie sie eine Unübersichtlichkeit erzeugt. Doch was mit 43.000 Elementen noch einmal wesentlich unübersichtlicher ist als die 4.423 Elemente aus dem Fotonachlass von Karl Lutz, hatte als Siegelmarke eine ordnende und Ordnung schaffende Funktion. Was die Siegelmarke beispielsweise des Magistrats der Stadt Lehrte trug bzw. damit als Brief z. B. versiegelt war, hatte Rechtskraft. Ärztliche Befunde wurden mit einer Siegelmarke des 1. Garnisonarztes in Berlin verschickt und konnten vermutlich durchaus über Leben und Tod entscheiden. Anders gesagt: das veikkos-archiv an der Schnittstelle von Bild, Wappen, Schrift, Schriftstück, Hoheitszeichen und Rechtsakt harrt seiner Ordnung und Geschichte.

Beim Kultur-Hackathon geht es nicht zuletzt darum, Daten und Metadaten anders zu formulieren oder auch formatieren. Denn die Daten beispielsweise der Gemeinsamen Normdatei (gnd) aus der Deutschen Nationalbibliothek unterliegen einem Schema, das sich seit der Gründung der Vorgängerinstitution Deutsche Bücherei in Leipzig 1912 zum „Gedächtnis der Nation“, wie es im Jubiläumsvideo heißt, entwickelt hat. Auch für die Deutsche Nationalbibliothek geht es nach ihrer Bibliothekarin Anke Meyer-Heß darum, wie sich die schiere Masse „in den Griff bekommen“ lässt.  

Zwischen der Masse des Gedächtnisses der Nation oder auch Gedächtnismasse und den Modi ihrer Aufarbeitung reißt die Frage nach dem Verhältnis von Vergangenheit, einem verfügbaren Wissen der Gegenwart und einem „Meistern“ der Zukunft, wie es der Kulturstaatsminister Bernd Neumann im Video 2012 formuliert, auf. Die stark formalisierte Gemeinsame Normdatei generiert Masse, die ein Gedächtnis erzeugt, das seinerseits durch Verlage und Bibliotheken hoch institutionalisiert ist. Doch wie lässt sich die Gedächtnismasse der DNB nutzen, wenn es nicht nur um eine Abfrage von Daten beispielsweise zu den Veröffentlichungen einer Person gehen soll? 

In der ersten Runde der „Datenrotation“ wurde im Raum Alphabet Spot 6 die Gemeinsame Normdatei vorgestellt. Im durchgetakteten Rhythmus von 10 Minuten Präsentation, 5 Minuten Q&A und 5 Minuten switch wurde auch die Gemeinsame Normdatei, und was sich mit ihr anstellen lassen könnte, ins Rotieren gebracht. Die Institutionalisierung der Deutschen Nationalbibliothek und die Masse an Schriftproduktion reißen dabei als ein entschiedenes Problem für das Gedächtnis auf. Denn die DNB bleibt mit ihrem Anspruch auf Erstellung und Repräsentation eines Gedächtnisses der Nation dezidiert den (vermeintlichen) Holzmedien verhaftet. Auf den Begriff der Holzmedien und seinem Wandel wird später zurückzukommen sein. Zunächst einmal soll allein auf das Problem der Masse eingegangen werden. 

Das Problem der Masse, wie es sich nicht zuletzt mit den ca. 10 Millionen Datensätzen der DNB stellt, die sich aus der Kooperation mit  allen Bibliotheksverbünden des deutschsprachigen Raums, der Zeitschriftendatenbank (ZDB) und zahlreichen weiteren Institutionen generieren, verweist auf einen Bedeutungswandel des Begriffes Masse. Denn die Masse wird als ein berechenbarer Gegenstand allererst in der Aufklärung mit D’Alembert und der Enzyklopädie formuliert und gelangt über Johann Christoph Adelung um 1800 in die deutsche Sprache, wie im Mai 2013 einmal besprochen wurde. Die Berechenbarkeit der Masse macht sie zu einem Gegenstand des Wissens, wobei sie im 20. Jahrhundert immer dann in Gebrauch kommt, wenn gerade von Unberechenbarem einer Menschenmasse oder der Masse Mensch gesprochen wird. In der Masse verschwindet ein bestimmbares, nennbares Einzelnes, das sie dennoch wie in der DNB aufbewahrt. 

Mit den Holzmedien, wie es die Journalistinnen Alexandra Föderl-Schmid, Standard, Pascal Thibaut, Radio France, Moritz Müller-Wirth, Die Zeit, Philip Oltermann, Guardian, am 10. März 2015 im medienpolitischen Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung unter dem Titel „Europa in den Medien – Medien in Europa“ formulierten, wird einerseits versucht, eine Unterscheidung der Medien nach ihrer Materialität herbeizuführen, worauf unlängst eingegangen wurde, und andererseits folgenreich für das „Gedächtnis der Nation“ ein mediales Unterscheidungskriterium für Institutionen aufrecht gehalten. Die DNB ist insofern mit ihren Gemeinsamen Normdateien durchaus problematisch verkoppelt, als ihr wenigstens ein Großteil des Digital Publishing und Self Publishing entgeht.  

{COD1NG DA V1NC1} als Kultur-Hackathon gibt durchaus einen Wink auf einen weitreichenden Umbruch in der Datenpraxis. Wie mit Daten umgegangen wird, wie sie erhoben, verlinkt und zugänglich gemacht werden, generiert nicht weniger als ein national formuliertes Gedächtnis und Erbe. Ein Beispiel? ─ Unter ─ die Leserinnen von NIGHT OUT @ BERLIN mögen es nachsehen, doch diese Probe lag aus rein zeitlichen Gründen nah ─ Torsten Flüh finden sich wohl zwei „Holzpublikationen“ und die „Elektronische Ressource“ der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg nicht aber der Blog NIGHT OUT @ BERLIN und die Publikationen der Kindle Edition.[1] Das soll hier lediglich als Beispiel für das aktuelle Ordnungsproblem der Medien und Institutionen für ein „Gedächtnis der Nation“ angeführt werden. 

Das Museum für Naturkunde Berlin hat mit den Bilddateien aus der Ehrenberg Collection ein wissenschaftsgeschichtlich und wissenschaftspraktisch überaus anregendes Datenset für den Kultur-Hackathon freigegeben. Seit 1999 wurden die Zeichnungen von Christian Gottfried Ehrenberg (1795-1876) als JPG-Dateien digitalisiert. Diese Zeichnungen, die nach dem Tode Ehrenbergs aus dem Nachlass in das Archiv des Museums gelangten, sind ein entscheidendes Scharnier in der Herausbildung der Mikrobiologie an der Schnittstelle von Literatur, Handzeichnung, Zeichenkunst, Paradigmen der Sichtbarkeit, medientechnischen Umbrüchen, Wissen und Wissenschaft. In ihnen erscheint von Hand allererst, was auf Kupfertafeln seit 1830 bzw. 1832 mit den Abhandlungen der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin[2] im Druck publiziert wurde. 

Es ist zunächst auf einen mehrfachen medientechnologischen Umbruch aufmerksam zu machen, der von Christian Gottfried Ehrenberg in seinen Vorträgen in der Akademie der Wissenschaften beschrieben wird. Unter dem Titel Beiträge zur Kenntniss der Organisation der Infusorien und ihrer geographischen Verbreitung besonders in Sibirien wurden Ehrenbergs Beschreibungen am 4. und 18. März 1830 gelesen und „mit Zusätzen am 13. August“ gedruckt. 1832 erscheinen sie als Physikalische Abhandlungen in den Abhandlungen der Akademie mit 8 Kupfertafeln für das Jahr 1830. Die Beiträge sind, wie es der etwas umständliche Titel ankündigt, eine komplexe Beschreibung vom Auffinden der Infusorien auf einer Reise, der wissenschaftlichen Literatur zu diesen, der Betrachtung durch ein seinerzeit hochauflösendes Mikroskop, der Einfärbung des Materials und der Erstellung der Zeichnungen als Vorlage für die Kupfertafeln. Sie sind, anders gesagt, hybrid, um sich als Ursprungsschrift und ursprüngliche Praxis der Mikrobiologie zu situieren.


Foto: Museum für Naturkunde Berlin - Sammlung Ehrenberg

Was sich auf den Zeichnungen, die als Vorstufe zur geordneten Kupfertafel nunmehr als Digitalisat verfügbar sind, sehen lässt oder auch schwierig zu sehen ist, hat bereits einen Transformationsprozess vom winzig kleinen Objekt auf dem Glasträger unter dem Mikroskop über die Linse und das, was für Ehrenberg sichtbar wird, bis zur mehrfach vergrößerten und kolorierten Zeichnung durchlaufen. Jeder Schritt dieser Transformation wird von Ehrenberg auf 88 Seiten Text und in Tabellen genau beschrieben, mit den 8 Kupfertafel versehen und teilweise erst im Nachhinein beim Lesen in seiner Tragweite deutlich. Die Zeichenkunst Ehrenbergs ist in einen komplexen sprachlichen Produktionsprozess eingebettet. Sie schafft auf diese Weise mit den Zeichnungen allererst Zeichen.   


Foto: Museum für Naturkunde Berlin - Sammlung Ehrenberg

Ehrenbergs Beitrag verkoppelt für die Mikroorganismen zum ersten Mal gezielt „Schriftsteller und Beobachter“ (S.20) mit einer neuen Beobachtungsmethode. Denn es geht nicht weniger als um die Frage, ob es sich bei den Infusorien um „structurlosen Schleim“ (S. 21) oder eine „unbegreifliche Menge“ von winzigen Lebewesen mit Augen, Mägen, Mündern und Wimpern handelt. Die Formulierungen einer neuartigen Wissenschaft vom Leben oder auch einer Lebenswissenschaft wird von Ehrenberg mit der Beobachtungsmethode praktiziert. Denn am „structurlosen Schleim“ entbrennt in der Literatur die Frage nach Leben und Tod ebenso wie nach dem Ursprung des Lebens.

Cuvier ertheilt, Savigny’s Bestätigung der Dutrochetschen Beobachtungen zufolge, dieser Gruppe rücksichtlich des Darmkanals die Structur der Ascidien, als ob der Mund hinten im Grunde der Scheide (bei Tubicolaria) läge, die Analöffnung aber sich vorne befände. Die Räderorgane hält er für vermuthliche Respirationsorgane. Die zweite Ordnung ist überschrieben: Infusoires homogènes, um sie als einen Sammelplatz der, wie er glaubt, proteischen und chaotischen Formen der übrigen Infusorien zu betrachten, über deren Wesen er sich nur zweifelhaft äußert, denen er aber weder Eingeweide noch einen Mund zugesteht. Es sind dieselben Formen, von denen mir gelungen ist nachzuweisen, daß alle eine Mehrzahl von Magen, einige bis 120 besitzen. (S. 10)   


Foto: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften - Abhandlungen der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (1830/1832)

Die „Beobachtungsmethode“ wird von Ehrenberg genau formuliert. Denn sie bringt durch Färbung nicht zuletzt hervor, was später farbig in den Zeichnungen als Zeichen des Lebens erscheint. Der Zeichnung geht somit ein Färbungsprozess voraus, der den „belebten structurlosen Schleim“, den einige Beobachter als „naturgemäße Nothwendigkeit“ bewiesen hatten, mit einem „innern Bau“ versieht. Und im „Zusehen“ lässt sich eine farbliche Veränderung beobachten, die als ein lebhaftes Verzehren formuliert wird. Bezeichnenderweise nimmt die Beschreibung vom Färben eine narrative Form an, die den rein technischen Vorgang durch einen Einfall überbietet: 

… In der neueren Zeit fiel mir ein, daß dieser Zusatz wohl das Hinderniss sein könnte, und ich stellte deshalb Versuche mit reiner Indigofarbe und reinem Karmin an. Dies gelang aufs Glücklichste. Im Zusehen verzehrten die gestielten Vorticellen diese Nahrung und füllten in wenigen Minuten zu meiner Überraschung eine Anzahl runder kleiner Magen damit an, welche mir bis dahin nie deutlich geworden waren. So erkannte ich allmählich in kurzer Zeit bei allen Thierchen, welche mir Infusionen und Frühjahr reichlich boten, den Verlauf ganz bestimmter Ernährungsorgane… Reiner Indigo, Karmin und Saftgrün sind 3 sehr durchsichtige, im Microscop deutlich zu erkennende Farben, welche mir den oft geprüften Dienst nie versagen. (S. 22)   


Foto: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften - Abhandlungen der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (1830/1832)

Auf diese Weise beschreibt Ehrenberg in über 30 Jahren tausende neuer Arten. Er legt ein Archiv von 40.000 Präparaten, 5.000 Proben und 3.000 Zeichnungen an. Später wird die Mikrophotographie die Zeichnungen weitestgehend ersetzen. Und es wird Robert Koch mithilfe einer beobachtbaren, also sequentiellen Veränderung auf mehreren Fotos gelingen, den Milzbranderreger Bacillus anthracis 1876 zu erkennen. Bei der Beschreibung und Benennung der Arten kommt es indessen auch zu Schwierigkeiten, die mit der Ernährung und dem Leben der Mikroorganismen selbst zu tun haben. Ehrenberg geht dabei genauer auf die Benennung von Monas termo ein. Mit ihm geht es an der ersten Stelle in der Tabelle (S. 37) der kleinsten, monadischen Lebewesen oder MONADINA um den Ursprung der Arten und des Lebens selbst. Denn das Tierchen hatte fälschlich „in der Fastenzeit“ einen anderen Namen bekommen. (S. 24)  

Namen und Rang in unterschiedlichen Ordnungen werden geradezu anthropomorph verkoppelt mit Hunger, Nahrungsaufnahme und Fastenzeit. Ehrenbergs Erzählung von den Magen und dem Hunger verrückt quasi ein Auge zum Magen, um über eine Ökonomie der Nahrungsaufnahme „nur das Gesichtsfeld in diese Tiefe des organischen Lebens“ zu öffnen. Indem durch das Paradigma der Ernährung dem Tier „organisches Leben“ zugestanden werden kann, lassen sich die Arten und Ränge auch bereinigen.   

Dies von Monas termo. Monas lens von Müller hat diesen Namen nur in der Fastenzeit, wenn sie ganz nüchtern ist, hatte sie aber etwas gespeist, so nannte sie Müller Monas atomus, und Bory de St. Vincent stellte die gesättigten in einen höheren Rang, in die Gattung Ophthalmoplanis, indem er den Magen als ein Auge bezeichnete. Die hungrigen ließ er in der Gattung Monas. (S. 24)  


Foto: Museum für Naturkunde Berlin - Sammlung Ehrenberg

Ebenso wie die Augen der „Thiere“ als „rothe() einzelne() Punkte“ (S. 73) vorkommen und in den Zeichnungen und Kupfertafeln sichtbar werden, macht das „menschliche Auge“ beispielsweise bei der Größe der Gegenstände Probleme, weil sie unterschiedlich groß gesehen werden können. Das Auge als Organ des Erkennens, Kennens und Wiedererkennens wird anders gesagt ein technisches, zeichnerisches und narratives Problem. Ob und was die winzig kleinen „Thiere“ mit den Augen sehen, formuliert Ehrenberg nicht. Gleichwohl entscheiden die Augen über den Rang einer Art. Deshalb empfiehlt Ehrenberg die Vermessung mit einem „Micrometer“, um „jene Veränderlichkeit entspringenden Zweifel und Irrthum für die Größen vollständig (abzuschneiden)“. Doch Ehrenbergs Auge ist offenbar ein besonders geübtes für die Größen, aus denen die Zeichnungen hervorgehen.  

… Da mein Auge nicht allzugroße Variationen zeigt, so habe ich diese Reduction unterlassen und die Figuren gerade so gegeben, wie ich sie sah, nur habe ich ihr wirkliches Maaß, nämlich immer ihre höchste, mit dem Micrometer gemessene Größe dabei angezeigt, welche Angabe demnach wichtig und als Regulator zu betrachten ist. (S. 73) 


Foto: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften - Abhandlungen der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (1830/1832)

Die literarische Verkopplung der Kupfertafeln mit einer vielschichtigen und detailreichen, hybriden Erzählung bringen allererst hervor, was gesehen werden wird. Nichtzuletzt erhält jede einzelne Kupfertafel eine detaillierte und formalisierte Beschreibung. Christian Gottfried Ehrenbergs Zeichnungen aus den Tiefen des organischen Lebens, wie sie als JPG-Dateien nun verfügbar sind, gehören zu einem narrativen Prozess, der Wissen schafft und eine Wissenschaft begründet, in der die Irritationen des Auges eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Noch viel ausführlicher ließe darüber arbeiten, welche Rolle das Erscheinen einer Erzählung vom Leben in den Physikalischen Abhandlungen spielt. Einen nicht unwichtigen Teil nimmt Ehrenbergs Reiseerzählung nach Sibirien mit Alexander von Humboldt ein. Die Reisen bis nach Afrika und Sibirien werden u. a. den Berliner Funden gegenübergestellt. Kurz: Das Datenset wird allein schon dann umgeschrieben, wenn es mit Ehrenbergs Beiträge(n) zur Kenntniss der Organisation der Infusorien und ihrer geographischen Verbreitung besonders in Sibirien gelesen wird. 

 

Torsten Flüh

 

{COD1NG DA V1NC1} 

Kultur-Hackathon 

 

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[1] Anm.: Der Grad der Institutionalisierung und die Materialität der Medien führen dazu, dass die womöglich für ein „Gedächtnis der Nation“ nicht ganz unwichtigen Publikationen über Feuerland in Berlin, Preussens Feuerland und Robert Koch bei Kindle Edition nicht in der Deutschen Nationalbibliothek erscheinen.   

[2] Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Aus dem Jahre 1830. Berlin 1832. (Druckerei der Königlichen Akademie der Wissenschaften)