Märchenhaft vom Leben erzählen - Zu Rupert Everetts The Happy Prince auf der Berlinale 2018

Moral – Liebe – Märchen 

 

Märchenhaft vom Leben erzählen 

Zu Rupert Everetts The Happy Prince auf der Berlinale 2018 

 

Sie ist wieder da. Die Schlange ist wieder in Berlin, die Berlinale-Schlange. Sie ist eine Verführerin, die zischelt: Sisisisenssssation … Sisisisistarssss ... Sisisisiskandal. Sie kommt viel zu früh, weil Freie Platzwahl herrscht, und ist erstaunlich jung. Überdurchschnittlich viele junge Leute kommen beispielsweise Sonntagabend in das Haus der Berliner Festspiele, um The Happy Prince zu sehen. Das ist eines dieser eher traurigen Märchen von Oscar Wilde, um den es eigentlich geht. Mehr noch: es geht darum, dass Oscar Wilde wie schätzungsweise 50.000 weitere Männer, die im Vereinigten Königreich aufgrund verschiedener Strafgesetze wegen Homosexualität verurteilt wurden, am 31. Januar 2017 mit dem sogenannten Alan Turing Gesetz postum durch Elisabeth II. begnadigt worden sind.

 

Der britische Schauspieler Rupert Everett (58) führt erstmals Regie und spielt Oscar Wilde, nachdem er aus dem Zuchthaus von Reading 1897 zweiundvierzigjährig als gebrochener Mensch und Künstler entlassen worden war. Bis zu seinem Tod am 30. November 1900 in Paris blieb Oscar Wilde ein von der Gesellschaft Ausgestoßener und selbst in Frankreich Verfolgter. Während Brian Gilbert 1997 mit Stephen Fry in der Titelrolle, Jude Law als Bosie bzw. Lord Alfred Douglas, Michael Sheen als Robbie Ross und Vanessa Redgrave als Oscars Mutter Lady Wilde das Leben aufwendig verfilmte, konzentriert sich Rupert Everett mit wenigen Rückblenden auf den finanziellen, gesellschaftlichen und gesundheitlichen Niedergang von Oscar Wilde. Er rahmt die Lebenserzählung mit Wildes Kunst-Märchen The Happy Prince (1888).   

 

The Happy Prince wird sowohl als MärchenTale – als auch Erzählung – Story – tituliert bzw. dem einen oder anderen Genre zugeschlagen. Insofern gibt es in der Wilde-Forschung eine Unsicherheit darüber, wie der Text einzuordnen ist. Die Erstausgabe mit Illustrationen von Walter Crane und Jacomb Hood lautet auf The Happy Prince And Other Tales. Doch die Märchensammlungen des 19. Jahrhunderts insbesondere die Kinder- und Hausmärchen (1812-1858) der Gebrüder Grimm beziehen sich auf orale Überlieferungen. Für das Märchen The Happy Prince gibt es keine Überlieferung oder Vorlage. Gibt es dennoch Quellen? Wie ließen sich die literarischen Quellen formulieren? In The Happy Prince überschneiden sich mehrere Ebenen. Worin besteht also das Märchenhafte von Wildes Erzählungen?

 

Rupert Everett (Drehbuch, Regie und Hauptrolle) ist auf mehrfache Weise an dem Spielfilm The Happy Prince nicht nur beteiligt, sondern in ihn verwickelt. Das Märchen von 1888 gibt die Rahmung für den Film über Oscar Wildes Leben zwischen 1897 und 1900 ab. Deshalb spielt die Literatur weniger eine nachträglich als eine vorausschauende Rolle. Das Märchen erzählt von etwas, das geschehen wird. Welcher Wink ergibt sich, wenn beispielsweise der namenlose „Happy Prince“ in „the Palace of Sans-Souci“ gelebt hat? Und welche Konstellation wird mit dem Tod der Schwalbe für den Prinzen aufgerufen? Oder geht es, wie nicht zuletzt Rupert Everett, der ebenso das Drehbuch geschrieben hat, mit der Rahmung durch das Märchen, um eine auto-biographische Erzählung?


Screenshot Berlinale PK 18.02.2018, T. F. 

Nach seiner Weltpremiere auf dem Sundance Film Festival im Januar und den 5 Festivalaufführungen bei der Berlinale wird der Film gern als Rupert Everetts Hommage an Oscar Wilde kolportiert. Doch das Verhältnis von Literatur und Leben nimmt in Rupert Everetts künstlerischem Schaffen als Schauspieler, Schriftsteller und Regisseur auch selbst eine besondere Funktion ein. Er hat nicht nur schwule Charaktere als Schauspieler in Filmen verkörpert und sich als Homosexueller positioniert. Er hat auch von seiner Prostitution während seines Schauspielstudiums erzählt. Rupert Everetts autobiographische Romane Hello, Darling, Are You Working? (1992) und The Hairdressers of St. Tropez (1995) sowie seine Memoiren Red Carpets and Other Banana Skins (2006) und Vanished Years (2012) verwandeln das Leben in Literatur und umgekehrt. Wie viel Oscar Wilde ist Rupert Everett?


Screenshot: The Happy Prince mit Illustrationen von Walter Crane und Jacomb Hood, 1888.

Das Leben spielt in die Literatur hinein und es wird zugleich durch Literatur wahrgenommen – bisweilen gar vorgeschrieben. Deshalb kommt der Rahmung des, wie man sagt, „Biopics“ durch das Märchen The Happy Prince eine durchaus künstlerisch kalkulierte Rolle zu. Im Film liest der noch junge Oscar Wilde am Bett sitzend zwei Knaben die Eröffnungssequenz von The Happy Prince vor. Ob die Vorleseszene jemals in dieser Weise im Leben Oscar Wildes stattgefunden hat, ist nicht überliefert. Wir wissen es nicht. Das Vorlesen wird sogleich mit einer Kamerafahrt über die Dächer einer unspezifischen, doch englischen Stadt des 19. Jahrhunderts übersetzt. Dabei beginnt das Märchen selbst wie eine Kamerafahrt von der Totalen auf die Stadt in die Nahaufnahme der goldenen Statue, die wiederholt unterschiedliche Bilder generiert hat.[1] 

HIGH above the city, on a tall column, stood the statue of the Happy Prince.  He was gilded all over with thin leaves of fine gold, for eyes he had two bright sapphires, and a large red ruby glowed on his sword-hilt.[2]


Screenshot: The Happy Prince mit Illustrationen von Charles Robinson, 1913.

Märchen und Memoiren vermischen sich von Anfang an film- und erzähltechnisch in Everetts Film. Das birgt Gefahren. Doch im Off spricht die Erzählerstimme auch davon, dass es das Schwierigste ist, vom Leben zu erzählen. Die Formulierung fällt ziemlich genau so, was dem Berichterstatter beim einmaligen Sehen am Sonntag aufgefallen war. Die Vorleseszene des Märchens am Bett fällt durchaus süßlich, parfümiert, ja, ein wenig kitschig aus. Überraschender Weise wird dies allerdings mit der Erzählstimme sogleich eingeräumt und überdacht, als wolle Everett sagen, dies ist nicht das Leben. Aber das Leben hätte so erzählt werden können. Insofern Everett als Autor und Drehbuchautor sich wenigstens viermal mit dem Thema Biografie befasst hat und auch vor dem Boulevard als Erzählformat nicht zurückschreckt, darf man mit der Eröffnungssequenz des Films mehr als einen Erzählfilm erwarten. Oder hätte Everett doch das literarische Verfahren von The Happy Prince noch einmal genauer bedenken sollen?

Die Transformation des Märchens in Illustrationen und Animationen seit der Erstveröffentlichung ist durchaus bedenkenswert, weil das Märchen bereits 1888 mit Illustrationen von Walter Crane und Jacomb Hood sowie 1913 von Charles Robinson veröffentlicht worden ist.[3] Seit 1888 hat es wiederholt konkurrierende, visuelle Verschiebungen gegeben, die nicht allein mit einem historischen Stil der Veröffentlichungszeit zu erklären sind. Vielmehr wird The Happy Prince durch die Ausgaben und Animationen ständig vom tale zur story und short story bis zur bedtime story und zum Kinderfilm transformiert. Auch Everetts Inszenierung legt nahe, dass es sich um eine Gutenachtgeschichte für Kinder handelt. Parallel zur Verkindlichung des Märchens wechselt die Szenerie von der Toskana in eine nördliche Stadt zu einer englischen Hafenstadt. 

The Happy Prince wurde von Charles Robinson besonders aufwendig in einer Auflage von 260 Kopien 1913 visualisiert.[4] Die Visualisierung nach dem Text ist bedenkenswert. Während Walter Crane lediglich eine Inszenierung der Statue in einem italienischen Renaissance-Ambiente vor einer toskanischen Stadt vornimmt, illustriert Charles Robinson „the Palace of Sans-Souci“ mit barocken Anklängen an die Fontäne im Park von Sanssouci in Potsdam. Toskana oder Potsdam, Renaissance oder später Barock? „Sans-Souci“ generiert den metonymischen Namen, die Lebenspraxis und die Wahrnehmung des Prinzen. 

… “I did not know what tears were, for I lived in the Palace of Sans-Souci, where sorrow is not allowed to enter. In the daytime I played with my companions in the garden, and in the evening I led the dance in the Great Hall. Round the garden ran a very lofty wall, but I never cared to ask what lay beyond it, everything about me was so beautiful. My courtiers called me the Happy Prince, and happy indeed I was, if pleasure be happiness. So I lived, and so I died. And now that I am dead they have set me up here so high that I can see all the ugliness and all the misery of my city, and though my heart is made of lead yet I cannot chose but weep.”

Im Märchen deutet nichts darauf hin, dass The Happy Prince in der Toskana angesiedelt sein könnte. Trotzdem versetzte es Walter Crane in eine Landschaft mit Renaissance-Stadt, Geschlechtertürmen und bebauter Brücke. Die Topographie der Stadt mit dem Fluss, der Brücke, dem Ghetto, dem Hafen, der Kathedrale, dem Palast, dem Theater und den Häusern mit einer Mansarde, in der ein junger Dichter ausgehungert ein Theaterstück zu schreiben versucht, liegt klimatisch mit dem Regen und einem frostigen Winter mit Schnee eher im Norden. Als Sehnsuchtsort der Schwalbe wird vom Nil und Ägypten gesprochen, während seine Kameraden im „Temple of Baalbek“ ein Nest bauen und der schwarze „King of the Mountains of the Moon“ ein großes Kristall anbetet. Sanssouci vermischt sich mit The Book of Thousand Nights and a Night (1885). Die Traumtopographie verlegt den Tempel von Baalbek aus dem Libanon an den Nil, um zugleich mit „Sans-Souci, where sorrow is not allowed to enter“, einen Wink auf Friedrich II. legendäres Schloss Sanssouci, zu geben. 

Sanssouci soll nicht nur der Ort ohne „sorrow“, ohne Leid oder Sorge sein, vielmehr verspricht es auch einer zu sein, an dem sich nicht um die Gesetze der Kirche und die Moral gesorgt werden muss. Bereits 2009 hat Clifton Snider auf die Überschneidung von englischer Gesellschaft um 1888 und „Frederick the Great's palace at Potsdam“ aufmerksam gemacht. Sanssouci und das Chinesische Haus in seinem Garten werden von Friedrich II. auch als Freiräume für die von der katholischen wie protestantischen Kirche inkriminierte Wollust konzipiert und gestaltet.[5] Die Ikonographie entwickelt mit dem Chinesischen eine neuartige, libertäre Lebenspraxis. Johann Joachim Winckelmann kommt in den Genuss der „Wollust“ am Hofe Friedrich II. in Potsdam und konzeptualisiert daraufhin seine Kunstgeschichte des Altertums.[6] Der Happy Prince, den alle verehren und als Statue auf eine Säule hoch über die Stadt gestellt haben, war auch ein sorgloser und hielt „pleasure“ für „happiness“, also Genuss für Glück.

„The Palace of Sans-Souci“ wird indessen auch als trügerischer, ambivalenter Ort ohne Sorge markiert. Denn der Prinz kann erst nach seinem Tod die Hässlichkeit und das Elend in seiner Stadt wahrnehmen. Im England des 19. Jahrhunderts funktioniert nach Oscar Wilde der Ort ohne Sorge nicht mehr. Der Adel muss sich auch daran messen lassen, wie sehr er sich um seine Stadt und ihre Bewohner sorgt. Befreiung und Verantwortung werden in dem aufklärerischen Namen und Versprechen „Sans-Souci“ neu formuliert. Erst die Sorge, die dem Prinzen den Rubin und die Saphire als Augen kosten, machen ihn für Schwalbe liebenswert.  Charles Robinson schlägt mit „The Palace of Sans-Souci“ eine Traumlandschaft aus Neo-Barock, Neo-Renaissance und Antike vor. Auf diese Weise wird eine märchenhafte Oral History denkbar, die mit Sanssouci als einem freizügigen Ort gleichgeschlechtlicher Praktiken Oscar Wilde zu Ohren gekommen sein könnte.         

 

„The Swallow“, Schwalbe, der sich in eine „Reed“, Schilfrohr oder Ried verliebt hatte – „Shall I love you?” said the Swallow, who liked to come to the point at once, and the Reed made him a low bow. –, freundet sich mit der Statue auf unmögliche Weise und doch geradezu antike Weise an. Geschlechtlich ist die Schwalbe bei Wilde männlich wie der Prinz, während das Schilfrohr weiblich war. Schwalbe erfüllt Freundschaftsdienste für die Statue, indem er zunächst die Juwelen im Auftrag des Prinzen Bedürftigen schenkt, um daraufhin, für ihn die Welt aus seinen Augen zu erzählen und im Schnee zu sterben, woraufhin das bleierne, aber menschliche Herz der Statue bricht. Metaphorisch lässt sich das Märchen nicht auflösen. Doch lassen sich die auffälligen Geschlechterbeziehungen genauer betrachten. Das Schilfrohr ist auffallend weiblich und verneigt sich vor der männlichen Schwalbe, die im Englischen „swallow“ heißt. „Reed“ wird im Druck wie „Swallow“ als Namen großgeschrieben. Doch „swallow“ heißt auch schlucken oder verschlucken, was verbal für Oralsex verwendet wird.

 

Die Freundschaft zwischen Swallow und Happy Prince entwickelt sich nach dem Model griechischer Narrative, wie sie von Johann Wolfgang Goethe in Winckelmann und sein Jahrhundert (1805) formuliert worden waren: „Die leidenschaftliche Erfüllung liebevoller Pflichten, die Wonne der Unzertrennlichkeit, die Hingebung eines für den andern, die ausgesprochene Bestimmung für das ganze Leben, die nothwendige Begleitung in den Tod setzen uns bey Verbindung zweyer Jünglinge in Erstaunen, ja man fühlt sich beschämt, wenn uns Dichter, Geschichtsschreiber, Philosophen, Redner, mit Fabeln, Ereignissen, Gesinnungen solchen Inhaltes und Gehaltes überhäufen.“[7] Zur Abwehr der gleichgeschlechtlichen Wollust, wie sie von Winckelmann in Briefen und Schriften formuliert wird, ersetzt Goethe das gleichgeschlechtliche Begehren durch eine Ökonomie der Freundschaft. Diese kehrt im Märchen The Happy Prince nicht nur wieder, indem Schwalbe für den Prinzen Gutes tut, ihm dient, stirbt und dessen bleiernes Herz daraufhin bricht, sie wird schließlich von Gott selbst beglaubigt. 

“Bring me the two most precious things in the city,” said God to one of His Angels; and the Angel brought Him the leaden heart and the dead bird. 

“You have rightly chosen,” said God, “for in my garden of Paradise this little bird shall sing for evermore, and in my city of gold the Happy Prince shall praise me.”

 

Oscar Wilde hatte 1884 Constance Loyd geheiratet. Seit wann er die Griechische Liebe praktizierte, wissen wir nicht. Um derartige Klärungen ringen Biographen. Doch die Griechische Liebe lässt sich mit dem Märchen The Happy Prince sowohl als Wollust wie als Freundschaft lesen. Wir wissen auch nicht, ob Oscar Wilde jemals auf dem Krankenlager in Paris jungen Freunden die Geschichte vom Happy Prince erzählt hat, wie es Rupert Everett vorschlägt. Doch in den hungernden Theaterautor, den Künstler, dem der Happy Prince den zweiten Saphir von Schwalbe bringen lässt, könnte sich Oscar Wilde chiffriert haben. Es gibt wenigstens Korrespondenzen zwischen „a young man in a garrett“ und dem Schriftsteller. Das Märchen ist auf vielfältige Weise mit Oscar Wilde und seinem Leben verwoben. 

“Swallow, Swallow, little Swallow,” said the Prince, “far away across the city I see a young man in a garret. He is leaning over a desk covered with papers, and in a tumbler by his side there is a bunch of withered violets. His hair is brown and crisp, and his lips are red as a pomegranate, and he has large and dreamy eyes.  He is trying to finish a play for the Director of the Theatre, but he is too cold to write any more. There is no fire in the grate, and hunger has made him faint.”

 
Screenshot-Ausschnitt Berlinale-Trailer, T.F.

Die granatapfel-roten Lippen des jungen Mannes mit den träumerischen Augen sind auch ein wenig zu Rot oder wie im Traum. Das Märchen, in dem sich Swallow in Reed verliebt, um sich in einer Freundschaft zu Happy Prince so sehr zu vergessen, dass er stirbt, lässt sich als ebenso biographisch wie vorhersehend für Oscar Wildes Leben lesen. Robbie Ross (Edwin Thomas) wird auch ein wenig wie Schwalbe. Im Traum sprechen Schwalben mit Statuen und verlieben sich in Schilf-Rohre. Und im Traum und Märchen wird im Voraus ebenso wie im Nachhinein geträumt. Meist ist im Traum alles undeutlich und mehrdeutig wie gleichzeitig grell – „lips are red as a pomegranate“. Als Drehbuchautor und Regisseur hat Rupert Everett in seinem Film weit mehr an eine oft auch zu farbige Traumästhetik angeknüpft.


Screenshot-Ausschnitt Berlinale-Trailer, T.F. 

Die deutsch-belgisch-italienische Großproduktion für BBC ließ Everett durchaus aus dem Vollen schöpfen. Starbesetzung mit der Selbstinszenierung Everetts als Wilde, Colin Morgan als Alfred Bosie Douglas, Edwin Thomas als Robbie Ross, Colin Firth als Reggie Turner und Emily Watson als Wildes Ehefrau Constance Holland. Zugleich Klein- und Kleinstrollen, richtig viel Personal, Casting Celestia Fox. Es wird wacker geschauspielert. Oscar Wilde könnte so möglich gewesen sein, wie Everett ihn spielt. So richtig unangenehm wird er nie. Meer, Neapel, Vesuv, Bahnsteig, Dover, Dieppe, Pariser Armensiedlung, Absinth-Kabarett, Gartenlokal wie von Max Liebermann gemalt etc. Kostüme und Masken. Maurizio Millenotti und Gianni Casalnuovo sowie der Maskenbildner Luigi Rocchetti konnten mit einem riesigen Stab in mehreren Ländern  (siehe Abspann) träumen und zaubern. Im Traum darf der sterbende Oscar Wild gar blendend weiße Zähne haben.


Screenshot-Ausschnitt Berlinale-Trailer, T.F. 

Die Rahmung durch das Märchen The Happy Prince ist ein kluger dramaturgischer Ansatz, der durchaus umgesetzt wird, wenn man es gerade nicht als Gutenachtgeschichte liest. The Happy Prince lässt sich durchaus als höchst beunruhigende, vielschichtige Literatur lesen. Und dann kommt im eher schäbigen Hotel d’Alsace die Sterbeszene, in der Oscar Wilde – Taschentuchszene! – von seinem Pariser Blumenverkäufer aus der Baracke gebeten wird, das Märchen zu Ende zu erzählen. Rupert Everett beginnt in der Oscar-Wilde-Maske mit fetten Wangen zu erzählen und im Hintergrund erklingt, Musik: Gabriel Yared, das Vorspiel zum dritten Akt des Parsifal von Richard Wagner. Das ist dann ganz dicke und doch zum Brüllen oberflächlich, als müssten solche Großproduktionen immer in die Schmiere greifen.

  

Die produktionsbedingte Opulenz und die Filmförderung haben letztlich kein queeres Meisterwerk hervorgebracht. Weniger hätte mehr werden können. Außerdem wird immer falsch gestorben im Film. Vieles spricht dafür, dass Wilde an einem mehr oder weniger multiplen Organversagen verstorben ist, welche Ursache es auch immer hatte. „Die einzelnen Atemzüge werden schneller und flacher oder viel langsamer. Manchmal treten größer werdende Atempausen auf, oder der Atem wird ganz unregelmäßig.“[8] Stattdessen stirbt Oscar Wilde bei der Letzten Ölung recht elegant und witzig, indem er als Letzte Worte den Namen der Station spricht, an der er auf dem Weg ins Zuchthaus mit dem Wärter warten musste. – Und dann war da noch die Sitznachbarin, die ihren Filterkaffee während der Aufführung aus der Thermosflasche süffelte. Vorne Wilde und Bosie und The Happy Prince, neben mir Filterkaffee aus der Thermosflasche.

 

Wilde: Madam, das nächste Mal nehmen sie doch lieber wieder den Fernsehsessel! 

 

Torsten Flüh 

 

Berlinale 2018

The Happy Prince 

So 25.02. morgens 09:30 Uhr 

Friedrichstadt-Palast

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[1] Über das Internet sind heute mehrere differierende frühe Ausgaben mit Illustrationen zugänglich. In der wiederholt aufgelegten Ausgabe mit den Illustrationen von Charles Robinson ziert ein perspektivisch überspitzte Darstellung von „high above the city“ mit einer Schwalbe den Einband. (Einband) Auf Seite 6 wird offenbar die Originalzeichnung für die Formulierung in einer kaum erkennbaren, traumartigen Darstellung außerhalb der Stadt abgedruckt.
In der Illustration von Walter Crane and Jacomb Hood wird 1888 sogleich der Prinz über einer renaissanceartigen Stadt wie etwa Florenz in einer stilisierten Renaissance-Kleidung konkretisiert und visualisiert. (Gutenberg.org)
Der Animationsfilm der „short story“ The Happy Prince von Michael Mills setzt 1974 in einer Hafenszenerie ein, die auf eine eher englische Hafenstadt mit der Säule zoomt.(YouTube) Weitere Animationen als „Bedtime Story“ folgten.

[2] Oscar Wilde: The Happy Prince. London: Duckworth, 1920, S. 15. (Reprint)

[3] Um eine Originalausgabe der ersten 1000 Exemplare von „The Happy Prince and Other Tales By Oscar Wilde Illustrated By Walter Crane & Jacomb Hood 1888” Douglay Nutt, handelt es sich offenbar bei dem Exemplar, das auf abebooks.com aktuell angeboten wird. (Image)

[4] Oscar Wilde: The Happy Prince. London: Duckworth, 1913. (Edition limited)

[5] Clifton Snyder: "On the Loom of Sorrow": Eros and Logos in Oscar Wilde's Fairy Tales. Long Beach 2009. (Website) Siehe auch Torsten Flüh: Neues von Friedrich II.. Jens Bisky und Cay Friemuth schreiben Bücher zu Friedrich dem Großen. In: NIGHT OUT @ BERLIN 11. Dezember 2011 00:09.

[6] Siehe Torsten Flüh: Zur Verfertigung der Wissenschaft mit Briefen. Die Weimarer Ausstellung und der Katalog Winckelmann. Moderne Antike und die aktuelle Winckelmann-Forschung. In: NIGHT OUT @ BERLIN 31. Juli 2017 19:29.

[7] Johann Wolfgang Goethe: Winckelmann und sein Jahrhundert. In Briefen und Aufsätzen herausgegeben von Goethe. Tübingen: Cotta, 1805. S. 398.

[8] Palliativ Netzwerk Mainz: Patientenratgeber. Wenn der Tod sich ankündigt. Siehe: Atmen.