Reisen und Transit - Zu Michaels Reise um die Erde und Orfeo beim Musikfest

Aushalten – Transition – Welt

 

Reisen und Transit 

Zu Michaels Reise um die Erde und Orfeo beim Musikfest 

 

Es gibt noch bis Sonntag Gelegenheiten, Claudio Monteverdis Orfeo in der Inszenierung von Susanne Kennedy mit Suzan Boogaerdt und Bianca van der Schoot sowie dem Solistenensemble Kaleidoskop im dritten Stockwerk des Martin-Gropius-Baus zu erleben. Kennedys Musiktheater-Inszenierung ist kein unverfängliches Zuhör- und Zugucktheater, sondern eines das unter die Haut geht. Sie nennt es „Eine Sterbeübung“. Eine Grenzerfahrung für ein stabiles Nervenkostüm ist es auf jeden Fall. Keine Angst vor der Erfahrung zu haben, gilt bei der Übung als Empfehlung und Anweisung: „Be not afraid... Silence is required during the transition.“ Stille wird verlangt während des Übergangs. 

 

Einem Feuerwerk der Töne gleich stieg am 18. und 19. September Michaels Reise um die Erde von Karlheinz Stockhausen mit dem Trompeter Marco Blaauw als Michael im Haus der Berliner Festspiele auf und verglühte. Das Ensemble Musikfabrik und die Solisten an Trompete, Bassethorn, Klarinette, Posaune und Tuba machen nicht nur versteckt im Orchestergraben Musik, sondern agieren auf der Bühne. Musik als Performance auf einer Opernbühne. Stockhausen hat mit Donnerstags-Gruß, Michaels Reise um die Erde und Donnerstags-Abschied sozusagen sprechende und spielende Instrumente komponiert. Marco Blaauw arbeitete seit 1998 intensiv mit Karlheinz Stockhausen zusammen.

 

Orfeo und Michaels Reise um die Erde darf man sicher als zwei extreme Formen des Musiktheaters bezeichnen. Beide Produktionen, Installation und Oper, sind allerdings auch von einer besonderen Exzellenz. Orfeo bietet nicht nur die Musik von Claudio Monteverdi, wie sie schon 2012 in der Inszenierung von Daniel Cremer im HAU1 mit der Electroclash-Sängerin Peaches erklang, vielmehr wird eine komplexe Klanginstallation von Ole Brolin, Harpo 't  Hart, Tilman Kanitz und Michael Rauter geboten. Überhaupt gehört es zu den hartnäckigen Gerüchten, dass es mit Claudio Monteverdis L’Orfeo, seiner „Favola in Musica“, um die große Liebe geht. 2012 konnte bereits herausgearbeitet werden, dass es um eine Disziplinierung der Liebenden, insbesondere Orfeos geht, der den Anweisungen und Gesetzen nicht folgen will.


Foto: Julian Roeder (Ruhrtriennale) 

Susanne Kennedys Orfeo verlangt nicht nur die Bewegung von jeweils bis zu acht Besucherinnen ihrer Installation, indem sie sich durch Schleusen von Raum zu Raum begeben. Sie setzt sie vielmehr ihrer Bewegung aus. Die Anweisung „Silence is required during the transition.“ wird vor Beginn des Übergangs viermal wiederholt. Die Bewegung und der Übergang sollen in Stille stattfinden. Die „synthetic girls“ in dem Parcours aus 6 Räumen schweigen. Nur Orfeo (Hubert Wild) singt im fünften Raum, in den die Personen einzeln geführt werden, direkt an, was durchaus eine unerwartete Erfahrung ist. Im letzten Raum liegt ein „synthetic girl“ auf einem Bett als sei es das Sterbezimmer. Als der Berichterstatter die allererste Sequenz besuchte, hielt es eine Journalistin einfach nicht aus, nicht zu sprechen. Sie musste sich durchs witzige Sprechen sozusagen auf die sichere Seite retten. Anders gesagt: Orfeo funktioniert!      


Foto: Julian Roeder (Ruhrtriennale) 

Es geht bei Orfeo nicht nur um den Genuss von Musik in einer Inszenierung. Denn der Genuss als Wahrnehmungserlebnis von Kunst und Musik ist nicht ganz unproblematisch, weil letztlich nicht frei von der Frage, wer was möglicherweise sogar warum genießt. Der Genuss wird von Susanne Kennedy nicht ausgeschlossen. Epistemologisch werden Lust und Genuss von Julien Offray de La Mettrie in seinem philosophischen Text L’homme machine 1747 mit einer Maschinisierung des Menschen in einer Geste der Befreiung von christlicher Moral verkoppelt. Kennedy formuliert ihre Installation zur Transition nun als eine „Maschine, die diese Zwischenwelten steuert“. Die Maschine als Befreiungsmodell erweckt heute auch Schrecken, wenn Grenzen zwischen Maschine und Mensch beispielsweise durch Apps auf dem Smartphone verwischen.    


Foto: Julian Roeder (Ruhrtriennale) 

Die Musik von Claudio Monteverdi wird live vom Solistenensemble Kaleidoskop in einem Raum gespielt, der sich vom letzten Raum durch einen Schleier einsehen lässt. Doch das Solistenensemble und die Klangdesigner haben die Partitur beispielsweise durch eine extreme Verlangsamung verfremdet und in Klangereignisse verwandelt. Die Musik der Favola in Musica, die zum klassischen Barockmusikgenuss einlädt, ist also auch dekonstruiert worden. Die belehrende Geschichte von Orfeo, der sich nicht nach Eurydike umdrehen darf, und der parabolisch „seinen Schmerz in Kunst“ verwandelt, unterliegt auch dem Sprechverbot. Betrachtet man die frühneuzeitliche Favola nicht nur als Liebes- und Sterbeerzählung, dann geht es um eine Pragmatik der Kunst, die Schmerzen gleichsam pathologisch in Produktion verwandelt. Der Künstler muss stellvertretend leiden. 


Foto: Julian Roeder (Ruhrtriennale)

Was macht Orfeo als „Sterbeübung“ so besonders? Lässt sich das Sterben als singuläres Ereignis üben? Für das Sterben gibt es eine Redewendung, die einmal ein führender Berliner Theologe gebrauchte: Man stirbt so, wie man gelebt hat. - Und zweifelsohne wird in den monotheistischen Religionen das Leben als eine Transformation zum Tod formuliert, der wiederum nur als eine Transition zum ewigen Leben im Paradies oder in der Hölle formuliert wird. Orfeo als Performance-Installation von Susanne Kennedy in den Räumen von Katrin Bombe, den Kostümen und Masken von Lotte Goos, mit den Videos von Rodrik Biersteker ist mit den Riesenorchideen, dem sehr weißen, kalten Neonlicht, den vervielfältigenden Bildschirmen, den Riesenpalmentapeten und den tollenden Pferden immer zu groß und zu nah, als dass man es aushalten möchte. 


Foto: Julian Roeder (Ruhrtriennale)

Susanne Kennedys Orfeo muss man aushalten können. Die Videokünstlerin Claudia Reiche hat auf der Streik Academy des Thealit 2009 das Video „Aushalten“ gezeigt. Denn in der Streik Academy ging es darum, etwas „anzuhalten, was nicht mehr auszuhalten ist“. Verschiedene Interviewpartnerinnen haben dazu gesprochen, beispielsweise über das pandemische Auftreten der Schweinegrippe im Sommer 2009, welches nicht zuletzt medial heute nahezu vergessen ist. Niemand spricht mehr darüber. Die Konfrontation mit dem Sterben in einer hyperrealen Installation probt selbst das Aushalten als Überlebenspraxis in einer „Zwischenwelt“. Dem Schweigegebot nicht zu folgen, weil die Stille nicht auszuhalten ist, hat auch etwas mit unablässig plappernden Maschinen und gerade nicht mit einem Streik zu tun.

 

Wer stirbt in Orfeo? Sterben die „synthetic girls“, die nicht sprechen, die stumm in den Räumen sitzen und warten? Auf was warten sie? Auf das Leben oder das Sterben? Im letzten Raum steht in einer Ecke ein Smartphone mit einem Girl auf dem Display. Stirbt die Frau mit den seltsamen Zuckungen auf dem Bett? Ein Besucher setzt sich auf den Stuhl neben dem Bett. Wie wollen wir sterben? Tatsächlich hat sich in der vergangenen vielleicht 20 Jahren in Deutschland mit der Palliativmedizin, mit Hospizen und ambulanten Palliativteams ein breites Spektrum von Sterbebegleitungspraktiken herausgebildet. Bei Susanne Kennedy heißt es zu Beginn der Transition: Be not afraid. That which is called death has now come. You are departing from this world, but you are not the only one; death comes to us all…


Foto: Kai Bienert

Umjubelt wurden die beiden Vorstellungen von Michaels Reise um die Erde, des 2007 verstorbenen Komponisten Karlheinz Stockhausen, der etliche neue Kompositionsweisen formuliert und praktiziert hat. Karlheinz Stockhausens Kompositionen speisen sich von unablässig neuen Kombinationen musikalischen Materials. Zu diesem Material gehören nicht zuletzt die Instrumente, die exemplarisch wie die Trompete mit erweiterten Techniken in ihrer Klangerzeugungsmöglichkeiten erforscht werden. Marco Blaauw ist als Trompeter nicht nur Interpret, sondern wird gleichsam zum Trompetenklangforscher bei der Weiterentwicklung ihrer Spielbarkeit. Die Kombinatorik und die Formulierung der Musik in „Formeln“ haben das siebentägige Opern-Werk LICHT generiert, das aus einer „Ur-Matrix“, die eine „Dauer von nur einer Minute“ hat, einen „Zyklus von sieben Opern der Wochentage mit 29 Stunden Musik“ entfaltet.[1] Michaels Reise um die Erde ist quasi der vierte Tag unter dem Titel Donnerstag aus Licht.    


Foto: Kai Bienert 

Karlheinz Stockhausen hat LICHT offenbar ausdrücklich eine Oper genannt, womit das narrative Musikformat allein schon von seiner Dauer musikhistorisch an eine Grenze stößt. Die Dame neben dem Berichterstatter mochte der einstündigen der Reise auch akustisch nicht so recht folgen. In Michaels Reise um die Erde gibt es keine Sing- oder Sprechstimmen, was das Format in seiner traditionellen Praxis wenigstens hinsichtlich seiner Regelhaftigkeit durchbricht. Das Problem der Erzählung muss also auf eine andere Weise gelöst werden. Die Erzählung findet nun als Performance mit erweiterten Spieltechniken der Instrumente, agierenden und gestikulierenden Solisten sowie klangräumlichen Aktionen statt. Entgegen den Sprechstimmen bei Arnold Schönberg verlagert sich nun die Erzählung in den Klangkörper. Stockhausens Konstruktion aus den 1980er Jahren eines sozusagen 360°-Klangraums, indem der Klang um das Publikum herum läuft, konnte mit den Aufführung nun auch technisch gelöst werden.   


Foto: Kai Bienert 

Die Partitur wird von Stockhausen mit zahlreichen Anweisungen über die Notation hinaus versehen.[2] Einerseits werden in der „Superformel DONNERSTAG“ praktische Anweisungen zur Klangerzeugung gegeben wie „Hand vor die Öffnung“ oder für die Erzeugung von 3 Echos wird mit „etwas hinein“ und „ganz hinein“ angewiesen. Andererseits kippt die Klangerzeugung fast ins sprachliche, wenn es zu „1 2 3 4 5 6 7“ heißt „Zahlennummern stimmlos ins Instrument rufen“, was mehrfach wiederholt wird. Auch die Notierung „"Wind" (tonlos)“ gibt an, dass das tonlos gesprochene Wind durch die Trompete Klang werden soll. Die Vertextlichung der Partitur wie der Klangerzeugung bringt dennoch keinen „verständlichen“ Text hervor.

 

Der DONNERSTAG aus dem Opern-Zyklus LICHT ist seinerseits in 7 Stationen – Köln, New York, Japan, Bali, Indien, Zentralafrika, Jerusalem – an 7 Tagen von Montag bis Sonntag aufgeteilt. Die Reise um Erde findet als II. Akt der Oper DONNERSTAG aus LICHT statt. Das will sich kaum einer dramatischen Erzählung will und kombiniert nicht nur durch die Anspielung auf Jules Vernes Tour du Monde auf ein literarisches Weltreisemodell. Stockhausen kombiniert auch den Erzengel Michael als biblisch-literarische Figur mit dem utopischen Erzählgenre des 19. Jahrhunderts. Die rahmenden Teile von „EINGANG – FORMEL – ABFAHRT“ sowie „HALT – MISSION – VERSPOTTUNG – KREUZIGUNG – HIMMELFAHRT“ erzählen Michaels Reise indessen auch als Lebensgeschichte. LICHT verschaltet durchaus die biblische Erzählung vom Licht als Schöpfungsmythos mit einer Erforschung der Weltmusik, indem die Tour du Monde wesentlich ein klanglich musikalisches Wissen von der Welt herstellt. 

 

Torsten Flüh 

 

Orfeo 

Eine Sterbeübung 

Martin-Gropius-Bau 

bis 4. Oktober 2015 

10:00 bis 19:00 Uhr

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[1] Günter Peters: MICHAELs REISE UM DIE ERDE oder: Stockhausens Wanderjahre durch die Welt. In: Abendprogramm Ensemble Musikfabrik 18./19.09.2015. Berliner Festspiele, Berlin, 2015, S. 7.

[2] Vgl. Abdruck der Superformel DONNERSTAG im Abendprogramm, S. 8 und 9.